Matthias Moeck

Dipl.-Kaufmann Matthias Moeck, Jahrgang 1973, lernte die Bedeutung von Nachhaltigkeit durch prägende Erfahrungen im persönlichen Umfeld nachdrücklich kennen. Unter diesem Eindruck wechselte er von seiner Tätigkeit als internationaler Verkäufer in der Automobilbranche zur Deutschen Stammzellspenderdatei Ost und prägte dort maßgeblich die Marketing- und Fundraisingaktivitäten der Stammzellspenderdatei. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist er im Vorstand des Icke in Buch e.V., einer Initiative für chronisch kranke Kinder und deren Eltern. Matthias Moeck arbeitet bei der dokeo GmbH in Stuttgart als Senior Berater.

Weitere Informationen:
http://www.dokeo.de/am-moeck.html
www.stammzellspenderdatei.de
http://www.icke-in-buch.de

 

Junge Hoffnung. Wie ein leukämiekrankes Kind geheilt wurde

Im Oktober 2008 war der damals einjährige Sohn von Matthias Moeck an akuter myeloischer Leukämie (AML) erkrankt, bereits 91,5 Prozent seines Knochenmarks waren damals geschädigt. Doch die Chemotherapie schlug an. Er schien gesund zu sein. Ein Jahr später kam der Rückfall. Nun konnte ihm nur noch ein Stammzellenspender helfen.

Herr Moeck, wie wurde ein "Gen-Zwilling" für Ihren Sohn gefunden?

Dadurch, dass die Heilungschancen durch eine Chemotherapie bei einer Hochrisiko-AML bei der Ersterkrankung bei knapp über 50 Prozent liegen, haben wir uns mit dem Rückfall bereits vorher auseinandergesetzt. Wir waren also „vorbereitet“ und wollten nicht tatenlos auf die Transplantation warten. Daher haben wir durch die Organisation von Typisierungsaktionen helfen wollen. Dabei ging es nicht nur um unseren Sohn, sondern wir hatten auch die zukünftigen Patienten im Sinn. Denn wenn nach der Chemotherapie auch die Transplantation nicht gelungen wäre, hätten wir wenigstens anderen helfen können. Letztendlich war der Spender aber schon bei der Stammzellspenderdatei Rhein-Neckar typisiert. Wir haben also von den vielen Typisierungsaktionen anderer profitiert.

Weshalb möchten Sie den Namen Ihres Sohnes öffentlich nicht nennen?

Während der Zeit der Erkrankung haben wir viel mit der Presse zusammengearbeitet, um auf das Schicksal unseres Sohnes aufmerksam zu machen. Ziel war es nicht, Mitleid zu erhaschen, sondern Menschen zu animieren, sich typisieren zu lassen. Unser Sohn hat in der Zeit sehr viel Aufmerksamkeit von uns und von Seiten der Presse bekommen. Wir wollten einfach nicht Gefahr laufen, dass die anderen Geschwister das zu spüren bekommen. So haben wir vereinbart, dass wir seinen Namen nach seiner Genesung in der Presse nicht mehr nennen werden. Für die Leser ist seine Geschichte dadurch vielleicht ein Stück weiter weg, aber ich habe da als Vater eine Verpflichtung allen Kindern gegenüber.

Im Februar 2008 durfte Ihr Sohn wieder nach Hause. Was passierte danach? Ist er nun vollständig geheilt?

Er durfte für eine Transplantation sehr früh nach Hause. So gut war der Verlauf! Danach war unser Jüngster ein weiteres halbes Jahr ans Haus gebunden, und wir mussten anfänglich jeden Tag in die Tagesklinik. Auch wenn die Wegezeiten enorm waren, ist es doch eine Befreiung gewesen, aus seinem sterilen Zimmer zu dürfen. Dort muss man besondere Kleidung tragen, mit Mundschutz herumlaufen und sich desinfizieren. 200 Tage nach der Transplantation normalisierte sich das Leben wieder. Wenige Monate später konnte er wieder in den Kindergarten. Jede kleine Erkältung musste aber unter Beobachtung der Ärzte bleiben. Auch waren noch häufige Kontrollbesuche beim Arzt nötig. Mittlerweile muss er nur noch jährlich zur Kontrolle. Theoretisch besteht zwar immer noch eine sehr geringe Chance eines Rückfalls, aber diese wird von Jahr zu Jahr immer kleiner. Man kann also davon ausgehen, dass er für immer geheilt ist. Von seiner Transplantation zeugt nur das etwas schüttere Haar, welches nach der Gabe der sehr aggressiven Medikamente bei der Transplantation nicht wieder richtig nachgewachsen ist. Wenn man ihn auf diese Zeit anspricht, hat er glücklicherweise keine richtige Erinnerung mehr daran.

Haben Sie Kontakt zum „Retter“, dem anonymen Spender, aufgenommen?

Ja, wir haben anonymen Kontakt zu ihm. Der Spender zieht es vor, anonym zu bleiben, was wir respektieren und verstehen.

Wie geht es Ihrem Sohn heute?

Er geht mittlerweile zur Schule und ist ein ganz normales Kind. Einmal im Jahr muss er zur Nachuntersuchung.

Was bedeuten Ihnen Dankbarkeit und Demut? Weshalb gibt es keine Nachhaltigkeit ohne dieses innere Fundament?

Nach so einem Erlebnis wird der innere Kompass einfach neu ausgerichtet. Einige Dinge, die einem vorher wichtig waren, sind mit einem Mal nicht mehr bedeutend – besonders materielle Dinge. Ich will nicht sagen, dass sie unwichtig sind, aber ich bin dankbar dafür, dass ich die richtige Rangfolge für mich erkannt habe. Und Demut habe ich vor dem Leben im Allgemeinen. Es ist ein Wunder, wie es immer wieder neu entsteht und manchmal eine Tragik, wie es wieder geht. Die richtige Wertschätzung des eigenen Lebens, des Lebens der Anderen und des zukünftigen Lebens führt automatisch zu Nachhaltigkeit. Fehlt diese Wertschätzung, siegt der Egoismus.

Weshalb ist es für viele Menschen heute so schwierig, einem Menschen oder einer Sache seine volle Aufmerksamkeit zu schenken?

Wir leben in einer multimedialen Gesellschaft. Ständig strömen unterschiedlichste Informationen auf uns ein. Da ist es nur verständlich, dass man Schwierigkeiten hat, in dieser Menge wichtig von unwichtig zu unterscheiden. Es ist also das permanente Überangebot, welches viele Menschen überfordert und daher eine Fokussierung schwer macht. Und da gewinnt meist der, der am lautesten schreit. Und leider nicht der, der den Zuhörer in die richtige Richtung weist. Und das muss wieder geändert werden. Ich habe aber das Gefühl, dass dieser Prozess bereits begonnen hat.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, sich professionell mit Nachhaltigkeitsthemen zu beschäftigen?

Wenn man täglich im Krankenhaus sitzt und hofft, dass sein Kind überlebt, hat man auch viel Zeit zum Nachdenken. Und diese Gedanken prägen einen für den Rest des Lebens. Daher wollte ich nach der Genesung nicht wieder in den Vertrieb eines großen Unternehmens zurückkehren. Vielmehr wollte ich etwas zurückgeben. Da lag es nahe, dass ich bei der Stammzellspenderdatei gearbeitet habe. Aber es fiel mir auf, dass man bei gemeinnützigen Organisationen sich im Kreise der „Sehenden“ befindet. Man ist also umzingelt von Leuten, die schon für eine “gute Sache“ arbeiten. Ich wollte aber auch die „Blinden“ erreichen. Und deshalb arbeite ich heute in einer Beratung für Nachhaltigkeit, um Firmen davon zu überzeugen, dass sie nicht nur finanziell von Nachhaltigkeit profitieren, sondern so auch ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Umwelt gerecht werden.

Die Huffington Post stellt Wege vor, wie man sich um andere und sich selbst kümmert und „ein ausgewogenes zentriertes Leben führt, während man gleichzeitig positiv auf die eigene Umwelt einwirkt“ (Arianna Huffington). Weshalb sind solche Plattformen heute so wichtig?

Ich habe es ja bereits angesprochen: Wir haben heute ein Überangebot an Informationen und Möglichkeiten. Demgegenüber steht aber immer noch die limitierte Zeit. Daher ist es wichtig, den Menschen bei der Auswahl zu helfen und die richtige Richtung zu zeigen. Dafür leistet die Huffington Post einen guten Beitrag.

Wie kann der Geist der Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft aufrechterhalten werden?

Ich glaube, dass es vor allem auf die Vorbildwirkung ankommt. Das fängt in den Familien an und hört bei den Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf. Ich kann von meinen Kindern nicht erwarten, dass sie hilfsbereit sind, wenn ich es ihnen selber nicht vorlebe.

Was macht für Sie ein gutes Leben aus?

Es ist schwierig, darauf eine eindeutige Antwort zu finden. Ein gutes Leben besteht für mich darin, dass man Dinge tun kann, die einem Spaß machen und gleichzeitig anderen nützen. Ein gutes Leben haben bedeutet für mich aber auch, von Menschen umgeben zu sein, die einen als Mensch wertschätzen. Wenn das Ganze dann noch mit Gesundheit und finanzieller Unabhängigkeit gepaart ist, ist das perfekt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt
Quelle: Huffington Post:  InterviewHuffingtonPost
Stand: November 2014