Mareke Wieben

Mareke Wieben, Jahrgang 1964, leitete elf Jahre den Bereich Umwelt und Produktqualität bei IKEA Deutschland. Sie hat die internationale IKEA Nachhaltigkeitsstrategie mitgestaltet, die Umweltarbeit in den 45 deutschen Einrichtungshäusern verantwortet und die Nachhaltigkeitsarbeit der internationalen IKEA Einrichtungshäuser auditiert. Mit Einführung der ISO 26.000 (Norm für gesellschaftliche Verantwortung) erstellte sie für IKEA ein Konzept zur Implementierung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Die studierte Ökotrophologin hat sich 2011 zur Betrieblichen Gesundheitsmanagerin qualifiziert und ein eigenes Unternehmen gegründet. Jetzt unterstützt sie neben IKEA auch andere Unternehmen bei der Gesundheitsförderung und hält Vorträge und Seminare zu den Themen „Gesund Führen“, „Burnoutprävention“ und „Gesunder Lebensstil - Ernährung, Bewegung, Entspannung)“. Sie leitet eine Regionalgruppe des Burnoutzentrums, unterstützt deren Vorstandsarbeit und hält als Fachdozentin für den TÜV Süd Seminare rund um das Betriebliche Gesundheitsmanagement.
Weitere Informationen: www.marekewieben.de

Nur gesunde Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter

Menschen sind am produktivsten, wenn es ihnen körperlich und seelisch gut geht. Kluge Arbeitgeber wissen das und tun einiges dafür, damit ihre Angestellten sich im Job wohlfühlen. Einzelaktionen wie Gesundheitstage gehen in die richtige Richtung, sind aber nicht immer nachhaltig. Was kann man als Unternehmen tun? Wie funktioniert die Implementierung eines Gesundheitsmanagements, und was haben Unternehmen und Mitarbeiter davon? Antworten auf diese Fragen hat IKEA in Hamburg Schnelsen gefunden.

Vier Schritte zu einem erfolgreichen Gesundheitsmanagement

1. Commitment des  Managements
Gesundheit ist eine Managementaufgabe. Das klare Bekenntnis einer Mitverantwortung für die Gesundheit der Mitarbeiter ist genauso wichtig wie die Bereitschaft der Führungskräfte, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Zunächst sollte das Gesundheitsthema in der Unternehmensleitlinie verankert und in vorhandene Strukturen und Prozesse integriert werden.

Bei IKEA in Hamburg Schnelsen war das einfach: Die bestehende Nachhaltigkeitsleitlinie, nach der IKEA „einen positiven Einfluss auf Menschen und die Umwelt“ anstrebt, schließt das Thema Mitarbeitergesundheit bereits ein. Mit der Einführung der Norm für gesellschaftliche Verantwortung (ISO 26.000) hat IKEA 2011 an mehreren Standorten das Umweltmanagementsystem um das Thema Mitarbeitergesundheit erweitert und damit alle Verantwortlichkeiten für die Gesundheitsförderung geregelt.

2. Gesundheitsziele formulieren

Welche Gesundheitsangebote hat das Unternehmen schon, und decken sie die Bedürfnisse von „Sesshaften“ genauso ab wie die von denen, die den ganzen Tag auf den Beinen sind? Was wünschen sich die Mitarbeiter, was bedrückt sie am meisten? Eine anonymisierte Mitarbeiterumfrage, eine Fehlzeitenauswertung und eine Arbeitsplatzbeurteilung sind eine gute Basis, um Ziele und Maßnahmen abzuleiten. Wichtig ist, alle Betroffenen von Anfang an einzubinden und die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung transparent zu kommunizieren.

Bei IKEA gab es viele einzelne Gesundheitsaktivitäten, nun sollte das bunte Angebot systematisiert werden. Der Einrichtungshauschef Udo Knappstein: „Wir erwarten viel von unseren Mitarbeitern und wir möchten, dass es ihnen gut geht. Dazu gehört die Motivation zu einem gesunden Lebensstil genauso wie ein Führungsverhalten, das die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter stärkt“.

3. Die geeigneten Gesundheitsprogramme umsetzen

Unternehmen müssen auswählen, welche Maßnahmen für die Gesundheit der Mitarbeiter am geeignetsten sind. Bei Unternehmen A geht das möglicherweise über bessere Arbeitsbedingungen, die zu einem Rückgang psychischer Belastungen führen. Bei Unternehmen B könnten medizinische check-ups wichtig sein, um die Mitarbeiter zu einer gesunden Lebensweise zu motivieren.

Bei IKEA gab es vor Einführung eines systematischen Gesundheitsmanagements schon flexible Arbeitszeitenregelungen, um Privatleben und Beruf besser zu vereinbaren. Nun will man sich in Hamburg auf die drei wichtigsten Bereiche eines gesunden Lebensstils konzentrieren und bietet daher allen Mitarbeitern Seminare zu den Themen Ernährung, Bewegung und Entspannung an. Darüber hinaus gibt es Workshops für Führungskräfte zu den Themen „Gesund führen“ oder „Burnoutprävention“.


Seminare führen zum gesunden Lebensstil

Mitarbeiter, die gesünder leben möchten, haben oft noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden, um ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. Die IKEA-Mitarbeiter lernten in Seminaren mehr über eine bedarfsgerechte Ernährung und warum es sich lohnt, sich zu entspannen und für mehr Bewegung zu sorgen. Jeder Seminarteilnehmer setzte sich persönliche Ziele. Damit aus den guten Vorsätzen neue Lebensgewohnheiten werden, begleitete ein Coach die Teilnehmer 12 Monate per Email oder Telefon. Die Teilnahme war freiwillig. Die Seminarteilnehmer waren bereit, für die drei Seminartage zwei Tage frei zu nehmen, den dritten Tag „spendierte“ das Einrichtungshaus.

Gesund führen kann man lernen

Mindestens genauso wichtig wie eine gesunde Lebensweise ist ein wertschätzender Umgang mit einander. Hier ist der Einfluss der Führungskraft zentral. Allerdings: Nur wer selbst gesund ist, kann sich auch um die Belange der Kollegen kümmern. In Seminaren zu Themen wie „Gesund führen“ und „Burnoutprävention“ sollte es immer um beides gehen: den gesunden Umgang mit sich selbst und mit anderen.
Fühlen sich die Mitarbeiter ausreichend gelobt, in Entscheidungen einbezogen und über wichtige Unternehmensangelegenheiten informiert? Woran erkenne ich, wenn ein Mitarbeiter auf einen Burnout zusteuert, wie kann ich als Führungskraft dann unterstützen – und wo sind meine Grenzen? Diesen Fragen gingen die IKEA-Führungskräfte in Hamburg in einem Workshop nach, Grundlage waren die Ergebnisse der Mitarbeiterumfrage.

Hotline

Einige auf die Gesundheit schlagende Sorgen der Mitarbeiter können mit Hilfe einer externen Hotline aufgefangen werden. Ohne ihren Namen nennen zu müssen können sich die Mitarbeiter zum Beispiel Rat holen, wenn sie in Schulden ersticken oder kurzfristig einen Kindergarten- oder Pflegeplatz für Angehörige suchen, wenn sie ihre Suchtprobleme in den Griff bekommen möchten oder mit dem Anforderungsdruck nicht klar kommen.

IKEA bietet diese Hotline schon lange, sie wurde aber – vermutlich weil die Mitarbeiter unsicher waren - kaum genutzt. Hier half Aufklärung, auch mit Hilfe einer Präsentation des Hotlineanbieters.

4. Den Erfolg des Gesundheitsmanagements messen

Nehmen Mitarbeiter die Gesundheitsangebote an, haben Seminarteilnehmer ihre persönlichen Gesundheitsziele erreicht? Gibt es erste Auswirkungen auf Fehlzeiten oder die Fluktuation? Ein Fragebogen kann zeigen, wie erfolgreich das Gesundheitsprogramm war.

Es zeichnet sich ab, dass die Seminarteilnehmer bei IKEA in Hamburg ihre Gesundheitsziele nicht zu 100 Prozent erreicht haben. Allerdings: Alle Teilnehmer sind zufrieden, weil sie gesünder leben und sich wohler fühlen. Sie haben vielleicht nur acht der geplanten zehn Kilo abgenommen, halten dieses neue Gewicht aber ohne Anstrengung. Das größte Potenzial liegt in der Entspannung. Das Coaching erinnert daran, Pausen einzulegen und dafür zu sorgen, den Akku wieder aufzuladen, wenn der Stress am größten ist.

Kleiner Nebeneffekt: Die Teilnehmer von den Gesundheitsseminaren versuchen auch andere Kollegen zu überzeugen: Man guckt sich in der Kantine gegenseitig auf die Teller oder motiviert sich, gemeinsam zum Sport zu gehen. Die (zum Teil sichtbaren) Erfolge haben die Nachfrage nach weiteren Gesundheitsworkshops erhöht.

Was haben Unternehmen vom Gesundheitsmanagement?

Höhere Motivation

Gesunde Mitarbeiter sind motiviert und leisten viel. Außerdem gehen gesunde Menschen meistens professioneller mit Stresssituationen um.

Besseres Betriebsklima

Ist ein Mitarbeiter krank, bleibt die Arbeit häufig am Kollegen hängen. Gesunde Mitarbeiter fallen nicht nur seltener aus, sie sind auch ausgeglichener und sorgen für eine bessere Stimmung. Das ist die beste Burnout-Prävention.

Erfolg beim Kunden

Mitarbeiter, die sich wohl fühlen, strahlen das auch aus. Sie sind selbstbewusst, zufrieden und freundlich. Das zahlt sich im Umgang mit Kunden aus. Menschen, denen man die Überforderung anmerkt, sind keine guten Botschafter für das Unternehmen.

„Employer of Choice“

Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden, ist nicht nur eine Lohnfrage: Attraktiv sind Unternehmen, die sich um Work-Life-Balance, gesunde Ernährung und Fitness am Arbeitsplatz kümmern und die Mitarbeiter bei der Stressbewältigung unterstützen. Solche Unternehmen haben entscheidende Wettbewerbsvorteile. 

Fit mit 67 bedeutet Prävention ab 30
Häufig müssen die Aufgaben älterer Mitarbeiter an ihren Gesundheitszustand angepasst werden. Sogenannte „Schonarbeitsplätze“ sind aber rar und teuer. Rechtzeitige Gesundheitsvorsorge verhindert Frühverrentung oder Altersteilzeit und erhöht die Chance, dass Mitarbeiter auch noch mit 67 ihr Know-how einbringen.

Vorteile für Mitarbeiter:
Mehr Erfolg, Lebensfreude und Zufriedenheit
Vor allem die Mitarbeiter profitieren davon, wenn Arbeitgeber sie unterstützen, gesund zu leben:

Zeit und Lust, abends vorzukochen und das Essen zur Arbeit mitzunehmen, haben heute die wenigsten. Umso mehr schätzen Mitarbeiter die Möglichkeit, sich am Arbeitsplatz gesund ernähren zu können. Sei es, um ein Mittagstief zu vermeiden oder um ein paar überschüssige Pfunde loszuwerden.

Mitarbeiter sind dankbar, wenn das Unternehmen ihnen einen Motivationsschub  gibt und sie dabei unterstützt, mehr für die eigene Fitness zu tun. Sie fühlen sich dann wieder wohl in ihrer Haut – und strahlen das auch aus.

Vielen Menschen fällt es schwer, für Entspannung zu sorgen. Sie wissen nicht wie, oder trauen sich nicht, sich die Zeit dafür zu nehmen. Oder sie glauben nicht daran, dass Entspannung nicht nur gut tut, sondern auch die Arbeitsfähigkeit verbessert und hängen lieber noch 2 Stunden dran, statt den Akku wieder aufzuladen. Umso wohler fühlen sie sich, wenn das Unternehmen ihnen hilft herauszufinden, welche Entspannungsmethode zu ihnen passt. Und entsprechende Möglichkeiten schafft, die von allen akzeptiert – und möglichst auch genutzt werden.

Wer wünscht sich nicht einen Chef, der dafür sorgt, dass alle zu einem wertschätzenden Umgang miteinander beitragen? Nur wer das Gefühl hat, ein wichtiges „Rad im Getriebe“ zu sein, wird zufrieden und ausgeglichen sein und Studien zufolge auch ein geringeres Burnoutrisiko tragen.

Sich in misslichen Lebenssituationen Rat bei einer Hotline zu holen, spart dem Mitarbeiter nicht nur Kosten, sondern auch Zeit und Aufwand für die Suche nach entsprechenden Experten - mit deren Wartezeiten.

Rechnet sich eine Investition in Mitarbeitergesundheit?
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Jeder investierte Euro kann sich drei- bis vierfach rechnen. Mitarbeiter fallen seltener aus, machen weniger Fehler und leisten mehr. Durch das Jahressteuergesetz 2009 bleiben gesundheitsfördernde Maßnahmen des Arbeitgebers, die den Anforderungen des Sozialgesetzbuch (V) entsprechen, bis zu 500 Euro jährlich pro Mitarbeiter steuerfrei. Es lohnt sich zu prüfen, ob Krankenkassen einen Teil der Kosten oder Seminare übernehmen.
Hat sich die Gesundheitsförderung bei IKEA in Schnelsen gerechnet? Der Einrichtungshauschef Udo Knappstein ist sicher, dass sich zufriedene Mitarbeiter positiv auf das Geschäftsresultat auswirken, auch wenn der Zeitraum von 12 Monaten noch nicht für aussagekräftige Kennzahlen ausreicht. Natürlich freut er sich, wenn die Fehlzeiten langfristig sinken. Dies ist aber nicht sein Maßstab, weil er kein Interesse daran hat, dass sich Mitarbeiter gesundheitlich angeschlagen oder lustlos zur Arbeit schleppen. Viel wichtiger ist ihm, dass seine Mitarbeiter fit sind und sich wohl fühlen, denn nur dann werden sie auch viel leisten können und wollen.

Gekürzte Version in: FORUM  Nachhaltig Wirtschaften (02/2013).