Prof. André Reichel

Prof. Dr. André Reichel ist seit 2014 Professor für Critical Management & Sustainable Development an der privaten, stiftungsgetragenen Karlshochschule International University in Karlsruhe. Er hat technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart studiert und 2002 als Diplom-Kaufmann abgeschlossen. Am dortigen Institut für Volkswirtschaftslehre und Recht forschte er bis 2006 über Lernprozesse in regionalen Nachhaltigkeitsnetzwerken und schrieb seine Doktorarbeit bei Helge Majer und Ortwin Renn. Im Anschluss daran arbeitete er als Postdoktorand an der DFG-geförderten Graduiertenschule für advanced Manufacturing Engineering im Bereich ‚Nachhaltigkeit in der Produktion’ sowie als Projektleiter für die Dialogik gGmbH im Rahmen eines EU-Forschungsprojektes zu ‚Zivilgesellschaft und Nachhaltigkeit’. Von 2011 bis 2014 war er als Research Fellow am European Center for Sustainability Research an der Zeppelin Universität bei Nico Stehr und Manfred Moldaschl tätig. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich einer Nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, der betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Seine Lehrtätigkeiten führten ihn an das Environmental Change Institute der University of Oxford und an die Chalmers University of Technology in Göteborg.


Forschung am Übergang zur ‚Next Economy’

Prof. Dr. André Reichel über Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Postwachstum

Die Zukunft des Wirtschaftens wird durch wenigstens drei Großtrends geprägt:

- Die Erfordernisse einer Nachhaltigen Entwicklung für mehr als neun Milliarden Menschen bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts.
- Die Umwälzungen der Digitalisierung, verstanden als primär soziales Phänomen und eben nicht als technologisches.
- Der neuen Wachstumsrealität nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, die sich eher als Postwachstumsökonomie beschreiben lässt.

Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Postwachstum spannen dann auch das Tätigkeitsfeld auf, in dem ich an der Karlshochschule International University in Karlsruhe forsche und lehre.

Alles ist nachhaltig

Wenn ich von Nachhaltigkeit spreche, meine ich kein konservierendes Prinzip der schonenden Ressourcennutzung (Nachhaltigkeit 1.0) oder der Ressourcenzugangsgerechtigkeit in Zeit und Raum (Nachhaltigkeit 2.0). Auch das Nachhaltigkeitsverständnis als sozio-ökonomisches Paradigma zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft greift mir zu kurz (Nachhaltigkeit 3.0). Wenn Nachhaltigkeit in der Tat bedeutungsvoll sein soll für die vielfältigen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Krisen unserer Zeit, dann müssen wir in ihr ein grundlegendes Gesellschaftsprinzip sehen und sie am ehesten mit den universellen Menschenrechten vergleichen. Sowie die Erklärung der Menschenrechte 1947 den Beginn des globalen liberalen Zeitalters markierten, welches jetzt zu Ende gehen scheint, so markiert eine Nachhaltigkeit 4.0 den real-utopischen Horizont einer globalen ‚Großen Transformation’ im Sinne Karl Polanyis. Nachhaltigkeit ist dann der letzte gültige Referenzrahmen, in dem politische, soziale, ökologische, wirtschaftliche und ethische Fragen verhandelt werden können.

Alles ist vernetzt

Mit dem Zusatz 4.0 wird aber bereits auf den anderen Großtrend verwiesen, die Digitalisierung. Auch hier ist eine Klarstellung notwendig, denn Digitalisierung lässt sich in der deutschen Sprache nicht richtig differenzieren. Im Englischen kann zwischen ‚Digitisation’ und ‚Digitalisation’ unterschieden werden. Die Digitisierung zielt auf Technologie ab, auf die Möglichkeit, analoge in digitale Daten umzuwandeln. Digitisierung ermöglicht völlig neue Manipulationsformen von Daten und neue Anwendungsmöglichkeiten. Digitalisierung, in diesem Verständnis, geht über das rein Technische hinaus und meint die vollständige Durchdringung aller Bereiche mit digitalen Technologien und ihrer Vernetzungslogik als Organisationsprinzip. Vernetzte Wertschöpfung jenseits organisationaler Grenzen, auch direkt zwischen Einzelnen außerhalb eines Unternehmenszusammenhangs, ist das zentrale Paradigma der digitalen Wirtschaft. Damit stellen sich zwei Fragen unmittelbar. Zum einen kann jetzt der seit Alvin Toffler viel beschworene ‚Prosumer’ wirkmächtig Realität werden und die Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten verwischen; zum anderen sinken die Transaktionskosten der vernetzten, kollaborativen Wertschöpfung so dramatisch, dass die alte Frage von Ronald Coase – warum gibt es Unternehmen? – wieder akut wird. Ko-Kreation in Netzwerken stellt eine ganz andere Antwort auf diese Frage dar, mit weitreichenden Folgen für die Struktur der Wirtschaft und des Managements wirtschaftlicher Aktivitäten.

Sustainability 4.0

Werden nun beide Verständnisse zusammengenommen, einer Nachhaltigkeit als transformativem Rahmen sowie eine Digitalisierung als Ko-Kreationsparadigma des Wirtschaftens, so entsteht eine weiter gehende Deutung von Nachhaltigkeit 4.0, die ich mit dem englischen Begriff einer Sustainability 4.0 bezeichne. Am Grunde dieser Verschmelzung liegt etwas, das sich am ehesten als Selbstermächtigungswirtschaft ko-kreativer Prosumenten zur Transformation wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse in Richtung sozialer Inklusion, Demokratisierung des Wirtschaftens und ökologischer Nachhaltigkeit beschreiben lässt. Treiber sind neue kleinskalige und dezentral anwendbare Technologien vom mobilen Internet über 3D-Drucker und Makerspaces, aber auch soziale Bewegungen neuer Selbstversorgungskreisläufe von Urban Gardening über Repair Cafés bis hin zu Tauschringen. Anhand zweier empirisch beobachtbare Phänomene verwirklicht sich die Sustainability 4.0:

- Die Sharing Economy als Disruption bestehender Produktionszusammenhänge ‚von oben’ (von der Marktseite), mit ihrer Verschiebung von Produktbesitz auf Leistungszugang.
- Die Commons Economy als Disruption ‚von unten’ (von Akteuren einer ‚Zivilökonomie’), mit ihrer Verschiebung von der marktlichen Fremd- zur kooperativ-gemeinschaftlichen Selbstversorgung.

Was beide voneinander trennt, ist der Fokus. Während die Sharing Economy im Rahmen des Fremdversorgungskapitalismus funktioniert, diesen allerdings durchaus in seiner Grundlogik des Eigentums stört, zielt die Commons Economy auf wirtschaftliche Aktivitäten jenseits des Marktes (und des Staates). Ob sie der Kern einer zivilen Form des Kapitalismus werden kann, bleibt abzuwarten.

Von der ‚Now Economy’ zur ‚Next Economy’

All diese Bewegungen im Wirtschaften, die in Richtung einer Sustainability 4.0 weisen, treffen dabei auf ein weiteres Phänomen, das zwischen gesellschaftlicher Utopie und empirischer Realität zu verorten ist: die Postwachstumsökonomie. Auch bei diesem sperrigen Begriff kann ein Ausflug in die englische Sprache helfen. Dort findet sich ‚Degrowth’ als ältere Deutung und verweist auf das französische ‚Décroissance’ von Serge Latouche. Damit ist ein polit-ökonomisch Gegenentwurf zur expansiven Wachstumswirtschaft gemeint, der auf Kontraktion, basisdemokratisches Wirtschaften, Anti-Konsumismus und ökologische Nachhaltigkeit zielt. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech hat dafür den deutschen Begriff einer Postwachstumsökonomie verwendet. Es gibt im Englischen aber auch ‚Postgrowth’, was über Degrowth hinausweist und grundsätzlich aller Formen des Wirtschaftens meint, die nach dem Wachstum kommen. Wenn ich den Postwachstumsbegriff verwende, meine ich zum einen Postgrowth, also eine weite Vorstellung von Postwachstumsökonomie, die sich nicht auf bestimmte normative Grundhaltungen festlegt, außer der, dass es eine Zeit nach dem Wachstum gibt. Zum anderen kann mit Postwachstumsökonomie auch eine Beschreibung gefunden werden, für den radikal anderen Wachstumspfad, auf dem sich die Weltwirtschaft seit der Krise von 2008 befindet. Das schwächere Wachstum, der Rückgang der Produktivitätsfortschritte, die säkulare Stagnation weisen auf eine neue interne Logik des Wirtschaftens hin, die nicht mehr rein expansiv ausgerichtet sein kann, wenn sie erfolgreich sein will. Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Postwachstum rahmen dann auch den Übergang von einer ‚Now Economy’ – einer Wirtschaft der Expansion, der permanenten Flucht aus einer nie überwindbaren Knappheit, mit dem Ergebnis eines historisch einmaligen Energie- und Ressourcenverbrauchs und CO2-Ausstoßes – zur ‚Next Economy’ als Wirtschaft des Überflusses, der Befreiung und Selbstermächtigung jenseits eindimensionaler Wachstumszwänge.

Weitere Hinweis zur Forschung: www.andrereichel.de
Weitere Hinweise zur Lehre an der Karlshochschule International University und dem Studiengang ‚International Sustainability Management’: www.sustainability.karlshochschule.de

Stand: Februar 2017