Monika Griefahn

Monika Griefahn (Dipl.-Soziologin), Jahrgang 1954, ist Gründungsmitglied von Greenpeace Deutschland und war Co-Geschäftsführerin von 1980 bis 1983. Sie organisierte unter anderem Kampagnen für den Schutz der Nordsee.

Von 1984 bis 1990 arbeite Griefahn als erste Frau in deren internationalen Vorstand und war verantwortlich für die Gründung neuer Büros weltweit und für die Aus- und Fortbildung.

Von 1990 bis 1998 war sie Umweltministerin in Niedersachsen und kämpfte insbesondere für den Ausstieg aus der Atomenergie, eine neue Abfallpolitik ohne Verbrennung und für mehr Naturschutz.

Von 1998 bis 2009 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie schwerpunktmäßig zuständig für die Bereiche Kultur und Medien, Neue Medien und auswärtige Bildungs- und Kulturpolitik.

2012 gründete sie die „Monika Griefahn GmbH institut für medien umwelt kultur“, deren Geschäftsführerin sie ist. Das Institut berät Unternehmen und Organisationen, die sich für umfassende Qualität engagieren.

Monika Griefahn, Ministerin a.D. und Bundestagsabgeordnete a.D., ist vielfältig ehrenamtlich tätig, unter anderem als Co-Vorsitzende und Jurymitglied der Right Livelihood Award Foundation („Alternativer Nobelpreis“) und als Vorsitzende des Vereins „Cradle to Cradle – Wiege zur Wiege“ e.V.

Weitere Informationen:
http://www.griefahn.de/

 

Kulturpolitik und Nachhaltigkeit

Schon lange bin ich der Meinung, dass Nachhaltigkeit, so wie wir sie heute verstehen, zu kurz gedacht ist. Die Grundlage einer nachhaltigen Gesellschaft ist eine Kultur der Partizipation, der Empathie und Fairness, der Vielfalt und Schönheit. Diese Begriffe orientieren sich an den Ur-Bedürfnissen des Menschen, und nur, wenn wir diese Bedürfnisse erfüllen, können wir zu einer Form der Nachhaltigkeit kommen, die diesen Begriff verdient. Der Mensch unterscheidet sich von allen anderen Lebewesen eben dadurch, ein kulturelles Wesen zu sein, das heißt auch Dinge gestalten zu können, und er muss die Freiheit und Möglichkeit dazu haben.

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Rufen wir uns kurz ins Gedächtnis zurück, wie Nachhaltigkeit 1987 im Brundlandt-Report definiert wurde:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“

In der politischen und gesellschaftlichen Debatte ist Effizienz das Zauberwort in der heutigen Interpretation von Nachhaltigkeit, es wird also vorwiegend wirtschafts- oder umweltpolitisch argumentiert. Nach dieser Effizienztheorie leben Menschen nachhaltig, wenn sie sparen: Strom sparen durch A+++-Geräte, Heizkosten sparen durch eine energetische Sanierung des Hauses. Das ist alles im Grunde nicht falsch, aber es greift zu kurz. Nachhaltigkeit ist mehrdimensional, und mit einer höheren Effizienz wird hauptsächlich die ökonomische Seite bedient. Energiekosten sind hoch - wer Energie spart, spart Geld und schont das Klima. Aber letztlich ist der Spareffekt meist auch noch ein Trugschluss, weil technische Neuerungen, technische Spielereien, nur allzu häufig den Einspareffekt wieder zunichtemachen. Es kommt zu einem Rebound Effekt.

Was ist mit den ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit? Im Effizienzdenken sind sie bestenfalls ein Nebenprodukt, und oft genug steht Effizienz einer gesunden und vielfältigen Ökologie entgegen. Denn diese braucht Vielfalt, sie braucht Nischen und Schlupflöcher. Sie braucht Verschwendung, um sich selbst reproduzieren zu können - und das haben biologische und kulturelle Vielfalt gemeinsam. Aber Artenschutzbemühungen erreichen seit Jahren ihre Ziele nicht. Mit den Fehlentwicklungen der erneuerbaren Energien ist die Vielfalt der Landschaft z.B. hier in Südniedersachsen einer eintönigen Agrarwüste mit Vermaisung gewichen.

Effizient sind Dinge in der Regel, wenn sie konform sind, eckig und gleich. Schönheit und Vielfalt geht dabei verloren. Dazu nur ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Menschen haben sich seit Generationen an Briefmarken erfreut. Sie haben sie gesammelt, gehandelt, sie zumindest aber beachtet, wenn sie einen Brief bekamen mit einer schönen Marke darauf. Heute sind es eintönige Strichcodes, die die Marken ersetzen.

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Und die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit? Effizienz verschwendet keinen Gedanken daran. Treffpunkte in Städten, gesunde Innenräume, Areale, in denen Menschen Kraft schöpfen, sich an Schönem erfreuen und Erholung finden, all das ist beim Effizienzdenken nicht vorgesehen, sondern wird von den Menschen mühsam wiedererobert wie beim Urban Gardening. Man findet diese kurzsichtige Strategie in der Architektur und Bauplanung, aber auch bei Arbeitsbedingungen oder bei gedankenlos mit giftigen Substanzen hergestellten Produkten oder bei der Schließung von Musikschulen und Bibliotheken.

Echte, mehrdimensionale Nachhaltigkeit inklusive biologischer und kultureller Vielfalt ist für Menschen ein erheblicher Gewinn an Lebensqualität und damit Grundlage für Entwicklung. Und es ist das, was sie immer, auch manchmal nur unterbewusst, anstreben. Wieso zum Beispiel sind die meisten Desktop-Hintergründe Naturmotive? Aber wie kommen wir an dieses Ziel, wie setzen wir mehrdimensionale Nachhaltigkeit, also umfassende Qualität endlich um?

Lassen Sie uns schauen, was die Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes dieser Aufgabe an Konzepten gegenüberstellt. Erkannt hat die Bundesregierung, dass jeder, der investiert, produziert und konsumiert, über Nachhaltigkeit entscheidet. Sie betont, dass es nicht um eine „Ethik des Verzichts“ geht, sondern um Phantasie, Kreativität und technisches Know-how, um „umweltverträgliche und ressourcensparende Produktions- und Konsumgüter voranzutreiben“. Und sie betont, dass es eine Aufgabe für alle ist: Unternehmer, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen und Beschäftigte.

Ehrlich gesagt, ich sehe nicht, dass das schon besonders gut funktioniert und vor allem alles ist, was der Mensch so braucht. Vielleicht ist es typisch deutsch, dass wir die größten Fortschritte beim technischen Know-how zu verzeichnen haben. Unternehmen haben viel Geld und Grips in Effizienztechnologien gesteckt. Das führt vermeintlich dazu, dass weniger Energie verbraucht wird, de facto aber zu dem Rebound-Effekt, den ich schon angesprochen hatte. Diese Lust am Konsum und die Lust an der Gewinnmaximierung, die konnte die Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes noch nicht in nützlichere Bahnen lenken.

Die Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes betont auch die Ziele von Rio 1992, wo die Vereinten Nationen sich zum Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung bekannt haben. Anschließend hat sich vieles getan: In zahlreichen Kommunen haben sich im Rahmen der Lokalen Agenda 21 Beiräte gebildet, gestaltende Umweltgruppen oder Kinderparlamente. (…) Auch heute noch sind Bürger aktiv, aber der positive Aktionismus hat sich häufig gewandelt in ein reines Dagegensein. Gegen einen tiefer gelegten Bahnhof in der eigenen Stadt. Gegen die Erdgasleitung vor seinem Haus, gegen den Hähnchenstall im eigenen Dorf.

Die nationale Nachhaltigkeitsstrategie scheint noch nicht dazu geeignet, das hohe Aktivitätspotenzial des mündigen Bürgers von einer Protesthaltung in positive, phantasievolle und kreative Mitgestaltung zu organisieren. Und an dieser Stelle möchte ich schon einmal einwerfen, dass eine gezielte Kulturpolitik hier vielleicht Abhilfe schaffen kann: zum einen für positive Mitgestaltung zu sorgen, zum anderen die Lust am Konsum kreativ zu nutzen.

Aber schauen wir zunächst auf jene Debatte, in der Verzicht und Rückbesinnung die Grundlage der Nachhaltigkeit darstellen soll: Die Postwachstumsökonomie. Damit wird eine Wirtschaft bezeichnet, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile Versorgungsstrukturen verfügt, allerdings mit einem reduzierten Konsumniveau. Sie geht davon aus, dass es nicht möglich ist, durch eine Fortentwicklung der Technik Wachstum von den gegebenen ökologischen Grenzen zu entkoppeln. Industrielle, globale Strukturen sollen partiell zugunsten einer regionalen Selbstversorgung zurückgefahren werden. Eigenarbeit, Tauschringe, Nachbarschaftshilfe und Community-Gärten sind einige der Umsetzungsmöglichkeiten. Das Konzept geht auch davon aus, dass ab einem bestimmten Konsumniveau eine weitere Steigerung nicht zu mehr Glück oder Lebensqualität führen wird.

Letzteres wohl wissend, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass irgendein Staat der Welt sich vom Wachstumsdogma verabschieden will. (…) Zu unüberschaubar sind die Verflechtungen und Selbstverständlichkeiten, die aufgebrochen werden müssten. Zu unmöglich scheint es, eine Gesellschaft, eine Marktwirtschaft, umzubauen. Denn was sich ändern müsste, sind Werte. Leistungsstreben, Konsum und Besitz müssten verändert werden in Ziele wie Gemeinwohl, Teilen und Suffizienz – also Dinge als ausreichend zu betrachten, auch wenn man nicht das Maximum in Anspruch genommen hat. Wer die Postwachstumsökonomie will, und wer will, dass es nicht nur eine wissenschaftliche Debatte unter den „Satten“ bleibt, der wird nicht umhin kommen, den Menschen ihre kulturelle Grundlage wieder bewusst zu machen. Das wird nicht ad hoc geschehen, und es funktioniert oft auch nicht in Krisen.

Aber schauen wir in die Kommunen. Dort finden sich erste Anzeichen einer solchen Kulturveränderung. Wir finden Seniorenbeiräte, deren Mitglieder andere Senioren, die zum Beispiel nicht mehr mobil sind, zum Einkaufen fahren. Wir finden die Initiative Slow Food und wir finden das Siegel „Culinary Heritage/Regionale Esskultur“ in mehr als 20 Ländern Europas. Wir finden mit den mehr als 30 Höfen solidarischer Landwirtschaft in Deutschland ein Konzept der regionalen Wertschöpfung, das bestens in eine Postwachstumsökonomie passt. Es gibt die Initiative „Buy local“, die deutlich machen will, dass es ohne den Einkauf beim regionalen Einzelhandel auch keine Lebensqualität in der Stadt, kein kulturelles Angebot und kein Miteinander in der Nachbarschaft mehr geben wird. Was bliebe, wäre schlicht eine effiziente Verödung.

Wie deuten wir das, all diese kleinen Initiativen? Es sind verschwindend wenige, betrachtet man die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen. Aber sie zeigen doch, dass im Kern die Bedürfnisse der Menschen vielleicht noch woanders liegen als in Gewinnmaximierung und Konsum. Und sie zeigen auch, dass die vergangenen 30 Jahre Auseinandersetzung mit unserer Kultur die Gesellschaft bereits beeinflusst hat.

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Neben der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung und der Postwachstumsökonomie gibt es auch noch das Konzept „Cradle to Cradle“ - und dieses wiederum enthält eine weitere kulturelle Dimension. Ich meine die Wandlung der Besitz- zu einer Service-Gesellschaft. Dieses Konzept ist geeignet, den Zwang zu Besitztum aufzubrechen und eine deutliche kulturelle Veränderung in der Gesellschaft herzustellen.

Cradle to Cradle („Von der Wiege bis zur Wiege“) ist ein Design-Konzept, das die Natur zum Vorbild hat. In der Natur sind alle Produkte eines Stoffwechsel-Prozesses für einen anderen Prozess von Nutzen. Das Laub eines Baumes beispielsweise bietet Nahrung für ihn selbst und andere Pflanzen und Lebewesen wie Insekten und Vögel. Aus einer verschwenderischen Fülle von Kirschblüten entsteht eine neue Generation von Kirschbäumen. Gleichzeitig erfreuen sie unser Auge und damit unser kulturelles ästhetisches Sein – ganz ohne Effizienz, aber effektiv. Jedes Produkt, mag es noch so sehr als Abfallprodukt erscheinen wie welkes Laub -, ist nützlich.

Produkte und Produktionsverfahren nach der Idee von „Cradle to Cradle“ funktionieren genauso. Sie werden im besten Falle von Ingenieuren und Designern gemeinsam so entwickelt, dass ihre Stoffströme für sämtliche Güter in technischen oder biologischen Kreisläufen zirkulieren. Ein T-Shirt zum Beispiel, dessen Produktionsprozesse nur haut- und umweltverträgliche Bestandteile enthalten und das biologisch abbaubar ist, kann kompostiert werden. Es geht in den biologischen Kreislauf zurück und ist ein biologischer Nährstoff. In einem technischen Kreislauf können entsprechend ausgewählte Materialien zirkulieren – Voraussetzung dabei ist, dass Produkte sich wieder in ihre Bestandteile zerlegen lassen und dadurch technische Nährstoffe für Folgeprodukte werden.

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Das „Cradle to Cradle“-Konzept unterscheidet sich von der Postwachstumsökonomie insbesondere dadurch, dass es nicht daran glaubt, dass eine Gesellschaft sich auf der Maxime des Verzichts weiterentwickeln wird. Es gibt immer Gewinner und Verlierer bei einer Verzichtsökonomie. Wenn wir die richtigen Dinge tun, Produkte richtig und von umfassender Qualität herstellen (ökonomisch, ökologisch, sozial und kulturell), dann haben alle etwas davon. Denn wir geben der Erde und den Produktionsprozessen alles zurück, was wir entnommen haben. Die Natur kennt das Konzept „Abfall“ nicht!

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Mindestens in der Postwachstumsökonomie, aber auch beim „Cradle to Cradle“-Konzept benötigen wir einen anderen Blick auf die Dinge. Das bedeutet, wir brauchen kulturelle Veränderungen, Wertveränderungen. Rückbesinnung auf das, was den Menschen ausmacht. Wie wir Gesellschaft gestalten, das ist eine Frage der Kultur, und Kulturpolitik sollte aktiv gestalten. Lokale Initiativen zeigen, dass Potenzial und Bedürfnisse für eine andere Art zu leben vorhanden sind.

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Ich plädiere für einen Kulturbegriff, der über das künstlerische Schaffen hinaus auch Lebensformen, Wertvorstellungen, Traditionen und Glaubensrichtungen zählt. Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ bekommt eine neue Dimension. Kultur ist in dieser Sicht der Schlüsselbegriff für das Gesamtgeflecht von Verhaltensmustern, Normen und Werten, die innerhalb einer Gesellschaft die Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägen – so hat es auch schon die zweite Weltkonferenz über Kulturpolitik der UNSECO im Jahre 1982 in ihrer Erklärung von Mexiko City formuliert. Damit kommen wir weg von einer Nachhaltigkeitsdebatte, die in der breiten Öffentlichkeit immer noch nahezu ausschließlich über Effizienz und über Technik geführt wird – Stichwort Energiewende.

Kulturpolitik muss das fördern, was Menschen als kreativen nachhaltig denkenden und handelnden Menschen entfalten lässt. Das heißt sie muss die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu finden, nach ethischen Grundsätzen zu handeln, eigene Initiativen mit Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen zu verbinden, fördern. „Quer“ denken und Lösungen finden, das schaffen wir nur mit einer offenen Kultur.

Auszug aus einem Vortrag an der Evangelische Akademie Loccum zum Thema „Kulturpolitik und Nachhaltigkeit“ (Februar 2013).