Matthias Fifka

Prof. Dr. habil. Matthias S. Fifka ist seit 2011 Inhaber des Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhls für Internationale Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit an der Cologne Business School (CBS). Von 2001 bis 2010 unterrichtete er Internationale Wirtschaft und Politik an der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 2007 ist er auch als Visiting Professor am Monte Ahuja College for Business der Cleveland State University tätig. Von 2003 bis 2006 hatte er einen Lehrauftrag an der École de Commerce de Clermont, Clermont-Ferrand, Frankreich, inne. Zudem war er 2011 Mitglied der Gutachterkommission zum Förderprogramm "Gesellschaftliche Verantwortung im Mittelstand" des Deutschen Bundestages. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Sustainability, Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship und Corporate Governance sowie wirtschaftsethischen Fragestellungen. Er berät zahlreiche Unternehmen auf diesen Gebieten. Matthias S. Fifka hat zehn Monographien und Herausgeberwerke publiziert sowie über 30 Beiträge in nationalen und internationalen Fachzeitschriften und Büchern.

Weitere Informationen:
www.matthias-fifka.de

 

 

Nachhaltigkeit – nicht Kostenbelastung, sondern unternehmerische und gesellschaftliche Chance

Herkömmliche Perspektiven von Nachhaltigkeit

Legt man den inzwischen weithin akzeptierten Dreiklang von Nachhaltigkeit an, der aus wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zielsetzungen besteht, so wird deren Einklang noch immer häufig als unerreichbar angesehen. Grund dafür ist die weit verbreitete Auffassung, soziale und ökologische Initiativen würden eine Kostenbelastung darstellen und deshalb nicht mit ökonomischen Zielsetzungen einhergehen. Diesem Verständnis folgend werden sie nur dann durchgeführt, wenn sie das Gesetz erfordert oder Stakeholder sie einfordern. Sie bleiben also reaktiver Natur.

Dieser reaktive Charakter bedingt aber auch, dass es in erster Linie soziale und ökologische Zielsetzungen anderer sind, die ein Unternehmen verfolgt, wenn es ausschließlich externen Forderungen nachkommt. Ein solches Vorgehen bringt unweigerlich einen begrenzten Gestaltungsspielraum mit sich und erschwert es, die Programme und Aktivitäten im sozialen und ökologischen Bereich mit den übergeordneten Unternehmenszielen abzustimmen. Denn während die ökonomischen Zielsetzungen vom Unternehmen bestimmt werden, werden die sozialen und ökologischen Ziele von außen vorgegeben. Somit ist wenig wahrscheinlich, dass der Einklang zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Zielsetzungen gelingt. In der Tat bleiben letztere dann primär eine finanzielle Belastung. Weitergedacht bedeutet dies, dass ein reaktives Verständnis von sozialer und ökologischer Verantwortung nahezu unausweichlich in die „Kostenfalle“ führt.

Nachhaltigkeit als proaktives Vorgehen

Sind Unternehmen jedoch bestrebt, selbst gesellschaftliche Probleme zu identifizieren und Lösungen für diese zu entwickeln, so schaffen sie für sich selbst einen Gestaltungsspielraum, der eine Abstimmung mit den eigenen Unternehmenszielen erlaubt. Nachhaltiges Vorgehen bekommt dadurch strategischen Charakter und es kann gezielt gemanagt werden; mehr noch, es wird zu einer Chance für Unternehmen und Gesellschaft gleichermaßen, denn Unternehmen werden zum Entwickler und Anbieter von Lösungen gesellschaftlicher Probleme.

Im Gegensatz zum reaktiven Verständnis, das auch der ursprünglichen Auffassung von Corporate Social Responsibility innewohnt, kann durch ein proaktives Vorgehen also zunächst unternehmerische und gesellschaftliche Innovation erwachsen und aus ihr wiederum ein Mehrwert für Unternehmen und Gesellschaft gleichermaßen entstehen. An die Stelle des vormals propagierten „shareholder value“, der sich zu einem dominierenden Management-Paradigma seit den 1980er Jahren entwickelt hat, tritt ein „shared value“, also ein Wert, der für Unternehmen und Gesellschaft gemeinsam geschaffen wird.

Nachhaltigkeit als Daueraufgabe – für Unternehmen und Gesellschaft

Proaktives Management von Nachhaltigkeit erfordert „Hingabe“ und Durchhaltevermögen, da sich – wie es auch bei anderen strategischen Maßnahmen der Fall ist – zu anfangs nicht nur Erfolge einstellen werden. Elementar ist dabei ein Verständnis, das „Mehrwert“ nicht als kurzfristige Profitsteigerung durch Kostensenkung sieht, sondern als langfristig angelegtes Ertragskonzept.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Nachhaltigkeitsmanagement nicht in einem statischen, sondern in einem dynamischen System stattfindet. Diese ist durch vielfältige Entwicklungen gekennzeichnet, die es fortwährend zu berücksichtigen gilt, was Nachhaltigkeitsmanagement zu einer komplexen Aufgabe macht. Als beispielhafte Entwicklungen, die einem konstanten Fluss unterliegen, können die zunehmende ökologische Belastung und die abnehmende Leistungsfähigkeit von Wohlfahrtsstaaten genannt werden. Sie und andere – etwa auch der demographische Wandel und soziale Medien – verändern die Rahmenbedingungen für Unternehmen und somit auch die für Nachhaltigkeitsmanagement kontinuierlich.

Von Unternehmen darf in diesem Kontext jedoch keinesfalls erwartet werden, dass sie die ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts alleine lösen sollen oder können. Dies widerspräche der grundsätzlichen Funktion von Unternehmen in einer Marktwirtschaft. Obwohl unternehmerische Nachhaltigkeit auch einen sozialen Mehrwert schaffen soll, ist sie kein Ersatz für staatliches Handeln oder das Engagement der Bürgergesellschaft. Eine solche Erwartung würde jedes noch so ausgereifte Nachhaltigkeitsmanagement überlasten. Dennoch zeigt sich hier, dass erfolgreiches Management in einem komplexen und sich rasch verändernden Gefüge von Staat, Markt und Zivilgesellschaft wesentlich mehr auf andere staatliche und nicht-staatliche Akteure eingehen muss, als dies bisher geschehen ist.

Eine solche Öffnung darf jedoch nicht einseitig geschehen. Auch der Staat und die Zivilgesellschaft müssen zu einer verstärkten Kooperation mit Unternehmen bereit sein. Gerade in Deutschland mit seiner ausgeprägten Staatszentrierung, die den Staat als „Allheilsbringer“ in gesellschaftlichen Fragen sieht, und einer Trennung der Aufgabenbereiche der drei gesellschaftlichen Sektoren – Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – ist eine Überwindung dieser sektoralen Schranken notwendig. Hinzu müssen zwei weitere in Deutschland tradierte Sichtweisen abgelegt werden. Zum einen ist die Einsicht unabdingbar, dass Nachhaltigkeit nicht gesetzlich verordnet werden kann, denn dann wird Unternehmen die notwendige gestalterische Freiheit genommen, die für innovatives Handeln und eine Abstimmung mit den Unternehmenszielen notwendig ist. Zum anderen ist es notwendig zu akzeptieren, dass Unternehmen mit sozialem und ökologischem Engagement auch eigene Ziele verfolgen dürfen. Auf einer altruistischen Basis kann dies nicht geschehen, denn dann wäre das Resultat wieder eine Kostenbelastung, die langfristig kaum zu tragen ist und somit zu weniger, statt mehr Engagement führen würde. Denn wer mehr Verantwortung von Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit fordert, muss ihnen auch mehr Freiheit bei deren Übernahme zugestehen.