Peter Schilling

Peter Schilling, Jahrgang 1956, ist seit den 80er Jahren musikalischer Globalplayer, Singer/Songwriter internationaler Hits wie „Major Tom (völlig losgelöst)“, „Terra Titanic“, „Die Wüste lebt“ oder „The Different story“. Mit „Völlig losgelöst – Mein langer Weg zum Selbstwert – aus dem Burnout zurück ins Leben“ legt er sein drittes Sachbuch  vor. 2007 schrieb er parallel zum gleichnamigen Album Emotionen sind männlich sein zweites Buch (2005 erschien von ihm  Lustfaktor-Wellness - Das Wohlfühlmanagement für den Mann). Im Januar 2013 feierte der Inhaber einer Entertainment KG in München mit neuem Studioalbum und einer Anniversary-Konzerttournee sein 30jähriges Bühnenjubiläum. Bereits als Fünfzehnjähriger erhielt er ein Angebot vom VfB Stuttgart in Form eines Vorvertrags. Daneben lag auch ein Angebot für einen ersten Plattenvertrag vor, für den er sich letztlich entschied. Doch dem Fußball ist er treu geblieben. 1989 litt er an Burnout und machte ein Jahr Schaffenspause. 1991 entstand in New York gemeinsam mit anderen Künstlern das Album The World of Lust and Crime. Seit Mai 2011 ist er Botschafter des Deutschen Kinderschutzbundes. Sein Engagement basiert unter anderem auf eigenen Erlebnissen: So wurde er durch seine Mutter in der Kindheit misshandelt in Form von massiven Gewalttätigkeiten. Ab 1970 erhielt seine Großmutter das Sorgerecht für ihn. Aus diesem Grund nennt sich die Kampagne des Deutschen Kinderschutzbundes Kleine Seele. Grosser Schmerz. Peter Schilling lebt in München und ist weiter als Musiker, aber auch als Buchautor tätig.

Weitere Informationen:
http://www.peterschilling.com
https://www.facebook.com/peterschillingcom

 

Selbstwert m8 Erfolg

Interview mit Peter Schilling

Weshalb ist für Sie das Gefühl, sich selbst etwas wert zu sein,  der Schlüssel für alles?

Weil man das, was man aussendet, im besten Falle, sich etwas wert zu sein, als Reflektion von seiner Umwelt zurückbekommt. Und das wiederum beeinflusst unsere täglichen kleinen und größeren Entscheidungen, die am Ende ein Ergebnis darstellen.

Wie wichtig für Ihr Leben war der Erwerb der sozialen Kompetenz über Fußball und  Musik?

Zunächst einmal habe ich Talente auf diesen beiden Feldern. Dies ist die Grundlage. Darauf aufbauend habe ich durch entsprechend gute Leistungen die Anerkennung gefunden, die mir im Elternhaus versagt blieb. Insofern war dieser Erwerb sozialer Kompetenz überlebensnotwendig.

Als Jugendlicher spielten Sie sehr guten Fußball und wurden meistens als Erster in Mannschaften gewählt, ja sogar zu einem Probetraining zum VfB Stuttgart eingeladen. Das haben Sie bestanden. Was bedeutete Ihnen das, und was passierte danach?

Ich war mir der Größenordnung dieses Angebots zu dieser Zeit nicht wirklich bewusst. Mir war aber auch klar, dass eine Verletzung mich aus der Fußballerlaufbahn hätte rauswerfen können. Irgendwie fühlte ich auch, dass es zur absoluten Spitze vielleicht nicht gereicht hätte. Das war in der Musik anders. Da fühlte ich keine Grenzen, was sich ja auch später im Zuge der weltweiten Erfolge bestätigte.  

Wie stärkt ein eingefleischter Fußballfan seinen Selbstwert, und wo sind seine Grenzen?

Das Erlebnis zu einer Gruppe Gleichgesinnter zu gehören, z.B. Fan eines Vereins zu sein, stärkt das Selbstbewusstsein. Denn nichts ist wichtiger für den Menschen als der Mensch. Schwierig wird es dann, wenn die Erfolge oder Misserfolge des Lieblingsvereins über den Ergebnissen des eignen Lebens stehen. Dann ist der Weg zum Fanatismus geebnet. Ich als Mitglied des FC Bayern München ärgere mich ebenfalls über Niederlagen und freue mich riesig über Erfolge, lasse das Ganze aber in der Dimension, wo sie für mich persönlich hingehören. Es ist für mich eine Abwechslung zu meiner Arbeit, macht den Kopf frei und lässt mich danach wieder so manches in einem anderen, neuen Lichts sehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Weshalb sind besonders Spitzensportler burnout-gefährdet?

Zu einer Burnout-Gefährdung gehören viele Faktoren: das soziale Umfeld, eine mögliche Überfokussierung auf ein Ziel, das „Zu schnell zu viel- Wollen“ und ein möglicher fehlender Ausgleich. Auch eine gewisse charakterliche Struktur kann einem Burnout zugrunde liegen, z.B. übersteigerter Ehrgeiz bis hin zur absoluten Verbissenheit über einen langen Zeitraum. Psychologie und mentales Training sollten im Spitzensport einen noch höheren Stellenwert einnehmen.    

Wie sehr hilft ein soziales intaktes Netzwerk?

Ich würde nicht sagen, es hilft, es ist vielmehr die Grundlage für alles.

Die zuweilen unregulierten Kräfte des Marktes machen auch vor den Kleinsten nicht halt. So gehen Spielerberater immer früher auf die Jugendspieler zu. Otto Rehhagel sagte schon vor einigen Jahren zu Recht: „Heute ist es leider so, dass die Berater ihren Jungens sagen: Ich mache aus dir einen Millionär. Sie sagen nicht: Ich mache aus dir einen guten Fußballer." Inwiefern ist dies mit dem Musikmarkt vergleichbar?

Hier haben wir das Beispiel der Castingshows: Alle, die diese Bühnen betreten, wollen berühmte Popstars werden, reich, begehrt und von Luxus umgeben. Doch Stop - auch hier gilt: Vor den Erfolg haben die Götter Blut, Schweiß und Tränen gesetzt. Von Erfolg träumen und ihn wollen, ist eines. Etwas völlig anderes ist, Erfolg zu haben. Dies gilt für Fußball und Musik gleichermaßen. Auch nach 30 Jahren Karriere und Konzerttourneen beginne ich jeden Song und jedes Konzert gewissermaßen bei Null. Die Grundlage dessen ist nach 30 Jahren in diesem Geschäft eine Mischung aus Demut, höchster Disziplin und Erfahrung.     

Sie schreiben, dass Sie Ihren geringen Selbstwert von Kindheit an mit guten Leistungen im Fußball kompensiert haben. Doch warum reichte Fußball allein nicht, um Ihr Selbstbewusstsein zu stärken?

Weil ein Fußballspiel nach 90 Minuten vorbei ist…

Inwiefern übertrug sich Ihre geschwächte psychische Situation auf das Fußballspiel?

Ich habe mich an „schlechten“ Tagen nicht getraut, beim Fußball mit meinen Schulfreunden den Ball anzunehmen. Ich fühlte mich klein, schwach und der Verantwortung für die Mannschaft nicht gewachsen. Zwei Spielzüge umgangen, und danach wurde ich automatisch nicht mehr angespielt. So ist das mit der sich selbst erfüllenden Prophezeiung… An „starken“ Tagen hat es mir hingegen riesigen Spaß gemacht, angespielt zu werden, ich schoss Tor um Tor, manchmal vier hintereinander. Doch dann klopfte es wieder an, das schwache Selbstwertgefühl: „War ich zu egoistisch, habe ich mich aufgedrängt, was sollen denn die anderen Jungs von mir denken, weil ich immer den Ball gefordert hatte? Hoffentlich können sie mich jetzt noch leiden.“ Am Abend fühlte ich mich oftmals einfach nur schlecht.

Dennoch schaffte Sie es es zum Probetraining des VfB Stuttgart. Weshalb ist das für Sie bis heute ein  ungelöstes Rätsel?

Mein Herz schlug 100 Prozent für den Fußball, aber zu 120 Prozent für Musik.

Lässt sich ein schwacher Selbstwert auch bei Fußballprofis auf dem Platz beobachten?

Wenn einer an einem Tag nur Kurzpässe spielt, weil ihm ein langer Pass ein zu großes Risiko darstellt, könnte das am persönlichen oder kollektiven Selbstwert der Mannschaft liegen. Letzterer tritt auf, wenn zum Beispiel ein Leistungsträger ausfällt. Dann passiert es nicht selten, dass die Mannschaft in sich unstimmig wird. So zu sehen beim FC Bayern München in der Saison 2011/2012. Als sich der zu diesem Zeitpunkt in bestechender Form befindliche Bastian Schweinsteiger im November 2011 verletzte und ausfiel, begann eine regelrechte Krise des FC Bayern. Vorher mit Schweinsteiger hatte man das Gefühl, es gehe nur noch um die Höhe des Sieges. Danach jedoch verlor die Mannschaft ein Spiel nach dem anderen. Liegen vielleicht schon ein, zwei verlorene Spiele zurück, ist der kollektive Selbstwertpegel der Mannschaft nicht mehr ganz so hoch. Die psychologischen Berater haben dann zu tun, ihn wiederherzustellen.

Weshalb wird psychologische Betreuung im Leistungssport noch unterschätzt?

Wenn ich trainiere, Muskeln aufbaue, Schnelligkeit, Reflexe, Spielzüge einstudiere, sind das konkrete Ergebnisse, die man auf dem Platz sofort sieht. Psychologie hingegen ist ein stiller, in sich kehrender Vorgang. Für so etwas ist in dieser schnelllebigen Zeit, in der es nur um Erfolge geht, an sich kein Platz. Und da liegt der Fehler. Denn jedes Kurzpass-Spiel, jeder Reflex, jeder antizipatorische Vorgang beginnt im Kopf und ist dort mit der Seele und der Psyche des Spielers vernetzt. Das Eine lässt sich zwingend nicht vom Anderen trennen oder einfach formuliert: Erfolg beginnt im Kopf. Und auch dieser Teil des komplexen Systems eines Sportlers muss trainiert werden.

Weshalb gehört der Begriff Urvertrauen heute zu Ihrem festen Vokabular?

Nichts, aber auch gar nichts, was im Alltag an Kommunikation mit Mitmenschen stattfindet, ist vom Urvertrauen loszulösen. Unser gesamtes soziales Verhalten, jede einzelne Reaktion oder Entscheidung ist davon geprägt. Eine einzige Bezugsperson, das kann ein Lehrer, ein Nachbar oder wer auch immer sein, der nach Möglichkeit Liebe und Aufmerksamkeit an den Urvertrauenslosen gibt, kann das Allerschlimmste verhindern: späteren Hang zu Kriminalität, Depression, auto-aggressivem Verhalten und so weiter.

Wie haben Sie es gelernt, Urvertrauen in sich  und Ihren Weg zu haben?

Jedes meiner „Projekte“, ob beruflich, sozial oder privat, wurde immer dann erfolgreich, wenn ich auf meinen Bauch gehört und mich von meinem Urvertrauen bzw. was ich dafür hielt, habe leiten lassen. Dieses unbestimmte Gefühl, dass eine Entscheidung richtig ist, ist unvergleichbar.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Schütteln Sie sinnbildlich die Vergangenheit ab, die Macht über Sie hatte, und vertrauen Sie dem Fluss des Lebens.“ Weshalb ist es so wichtig, hinabzusteigen und sich diesem Weg hinzugeben?

Hier spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Der Glaube, und ich rede hier nicht vom Glauben im esoterischen Sinne, sondern ganz konkret vom Glauben an den eigenen Weg, kalkulierbare Risiken einzugehen, und sich auch mal gegen den Strom zu stellen. Wenn sie im Rahmen ihrer Fähigkeiten und Talente bleiben, so wie ich es getan habe, erleben sie die unglaublichsten Dinge: Wenn ich mir nicht vorstellen kann, Nr. 1- Songs zu schreiben, würde das auch nie passieren. Wenn ich es mir aber tagtäglich verinnerliche, hart dafür arbeite, kann ich das Glück gewissermaßen formen. Und somit habe ich mich in den Fluss des Lebens gestellt.  

Sind Sie als glaubender Mensch immer auch ein suchender?

Als glaubender Mensch würde ich mich eher als findenden bezeichnen.

Weshalb werden sich Ihrer Meinung nach Krisen so lange wiederholen, „bis wirklich ALLE Punkte des Selbstwerts, der Selbstachtung erkannt und bewältigt sind“?

In der Frage liegt die Antwort.

„Wisse, wer du bist.“ Stimmt es, dass wer diesen Schatz der Selbstakzeptanz für sich gefunden hat, sich angeblich auch besser ernährt?

Das behauptet zumindest die US-amerikanische Forscherin Tracy Tylka. Sie prägte den Begriff des sogenannten „intuitiven Essens“, was nichts anderes bedeutet als: Erst wenn ich meinen Körper – wohl speziell ein Frauenthema – umfänglich akzeptiert habe, führe ich ihm in Sachen Ernährung auch automatisch, oder eben intuitiv, das Richtige, also Gesündere zu. Und somit ist Selbstwert tatsächlich auch ein Indikator für eine gesunde Lebensführung. Schärfer formuliert ein britischer Forscher namens Michael Marmot diese Beziehung: Er behauptete bereits kurz nach der Jahrtausendwende, dass Menschen mit der Disposition, sich selbst nicht zu schätzen, früher sterben, häufiger erkranken, schneller drogensüchtig werden und sogar eher Gefahr laufen, einen anderen Menschen zu töten. Als Ursache lagen der Hang zur Depressivität, mangelnder Anreiz zu Sport und anderen körperbewussten Aktivitäten zugrunde. Er bat schon damals darum, das Thema Selbstwert mehr in die Gesundheitsforschung einzubeziehen. Als einen wichtigen Faktor für ein stabiles Selbst sieht er die Befriedigung eines jeden Menschen durch Arbeit.

Chamissos verhängnisvolle Geschichte von Peter Schlemihl aus dem Jahre 1813, in der es darum geht, dass die Hauptfigur dem Teufel seinen Schatten für ein stets mit Gold angefülltes Glückssäckel vermacht, hat etwas Zeitloses. Weshalb ist dieses Buch so hochaktuell?

Den Schatten unausgelebt zu lassen macht ungesund, weil wir dann nicht in unserer Ganzheitlichkeit leben, so könnte man die Formel benennen. Der Schatten kann für negative Eigenschaften genauso stehen wie für Schwächen, unmoralische Gedanken, von denen man uns irgendwann einmal eingeimpft hat, sie seien negativ.

Das englische Wort für Wert („value“) kommt vom lateinischen Wort „valere“, das auch „stark sein“ bedeutet. Weshalb kann das nur jemand sein, der auch Rückgrat hat?

Vergleichen wir den Wert/Value mit einem Heranwachsenden: Es bildet sich durch Selbstempfindung, Selbsteinschätzung, Selbstwert auch ein Rückgrat. Und diese Zeit, um dieses auszubilden, sollten bzw. müssen wir uns nehmen.