Lothar Hartmann

Lothar Hartmann absolvierte nach dem Abitur erfolgreich ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 1996 ist er für den Bereich Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagement der memo AG, einem Versandhandel für ökologisch und sozial verträgliche Produkte für Büro, Schule, Haushalt und Freizeit sowie Werbeartikel speziell für gewerbliche Kunden, zuständig. Seine Aufgabe ist die Beratung, Koordination und Unterstützung aller Abteilungen im Unternehmen zu nachhaltigkeitsrelevanten Themen. Weiterhin ist er für die Erstellung des memo Nachhaltigkeitsberichts zuständig, der seit 2001 alle zwei Jahre erscheint und bereits mehrfach ausgezeichnet wurde: Im Jahr 2005 erhält er den „Deutschen Umwelt Reporting Award“ (DURA) für den besten Nachhaltigkeitsbericht in der Kategorie der kleinen und mittelständischen Betriebe. Kurz darauf folgt die Auszeichnung mit dem „European Sustainability Reporting Award“ (ESRA) für den besten Nachhaltigkeitsbericht in Europa. Im Ranking der Nachhaltigkeitsberichte für kleine und mittelständische Unternehmen, erstmals durchgeführt vom Unternehmensverband future e.V. und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), belegt der memo Nachhaltigkeitsbericht 2009 den 1. Platz. 2012 wird er im gleichen Ranking mit dem 2. Platz belohnt.

Weitere Informationen:
www.memo.de
www.memo-werbeartikel.de
www.memo.de/nachhaltigkeitsbericht

 

Klimaschutz mit Gespür und Hingabe

Interview mit Lothar Hartmann, Leitung Nachhaltigkeitsmanagement der memo AG

Was tun Sie als ökologischer Versandhändler für den Klimaschutz?

Lothar Hartmann: Maßnahmen zum Klimaschutz stehen bei uns seit Beginn an im Fokus der Aktivitäten: So werden seit jeher alle relevanten Unternehmensprozesse konsequent auf ihre Klimaverträglichkeit hin analysiert und ständig optimiert. Wir erstellen jährlich eine Umweltbilanz, die die Grundlage ist, um Optimierungspotenziale zu erkennen und geeignete Maßnahmen zur Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen umzusetzen.

An erster Stelle steht dabei für uns stets die Vermeidung von schädlichen Treibhausgasen. Anschließend  folgt, wo möglich, die weitest gehende Reduzierung und – erst als letzter Schritt – die Kompensation unvermeidbarer Schadstoffemissionen.

Welche Maßnahmen sind das konkret?

Lothar Hartmann: Bei der memo AG gibt es eine Vielzahl an Klimaschutzmaßnahmen, die ein großes Ganzes ergeben – angefangen beim Firmengebäude und der Energieversorgung, über den Papierverbrauch, die Geschäftsreisen bis hin zur Herstellung und dem Versand der Werbemedien.

Welcher Bereich verursacht bei der memo AG die meisten Treibhausgas-Emissionen?

Lothar Hartmann: Als Versandhandel verursacht der Warenversand, gefolgt von der Herstellung der Werbemedien, die meisten Emissionen. Im Jahr 2016 haben wir insgesamt 453 Tonnen CO2e verursacht. Der Warenversand hatte daran einen Anteil von 56,5 %, die Produktion der Werbemedien – also v.a. Kataloge und Mailings – einen Anteil von 18,6 %.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie an dieser Stelle, um beim Warenversand und bei der Werbemedien-Produktion möglichst klimaschonend zu handeln?

Lothar Hartmann: Beim Warenversand ist es gelungen, die Emissionen durch unseren Paketversand im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 11 % zu reduzieren. Trotzdem unternehmen wir natürlich weitere Schritte. Einen großen Anteil hat unser Mehrweg-Versandsystem „memo Box“, das unsere Kunden anstatt eines Einweg-Versandkartons als Versandart wählen können. Die Behälter werden mittlerweile aus Recyclingkunststoff hergestellt, womit die Treibhausgasemissionen bei der Herstellung der Box bis zu 30 % verringert werden.

Außerdem arbeiten wir bereits in einigen Städten und Ballungsgebieten mit Rad-Logistik-Unternehmen auf der Letzten Meile zusammen. So erhalten unsere Kunden innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings ihre Pakete mit Elektro-Lastenrädern der Velogista GmbH. Der große Vorteil dabei ist: Durch das Laden der Elektro-Lastenräder mit 100 % Ökostrom fahren diese komplett emissionsfrei. Zusätzlich werden Abgase und Lärmbelastung drastisch reduziert. Da die Fahrer der Lastenräder in Berlin die Busspur und Fahrradwege benutzen und auch Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung befahren dürfen, ist die Zustellung häufig auch schneller als mit dem Paketzustellfahrzeug.

Bei der Produktion unserer Werbemedien setzen wir seit jeher ausschließlich 100 % Recyclingpapier ein. Außerdem planen wir u.a. regelmäßig systematisch die Anzahl und den Umfang der Werbemedien und konnten dadurch seit dem Jahr 2008 die absoluten Emissionen in diesem Bereich um 75 % auf etwa  84.000 kg CO2e in 2016 senken.

Die memo AG gilt als Pionier und Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Haben Sie Empfehlungen für andere Unternehmen, die mehr für Umwelt- und Klimaschutz tun wollen?

Lothar Hartmann: Generell muss jedes Unternehmen seine Optimierungspotenziale selbst analysieren. Als Versandhändler können wir nicht mit einem produzierenden Unternehmen verglichen werden.

Allerdings gibt es Maßnahmen, die jedes Unternehmen umsetzen kann. Ein Beispiel ist der Einsatz von Ökostrom. Wir beziehen bereits seit dem Jahr 2001 Strom aus 100 % regenerativen Energien und achten durch das „ok-power“-Label darauf, dass mindestens ein Drittel des erzeugten Stroms aus neuen Kraftwerkanlagen, die nicht älter als sechs Jahre sind, stammt.

Damit haben wir im Jahr 2016 knapp 67 Tonnen weniger CO2e verursacht, als wenn wir herkömmlichen Strom beziehen würden. Insgesamt konnten wir seit 2001 ca. 97 % CO2e-Emissionen durch den Einsatz von Ökostrom einsparen.

Ein weiteres Beispiel sind Geschäftsreisen: Soweit möglich und sinnvoll nutzen wir auf Langstrecken die vergleichsweise umweltverträgliche Bahn, bei der wir als Geschäftskunde durch den Einsatz von 100 % Ökostrom klimaneutral reisen. Innerdeutsche Flüge gibt es bei uns grundsätzlich nicht.

Für Kurzstrecken in der Region nutzen wir ein 2011 angeschafftes Elektrofahrzeug und unsere Außendienst-Mitarbeiterin ist mit einem Erdgasfahrzeug unterwegs zu unseren Kunden. Elektrofahrzeuge sind mittlerweile auch zu „normalen“ Preisen erhältlich und lohnen sich in der Anschaffung vor allem für Umwelt und Klima.

Inwiefern können Sie beim Klimaschutz auch Vorbild für jedermann sein?

Lothar Hartmann: Sicherlich sind nicht alle Maßnahmen, die wir als Unternehmen ergreifen, sinnvoll für Einzelpersonen. Beispielsweise haben wir im Jahr 2006 zusätzlich zu unserer herkömmlichen Ölheizung, die beim Bau des Firmengebäudes 1995 installiert wurde, eine Holz-Hackschnitzel-Heizung gebaut.

Da sich die Ölheizung nur bei sehr langen Kälteperioden oder sehr tiefen Temperaturen im Winter automatisch zuschaltet, können wir unter optimalen Bedingungen 99 % des erforderlichen Energiebedarfs durch erneuerbare Ressourcen – die Holz-Hackschnitzel stammen aus regionalen Durchforstungsmaßnahmen – decken. Eine derartige Maßnahme ist nicht für jedermann erschwinglich oder umsetzbar, wenn er z.B. zur Miete wohnt.

Der Umstieg von konventionellem auf 100 % Ökostrom, nachhaltige Mobilität durch Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, dem Fahrrad oder zu Fuß oder die Verwendung von 100 % Recyclingpapier dagegen sind von jedem Menschen sofort und ohne viel Aufwand und zu hohe Kosten umsetzbar!

Denn wir haben es täglich durch unsere Entscheidungen und unser Handeln in der Hand, ob die Umwelt und das Klima geschont, und ob Menschen in fernen Ländern unter unseren Konsumgewohnheiten leiden müssen. Denn unsere Art zu kaufen und zu leben hat Auswirkungen auf eine nachhaltige Entwicklung und damit auf den Lebensstil und die Lebensqualität nachfolgender Generationen.

Inwiefern unterstützen Sie Ihre Kunden, einen bewussten Lebensstil zu entwickeln oder zu verfolgen und ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft zu leisten?

Lothar Hartmann: Als Versandhandelsunternehmen können wir an der Schnittstelle zwischen Lieferanten und Herstellern auf der einen Seite und Kunden auf der anderen Seite einen enormen Beitrag zu mehr Umwelt- und Sozialverträglichkeit in der Produktion und beim Konsum, aber auch insgesamt zu mehr Umwelt- und gesellschaftlichem Bewusstsein auf allen Seiten leisten.

Unser sorgfältig geprüftes und ausgesuchtes Produktangebot erleichtert dem Verbraucher die Kaufentscheidung für eine ökologisch und sozial einwandfreie Produktalternative, denn bei memo findet er für jeden Bedarf einen nach unseren strengen Beschaffungskriterien intensiv geprüften Artikel.

Das betrifft gewerbliche Endverbraucher seit fast 25 Jahren. Private Endverbraucher können bei uns seit dem Jahr 2004 ebenfalls einkaufen, aber seit März 2015 haben wir speziell für sie und für ein nachhaltiges und bewusstes Leben außerhalb der Arbeit unter memolife (www.memolife.de) auch einen Verbrauchershop für alle Lebensbereiche eingerichtet.

Sie sprechen von strengen Beschaffungskriterien. Welche Kriterien sind besonders relevant, damit ein Produkt den Weg in Ihr Sortiment findet?

Lothar Hartmann: Ausschlaggebend sind vor allem die eingesetzten Materialien, eine ressourcenschonende Herstellung, Sozialverträglichkeit in der Produktion, fairer Handel, Energieeffizienz, eine sparsame und recyclingfähige Verpackung, möglichst geringe oder keine gesundheitliche Belastung beim Ge-/Verbrauch, Recyclingfähigkeit, Praxistauglichkeit, Langlebigkeit, die Qualität, aber auch ein fairer Preis.

Welches Material ist besonders umweltverträglich?

Lothar Hartmann: Es gibt einige Materialien, die in der Herstellung und im Gebrauch umweltverträglicher und ressourcenschonender sind als andere. Eine pauschale Aussage lässt sich an dieser Stelle allerdings nicht treffen, da es auf den jeweiligen Produktbereich ankommt.

Aber vielleicht ein Beispiel: Der Werkstoff Holz wächst immer wieder nach, trägt zu einem gesunden Klimahaushalt bei und ist in der Nutzung, z.B. als Naturholz-Regal, eine gesunde Alternative. Eine Förderung der Verwendung von Holzprodukten ist also erstrebenswert – allerdings nur, wenn eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung gewährleistet ist.

Wie stellen Sie alle diese Aspekte im Vorfeld sicher?

Lothar Hartmann: Einerseits durch einen intensiven und persönlichen Kontakt zu unseren Lieferanten, mit denen wir zum Teil seit Gründung der memo AG zusammen arbeiten. Weiterhin bevorzugen wir Lieferanten aus Deutschland, bzw. aus Europa, bei denen wir auch als kleines Unternehmen in der Lage sind, sie persönlich zu besuchen. Vor allem bei Herstellern aus Übersee legen wir Wert auf Zertifizierungen oder auf die Beteiligung an einem unabhängigen Verhaltenskodex wie z.B. BSCI.

Andererseits orientieren wir uns bei der Aufnahme von Produkten in unser Sortiment an den Kriterien für anerkannte Umweltzeichen und Labels, die von unabhängigen Zertifizierungsorganisationen und Verbänden vergeben werden. Bevorzugt nehmen wir die Produkte auf, die bereits mit derartigen Kennzeichnungen versehen sind, wie es bei etwa 55 % der Artikel in unserem Sortiment der Fall ist.

Wie sieht Ihr Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft außerhalb der memo AG und des Sortiments aus?

Lothar Hartmann: Die memo AG ist Partner verschiedenster Umweltorganisationen, Unternehmensverbände und Initiativen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten beteiligen wir uns regelmäßig an der Entwicklung innovativer Lösungskonzepte zur Förderung des Nachhaltigkeitsgedankens und unterstützen öffentliche Forschungsprojekte, Veranstaltungen und Aktionen zu diesem Thema.

Es sind vor allem Projekte, die im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung jungen Menschen das Thema näherbringen und sie für die Bedeutung von Umwelt und Klimaschutz sensibilisieren.

Wie sieht Ihr Appell an die Weltgemeinschaft aus?

Lothar Hartmann: Der Schlüssel zur Förderung und Vermittlung der notwendigen persönlichen und fachlichen Kompetenzen für eine Nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft liegt in der Bildung. In allen Gesellschaften dieser Welt müssen Bildung und damit einhergehend nachhaltige Themen von Klein an vermittelt werden.

Jeder einzelne Mensch – vor allem in den hochentwickelten und Schwellenländern - kann durch sein tägliches Verhalten zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. Dafür müssen gewohnte Routinen geändert, Entscheidungen sorgfältig getroffen sowie ökologische und soziale Folgen unseres Handels für nachfolgende Generationen bewusst gemacht werden.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: März 2018