Martin Priebe

Martin Priebe, Jahrgang 1961, studierte in den 1980er Jahren Theologie und Volkswirtschaftslehre in Tübingen. Dabei erschloss er sich Wirtschaftsethik als seine Kernkompetenz. Von 1992 bis Ende 2002 war er bei der IHK Region Stuttgart u.a. in der Berufsbildung, der Existenzgründungsberatung, aber auch als Personalreferent tätig. Zuletzt entwickelte er als Leiter des Mittelstandsreferats seine Vorliebe für kleine und mittlere Unternehmen. Seit 2003 ist Martin Priebe als freiberuflicher Berater und Trainer in Stuttgart tätig.

Für das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) hat er 2003 das Regionalforum Baden-Württemberg gegründet und war 2008 bis 2012 im Vorstand tätig. 2012 bis 2015 hat er die Heilbronner Erklärung mitentwickelt und nach diesem Standard seinen ersten CSR-Bericht erstellt. Seit Februar 2017 ist die Priebe-Beratung Mitglied der WIN-Charta des Landes Baden-Württemberg. Mit „Profit mit Moral“ hat Martin Priebe ein Nachhaltigkeitsmanagement-System entwickelt, das auch für kleine Betriebe einen einfachen Einstieg in ein systemisches CSR-Engagement ermöglicht. Martin Priebe hat in Stuttgart Lehraufträge an der FOM und der Hochschule für Technik.

www.priebe-beratung.de
www.profit-mit-moral.de
 

Profit mit Moral?

In den 1980er Jahren begann ich in Tübingen mein Studium der Katholischen Theologie. Was mich besonders interessierte, waren soziale und gesellschaftliche Themen und wie die Kirchen damit umgingen: Fragen der Entwicklungspolitik zum Beispiel oder Themen der Einkommens und Vermögensverteilung. Was mir bei der Lektüre z.B. der kirchlicher Verlautbarungen immer mehr auffiel: Wie sehr wirtschaftliche Aspekte dabei eine Rolle spielen – und ich hatte keine Ahnung von Wirtschaft …

Um „Wirtschaft“ zu verstehen, nahm ich parallel das Studium der Volkswirtschaftslehre auf. Und ich entdeckte, dass all die Themen, für die ich mich interessierte, unter einer gemeinsamen Rubrik zusammengefasst werden konnten: Wirtschaftsethik. Das war von da an mein „Leib und Magen“-Thema, doch es war damals so gut wie tot. Es gab kaum wissenschaftliche Publikationen, auch nicht in den philosophischen oder theologischen Fakultäten. Wenn ich von meinem Spezialthema erzählte war die Reaktion einhellig: „Wirtschaftsethik? Das geht doch gar nicht – entweder du machst Ethik oder Wirtschaft, aber beides zusammen gibt es doch gar nicht!“

Kleine Geschichte der Wirtschaftsethik

Doch, es geht. Ende der 1980er Jahre wurden an deutschsprachigen Hochschulen erstmals Lehrstühle für Wirtschafts- und Unternehmensethik eingerichtet. Peter Ulrich in St. Gallen und Horst Steinmann in Erlangen war die Pioniere. Auch wenn das Thema immer noch ein „Exoten-Randgebiet“ war, wurde deutlich, dass Wirtschaftsethik eigentlich ein altes Thema war. Schon Platon und Aristoteles haben sich mit solchen Fragen beschäftigt. Die Geschichte der Philosophie und Theologie ist voller Spuren wirtschaftsethischer Reflexion. Erst im 19. und 20. Jahrhundert versickern diese Spuren allmählich mit wenigen Ausnahmen. Spätestens seit dem Werturteilsstreit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die modernen Wirtschaftswissenschaften ihren Anspruch durchgesetzt, eine wertfreie Wissenschaft zu sein, die sich jegliche Einmischung in ihre Angelegenheiten streng verbat, vor allem moralische Maßregelungen. So wie die Physik die Naturgesetze als gegebene Normen verstand, wie zum Beispiel das Gravitationsgesetz, so verstehen die Wirtschaftswissenschaften etwa die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage als nicht hinterfragbare Gegebenheiten. Die meisten Vertreter von Moral und Ethik traten im 20. Jahrhundert daher den Rückzug an. Bis das moderne „Wirtschaftswunder“ ab den 1970er Jahren plötzlich ins Stocken geriet (Stichwort: Erdöl-Krise) oder negative externe Effekte verursachte (Stichwort: Umweltverschmutzung). Aus der Umweltschutzbewegung entstanden im Nachkriegsdeutschland erstmals größere Bewegungen, welche die Rolle der Wirtschaft grundsätzlich kritisch hinterfragten. Wasser auf den Mühlen dieser Kritik waren (und bleiben) die prominenten Wirtschafts-Skandale wie der Contergan-Skandal Anfang der 1960er, der Beginn der Massenarbeitslosigkeit in den 1970ern, die Giftgas-Katastrophe von Bhopal 1984 oder das „Lügen-Imperium“ des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider, um nur ein paar herausragende Ereignisse zu nennen.

Bemerkenswert scheint mir, dass nach dem Ende des real existierenden Sozialismus im damaligen sogenannten Ostblock der Kapitalismus ohne weitere nennenswerte Kritik den Sieg im Kampf der Wirtschaftssysteme davontrug: Die 90er Jahre waren geprägt von einer Welle staatlicher Deregulierung nach dem Motto „Der Markt kann es auch alleine richten – so wenig staatliche Einflussnahme wie möglich“. Und das in einer Phase, in der die Politik weltweit dabei war, die Sache der Nachhaltigkeit zu entdecken und angesichts einer drohenden Klima-Katastrophe den Planeten mit möglichst vereinten Anstrengungen zu retten. Diese Ambivalenz zeigt bis heute den dominanten Einfluss der Wirtschaft auf alle gesellschaftlichen Systeme. Er konnte auch nach der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht gestoppt werden, die 2007 und 2008 beinahe zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft geführt hätte.

Die Krisen und Skandale haben andererseits dazu geführt, dass eine neue wirtschaftsethische Diskussion immer weiter Kreise ziehen konnte. Waren es anfangs „nur“ ein paar Lehrstühle, erzeugten die Klimaschutzkonferenzen ab Rio 1992 eine beachtenswerte Breitenwirkung in der Gesellschaft. Erstmals seit 300 Jahren wurde der Begriff der Nachhaltigkeit wieder wichtig und bald zu einem Inbegriff der Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens auf unserem Planeten. Ende der 90er Jahre tauchten die ersten Management-Systeme für Nachhaltigkeitsengagement von Unternehmen auf: Die Global Reporting Initiative entstand, Kofi Anan veröffentlichte den UN Global Compact. Mit dem Begriff der Corporate Social Responsibility (CSR) kam etwa 2005 ein weiterer neuer Name für Wirtschaftsethik ins Spiel. Und mit ihm weitere Instrumente der Wirtschafts- und Unternehmensethik. 2014 beschloss die EU eine Richtlinie, auf deren Grundlage große, kapitalmarktorientierte Unternehmen in der Europäischen Union ab 2017 verpflichtend „nichtfinanzielle Berichte“ – sprich: Nachhaltigkeits- oder CSR-Berichte – schreiben müssen, jährlich.

Insgesamt ist in der modernen wirtschaftsethischen Reflexion seit etwa 1990 ein Trend erkennbar, der zwar langsam erscheint, aber immer breiter geworden ist. Und ein Ende der Nachhaltigkeitsorientierung ist nicht absehbar. Als ich mein Doppelstudium 1985 begann, konnte man kaum davon träumen, dass es so eine Entwicklung jemals geben könnte. Es ist ähnlich wie mit dem Fall der Mauer zwischen den ehemals zwei deutschen Staaten: Wer hätte noch bis kurz vor dem 9.11.1989 darauf gewettet, dass das DDR-Regime so schnell an sein Ende kommen könnte? Doch während die Veränderung an der „Zonengrenze“ relativ schnell beobachtet werden konnte, verläuft der „Vormarsch“ der Wirtschaftsethik in beschaulichen, kleinen Schritten. Auch mit manchen Rückschlägen, wie der Diesel-Skandal bei VW im Oktober 2015 zeigt. Noch Wochen nach Bekanntwerden des Einsatzes von „Schummel-Software“ waren im Internet Berichte zu lesen, wie toll VW sein Nachhaltigkeits-Management betreibt …

Profit mit Moral!

Systemisch ist jeder weitere Skandal ein Ansporn, CSR- und Nachhaltigkeits-Bemühungen von Unternehmen und in der Gesellschaft auszuweiten. Wir haben im Extremfall keinen zweiten Planeten im Kofferraum, wenn wir die Erde erst einmal ausgebeutet und ruiniert haben. Das begreifen immer mehr Menschen, Unternehmerinnen und Unternehmer wie Verbraucherinnen und Verbraucher. Produktion und Konsum werden verträglicher für unsere Mutter Erde, wenn wir aus gesundem Selbsterhaltungsinteresse vernünftige Grenzen setzen: Um unseren Kindeskindern eine schöne und gut bewohnbare Erde zu hinterlassen. Hätten wir uns ja auch so gewünscht, wenn wir zufälligerweise ein paar hundert Jahre später geboren worden wären.

Wir brauchen dazu Profit mit Moral: Profit im weitesten Sinne nicht nur (aber auch) als materielles Ergebnis von Unternehmenstätigkeit, sondern auch als Nutzen für Gesellschaft und Natur. Moral nicht im Sinne eines „moralisierenden Zeigefingers“, sondern als Summe aller Werte und Regeln, die uns ein nützliches und gutes Leben ohne zerstörende Nebenwirkungen ermöglichen. Die Zahl der Unternehmen, die im Sinne von Profit mit Moral wirtschaften, nimmt täglich zu. Sie bekommen dafür Preise und Auszeichnungen wie z.B. der Outdoor-Ausrüster VAUDE in Tettnang. Sie wirken jedoch vielfach im Stillen, weil sie ihr Engagement nicht an die große Glocke hängen wollen. Auch die Zahl der Verbraucher wächst, die beim Einkaufen, Hausbauen oder bei der Anlage Ihres Geldes Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigen. Für sie gibt es (noch) keine Auszeichnungen, doch Gesellschaft und Politik sollte ihr Engagement deutlich stärker unterstützen als bisher.

Profit mit Moral ist ein sperriger Anspruch, und wer ihn umsetzen will, wird immer wieder in Spannungen zwischen verschiedenen Ansprüchen landen, ja auch in Dilemma-Situationen geraten. Seit meinem Doppelstudium der Theologie und Volkswirtschaftslehre ist es mein Anspruch, Menschen in solchen Situationen zu begleiten, ihnen Hilfe und Instrumente an die Hand zu geben, um mit Problemen gut zurecht zu kommen. Dazu übernehme ich Lehraufträge in Wirtschafts- und Führungsethik, begleite Teams und Organisationen und coache Führungskräfte.

Stand: August 2017