Prof. Dr. Georg Müller-Christ

Prof. Dr. Georg Müller-Christ ist seit Februar 2001 Hochschullehrer im Fachbereich 7, Wirtschaftswissenschaft für das Fachgebiet Nachhaltiges Management. Studiert, promoviert und habilitiert hat er an der Universität Bayreuth am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Organisation von Prof. Dr. Andreas Remer. Seine Forschungsinteressen bewegen sich von der strategischen Managementlehre über die Umweltmanagementlehre hin zu Konzepten eines nachhaltigen Managements. Er ist Mitglied des Vorstands des Zentrums für Multimedia in der Lehre und war von 2008 bis 2011 Konrektor für Studium und Lehre der Universität Bremen. Seit 2009 ist er Sprecher des Partnernetzwerks Hochschulen und Nachhaltigkeit, seit 2015 Mitglied der Nationalen Plattform zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms BNE sowie Sprecher des Fachforums Hochschule und Nachhaltigkeit. Seit 2012 ist er zertifizierter Systemaufsteller.

Die Begleitung von erwerbswirtschaftlichen und Non-Profit-Einrichtungen auf ihrem Weg zu einem Nachhaltigen Management erfolgt über die Entwicklung und Erprobung von Nachhaltigkeitschecks (www.nachhaltigesmanagement.de), über die Verbreitung von Nachhaltigkeitswissen in Lehrvideos (www.va-bne.de) und über systemische Beratungen mithilfe der Aufstellungsmethode (www.mc-managementaufstellungen.de).


Voraussetzungen einer innovativen Nachhaltigkeitsforschung

Prof. Dr. Georg Müller- Christ/Universität Bremen

Auch wenn viele in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik davon ausgehen, dass Nachhaltigkeit ein noch zu füllendes Konzept ist, eine regulative Idee oder ein normativer Ansatz mit vielen Spielräumen, gehe ich davon aus, dass das Wesen von Nachhaltigkeit sehr klar zu definieren ist. Es geht im Wesentlichen um die beiden folgenden Probleme:

1. Das Ressourcenproblem:
Die materiellen und immateriellen Ressourcen der Welt sind absolut knapp. Damit wir Menschen dauerhaft unsere Bedürfnisse befriedigen können, dürfen wir nicht mehr verbrauchen als die Erde und die Gesellschaftssysteme an materiellen und immateriellen Ressourcen produzieren kann. Die ökologische Tragfähigkeit der Erde ist dabei genauso eine Ressource wie die soziale Belastbarkeit der Gesellschaft und die ökonomische Entwicklungsfähigkeit der Wirtschaft. Aus dieser Ressourcenperspektive lebt eine Gesellschaft dann nachhaltig, wenn alle ressourcenverbrauchenden Systeme sich haushaltsökonomisch verhalten: Sie erhalten die Substanz, aus der heraus sie wirtschaften oder anders ausgedrückt – sie pflegen die Ressourcenquellen, von denen sie leben und verbrauchen nicht mehr als nachkommt. Im Übrigen ist dies auch die Essenz des englischen Begriffs Sustainable Development; eine erhaltende Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Substanz erhält und mit dem Vorhandenen sich beständig qualitativ weiterentwickelt. Mit Öko-Effizienz, mithin mit einem immer sparsameren Einsatz von Ressourcen pro Produkt- und Nutzeneinheit lässt sich diese Entwicklung nicht erreichen, Öko-Effizienz verlangsamt nur den Anstieg des Ressourcenverbrauch und führt nicht dazu, dass auch nur eine Einheit Ressource regeneriert wird. Gleichwohl reduziert ein sparsamer Einsatz von Ressourcen deren Reproduktionsnotwendigkeit, so dass Öko-Effizienz eine wichtige Bedeutung hat.

2. Das Nebenwirkungsproblem:
In vielen Diskussionen wird Nachhaltigkeit mit Verantwortung gleichgesetzt und Corporate Social Responsibility wird als Begriff wahrscheinlich häufiger verwendet als Nachhaltiges Management. Der Verantwortungsbegriff verweist relativ deutlich auf das zu lösende Problem: Alle wirtschaftenden Einheiten sollen auf die Haupt- und Nebenwirkungen ihres Handelns angemessen antworten. In einer vollen Gesellschaft, in der sehr viele Institutionen und Unternehmen ihre Zwecke (beabsichtigten Hauptwirkungen) erreichen wollen, potenzieren sich die Nebenwirkungen auf Mensch und Natur. Menschliche Gesundheit und Klimaschutz sind in diesem Kontext die großen Themen. Schwieriger aber ähnlich gravierend ist die Problematik der unbeabsichtigten Umverteilung von Kapital und Vermögen. Die jetzige Logik der erwerbswirtschaftlichen Wirtschaftsweise führt dazu, dass große Kapitalbestände überproportional auf Kosten kleiner Bestände wachsen und damit immer weniger Menschen übermäßig reich werden. Die Lösung des Verantwortungsproblems liegt vielfach in einer anderen moralischen Haltung, in der Menschen und Institutionen bereit sind, die Nebenwirkungen ihres Handels zu reparieren oder auszugleichen bis hin zu der Haltung, auf Hauptwirkungen zu verzichten, die nicht ohne erhebliche Nebenwirkungen zu erzielen wären.

Während es in der Ressourcenperspektive um einen rationalen, substanzerhaltenden Umgang mit materiellen und immateriellen Ressourcen geht, geht es in der Nebenwirkungsperspektive um einen normativen Ansatz: Menschen auf allen Ebenen von Gesellschaft müssen sich Normen setzen, welche Haupt- und welche Nebenwirkungen sie mit ihren Handlungen akzeptieren möchten.
Fortschritte in Richtung einer nachhaltigeren Entwicklung können wir meiner Meinung nach nur machen wenn wir die folgenden drei Kriterien für eine innovativere Nachhaltigkeitsforschung umsetzen:

1. Die sich erweiternde Ressourcenperspektive
Mit materiellen Ressourcen haushalten bedeutet, in einem gewählten Zeithorizont nicht mehr Ressourcen einzusetzen als in dieser Zeit neu entstehen können. In einer Welt, in der die fossilen und anorganischen Rohstoffe und Energiequellen absehbar versiegen, ist die absolut begrenzte Produktionsfähigkeit der Natur für natürliche und nachwachsende Rohstoffe und Energiequellen der Bezugspunkt für wirtschaftliches Handeln. In einer Welt, in der immateriellen Ressourcen wie Bildung, Vertrauen, Rechtssicherheit und Legitimation immer bedeutungsvoller werden, ist die Produktionslogik der Gesellschaft für diese Ressourcen der zweite Bezugspunkt des Handelns. Nachhaltigkeitsforschung ist dann innovativ, wenn sie das Wachstumsthema von Volks- und Betriebswirtschaften thematisiert, die Verknüpfung von Finanz- und Ressourcenströmen neu denken will und dazu beiträgt, die materiellen Ressourcenströme der Welt zu reduzieren, zu enttoxifizieren und dann im Kreislauf zu führen. Innovativ ist es auch, für die immateriellen Ressourcenströme der Welt ein Bewusstsein zu schaffen, diese zu visualisieren und in ihrem Wirkungspotenzial beschreibbar und steuerbar zu machen.

2. Die Vermeidung von Nebenwirkungen
Handlungstheoretisch sind Nebenwirkungen der Normalfall menschlichen Handelns in einer komplexen Gesellschaft. Aus der Nachhaltigkeitssicht interessieren vor allem die Nebenwirkungen, die die materiellen und immateriellen Ressourcenquellen von Wirtschaft und Gesellschaft negativ beeinflussen und somit mit der sich erweiternden Ressourcenperspektive verbunden sind. Innovativ ist eine Nachhaltigkeitsforschung dann, wenn sie die volle Spannung der Widersprüchlichkeit zwischen Haupt- und Nebenwirkungen des wirtschaftlichen Handelns offen hält und als Lösungsraum zu Grunde legt: Dilemmata, Widersprüche und Unvereinbarkeiten sind nicht lösbar, sondern nur bewältigbar. Dies bedeutet, dass die Forschungsdesigns widerspruchssensibel angelegt sind und damit Lösungen erlaubt sind, die die Dilemmata beschreiben, die Trade-offs offenlegen und neue Aushandlungsformen der Beteiligten entwickeln. In dieser Perspektive stehen auch alle bisherigen Hauptwirkungen des Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf dem Prüfstand der Ressourcenverträglichkeit und können mit Blick auf eine nachhaltigere Ressourcenperspektive auch geändert werden: Zwecke des Handelns stehen zur Disposition. Diese Bereitschaft erfordert auch eine entsprechende Ambiguitätstoleranz und einen kosmozentrierten Bewusssteinsstand von den Forschenden.

3. Die Persönlichkeit des Forschenden:
Eine nachhaltige Entwicklung der Welt setzt eine Persönlichkeitsentwicklung der Forschenden voraus. Im heutigen Modus der Wissenschaft verschwindet die Person des Forschenden ganz hinter anerkannten Methoden und Denkschulen. Autor/innen kommen mit ihren Persönlichkeiten in den Forschungsergebnissen nicht vor. Sie beschreiben „objektiv“ die Welt da draußen und andere würden es ähnlich tun. Im innovativen Modus gehen die Forschenden aus der Es-Perspektive (es gibt etwas außerhalb von mir, dass ich erforsche) in die Du-Perspektive und dann in die Ich-Perspektive. Der Unterschied ist groß: In der Du-Perspektive begeben sich Forscher/innen auf die Augenhöhe des Gegenübers und stellen sich als Person in Beziehung zum Gegenüber. Damit legen sie auch offen, welchen Bewusstseinsstand und welchen Lösungsräume sie selbst bevorzugen. Forschende können nur Lösungen innerhalb von Spannungsfelder suchen, wenn sie selbst als Person diese Spannungsfelder aushalten können und ihnen nicht unbewusst ausweichen. Im innovativen Modus ist eine deutliche Steigerung der Ambiguitätstoleranz der Forschenden eine Grundvoraussetzungen, um den Lösungsraum effektiv füllen zu können. Für diesen Übergang spielt die Bewusstseinsstufe der Forschenden eine noch größere Rolle, da der Blick auf das ganze globale Geschehen in seiner Komplexität auch neue Erkenntnisformen benötigt wie beispielsweise Achtsamkeit und Intuition.

Stand: März 2017