Petra Reinken

Petra Reinken, Jahrgang 1970, arbeitet als freie Journalistin, Lektorin und Autorin in der Lüneburger Heide. Sie ist außerdem im Institut für Medien Umwelt Kultur in der Nachhaltigkeitsberatung tätig.

Nach dem Abitur, einem Volontariat beim örtlichen Zeitungsverlag und einem Redakteursjahr studierte sie in Göttingen Anglistik, Politik und Publizistik. 1999 schloss sie das Studium mit dem Titel M.A. ab. Seitdem arbeitet sie in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus – letzteres mit dem Schwerpunkt Natur- und Umweltschutz.

Seit 2005 ist sie freiberufliche Journalistin – zu ihren Auftraggebern gehören unter anderem die Deutsche Presse-Agentur, die Zeitschrift Landgenuss und die Böhme-Zeitung in Soltau. Im Jahr 2011 veröffentlichte sie ihren Reiseführer „99 Lieblingsorte in der Lüneburger Heide“. 2014 folgte in der „Lieblingsorte“-Reihe ein Reiseführer für den Landkreis Rotenburg (Wümme).

Seit 2015 als Natur- und Landschaftsführerin zertifiziert, verbindet sie Beruf und Naturschutzbildung bei Gästeführungen in der Lüneburger Heide.

Ihr großer Plan ist es, eine Website für Kinder zu entwickeln, die das Thema Nachhaltigkeit in Gänze betrachtet und dabei konsequent  von der Lebenswelt der Kinder ausgeht. Einen Namen gibt es schon: WINS – abgeleitet von „Was ist Nachhaltigkeit? Spannend!“

Weiterführende Informationen
www.wortwolf.de


Die Buche

Mein Freund der Baum ist tot. Genau genommen ist es schon ein paar Jahre her, dass Motorsägen der 100 Jahre alten Buche zu Leibe rückten. Aber jetzt, am Osterwochenende, sprachen wir wieder über sie. Ihr Stamm dreigeteilt, es brauchte mehrere Menschen, um ihn zu umfassen. Erhaben stand er da, mein Lieblingsbaum, allein auf einem Platz, den er über die Jahre erobert hatte, und den ihm weder Mensch noch Natur streitig gemacht hatten. Im Sommer mit einem dichten Schirm aus Laub. Irgendwann hatte ein Mensch mit dem richtigen Blick für Schönheit eine Bank gezimmert und darunter gestellt.

Die Rinde der Buche war ein historisches Zeugnis. Generationen von Dorfbewohnern hatten ihre Initialen hineingeritzt. Meine kamen irgendwann Ende der 1980er Jahre hinzu. Die meines Vaters waren inzwischen vier, fünf Meter hochgewandert und in die Breite gegangen. Er muss sich vor dem Krieg dort verewigt haben.

Nun saßen wir im familiären Kreis an der österlichen Kaffeetafel und ich brachte meine Sorge darüber zum Ausdruck, wie viele Bäume in diesem Winter wieder hatten dran glauben müssen. Jahrzehntelang war im Wald nichts passiert. Seit Energie teuer und Kaminöfen hip sind, donnern die Harvester durch den Wald. Sie zerstören das, was in 80 Jahren gewachsen ist, mit einem Handstreich, hinterlassen einzelne Bäume inmitten einer Verwüstung. Die männlichen Anwesenden an der Kaffeetafel zuckten die Schultern und sahen mich fragend an. Wo sei das Problem?

Das Problem ist, dass wir Bäume brauchen. Sie brauchen CO2 und produzieren Sauerstoff. Wir brauchen Sauerstoff und produzieren CO2. Noch Fragen? Aber was wir tun ist, wir verheizen unseren Sauerstofflieferanten gedankenlos. Vom Baum zum Brennholz – ein Schritt. Wir könnten den Baum in Kaskaden nutzen: Vom Baum zur Deckenverkleidung zum Möbelstück zu Pellets. Den nächsten Baum an dieser Stelle können wir frühestens in 60, 70 Jahren fällen. Wir könnten, statt mit Holz nur die gute Stube zu heizen und mit verklärtem Blick ins romantische Feuer zu schauen, Öfen in der Küche zum Kochen UND Wärmen benutzen. Denn wir brauchen die Zeit. Die Naturverjüngung dauert Jahre.

Dort, wo einst „meine“ Buche stand, wurde kein neuer Baum gepflanzt. Es wäre dieser alten Buche würdig gewesen, einen Nachfolger zu bekommen. Sie war Geschichte, sie war Kulturgut. Irgendwann als Greisin hätte ich irgendwo hoch oben meine Initialen suchen können. Stattdessen zerfällt die Bank vor einem verrottenden Stumpf. Am Kaffeetisch macht sich betretendes Schweigen breit. Selbst die Männer wollen meine Gefühle nicht verletzen. Schließlich sagt meine Schwester in das Schweigen hinein: „Die Würde des Baumes ist unantastbar.“ Ja, schön wär’s.

(April 2013)