Marie-Christine Ostermann

Marie-Christine Ostermann, geboren 1978 in Hamm, war von 2009 bis 2012 Bundesvorsitzende des Verbandes DIE JUNGEN UNTERNEHMER. Im Jahr 2006 stieg sie als geschäftsführende Gesellschafterin beim Lebensmittelgroßhandel Rullko Großeinkauf GmbH & Co. KG ein und leitet seitdem das Familienunternehmen gemeinsam mit ihrem Vater Carl-Dieter Ostermann. Seit 2010 gehört sie dem Mittelstandsbeirat des Bundeswirtschaftsministeriums an und ist außerdem Aufsichtsratsmitglied der Optikerkette Fielmann AG. Das Familienunternehmen ­Rullko wurde 1923 gegründet und hat seinen Sitz im westfälischen Hamm. Es ist auf die Belieferung von Großküchen in Seniorenheimen und Krankenhäusern spezialisiert. Darüber hinaus betreibt das Unternehmen einen A­bholgroßmarkt für Gastronomen. Rullko erzielt einen Jahresumsatz von zirka 75 Millionen Euro und beschäftigt rund 150 Mitarbeiter. Marie-Christine­ Ostermann zählt zur vierten Generation des Familienbetriebs. Vor ihrem Einstieg bei Rullko war Marie-Christine Ostermann beim Lebensmitteldiscounter Aldi Süd als Bereichsleiterin tätig. Davor absolvierte sie ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, das sie als Diplomkauffrau abschloss. Marie-Christine Ostermann ist zudem ausgebildete Bankkauffrau. Zu ihren Hobbys gehören Joggen, Klettern, Lesen, Golf und der Pferdesport.

Weiterführende Informationen:
www.rullko.de

 

Mein Herz schlägt für das Unternehmertum

Nachhaltigkeit ist ehrbares Unternehmertum

Das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns basiert auf einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein sowohl für das eigene Unternehmen als auch für die gesellschaftliche und ökologische Umwelt, die es umgibt. Familienunternehmer haben keine schnellen Gewinne im Kopf. Mir liegt die langfristige Stabilität meines Unternehmens am Herzen. Ehrbares Unternehmertum bedeutet für mich persönlich: Die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit im Umgang mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern. Ein gewisses Maß an Risiko, aber auch viel Freiheit und Unabhängigkeit. Effizienz und Wohlstand durch Wettbewerb und Vielfalt. Für Generationen vorausdenken. Viel Leidenschaft und Freude bei der Arbeit.

Bereits mit 16 Jahren wollte ich unbedingt Unternehmerin werden. Nach dem Abitur absolvierte ich zunächst eine Banklehre, dann studierte ich Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen in der Schweiz. Danach ging ich zu Aldi nach Bayern, um fern der väterlichen Firma das Lebensmittelgeschäft kennen zu lernen. Als Filialleiterin habe ich selbst auch kassiert, Regale eingeräumt und geputzt. Dann erst folgten die eigentlichen Führungsaufgaben. Mir bedeuten diese wertvollen Er­fahrungen in einem anderen Umfeld sehr viel, weil sie mich nachhaltig geprägt haben. Als ich als Geschäftsführerin nach Hamm zu Rullko zurückkehrte, war ich 27 Jahre alt.
Mein Vater und ich führen das Unternehmen im Moment noch gemeinsam. Ich wachse lieber Stück für Stück in die Arbeit hinein, als sofort komplett ins kalte Wasser zu springen. So kann ich noch viel von meinem Vater lernen und von seinen Erfahrungen profitieren. Mein Vater hält mir den Rücken frei. Anders könnte ich mich heute nicht als Bundesvorsitzende im Verband DIE JUNGEN UNTERHEHMER engagieren.

Eine geordnete Nachfolgeregelung ist oft die schwierigste Herausforderung, die ein Familienunternehmen zu meistern hat. Denn nur wenn die Nachfolge geregelt ist, ist auch die Zukunft des Unternehmens langfristig gesichert. Daher muss die Nachfolge möglichst früh geklärt werden, aber ohne jeglichen Druck. Ein häufiges Problem: Viele Unternehmer können nicht loslassen. Viele Nachfolger kommen mit der Verantwortung nicht zurecht. Schlussendlich gehen einige Unternehmen an der Frage der Nachfolge kaputt.

Eine weitere unternehmerische Herausforderung unserer Zeit: der Fachkräftemangel. Diese Situation wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Dabei ist das Alter egal. Die Suche nach smarten Auszubildenden, aber auch erfahrenen, älteren Mitarbeitern wird immer schwieriger. Darüber hinaus stellt auch die Euro-Krise mit ihrem ungewissen Ausgang uns Unternehmer vor große Herausforderungen.

Nachhaltigkeit ist Kerngeschäft

Nachhaltiges Wirtschaften heißt nicht nur, die kommenden Generationen im Blick zu behalten. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet bares Geld. Daher muss das Thema Nachhaltigkeit an das Kerngeschäft eines Unternehmens gekoppelt werden. Alles andere ist unglaubwürdig. Nachhaltigkeit muss gelebt werden – von den Mitarbeitern, aber vor allem von den Vorgesetzten, von mir als Unternehmerin. Ich kann nicht verlangen, dass meine Mitarbeiter werteorientiert arbeiten, ich selbst die Werte aber nicht lebe. Nachhaltigkeit muss Teil der Unternehmenskultur sein. Mein Vater und ich stellen alle Mitarbeiter selbst ein und achten darauf, dass diese auch zu unserem Unternehmen passen. Dabei legen wir Wert auf gute fachliche Qualifikationen, aber vor allem auf einen gesunden Menschenverstand sowie eine positive Einstellung zur Arbeit und zum zwischenmenschlichen Miteinander. Das heißt: Neben Intelligenz und Verstand sind uns gute Charaktereigenschaften sehr wichtig!

Nachhaltigkeit leben wir bei Rullko in allen Bereichen, beim Blick auf unsere Zahlen, auf un­sere Unternehmensleitlinien und Ziele, bei unseren Prozessen und Produkten. So ist der Bereich Qualitätsmanagement direkt unter die Geschäftsführung angegliedert. Einmal im Monat gibt es eine Qualitätsmanagement-Sitzung, an der die Geschäftsführung, die Führungskräfte aus allen Abteilungen, die Qualitätsmanagementbeauftragten und Prokuristen teilnehmen. In der Sitzung werden unsere Prozesse und Produkte kritisch bewertet und Verbesserungen diskutiert. Auch in den Zielvereinbarungen unserer Führungskräfte integrierten wir messbare Qualitäts- und Nachhaltigkeitsziele, z. B. zur Mitarbeiter-Fluktuations­quote, oder zur Anzahl der Reklamationen. Unser Unternehmen setzt die HACCP-Vorgaben um, die die Sicherheit von Lebensmitteln gewährleisten und strebt noch in diesem Jahr die IFS-Zertifizierung (International Food Standard) an. Die Erzeugnissicherheit und -legalität sind oberste Maxime. Durch regelmäßige interne und externe Audits bei uns und unseren Lieferanten wird die Umsetzung des Standards und der Qualitätsziele überprüft.

Auch ökonomisch gesehen ist unser Unternehmen nachhaltig sehr gut aufgestellt: Rullko hat eine Eigenkapitalquote von weit über 60 Prozent. Wir sind bankenunabhängig, haben eine hohe Liquidität und keine langfristigen Kredite. Wir stehen auf einer sicheren Basis und haben einen Risikopuffer für Krisenzeiten.

Als Familienunternehmen sehen wir es als unsere Pflicht an, verantwortungsbewusst und langfristig gegenüber unserer Gesellschaft und Umwelt zu denken und nachhaltig zu handeln. Besondere Verantwortung empfinden wir gegenüber der Jugend. Wir betrachten es als unsere Pflicht und als eine Bringschuld unseres Unternehmens, jungen Menschen eine qualifizierte Ausbildung zu verschaffen. Wir bilden deswegen kontinuierlich und über unseren Bedarf hinaus aus. Die Nachwuchskräfte werden bei entsprechend guten Leistungen fast immer übernommen. Die Besetzung von Fach- und Führungspositionen aus eigenen Reihen ist uns sehr wichtig.

Wir fühlen uns zusätzlich aktiv dem Umweltschutz verpflichtet. Jeder Beitrag, und mag er noch so klein sein, ist hierfür wichtig.

Beispiele für unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten:

  • Regelmäßig sehr hohe Ausbildungsquote von über 10 Prozent
  • Schulkooperation mit dem Beisenkamp-Gymnasium in Hamm
  • Organisator des Projektes »Schüler im Chefsessel« (einer Initiative des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER) in Hamm
  • Sponsor und Schirmherr des Berufsorientierungsprojekts »Abitur – und wie weiter?« in Hamm
  • Angebot des Betriebssports für alle Mitar­bei­ter/-innen
  • Zusammenarbeit mit der Hammer Tafel
  • Keine Einwegpfandartikel
  • Mehrwegpfand bei Transportmittel
  • Viele regionale Lieferanten und ein ökologisch sinnvoller Lieferradius
  • Modernisierung und Isolierung des Verwaltungsgebäudes zur Energiereduzierung
  • Einbau einer Wärmerückgewinnungsanlage in unserem Großmarkt
  • Konsequente Mülltrennung für die verschiedenen Rohstoff-Kreisläufe
  • Keine gentechnisch veränderten Lebensmittel in unserem Zentrallager


Nachhaltigkeit ist Generationengerechtigkeit

Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind meiner Meinung nach als Synonym zu verstehen. Wir müssen heutiges Handeln so ausrichten, dass wir damit zukünftigen Generationen nicht schaden. Keine Generation darf auf Kosten der anderen Generation leben. Ich finde es verantwortungslos, wenn künftigen Generationen massive Lasten aufgebürdet werden, die sie nicht tragen können: sei es durch eine horrende Staatsverschuldung, sei es durch die Verschwendung natürlicher Ressourcen. Oft genug führen rücksichtslose Kämpfe um Besitzstände dazu, dass eine übertriebene Verteilungsgerechtigkeit sowohl Chancen- als auch Generationengerechtigkeit unter sich begräbt. Beobachten kann man das zurzeit auf dramatische Weise in den südeuropäischen Schuldenstaaten. Hier sorgt ein starrer Arbeitsmarkt dafür, dass die Jugendarbeitslosigkeit deprimierende Höhen erreicht. Das ist alles andere als gerecht. Jeder Mensch sollte eine faire Chance erhalten, das Beste aus seinem Leben zu machen. Dazu gehört, dass er seine Talente bestmöglich entfalten kann – für sich selbst und für die Gesellschaft als Ganzes. Dafür bedarf es vernünftiger Rahmenbedingungen.

Generationengerechtigkeit ist auch das Kern­thema unseres Verbands. So setzen wir uns seit über 60 Jahren für generationengerechte Politik ein – sei es durch Medien-Kampagnen, Hintergrundgespräche mit Politikern und Journalisten oder politische Veranstaltungen.

So haben wir mit unserer Kampagne »Man kann an die nächste Wahl denken. Oder an die nächste Generation.« im Jahr 2009 darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, langfristig und generationengerecht zu denken! Wie ein Familienunternehmer, der sein Unternehmen in einigen Jahrzehnten auch mit guten Zukunftschancen in die Hände der nächsten Generation abgeben möchte. Ein hoch verschuldeter Staat, der sich auf Pump finanziert, raubt der jungen Generation ihre Zukunft. Schon jetzt hat jedes Kind, das geboren wird, über 25 000 Euro Schulden.

Unsere Kampagne im Jahr 2011 »Euro-Rettung: So nicht!« hatte das Ziel, Gemeinschaftshaftung und -verschuldung in den Euro-Ländern zu verhindern. Schuldenvergemeinschaftung und unzureichend regulierte Finanzmärkte bedrohen immer mehr unseren Wohlstand und unsere Demokratie. Die Einheit von Risiko und Haftung, die in der Realwirtschaft für jeden Unternehmer und Arbeitnehmer gilt, ist für Staaten und die Finanzindustrie außer Kraft gesetzt: Diejenigen, die in guten Zeiten hohe Renditen einfahren, laden in schlechten Zeiten die Verluste bei den Steuerzahlern und der jungen Generation ab. Das ist nicht nur ein Angriff auf den Wohlstand hart arbeitender Bürger, sondern auch ein Problem für unsere Demokratie. Es wäre aber falsch, allein die Finanzindustrie zu verteufeln. Denn die Verantwortung für das Desaster liegt auch bei der Politik. Die politisch Handelnden haben nach der Lehman-Pleite versäumt, durch intelligente und maßvolle Regulierung die Finanzwelt zur Verantwortung zu ziehen. Das muss jetzt nachgeholt werden. Die Finanzindustrie muss verpflichtet werden, jedes Geschäft mit mehr Eigenkapital zu unterlegen. Das schützt vor Gier und Zockerei. Außerdem brauchen wir ein Insolvenzrecht für Pleitebanken und -staaten, damit diese ihr Erpressungspotenzial im Sinne von »Too Big To Fail« verlieren. Nur so wird die Einheit von Risiko und Haftung wieder hergestellt.

Nachhaltigkeit ist Halt und Vertrauen

Nachhaltigkeit gibt Halt. Nachhaltiges Denken und Handeln wirkt als Wegweiser und Orientierungshilfe. Halt und Vertrauen spielen auch eine Rolle beim Klettern – meinem liebsten Hobby. Wie ich dazu gekommen bin: Ich habe mich aufgrund von Rückenschmerzen im Fitnessstudio angemeldet. Dort gab es auch eine Kletterwand. Schnell wurde ich überredet, es einmal auszuprobieren und ich war sofort begeistert. Klettern bedeutet für mich Herausforderung und Selbstüberwindung. Das reizt mich. Aber Klettern bedeutet auch großes Vertrauen. Denn mein Leben gebe ich in die Hand der Person, die mich beim Klettern sichert. Bevor ich es das erste Mal versucht habe, hatte ich mich immer gefragt, wie man so verrückt sein kann, daran Spaß zu haben. Doch es ist großartig. Zum einen ist es das Sportliche: die große Kontrolle über den Körper, die man haben muss, um nicht abzurutschen. Jeder Muskel wird gebraucht – was man nicht unbedingt während des Kletterns spürt, aber spätestens am Tag danach. Aber auch das Psychologische reizt mich: die Tatsache, dass man sich immer neu überwinden muss.

Halt und Vertrauen gibt mir auch meine Familie. Mein Vater hat immer deutlich gemacht, dass er an mich glaubt und dass ich meine Aufgaben hervorragend meistern werde. Wenn er mir gerade in der Anfangszeit nicht so sehr den Rücken gestärkt hätte, wäre es für mich sicher viel schwerer geworden, mich im Unternehmen als junge Führungskraft durchzusetzen.

Nachhaltigkeit ist Werteorientierung

Bei meiner Arbeit als Familienunternehmerin leiten mich Werte – christliche Werte, familiäre Werte. Respekt und Rücksichtnahme sind mir im Umgang mit anderen Menschen sehr wichtig. Es ist schade, dass einige Menschen in Deutschland den Unternehmern kritisch begegnen und ihnen Geldgier unterstellen. Sie vergessen, dass wir Unternehmer Millionen von Arbeitsplätzen schaffen und somit vielen Menschen ein großes Maß an Sicherheit bieten. Für mich heißt Unternehmerin sein, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Nachhaltigkeit ist Engagement

Nachhaltigkeit braucht Engagement. Als Vorsitzende des Verbands DIE JUNGEN UNTERNEHMER setze ich mich vor allem für die Themen der jungen Generation ein, die wir auf die politische Agenda setzen wollen. So müssen beispielsweise die Sozialversicherungssysteme reformiert werden, um zukunftsfest zu sein. Nachhaltigkeit bzw. Generationengerechtigkeit heißt, dass ein Haushalt auf staatlicher Ebene ohne Neuverschuldung auskommen muss. Eine generationengerechte Po­litik hinterlässt den zukünftigen Generationen keine finanziellen Bürden. Ich möchte die Politiker davon überzeugen, dass die kleinen und mittelständischen Betriebe gute wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen statt bürokratischer Hürden benötigen, um langfristige Arbeitsplätze und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu schaffen.

Nachhaltigkeit ist Verantwortung

Ich gehe zwar gerne Risiken ein und neue Herausforderungen reizen mich, ich würde das aber niemals unvorbereitet und unüberlegt tun. Schließlich habe ich die Verantwortung für 150 Mitarbeiter und ihre Familien. Faszinierend am Unternehmertum ist gerade die Mischung aus Risiko und Sicherheit. Sicherheit, auf seinen eigenen Beinen zu stehen, unabhängig zu sein und sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Die andere Seite der Medaille ist aber immer auch das Risiko, falsche Entscheidungen zu treffen, die zu Verlusten führen. Die Konsequenzen muss ein Unternehmer selbst tragen und kann diese nicht auf die Allgemeinheit abwälzen. ­Alles andere wäre nicht nachhaltig. Denn nur wer selbst die Verantwortung für seine Entscheidungen trägt, handelt vorsichtig und denkt langfristig.