Michael Otto

Dr. Michael Otto, Jahrgang 1943, ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Hamburger Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto (GmbH & Co KG). Von 1981 bis Oktober 2007 leitete er die Otto Gruppe als Vorstandsvorsitzender. Unter seiner Führung entwickelte sich die Firma zur international größten, einzigen weltweit agierenden Versandhandelsgruppe. Otto ist heute mit 123 wesentlichen Unternehmen in mehr als 20 Ländern Europas, Amerikas und Asiens vertreten. Im E-Commerce ist die Otto Gruppe im reinen Endverbrau- chergeschäft für Fashion und Lifestyle weltweit die Nr. 1. Nach dem Abitur absolvierte Michael Otto eine Banklehre und anschließend ein volkswirt- schaftliches Studium mit Promotion zum Dr. oec. publ. 1971 trat er in das Unternehmen Otto ein und übernahm den Vorstandsbereich Einkauf Textil. Seine Einstellung, dass es wichtig ist, auch Aufgaben in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, manifestiert sich in der Übernahme einer Reihe von Ehren- ämtern. Dr. Otto ist u. a. Stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Kultur- kreis der Deutschen Wirtschaft, Berlin; Ehren-Vorsitzender des Stiftungs- rates der Umweltstiftung WWF Deutschland; Vorsitzender des Kuratoriums der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz; Aufsichtsratsmandate: Axel Springer AG, Berlin und als Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreu- hand KG, Stuttgart.

Weiterführende Informationen:
www.ottogroup.com

 

 

Nachhaltigkeit als Berufung

Nachhaltigkeit – der Begriff ist heutzutage in aller Munde. Viele Menschen betrachten Nachhaltigkeit als Imagefaktor. Nicht selten verwechseln sie ihn mit Wohltätigkeit und großzügigem Spenden von Geld, das sie zuvor auf wenig nachhaltige Weise verdient haben.

Doch was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich? Aus meiner Perspektive als Unternehmer steht der Begriff der Nachhaltigkeit dafür, Verantwortung zu übernehmen, eine ausgewogene Balance zwischen ökonomischer, ökologischer und sozialer Ausrichtung der eigenen Wirtschaftstätigkeit zu schaffen und auf einen fairen Umgang mit allen an dem Prozess Beteiligten zu achten.

Es mangelt sicher nicht an guten Vorsätzen, nur stellen manche Unternehmer angesichts des globalen Wettbewerbs ihr Wertesystem immer noch gerne hintenan. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Wirtschaften scheint schwer umsetzbar. Das ist aber nur auf den ersten Blick richtig. Die Erfolge vieler Unternehmen in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass nachhaltiges Wirtschaften keine Träumerei, sondern machbar und auch notwendig ist und am Ende oftmals auch wirtschaftlich einen Return on Investment zeigt.

Nachhaltiges Wachstum zu erzeugen, bedeutet für mich, sowohl die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens als auch seine Zukunftssicherung gleichermaßen im Auge zu behalten.

Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich das Prinzip des nachhaltigen Wirtschaftens frühzeitig in der Otto Group etabliert. Bereits vor 26 Jahren, 1986, habe ich Umweltschutz zum strategischen Unternehmensziel erklärt. Seit 1995 hat die Kerngesellschaft OTTO einen eigenen »Code of Conduct«, einen Verhaltens-Kodex, der soziale Standards regelt, auf den sich unsere Lieferanten weltweit verpflichten und der später dann in den BSCI-Standard übergegangen ist. Globale, verantwortungsbewusste Umwelt- und Sozialpolitik sind integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie. Heute sind wir beim Thema Nachhaltigkeit eines der führenden Unternehmen und stolz auf unsere Vorreiterrolle.
Ziel unseres Engagements ist es, Nachhaltigkeit konsequent in unseren Kernprozessen zu verankern und sie zu einem wichtigen Faktor im weltweiten Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage zu machen. Neben einem fairen Umgang mit Mitarbeitern – auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt – umfasst das eine die Ressourcen schonende Produktion von Waren sowie das bürgerschaftliche Engagement.
Als Handelsunternehmen sind wir Mittler zwischen Angebot und Nachfrage. Wir können sowohl auf die Lieferanten und deren Produktionsbedingungen als auch auf die Konsumenten durch umfangreiche Informationen Einfluss nehmen. Für die Produktion unserer Handelsprodukte verlangen wir deshalb weltweit von unseren Lieferanten strenge Umwelt- und Sozialstandards, die wir auch von unabhängigen Auditoren regelmäßig vor Ort prüfen lassen. An unseren eigenen Standorten verfolgen wir eine klare Klimaschutzstrategie sowie ein soziales Miteinander.

Die Anstrengungen, die wir unternehmen, lohnen sich zunehmend, denn die Verbraucher in den Industrieländern achten mehr und mehr auch auf die unsichtbare Produktqualität, die sich dadurch auszeichnet, dass bei der Produktion nachweisbar möglichst wenig negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt entstehen und sie achten auf das Engagement des Unternehmens.

Was macht Nachhaltigkeit darüber hinaus zu einer echten Berufung?
Folgende drei Dinge sind es nach meiner Ansicht, die man mitbringen sollte:
1. Leidenschaft für die Sache
2. ein besonderes Innovationsbewusstsein
3. Verantwortung für das eigene Tun und für ein faires Miteinander

Jeder von uns, egal an welchem Punkt in seinem Leben er sich befindet, braucht Leidenschaft, wenn er Dinge erfolgreich gestalten will. Menschen, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, denken weiter. Nur, wer leidenschaftlich für eine Sache brennt, kann andere davon überzeugen. Das zeigt sich insbesondere bei Themen, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Einen entscheidenden Anstoß für mein persönliches Engagement im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes gab Anfang der 1970er Jahre der erste Bericht an den Club of Rome: »Die Grenzen des Wachstums«. Ich habe damals erkannt, dass man Bewusstsein schaffen muss, aber noch wichtiger: dass gehandelt werden muss. Die Wirtschaft muss dem Wohle des Menschen dienen,- nicht umgekehrt. Für diese Überzeugung habe ich leidenschaftlich gekämpft. Als ich in den 80er Jahren Umweltschutz als Unternehmensziel verankert habe, haben mich etliche Kollegen belächelt. Heute werden die Themen Umweltschutz und soziale Verantwortung in unserem Hause selbstverständlich gelebt. Sie sind Teil unserer Unternehmensstrategie und Basis für unsere erfolgreiche nachhaltige Wirtschaftstätigkeit

Darüber hinaus ist ein besonderes Innovationsbewusstsein erforderlich, um Nachhaltigkeit erfolgreich zu betreiben. Damit meine ich nicht Erfindungen, sondern einen kontinuierlichen, zuweilen auch radikalen Verbesserungsprozess im Rahmen des Vorhandenen. Innovationen sind Teil der Unternehmensverantwortung insgesamt. Sie bedeuten Zukunftsfähigkeit und stehen schon deshalb auch für eine nachhaltige Unternehmensführung.

Zu den brennenden gesellschaftlichen Themen unserer Zeit gehören neben Klimawandel, Armut, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit auch die Urbanisierung und Industrialisierung in den Entwicklungsländern sowie der demografische Wandel in den westlichen Ländern. All diese Themen beeinflussen uns täglich, persönlich als auch in unserem wirtschaftlichen Handeln. Um die daraus resultierenden gewaltigen Herausforderungen zu stemmen, müssen insbesondere Unternehmen zwingend innovativ sein. Deshalb müssen wir neue, innovative Wege beschreiten. Wir müssen Mut haben, auszuprobieren. Wir müssen bereit sein, zu teilen – Know-how, aber auch Wachstum und Wohlstand. Wir müssen Win-Win-Situationen für alle Beteiligten an der Wertschöpfungskette schaffen. Wir müssen eine Form der Gerechtigkeit schaffen, die allen Menschen auf dieser Erde langfristig auch Zufriedenheit gibt. Und wir müssen uns endlich darauf besinnen, dass auch für die Generationen nach uns auf jeden Fall noch ein lebenswertes Leben möglich sein muss. Wer als Unternehmer nachhaltig gestalten will, der braucht aber nicht nur Entschlossenheit, sondern auch die unternehmerische Freiheit, langfristig zu denken und zu handeln. Selbstverständlich beginnt die Verantwortung des Managements eines Unternehmens immer damit, eine ausreichende Rendite zu erwirtschaften, um überhaupt im Wettbewerb bestehen zu können. Entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens, das ist meine Erfahrung und gleichzeitig meine tiefe Überzeugung, ist aber nicht der kurzfristige ökonomische Mehrwert. Es ist vielmehr die langfristige Ausrichtung des Unternehmens unter angemessener Berücksichtigung der Interessen aller am Erfolg des Unternehmens Beteiligten, also aller Stakeholder.

Nur, wenn alle davon profitieren können, sind unsere Lösungen nachhaltig und damit auch innovativ.

Eine kurzfristige, grenzenlose Gewinnmaximierung auf Kosten der Gemeinschaft sollte in unser aller Interesse bald der Vergangenheit angehören. Die soziale Marktwirtschaft hat sich über Jahrzehnte bewährt. Die überwiegende Zahl aller Unternehmen handelt auch nach diesen Spielregeln. Ihr wesentlicher Grundsatz lautet: Wirtschaftliche Freiheit und Verantwortung für Mensch und Natur sind zwei Seiten derselben Medaille.

Berufung zur Nachhaltigkeit braucht nach meinem Verständnis zudem eine hohe Verantwortung auch für das eigene Tun. Nicht nur Unternehmen und Politik, sondern auch jeder Einzelne von uns, sollte jeden Tag selbst etwas dafür tun, um die natürlichen Ressourcen zu schützen, unsere CO2-Emmissionen zu senken und die Entwicklung unserer Gesellschaft im sozialen Bereich voranzutreiben. Deshalb ist es mir wichtig, dass Werteorientierung nicht nur integraler Bestandteil unserer unternehmerischen Entscheidungsprozesse ist. Sie muss sich auch im Verhalten unserer Mitarbeiter und im gesellschaftlichen Engagement des Unternehmens widerspiegeln.

Für mich persönlich bedeutet das, die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Deshalb habe ich 2005 die »Aid by Trade Foundation« mit ihrer Initiative Cotton made in Africa gegründet. Ziel der Initiative ist es, afrikanische Kleinbauern darin zu schulen, Baumwolle gemäß nachhaltiger Kriterien besonders effizient zu produzieren und damit höhere Einkommen zu erreichen. Durch eine von der Stiftung organisierte Nachfrageallianz verschaffen wir der Baumwolle gleichzeitig günstigere Absatzchancen auf dem europäischen und dem amerikanischen Markt. Aus den Lizenzgebühren für Cotton made in Africa zahlt die Stiftung den afrikanischen Baumwollbauern eine Dividende und den Bau von Schulen. Dadurch erhalten deren Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, anstatt auf dem Feld zu arbeiten

Ich persönlich halte Soziales Engagement, Umweltschutz und ein faires Miteinander für die tragenden Säulen unserer Gesellschaft. Jeder von uns kann hier Verantwortung übernehmen im Rahmen seiner Möglichkeiten. Nur dann ist diese Gesellschaft auch vital und lebensfähig und kann dem Einzelnen die Möglichkeit zu einer erfolgreichen persönlichen Entwicklung bieten.

Auszeichnungen

u.a. Deutscher Marketing-Preis 1982; Manager des Jahres 1986 und 2001; Öko-Manager des Jahres 1991; International Retailer of the Year 1995 der National Retail Federation, New York; Deutscher Umweltpreis 1997 der Deutschen Bundesstiftung Umwelt; Ehrensenator der Universitäten Hamburg und Greifswald, 2000; Preis für Unternehmensethik 2000 des Deutschen Netzwerk Wirtschafts­ethik; Sustainability Leadership Award, 2002; Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin, 2004; Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern, 2006; Deutscher Handelspreis in der Kategorie Lifetime »Lifetime Award 2007«; Business Hall of Fame des Manager Magazins (2012).