Nicole Franken

Nicole Franken ist Kommunikationsexpertin und arbeitet seit 2002 beratend im Finanzdienstleistungssektor, für ein Wirtschaftsinstitut und in der Telekommunikation. Zunächst festangestellt tätig, ist Nicole Franken mittlerweile selbständig als Kommunikationsberaterin, Buchautorin, Trainerin und Dozentin. Ihre Herzensthemen sind Nachhaltigkeit und ihre Kommunikation, Veränderungsmanagement sowie Führungskräftekommunikation. Im Mai 2017 erschien beim oekom Verlag ihr erstes Buch „Corporate Responsibility in the clothing industry. From a consumer’s perspective“. Nach einem Politikstudium und diversen Auslandaufenthalten absolvierte Nicole Franken einen MBA und lebt mit ihrer Familie in Köln.

Weitere Informationen:
www.nicole-franken.de

Copyright Foto: NINA SIMONE PLUM

 

So kann Nachhaltigkeit am besten etabliert werden

Frau Franken, wann und wie fanden Sie zum Thema Nachhaltigkeit?

Bewussten Umgang mit unserer Umwelt und Liebe zur Natur haben mir bereits meine Eltern beigebracht. Angefangen mit dem eigenen Garten, in dem Tomaten, Himbeeren sowie anderes Obst und Gemüse angebaut wurden, brachte ich schon als Kind Altglas und Altpapier beim Wocheneinkauf weg. Für den nahmen wir auch Stofftaschen mit - das Bild, wie mein Vater die Getränkekästen mit den Taschen in den Kofferraum hebt, habe ich immer noch klar vor Augen. Licht ausmachen, wenn man den Raum verlässt, elektronische Geräte ganz ausmachen und nicht auf Standby laufen lassen, Wasser nicht unnötig verbrauchen - mit solchen Basics bin ich großgeworden, das war selbstverständlich. Dadurch begleitet mich das Thema Nachhaltigkeit mein Leben lang, und ich lebe es auch seit jeher.

Warum ist Nachhaltigkeit für Sie eine Herzensangelegenheit?

Kurz und knapp: Weil ich möchte, dass unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln dieser Planet mit seiner wunderschönen Natur erhalten bleibt. Und weil unsere Erde unsere Lebensgrundlage ist.

Weshalb sollten sich viel mehr Menschen damit beschäftigen?

Weil ich davon überzeugt bin, dass jeder einzelne seinen Teil beitragen und etwas bewirken kann. Das meiste sind nur Gewohnheiten und sich Dinge bewusst zu machen. Jeder kann durch seinen Konsum seine Meinung äußern, die Nachfrage beeinflussen und dadurch wirksam werden.

Was ist für Sie das Gefährliche an der Umweltproblematik?

Dass die Konsequenzen im Alltag, in Deutschland und Europa, kaum bis gar nicht spürbar sind. Zumindest noch nicht.

Worauf zielen Sie konkret ab?

Der Lebensstandard der westlichen Welt wird auf Kosten von Mensch und Umwelt aufrechterhalten. Schauen wir uns die Kleidungsindustrie an - sie zerstört die Umwelt, und Menschen werden ausgebeutet. Oder unser übermäßiger Fleischkonsum - neben unethischem Umgang mit Tieren belastet die Massentierhaltung die Umwelt enorm. Oder ganzjährig verfügbare Südfrüchte im Supermarkt, die über die halbe Welt zu uns geschafft werden. Oder Handys - dafür werden seltene Metalle benötigt und Unmengen Elektronik-Schrott produziert. Oder das billige Fliegen - es müsste wesentlich teurer sein angesichts der Umweltbelastungen. Oder die beliebten, benzinschluckenden SUVs. Diese Aufzählung könnte ich mühelos weiterführen.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Mit all diesen beispielhaft genannten Produkten und Dienstleistungen machen Unternehmen Profit. Auf der einen Seite bieten sie Arbeitsplätze und sind eine tragende Säule unseres Systems, keine Frage. Auf der anderen Seite sichern sie die Zukunft unserer Welt nicht. Und das sollte doch in ihrem eigenen Interesse sein. Aus diesem Grund bin ich von der unternehmerischen Verantwortung, der Corporate (Social) Responsibility oder C(S)R überzeugt. Unternehmen haben am Ende des Tages einen größeren Hebel, mehr Macht als der einzelne Bürger. Nichtsdestotrotz braucht es beide Parteien: die Anbieter und die Nachfrager.

Waren Sie schon immer beruflich engagiert in Sachen Nachhaltigkeit?

Nein, gewiss nicht. In meinen angestellten Berufsjahren machte ich klassisch PR und Öffentlichkeitsarbeit, also externe und auch interne Kommunikation. Zunächst beim Bankhaus Sal. Oppenheim, dann im Institut der deutschen Wirtschaft Köln und schließlich für die Deutsche Telekom. Ich kann also beide Perspektiven einnehmen, die unternehmerische und die nachhaltige, was wichtig ist. Streng genommen ist das ein und dieselbe Perspektive – Unternehmertum und Nachhaltigkeit bedingen sich. Mein Vater war übrigens schon vor meiner Geburt Unternehmer, ich bin also in diesem Umfeld groß geworden.

Wie kam es zum Wandel, auch beruflich den Fokus auf das Thema zu legen?

Durch die Geburt meines Sohnes Raphael. Dieses Ereignis hat viel mit mir gemacht. Ich stand vor den Fragen: Was isst mein Baby? Was zieht es an? Nahrung und Kleidung sind uns am nächsten. Also ging ich in die Themen rein, beschäftigte mich intensiv damit. Da ich beruflich stets mit Medien zu tun hatte und immer nachhaltig lebte, wusste ich bereits, dass da einiges im Argen liegt. Also entschloss ich mich, mein Herzensthema auch beruflich zu verfolgen, unter eigener Regie, also selbständig.

Sie sind Autorin des Buches "Corporate Responsibility in the clothing industry. From a consumer's perspective". Wie kamen Sie auf das Thema Ihrer Publikation?

In meiner Elternzeit beschäftigte ich mich wie gesagt zum ersten Mal seit vielen Jahren ausgiebig mit Dingen, die mich persönlich interessierten und bildete mich weiter durch einen MBA (Master of Business Administration). Das Thema meiner Master Thesis war schnell klar, weil ich mich hier monatelang in das Thema einarbeiten konnte: Unternehmerische Verantwortung - die Kleidungsindustrie wählte ich, da in dieser Branche Missstände und Handlungsbedarf sehr groß sind. Und weil Kleidung jeder von uns braucht, das Thema also wirklich jeden angeht.

Als Kommunikationsexpertin legte ich den Fokus auf Kommunikation und Verbraucher, denn hier müssen wir ansetzen, damit das Umdenken möglichst schnell passiert. Ich beauftragte die respondi AG mit einer bundesweiten Verbraucherumfrage von 504 Frauen, die im April 2016 durchgeführt wurde. Diese Ergebnisse glich ich mit sieben Experten aus der Kleiderbranche und dem Bereich CSR ab, darunter Wolfgang Grupp (Trigema), VAUDE, hessnatur und GOTS. Veröffentlicht wurde meine Studie im Mai 2017 vom oekom Verlag.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Dass zwei Drittel der Befragten keine CSR-aktive Kleidermarke kennen. Daran sieht man, dass im Bereich Nachhaltigkeitskommunikation noch viel zu tun ist. Interessant ist auch, dass das Ladenlokal, TV und das Internet in dieser Reihenfolge insgesamt die wichtigsten Kommunikationskanäle sind, die sich aber altersabhängig verändern. Das bedeutet, wenn man sich die Ergebnisse in den Altersgruppen anschaut, dass jüngere Menschen mehr online erfahren und ältere Menschen mehr Fernsehen schauen.

Positiv beeindruckt hat mich das Umfrageergebnis zu den Kriterien von verantwortlichem und nachhaltigem Verhalten von Kleidungsherstellern. Das sind gute Arbeitsbedingungen, umweltfreundliche Produktion und schadstofffreie Kleidung - die ersten zwei Aspekte belegen das bereits vorhandene Bewusstsein für unser Umwelt und Mitmenschen. Interessanterweise schätzten die befragten Experten diese drei Kriterien in der gleichen Reihenfolge ein!

Als schade empfand ich das Umfrageergebnis, dass Kleidersiegel tendenziell unbekannt sind und deshalb keine wirkliche Relevanz haben. Das ist auch ein klares Thema für Nachhaltigkeitskommunikation.

Was macht Nachhaltigkeitskommunikation für Sie aus?

Nachhaltigkeitskommunikation ist eine Win-Win Situation in dreierlei Hinsicht, für Verbraucher, Unternehmen und auch für die Umwelt. Durch Präsenz von CSR-Engagement kommt die Relevanz bei jedem Bürger an, Umdenken und Verhaltensänderung wird forciert - steter Tropfen höhlt den Stein. Dafür sollte Nachhaltigkeitskommunikation natürlich zielgruppenspezifisch sein und so transportiert werden, dass sie wahrgenommen wird. Was aber mindestens genauso wichtig ist: Sie muss transparent und ehrlich sein, also bestenfalls darüber berichten, dass das jeweilige Unternehmen CSR im Kerngeschäft verankert hat, es aus Überzeugung tut und bei der Unternehmensspitze ganz oben auf der Agenda der steht. Denn jedes Unternehmen tut sich selber einen Gefallen, nachhaltig zu sein, weil es damit seine geschäftlichen Chancen nutzt und Kosten senkt.

Da ein Unternehmen aber zuerst einmal im Markt bestehen muss, um Profit zu erwirtschaften, muss man pragmatisch und wirtschaftsnah denken, um alle an einen Tisch zu bekommen. Und später wird auch die Nachfrage das Angebot bestimmen. Es braucht Kooperation und Langmut, doch wichtige Schritte sind bereits getan: Beispielsweise die CSR-Berichtspflicht seit Januar 2017 oder das Textilbündnis, das Entwicklungsminister Müller 2014 gründete. Wir sind auf einem guten Weg!
 

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Zuerst erschienen: Pragmatisch und wirtschaftsnah: So kann Nachhaltigkeit am besten etabliert werden (Huffington Post, 1.6.2017, http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/pragmatisch-und-wirtschaf_b_16895710.html. Auch in: Alexandra Hildebrandt:    CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU  S.à r.l.  Weitere Informationen: https://www.amazon.de/dp/B01N1HNYOX/ref=cm_sw_em_r_mt_dp_odzmybA0CJ0PV

Stand: Juli 2017