Matthias Willenbacher

Prof. Matthias Willenbacher, Jahrgang 1969, leitet zusammen mit Fred Jung seit 1996 die international tätige juwi-Gruppe. Jung und Willenbacher haben das Unternehmen in den vergangenen 17 Jahren vom Zwei-Mann-Büro für die Projektentwicklung von Windparks zu einem weltweit tätigen, mittelständisch geprägten Unternehmen mit rund 1.800 Mitarbeitern entwickelt. Heute ist juwi in allen Geschäftsfeldern der erneuerbaren Energien aktiv: Dazu zählen neben Solar- und Bioenergie vor allem die Windenergie. Geleitet werden Willenbacher und Jung von der Vision einer rein regenerativen Energieversorgung. Die von den beiden Energiepionieren ins Leben gerufene Stiftung „100 Prozent erneuerbar“ ist Ausdruck dieser Zielsetzung. Heute ist der Diplom-Physiker Matthias Willenbacher der wegweisende Repräsentant der Firma und steht wie kein anderer für die 100-ige Vision. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Fred Jung hat er schon viele Preise und Auszeichnungen erhalten, unter anderem 2008 den Deutschen Klimaschutzpreises sowie 2009 den Clean Tech Media Award. Willenbacher und Jung sind 2009 darüber hinaus zu „Entrepreneuren des Jahres“ und zu „Greentech Managern des Jahres“ gekürt worden. Im Juni 2013 hat Willenbacher seine energiepolitischen Ansichten in dem Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin. Denn die Energiewende darf nicht scheitern!“ formuliert.

Weitere Informationen:

www.matthias-willenbacher.de
www.100-prozent-erneuerbar.de

 

Mein unmoralisches Angebot

Ich bin ein Bauernjunge und wuchs auf einem Hof in der Nordpfalz auf. Mein großes Lebensziel war es, Faulenzer zu werden. Heute bin ich Workaholic und leite ein Milliardenunternehmen mit Niederlassungen in vielen Ländern der Erde. Ich bin sehr dankbar, dass es so gekommen ist und ich die Lebenserfahrung machen durfte, mich vom Bauernsohn zum Unternehmenschef zu entwickeln. Aber darum geht es mir nicht. Darüber würde ich kein Buch schreiben.

Ich habe vor achtzehn Jahren auf dem Bauernhof meiner Eltern ein Windrad gebaut. Daraus ist nicht nur ein großes Unternehmen im Bereich der Erneuerbaren Energien geworden, sondern für mich

auch der Sinn meines Lebens – ich möchte, so viel ich kann, dazu beitragen, dass wir von einer dreckigen, abhängigen, umweltzerstörerischen und teuren Energieerzeugung zu einer sauberen und nachhaltigen wechseln.

Ich will mit diesem Buch aber nicht missionieren, ich will mich auch nicht als Gutmensch präsentieren. Ich will erzählen, was ich als Unternehmer und Bürger beim Ausbau der Erneuerbaren Energien

erlebt und erfahren habe. Und ich will Informationen geben, mit deren Hilfe Menschen entscheiden können, wie sie künftig Energie produzieren wollen. Ich persönlich bin sicher, dass der sofortige Umstieg auf 100 Prozent sauber und dezentral erzeugte Energie die beste Lösung für uns alle ist. Viele in der Politik schütteln darüber den Kopf und sagen, das könne gar nicht funktionieren.

Ich habe so viele Sachen erlebt, bei denen es hieß, das sei unmöglich und könne nicht funktionieren. Mein erstes Windrad: Ich war Student, brauchte dafür eine Million Mark, und alle warfen mir Knüppel zwischen die Beine. Mein Unternehmen: Ich war meine eigene Putzfrau und meine eigene Telefonzentrale – und heute haben wir 1.800 Mitarbeiter. Meine Erfahrungen mit der Politik: Jahrzehntelang hat man mir erzählt, dass Wind- und Sonnenstrom ein Hirngespinst seien und überhaupt nicht gehen könnten. Ich habe es trotzdem gemacht, gegen viele Widerstände – und es geht eben doch. So etwas prägt. Ich bin überzeugt, dass wir bis 2020 vollständig auf Erneuerbare Energien umsteigen können und dies nachhaltig, dezentral und preiswert. Das ist nicht unmöglich,

das können wir schaffen. Wenn alle mitmachen. Aber es braucht eine, die vorangeht. Das ist unsere Kanzlerin. Deshalb mache ich ihr ein unmoralisches Angebot. Keine Angst, ich möchte ihr kein Geld anbieten. Aber ich bin bereit, alles herzugeben, was ich aufgebaut habe. Konkret: Ich werde alle meine Anteile an meinem Unternehmen juwi verschenken, wenn Bundeskanzlerin Merkel die vollständige Energiewende ohne Wenn und Aber umsetzt. Jetzt und hier. Nun kann man sagen, dass sei „unmoralisch“ – ein Scheinangebot, weil es ja nicht wirklich geschehen könne. Aber genau darum geht es mir: Es kann geschehen. Die Kanzlerin kann sich der von ihr selbst so bezeichneten „größten

Herausforderung des 21. Jahrhunderts“ tatsächlich stellen und mit der deutschen Energiewende auch den globalen Kampf gegen die drohende, teils schon eingetretene Klimakatastrophe voranbringen.

Die Bundesregierung kann alle Weichen in Richtung 100-prozentige Energiewende stellen. Der Bundestag kann beschließen, dass wir 2020 Energie ausschließlich aus sauberen und dezentralen Energiequellen gewinnen. Und der Wirtschafts- und der Umweltminister können die Umsetzung voranbringen, statt sie – wie bisher – zu bremsen.

Die sofortige und vollständige Energiewende ist für alle dauerhaft besser und kostengünstiger, wenn sie von uns Bürgern gemacht wird, und damit die Abhängigkeit von den Großkonzernen beendet. Wenn die Energieversorgung in Bürgerhand liegt, machen auch die Gewinne nicht mehr wenige Unternehmen, sondern wir alle. Wir alle werden zu Energiebürgern. Darum geht es.

Deshalb werde ich, wenn die Kanzlerin mein Angebot annimmt, meine Unternehmensanteile an die über 500 in Deutschland existierenden Energiegenossenschaften verschenken. Denn sie sind die

Basis unserer künftigen Energieversorgung. Es gibt schon so viele Energiebürger und Energiegenossenschaften, die an Wind- und Solarprojekten beteiligt sind. Wenn alle diese Energiebürger mit mir für die sofortige und vollständige Energiewende kämpfen und jeder

das auch in einem Brief an Kanzlerin Merkel kundtut, dann kann mein Traum Wirklichkeit werden.

 

Quelle: Matthias Willenbacher: Denn die Energiewe nde darf nicht scheitern! Mein unmoralisches ANGEBOT an die Kanzlerin. Freiburg im Breisgau 2013.

 

Matthias Willenbacher – ein Pionier der erneuerbaren Energien

Es war eine simple Idee, die Mitte der Neunzigerjahre den damals 25-jährigen Doktorranden der Physik für die erneuerbaren Energien begeisterte: Allein mit der Kraft des Windes Strom erzeugen, und damit saubere und nahezu unerschöpfliche Energie vom „eigenen“ Acker ernten. Schnell konnte Willenbacher seine Begeisterung auf Freunde und Bekannte übertragen – und so errichtete der auf einem landwirtschaftlichen Hof aufgewachsene Pfälzer 1995 oberhalb des kleinen Dorfes Schneebergerhof zusammen mit acht weiteren Windenergie-Enthusiasten auf dem Grundstück seines Onkels eines der ersten Windräder im Herzen von Rheinland-Pfalz.

Der Windrad-Standort im Donnersbergkreis, zwischen Kaiserslautern und Mainz gelegen, wurde schnell zum Anziehungspunkt für Freunde der erneuerbaren Energien. Darunter auch Fred Jung aus dem benachbarten Kirchheimbolanden, der ebenso wie Willenbacher auf die Kräfte der Natur setzen wollte. Die Chemie zwischen den beiden in der Landwirtschaft fest verwurzelten Akademikern stimmte: Erst per Handschlag, dann per Eintrag in das Handelsregister wurde 1996 die juwi Windenergie GmbH gegründet – die Keimzelle der heutigen juwi-Gruppe, die mit rund 1.800 Mitarbeitern zu den weltweit führenden, rein auf erneuerbare Energien setzenden Unternehmen gehört.

Schnell wurde spürbar, mit welcher Begeisterung, Hartnäckigkeit und Bodenständigkeit die beiden gemeinsam eine Vision entwickelten: 100 Prozent erneuerbare Energien, dezentral und immer in enger Kooperation mit Partnern vor Ort. So entwickelte Willenbacher schnell ein gutes Gespür für die richtigen Geschäftsideen und die richtigen Partner und wurde selten enttäuscht. Der Windenergie folgten zahlreiche Projekte mit Solarstrom, Biogas, Holzpellets, und schon vor zehn Jahren wagte sich Willenbacher mit seinem Team ins Ausland, nach Frankreich, Costa Rica und in die USA.

Zudem kannte seine Begeisterung für Neues kaum Grenzen: Elektrofahrzeuge, Energieeffizienz im Gebäudesektor, Partnerschaften mit regionalen Energieversorgern, Speichertechnologien, eine Stiftung für 100% erneuerbare Energien – Willenbacher setzte und setzt Trends in der „grünen Energiewirtschaft“ Deutschlands. Als einer der ersten Unternehmer fuhr er rein elektrisch, erst im dreirädigen City-EL, später im sportlichen Tesla. Er bestimmte maßgeblich die technische Ausstattung des neuen Firmensitzes in Wörrstadt, und machte so den mehrstöckigen Holzbau zu einem der energieeffizientesten Bürogebäude der Welt.

Doch was ihn wirklich umtreibt, ist die Überzeugung anderer vom Mehrwert erneuerbarer Energien. Deshalb stürzt er sich in politische und gesellschaftliche Debatten rund um das richtige Fördersystem für Sonnen- und Windenergie-Anlagen, setzt auf Umweltbildung, spricht immer wieder mit Landeigentümern, Kommunalpolitikern, Unternehmern über die regional beste Lösung für einen Windpark oder eine Solarstromanlage. Zusammen mit Fred Jung ruft er die „100% erneuerbar Stiftung“ ins Leben und engagiert sich auch in den Ländern der Dritten Welt für eine nachhaltige Energieversorgung. Dafür wird er mehrfach – unter anderem vom Wirtschaftsmagazin Capital zum „Greentech-Manager des Jahres 2009“ und von der Deutschen Umwelthilfe mit dem „Klimaschutzpreis 2008“ – ausgezeichnet und als Protagonist für den Kinofilm „Energy Autonomy: Die vierte Revolution“ engagiert.

Willenbacher blieb – wie sein Kompagnon Fred Jung – bodenständig bei all dem Erfolg, würde am liebsten noch heute lieber den Spaten als das Managementhandbuch anpacken. Was natürlich nicht wirklich geht, denn als Vorstand eines weltweit agierenden Unternehmens mit Niederlassungen in rund 15 Ländern, einer bundesweiten Präsenz und allein in Deutschland rund 1.300 Mitarbeitern, muss er sich in der Tat auf das Wesentliche konzentrieren: die Unternehmensführung. Und doch findet er Platz und Zeit für seine Ideen, bei den Mitarbeitern, den Kunden, den Lieferanten und in der Politik. Beispielsweise auf der Delegationsreise mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang 2013 nach Santiago de Chile, wo Willenbacher als einziger Vertreter der regenerativen Energiebranche vor Ort die Solarprojekte der juwi-Gruppe in Chile vorstellen konnte.

Willenbacher ist ein Wandler zwischen den Welten, und er beherrscht das landwirtschaftliche Parkett ebenso wie die große Bühne . Engagiert argumentiert er auf Bürgerversammlungen, Podiumsdiskussionen und Kundenterminen für den Ausbau der erneuerbaren Energien, für die gute Sache der sauberen, unabhängigen und dezentralen Energieversorgung. Er überzeugt nicht alleine durch Argumente, sondern vor allem durch sein authentisches Auftreten. Man nimmt ihm ab, dass es ihm nicht um persönlichen, monetären Gewinn geht, sondern um einen Mehrwert für die Gesellschaft und für künftige Generationen. Das ist für ihn der ganz persönliche Gewinn.

Text:  Christian Hinsch