Lutz Kosack

Lutz Kosack, Jahrgang 1964, hat „Die Essbare Stadt Andernach“ maßgeblich mitinitiiert und in den letzten Jahren zu einem der größten und bekanntesten „Urban Agriculture“-Projekte ausgebaut. Obst und Gemüse mitten in der Stadt, hautnah erlebbar auf dem täglichen Weg ins Büro oder in den Kinderhort. Und das Beste: Die reifen Früchte darf jeder Bürger ernten, kostenlos. Ein Stadtgarten für alle Bürger, ein echter Bürgergarten eben.

Nach dem Studium der Geoökologie in Bayreuth folgten verschiedene Stationen in Ingenieurbüros und als selbständiger Landschaftsplaner. 2012 gründete er zusammen mit Heike Boomgaarden und Andreas Görner das eigene Unternehmen „Wesentlich – Büro für urbane PflanzKultur“. Mit dieser unternehmerischen Freiheit pflanzt er nun die Idee des regionalen, nachhaltigen und multifunktionalen Stadtgrüns ins Bewusstsein von Firmen, Kliniken, Schulen, Städten und Organisationen. Vor allem zeigt Lutz Kosack, wie diese zarte Pflanze so gepflegt werden kann, dass daraus eine flächendeckende urbane Landwirtschaft entsteht, die einen spürbaren Beitrag zu unserer Ernährung leistet und in unserem Alltag ästhetische, aber auch ökologische und soziale „Lebens-Mittel-Punkte“ schafft.

Weiterführende Informationen:
www.wesentlich-gmbh.de

 

„Die Essbare Stadt“ wird Vorbild für neue Lebens-Mittel-Punkte

„Manchmal muss man einfach anfangen“, sagte meine Kollegin Heike Boomgaarden vor ein paar Jahren. Und so haben wir es in Andernach dann gemacht. Wir haben einfach angefangen, die Essbare Stadt und eine öffentliche Permakultur aufzubauen. Damals konnte niemand wissen, dass aus unserem Projekt ein Vorbild für viele Städte und Gemeinden wird, dass Fernsehteams und Redakteure zu unseren alltäglichen Besuchern zählen und die „Essbare Stadt“ zu einem festen Begriff würde.

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Dieses Zitat von Antoine de Saint-Exupery trifft meiner Meinung nach ganz besonders auf die Nachhaltigkeit zu. Nicht der Handel mit CO2-Zertifikaten steht am Anfang des Umdenkens, sondern das zutiefst menschliche Bedürfnis, unseren Platz im Weltgefüge zu finden und einzunehmen. Nachhaltigkeit beginnt vor unserer Haustür, auch wenn sie dort nicht endet.

Vor ein paar Jahren haben wir in Andernach begonnen, die „Essbare Stadt“ zu bauen. Mitten im Zentrum, in einem vorher wenig gepflegten Bereich am Schlossgraben, haben wir Obst und Gemüse angebaut. Es war keine Grassroots-Initiative, sondern das Projekt einer weitsichtigen Stadtverwaltung, der unser Dank gilt. 101 Tomatensorten wuchsen dort, wo die Bürger jeden Tag von der Arbeit oder vom Einkauf nachhause spazieren, und zeigen auf wie Biodiversität aussieht, sich anfühlt und schmeckt. Später die vielfältigsten Bohnen, Zwiebelgewächse, rotstieliger Mangold, Artischocken, Knackmandeln, Nüsse, Äpfel, Birnen usw. Vom Frühjahr bis zum Herbst konnten die Einwohner so ganz nebenbei erleben, wie die Pflanzen knospen, blühen und Frucht tragen. Nicht im Freilichtmuseum oder botanischen Garten, sondern in ihrem Alltag werden öffentliche Grünräume ganz neu erlebt. Im Sommer und Herbst heißt es nicht mehr „Betreten verboten“, sondern „Pflücken erlaubt“. Die „essbare Stadt“ ist ein Bürgergarten im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder darf sich einen Salat und ein paar Kräuter fürs Abendbrot mitnehmen. Einfach so, ohne Geld. Die Menschen halten sich gerne hier auf und kommen über die Pflanzen miteinander ins Gespräch, unabhängig von Alter, Kultur und sozialem Status. Die öffentliche Grünfläche wird vom Durchgangs- zum Aufenthaltsort, von der Dekoration zum Subjekt – zum Lebens-Mittel-Punkt!

Eine andere Welt ist pflanzbar, der Samen ist gelegt

Die „Essbare Stadt“ ist noch eine junge Pflanze, die schon im diesem frühen Stadium begeistert und das Potenzial für große Entwicklungen in sich trägt, davon bin ich überzeugt. Zusammen mit Heike Boomgaarden und Andreas Görner habe ich 2012 ein eigenes Unternehmen gegründet: „Wesentlich – Büro für urbane PflanzKultur“. Mit dieser unternehmerischen Freiheit entwickeln wir unsere Idee weiter und definieren Nachhaltigkeit in immer wieder neuen Facetten.

Basis ist und bleibt das nachhaltige Pflanzkonzept. Wir arbeiten vorzugsweise mit regionalen Pflanzen. Unsere heimische Flora ist für die wildlebenden Tiere viel wertvoller als eingeführte und hochgezüchtete Arten und Sorten, denn sie konnten sich über Jahrtausende gemeinsam entwickeln und sind optimal aneinander, sowie an unser Klima und unsere Böden angepasst. Aber heimische Pflanzenarten sind nicht nur ökologisch sinnvoll, viele Arten haben auch für den Menschen hohe sinnliche Qualitäten: Sie haben schöne, duftende Blüten oder wohlschmeckende Früchte, sie locken bunte Schmetterlinge an u. v. m. So treffen wir auch in der Stadt Pflanzen an, die wir aus der Region kennen und in hohem Maße wird eine Identifikation mit der Heimat erreicht. Kombiniert mit einer organischen Bodenverbesserung und homöopathischem Pflanzenschutz ist ein solides Fundament gelegt.

In der gärtnerischen Pflege der „Essbaren Stadt“ sind auch Langzeitarbeitslose tätig, die Kommunen nutzen die Projekte zugleich als Beschäftigungs-und Qualifizierungsprojekte. Der Permakultur, einer rund 14 ha großen Fläche mit ökologischen und nachhaltigen Gemüseanbau, sowie gefährdeter Nutztierrassen ist ein Geschäft für regionale Produkte inmitten der Fußgängerzone Andernachs angegliedert, welches ebenfalls Beschäftigung bietet, Erlöse generiert und einen Markt für regionale Erzeugnisse schafft.

Als die ersten Tomaten, Karotten, Bohnen und Zwiebeln in der „Essbaren Stadt“ reif waren und die Bürger ihre Stadt zum Anbeißen fanden, haben uns viele nach diesen besonderen Sorten gefragt, und wir haben die regionalen, „alten“ Sorten verteilt. Jetzt wachsen sie in den Hausgärten und verbreiten sich immer weiter. Diesen Ansatz der Regionalität haben wir jetzt mit dem Konzept „1 qm Heimat“ professionalisiert. Für eines der größten Netzwerke inhabergeführter Gartencenter habe ich Staudenmischungen zusammengestellt, die sich gut ergänzen, fast das ganze Jahr über attraktive und pflegeleichte Schönheit bieten und möglichst auch ethnobotanische Bezugspunkte aufweisen. Das Geheimnis liegt in der richtigen Standortzuteilung. Wir haben Deutschland dafür in sechs Gebiete aufgeteilt und jeweils eine Mischung von regionalen Zierpflanzen für sonnige und eine für Gehölzrand-Standorte entwickelt. Wir wollen für viele Menschen erlebbar machen, dass Nachhaltigkeit nicht Verzicht, sondern Reichtum, Schönheit und Harmonie beinhaltet.

Ein eigenes Unternehmen ist ein großes Risiko, aber auch eine Beschleuniger für neue Ideen

Der Schritt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, war und ist für mich eine große Herausforderung und auch eine einmalige Chance. Mit meinen beiden Partnern zusammen entwickele ich derzeit Konzepte und konkrete Planungen für den heilenden Garten einer bedeutenden Ernährungsklinik. Umwelt, Ernährung, Arbeit, Gesundheit gehören zusammen. Unmittelbares Erleben ist das beste Lernen. Dafür schaffen wir Erfahrungs-Räume. „Natürlich Klug“, die essbare Schule überträgt unser Konzept in die tägliche Lernwelt unserer Kinder. „Wesentlich – Büro für urbane PflanzKultur“ gestaltet auch die Außengelände von Firmen und Geschäften, um die Unternehmen für Mitarbeiter und Kunden im wahrsten Sinne des Wortes „genießbar“ zu machen.

„Wesentlich“ ist noch ein junges Unternehmen. Wenn ich sehe, was wir in der kurzen Zeit schon alles auf den Weg gebracht haben, dann war die Firmengründung ganz klar der richtige Schritt Nachhaltigkeit kann so einfach sein. „Manchmal muss man einfach anfangen!“