Miriam Goos

Dr. med. Miriam Goos, Jahrgang 1977, ist Neurologin und leitet in Unternehmen Seminare zu den Themen Stressmanagement und Resilienztraining. Mit ihrer Firma Stressfighter Experts unterstützt sie mit einem Expertenteam Unternehmen bei der Burnout–Prävention. Nach Medizinstudium und Promotion an den Universitäten Hamburg, ­
St. Gallen und Kings College in London 2003 arbeitete sie am Universitätsklinikum Göttingen. Während dieser Tätigkeit registrierte sie in der Notaufnahme und auf der Intensivstation eine drastisch steigende Anzahl von Patienten mit stressbedingten Erkrankungen. Auch der Krankheitsverlauf erschien ihr besorgniserregend. Wenn die Beschwerden so weit fortgeschritten waren, dass die Patienten eine Klinik aufsuchten, war eine vollständige Heilung sehr zeit­intensiv und selten. Sobald die Menschen in ihr altes Umfeld zurückkehrten, zeigten sich bereits nach kurzer Zeit ähnliche Symptome. Professionelle und ärztlich fundierte Unterstützung müssen ihrer Meinung nach präventiv eingesetzt werden, bevor die Menschen unter den ersten Symptomen leiden. Parallel zu ihrer klinischen Arbeit forschte Miriam Goos in den Jahren
2004 bis 2010 im Bereich der Neurobiologie. Die Erkenntnisse aus der Neuroplastizität und die Reaktionen des Gehirns auf kontinuierlichen Stress bilden den Kernpfeiler für das von ihr entwickelte Resilienztraining.

Weiterführende Links:
www.stressfighter-experts.de

 

Gesundheitsprävention und Stressmanagement durch Achtsamkeit

»Tu Deinem Leib etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen!«

Teresa von Ávila

Ich war schon immer fasziniert von unserem menschlichen Körper. Bereits als Kind stellte ich mir immer wieder vor, wie genau in dieser Sekunde Millionen von hochkomplexen Abläufen in meinem Körper stattfanden und das ganze System regelten: Hormone, Nervenzellen, die feuern, Blutzellen, die Nährstoffe und Sauerstoff durch den gesamten Organismus transportieren.

Im Studium entdeckte ich schnell meine Leidenschaft für das Gehirn. Doch bereits nach einigen Jahren im klinischen Alltag erfuhr ich eine immense Enttäuschung. Ich musste feststellen, dass die Patienten, die unsere Notfallambulanz stürmten, längst nicht mehr primär unter den typischen neurologischen Erkrankungen litten. Sie zeigten zwar die gleichen Symptome wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schwindel und Schlafstörungen, aber in der überwiegenden Anzahl der Fälle konnten wir keine organische krankhafte Störung des Körpers als Ursache der Beschwerden finden.
Ich stellte mir die Frage, was hier eigentlich vor sich ging? Warum haben wir als eine der größten neurologischen Kliniken Deutschlands so einen drastischen Zulauf an Patienten mit stressbedingten Erkrankungen?

Die Zahl psychischer Erkrankungen hat sich im Zeitraum 2000 bis 2010 nahezu verdoppelt, während alle anderen Krankheitsursachen auf einem ähnlichen Niveau verblieben sind. »Stress und stressinduzierte Erkrankungen werden im Jahr 2020 die häufigste Krankheitsursache weltweit sein«, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer Studie schon 1998.

In der Notaufnahme habe ich genau diese Entwicklung hautnah miterlebt. Und eines Tages hatte ich ein Schlüsselerlebnis, wonach ich meine Laufbahn änderte und die Uni-Klinik verließ:

Es kam eine junge ambitionierte Eventmanagerin zu mir in die Ambulanz, die plötzlich bei einem Meeting bewusstlos auf dem Boden zusammengebrochen war. Ich untersuchte sie mit aufwendigen diagnostischen Verfahren und konnte trotz allem keine Ursache für ihr Leiden finden. Ihr Zustand verschlechterte sich dennoch in den folgenden Wochen. Die Kopfschmerzen wurden täglich stärker und sie wurde unerwartet von Schwindelanfällen übermannt. Zunehmend verlor sie das Gefühl im linken Unterarm und auf der linken Wange. Nachdem alle Untersuchungen keine organische Ursache zeigten, kamen wir zu dem Schluss, dass nur eine psychosomatische Ursache in Frage kam.

In den folgenden Jahren kam sie jedoch immer wieder zu mir. Obwohl sich die Beschwerden leicht gebessert hatten, fand die Patientin nie wieder in ihr altes Leben zurück. Sie erreichte auch nach langjähriger Behandlung nicht mehr als maximal 50 Prozent ihrer alten Leistungsfähigkeit.

In mir löste diese Patientin Zweifel am üblichen medizinischen Umgang mit psychosomatischen Erkrankungen aus. Denn die Ursache für ihr Leiden war eine sehr hohe Belastung im Beruf in Kombination mit ihrem Unvermögen, darauf einen adäquaten Umgang zu entwickeln. Da sie sich selbst ein Scheitern im Beruf nicht eingestehen konnte, übernahm dies ihr Körper für sie.

Mich erschütterte es zutiefst, zu sehen, wie schnell und tief ein Mensch fallen kann, wenn er nicht rechtzeitig reagiert, sobald sein Leben aus dem Ruder läuft. Die ersten Anzeichen wie ein Zucken am Auge oder ein Ohrgeräusch werden häufig nicht als erstes Warnsignal ernst genommen und so werden die Reaktionen des Körpers schnell drastischer.

Nach diesem Erlebnis entschloss ich mich, meiner Überzeugung zu folgen und zu einem früheren Zeitpunkt anzusetzen. Seitdem beschäftige ich mich mit Gesundheitsprävention und Stressmanagement durch Achtsamkeit. Und zwar nicht mehr in einer medizinischen Klinik. Nein, direkt dort, wo alles beginnt: an den verschiedenen Arbeitsplätzen der Menschen. Dort, wo wir den größten Einfluss auf den weiteren Verlauf haben.

Dabei ist das Wichtigste, dass die Menschen rechtzeitig lernen, bewusst die Verantwortung für die Signale ihres Körpers zu übernehmen. Dass sie darauf achten, wie sich der Körper fühlt und seine Meldungen honorieren. Wenn die Menschen gesund werden oder an ihrer persönlichen Entwicklung arbeiten möchten, müssen sie lernen, den Körper wahrzunehmen und wissen, welches seine Möglichkeiten sind und wo seine Grenzen liegen. Der einzige Weg, dies herauszufinden, ist, ihn achtsam über längere Zeit hinweg zu beobachten. Genau das macht Nachhaltigkeit aus. Die Verantwortung für seinen Körper rechtzeitig selbst zu übernehmen und ihn achtsam mit seinen Bedürfnissen und Grenzen zu erfahren und würdevoll zu behandeln.

In diesem Punkt sehe ich auch die Nachhaltigkeit in Bezug auf unser gesamtes Gesundheitssystem. Die Kosten, die in aufwendige Untersuchungen der Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen fließen, sollten sinnvoll in ein rechtzeitiges Gesundheitstraining investiert werden, das vor allem auch langfristig in den Arbeitsalltag integriert werden muss. Nur so kann eine optimale Nutzung unserer menschlichen Ressourcen garantiert werden.

Viele wissenschaftliche Studien konnten in den letzten Jahren belegen, welchen immensen Einfluss ein adäquates Training hier hat. Nicht nur bei psychosomatischen Patienten, sondern sogar bei organisch Erkrankten wie Asthma-, HIV- und Schlaganfallpatienten führte das Training zu einer stark erhöhten Leistungsfähigkeit und dadurch auch deutlich verbesserten Lebensqualität. Der Körper sollte nicht weiterhin als reiner Nutzgegenstand betrachtet werden. Wir sollten lernen, eine Faszination und liebevolle Wertschätzung für unseren eigenen Körper zu entwickeln. Wir können ihn nicht wie ein defektes Auto in die Reparatur bringen, wenn er nicht mehr arbeitet. Wir müssen beginnen, ihn als unseren wichtigsten Partner im Leben zu betrachten. Dann können wir uns sowohl in guten als auch glücklicherweise ebenso in schwierigen Zeiten auf ihn verlassen.