Prof. August-Wilhelm Scheer

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist einer der prägendsten Wissenschaftler und Unternehmer der deutschen Wirtschaftsinformatik und Softwareindustrie. Als Unternehmer und Protagonist der Zukunftsprojekte „Industrie 4.0“ und „Smart Service World“ der Bundesregierung arbeitet er aktiv an der Ausgestaltung der Digital Economy. Prof. Scheer hat mehrere IT-Unternehmen mit den Schwerpunkten Software-Entwicklung und IT-Beratung gegründet. Das Flaggschiff-Unternehmen der Scheer Gruppe ist die Scheer GmbH, die mit rund 600 Mitarbeitern in verschiedenen Ländern Europas sowie in den USA, in Saudi Arabien, in Singapur und in Australien mit Standorten vertreten ist. Die Scheer GmbH unterstützt als Consulting- und Software-Haus Unternehmen bei der Entwicklung neuer Businessmodelle, bei der Optimierung und Implementierung effizienter Geschäftsprozesse sowie beim verlässlichen Betrieb ihrer IT.

Weitere Informationen unter: www.scheer-group.com

Technology Excellence: Roboter und Künstliche Intelligenz verändern die Gesellschaft

Vor welchen radikalen Veränderungen steht die moderne Welt und was sind die Treiber?

Zukunftsforscher erwarten mit Recht gravierende Änderungen in der modernen Welt, die weit über die Einführung neuer digitaler Techniken im Privatbereich und beruflichem Umfeld hinausgehen. Es sind vielmehr die organisatorischen Folgen und Möglichkeiten, die unser Leben verändern werden. So haben die Erfindungen von Dampfmaschine und Elektromotor noch nicht sofort die Organisation revolutioniert, sondern die Maschinen wurden lediglich um die Energiequellen herum angeordnet. Erst als von Ford die Maschinen nach ihrem Fertigungsfluss aufgestellt wurden, explodierte die Produktivität und führte zu unserem heutigen Wohlstand. Auch bis zum Ende der 80er Jahre sprach man vom Computer Paradoxon, da man statistisch eine negative Korrelation zwischen Ausgaben für Computertechnik und Produktivität feststellte. Erst mit der Unterstützung von ganzen Geschäftsprozessen (end to end) durch ERP- Systeme anstelle der bestehenden funktionalen Organisation hat Anfang der 90er Jahre der Siegeszug der IT begonnen. Also, erst die geeignete Organisation schafft den Nutzen einer Technologie. Dieses gilt auch für die nächste Digitalisierungswelle. Treiber sind hier zunächst, dass Produkte stärker individualisiert werden können, also, dass jeder sich sein Informationsangebot nach seinen Interessen konfigurieren oder materielle Produkte nach seinem Geschmack konstruieren und dann mit einem 3-D Drucker selbst erstellen kann.

Ein weiterer Treiber ist die Selbststeuerung von Maschinen und Menschen. Fabriken werden durch intelligente Maschinen und Materialien selbst gesteuert, der vielzitierte Kühlschrank füllt sich selbst auf, Autos fahren autonom usw. Aber auch Menschen können stärker selbstbestimmt leben, indem z.B. Roboter behinderte oder ältere Menschen in ihren eigenen Wohnungen und bei der Mobilität  unterstützen.

Verändern diese Entwicklungen auch unsere Gesellschaft?

Die genannten organisatorischen Änderungen werden noch von möglichen grundsätzlichen gesellschaftlichen Änderungen in ihrer Bedeutung übertroffen. Wir erleben gerade, wie es immer schwieriger wird, in Demokratien Stabilität zu erzeugen. Die Informationsmöglichkeiten der Wähler sind vielfältiger und besitzen durch die digitalen und sozialen Medien eine rasante Geschwindigkeit. Dagegen sind die klassischen politischen Mechanismen viel zu langsam. Gleichzeitig steigern sich die Manipulationsmöglichkeiten durch fake news sowie gezielte Angriffe und Kampagnen.

Die Digitalisierung erzeugt immer mehr grenzkostenlose Produkte und Dienstleistungen. Fotografieren und Telefonieren sind dazu Beispiele. Auch Mobilitätskonzepte wie UBER und Übernachtungsdienste wie Airbnb folgen diesem Konzept. Insgesamt kann diese sharing economy zu neuen Formen von Genossenschaften und Allmende- Konzepten führen.

Die digitale Welt funktioniert z.Zt. nach dem Prinzip „the winner takes it all“ und führt zu großen, globalen Unternehmen und Machtzentren. Gleichzeitig werden entgegengesetzte Konzepte zur Dezentralisierung diskutiert und erprobt. Zentrale Instanzen wie Banken oder Handelsplattformen bieten den Kunden Vertrauen bei der Abwicklung von Transaktionen. Mit der blockchain-Architektur wird ein gegensätzlich anderes Prinzip verfolgt. Es gibt keine zentrale Instanz, sondern ein Netz steuert sich in einem dezentralen Konzept selbst. Bei der erfolgreichen Währung bitcoin ist dieses bereits realisiert. Mathematik, Verschlüsselungstechniken und Transparenz ersetzen die Vertrauensfunktion zentraler Banken. Derartige dezentrale Konzepte können auch die heute dominierende digitale Plattformwirtschaft verändern. Die Kunden finden dann selbst durch das transparente Angebot ihre Lieferanten, und die Sicherheitsfunktionen des Netzes sorgen dafür, dass Transaktionen wie Bestellung, Lieferung und Bezahlung korrekt abgewickelt werden.

Wie beurteilen Sie die Rolle von KI?

Künstliche Intelligenz ist seit rund 60 Jahren ein Schlagwort. Zunächst als hype überschätzt, dann aber durch intensive Forschung weiterentwickelt, tritt sie nun mit Macht in die Anwendung. Fast alle grossen IT Unternehmen investieren hohe Summen und treiben die Anwendungen voran. Ein wichtiges Schlagwort ist dabei machine learning. Er ist der Oberbegriff für Methoden, mit denen IT- Systeme durch Erfahrung lernen und sich  selbst verbessern. Typische Verfahren sind dazu die Regressionsanalyse und künstliche neuronale Netze. Mehrschichtige neuronale Netze werden auch als deep learning bezeichnet. Den Ansätzen ist gemeinsam, dass nicht durch Einsicht gelernt wird, sondern aus beobachteten vergangenen Fällen. So werden automatische Übersetzungssysteme nicht mit Grammatikregeln gesteuert, sondern sie lernen statistisch daraus, welche Wörter und Formulierungen in der Vergangenheit in bestimmter Form übersetzt wurden. Insbesondere wird machine learning auch für Prognosen angewendet (predictive analytics), indem z.B. aus den Sensordaten von Maschinen auf zu erwartende Komponentenausfälle geschlossen wird und vorbeugende Maßnahmen getroffen werden (predictive maintenance).

Werden die digitalen Möglichkeiten auch den Bildungsbereich verändern?

Der Bildungsbereich wird ganz sicher stärker digitalisiert. Dieses ist in der betrieblichen Weiterbildung in den letzten 20 Jahren bereits weit fortgeschritten, zieht nun aber auch in den öffentlichen Ausbildungsbereich ein, nachdem private Hochschulen und Schulen hier schon fortschrittlicher sind.

Der Lernende kann sich aus dem Internet oder aus digitalen Lernplattformen seiner ausbildenden Institution den Lernstoff zeit- und ortsunabhängig zur Verfügung stellen. Er kann seine Lerngeschwindigkeit entsprechend seinen Fähigkeiten einstellen und auch die Präsentationsform wählen, also, ob er den Lernstoff in Textform, Video oder als Lernspiel präsentiert bekommen möchte. Durch Social Media – Techniken ist er mit Mitlernenden und dem Tutor verbunden und kann mit ihnen Erfahrungen austauschen oder Fragen klären.

Durch individuelle lebenslange Verfolgung des Lernbedarfs kann dem Lernenden auf seinem Karriereweg stets die für ihn notwendigen und interessanten Lernstoffe angeboten werden.

Im öffentlichen Bildungsbereich werden Cloud-Lösungen die einzelnen Schulen von der Betreuung komplexer Infrastrukturen entlastet. Insgesamt werden so die Systeme stärker zentralisiert werden.

Wie verändert Digitalisierung  Produktions- und Arbeitsprozesse in Unternehmen?

Die Digitalisierung schafft neue Arbeitsformen. Homeoffice ist in vielen Unternehmen bereits Standard. Nicht mehr die Anwesenheit ist Grundlage der Entlohnung, sondern die erbrachte Leistung; wann und wo sie auch immer erzielt wird. Der Mitarbeiter erhält einen Vertrauensvorschuss auf seine Loyalität. Der Anteil von freelancern und Mitarbeitern mit geringer Teilzeit wird steigen. Durch die Standardisierung vieler Arbeitsmittel wie Computer und Anwendungssoftware können sich Mitarbeiter schneller in neue Projekte einarbeiten.

Mitarbeiter werden gleichzeitig mehrere Arbeitsverhältnisse haben, an start-ups beteiligt sein oder abends noch zwei Stunden bei UBER „Taxi“ fahren.

Welche Rolle wird dabei RPA, also Robotic Process Automation, spielen? Welche weiteren Technologiekonzepte werden an Bedeutung gewinnen?

Geschäftsprozesse in Unternehmen werden weiter automatisiert. Neben den in den letzten vierzig Jahren durch ERP- Systeme unterstützten allgemeinen Anwendungen werden auch immer mehr unternehmensspezifische Aufgaben betrachtet, d.h. der „long tail“ der betrieblichen Aufgaben gerät in den Fokus. Hierfür werden zunehmend interessante Konzepte und Software entwickelt. Dazu gehört  Robotic Process Automation als das derzeit bekannteste Konzept. Es geht darum, menschliche Arbeitsleistung am Computer durch Software-Roboter zu ersetzen. Hierzu werden die Tätigkeiten des Menschen analysiert, die Regeln, nach denen der Mensch die Tätigkeit ausführt, identifiziert und dann durch ein Computerprogramm (Bot) ersetzt. Der Mensch beschäftigt sich dann nur noch mit den Ausnahmefällen, die von den Regeln nicht abgedeckt sind. Durch Einsatz von Spracherkennung  der KI können z.B. so in Telekommunikationsunternehmen Kundengespräche automatisiert werden. Der Kunde spricht z.B. mit einem Software-Roboter, um einen Wartungstermin für eine Problemlösung zu vereinbaren.

Mit Hilfe von Process Mining werden regelmäßig die Ausführungsdaten abgelaufener Geschäftsprozesse analysiert, um Ansatzpunkte für Verbesserungen zu finden. Gleichzeitig wird die Einhaltung von Geschäftsregeln (Compliance) automatisch überprüft und Betrugsverdacht verfolgt. Bei dem online Process Mining werden dem Bearbeiter bei Fehlern Hilfestellungen gegeben und analog einem Autonavigationssystem gezeigt, wie lange die Prozessbearbeitung noch dauert und wie der günstigste Weg für die Weiterbearbeitung ist, um den zugesagten Endtermin zu erreichen.

Wie wird die erfolgreiche Implementierung neuer Technologien in Organisationen und Unternehmen konkret aussehen?

Dies lässt sich am vorgenannten Beispiel von RPA recht eindrucksvoll erläutern. Roboter arbeiten selbstständig rund um die Uhr, zeigen keine Ermüdung, arbeiten fehlerfrei, in gleichbleibender Qualität, können ihre Arbeit vollständig dokumentieren und sind im Rahmen ihrer Funktionalität flexibel auf neue Tätigkeiten zu trainieren. Vor dem Hintergrund dieser Eigenschaften werden mit dem Konzept Robotik Process Automation nun auch für Verwaltungsfunktionen Roboteransätze entwickelt. Zwar sind in vielen betrieblichen Funktionen wie Logistik, Einkauf oder Vertrieb durch den Einsatz von IT  viele Bearbeitungsschritte automatisiert worden, sie benötigen aber immer noch für die Bearbeitung von Sonderfällen, das Treffen von Entscheidungen, die Verknüpfung von Daten aus unterschiedlichen Medien  sowie die Klärung von Fehlern usw. den menschlichen Einsatz. Um weitere Rationalisierungserfolge zu erzielen, wurden in den letzten zwei Jahrzehnten viele Routineanwendungen in sogenannte Billiglohnländer „outgesourced“. Geeignete Anwendungen hierfür sind z.B. die Steuerung von IT-Systemen, Lohnabrechnung, Finanzbuchführung oder Einkauf. Sie sind stark durch Regeln definiert und Mitarbeiter können leicht eingewiesen werden. Hier setzt auch das Prinzip von RPA an. Einfache Anwendungsfälle, die sich häufig wiederholen, in großer Zahl anfallen, durch gesetzliche oder Geschäftsregeln gesteuert werden und nur wenige, unbedingt von Menschen zu bearbeitende Ausnahmen enthalten, können einer weiteren automatischen Bearbeitung zugeführt werden. Der menschliche Bearbeiter wird dann in weiten Teilen, wie in der Fertigung, durch einen Roboter ersetzt.

Die Anwendung von RPA ist derzeit noch nicht generell im Unternehmensalltag angekommen. Immer mehr erfolgreiche Projekte weisen jedoch den Weg und machen deutlich, dass ein neues Softwarekonzept zur Unternehmenssteuerung entsteht, das die Dgitalisierungsstrategie der Unternehmen stark bestimmen wird. In dieser neuen, von Robotern und Künstlicher Intelligenz geprägten Arbeitswelt werden sich die Menschen zunehmend auf Aufgaben konzentrieren, die mit der Lösung von Problemen, der Umsetzung von Aktivitäten, der Entwicklung und dem Einsatz von Kreativität zusammenhängen. Die Herausforderung ist nun, Menschen für das digitale Zeitalter zu qualifizieren. Der Erwerb digitaler Kompetenzen wird zu einem zentralen Faktor für die erfolgreiche digitale Transformation in Deutschland.

Die Beratung ist traditionell ein zutiefst menschenzentriertes Segment der Dienstleistungsbranche – revolutioniert moderne Technologie auch hier Angebote und Prozesse?

Ja, Beratungsleistungen werden stärker digitalisiert werden und führen dadurch dann zu neuen Arbeitsformen.

So werden Spezialisten über entsprechende Plattformen leichter gefunden und für kleinere Arbeitspakete ad hoc in Anspruch genommen. Die Spezialisten werden bewertet und bieten sich damit den Interessenten transparent an. Dadurch kann ein festes Kernteam bei einem Beratungsprojekt ständig durch geeignete Spezialisten ergänzt werden.

Alle Arbeitsergebnisse stehen den Beteiligten in einer Projektdatei zur Verfügung und werden ständig aktualisiert. Viele Tätigkeiten werden durch Videokonferenzen ortsunabhängig erledigt, so dass Reisekosten gesenkt werden. Ergebnisse können durch Virtual Reality- Techniken realitätsnah präsentiert werden.

Durch Monitoring und Process Mining der Systeme des Kunden können Beratungsleistungen im Abonnement bezogen werden, so dass die Erkennung des Beratungsbedarfs zur Aufgabe des Beraters wird.  

Vielen Dank für das Gespräch.

Stand: Juli 2017

 

 

 

 

Das Gespräch führte Marco Englert. Es erschien am 18. und 24.6.2017 in der Huffington Post:

http://www.huffingtonpost.de/marco-englert/technology-excellence-rob_b_17126164.html

http://www.huffingtonpost.de/marco-englert/technology-excellence-roboter-und-kuenstliche-intelligenz-veraendern-die-gesellschaft-teil-2_b_17126180.html

 

Foto und Copyright: August-Wilhelm Scheer