Prof. Dr. Gunter Dueck

Gunter Dueck, Jahrgang 1951, lebt in Waldhilsbach bei Heidelberg, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nach einer Karriere als Mathematikprofessor wechselte er 1987 zur IBM, wo er u.a. für den Aufbau neuer Geschäftsfelder (Business Intelligence, Cloud Computing) und für Cultural Change tätig war. Drei Jahre durfte er den zeitlich befristeten Titel „Master Inventor der IBM“ tragen. Zuletzt, bei seinem Wechsel in den Unruhestand, war er CTO (Chief Technology Officer) der IBM Deutschland und IBM Distinguished Engineer. Seit 2011 ist er freischaffend als Schriftsteller, Business-Angel und Speaker tätig.

Gunter Dueck ist IEEE Fellow, Fellow der Gesellschaft für Informatik und korrespondierendes Mit-glied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Die Computerwoche zählte ihn 2011 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der IT/Kommunikationsbranche in Deutschland. Dueck ist Autor vieler Bestseller, zuletzt „Professionelle Intelligenz“, „Das Neue und seine Feinde“, „Schwarmdumm“ und „Flachsinn“.

Gunter Dueck, www.omnisophie.com


Gegen Hass, Hasshass und Flachsinn in den Sudelgebieten

Die Internet-Idealisten der frühen Tage sind erschrocken. Sie hatten gedacht, im Netz eine freie und verantwortliche Weltgemeinde etablieren zu können, die sich eine neue Weltordnung der Freiheit und des Friedens gibt. Das Netz sollte eine Infrastruktur für die neue und vor allem offene Wissensgesellschaft bilden. Jeder Mensch sollte teilhaben – Respekt, Toleranz und integre Authentizität würden herrschen. Konferenzen wie die re:publica (die 2017 zum elften Male stattfindet) trugen als Bloggertreffen dazu bei, das Netz aus der früher vorwiegend technologischen Sicht der „Nerds“ ins Zentrum der erhofften gesellschaftlichen Veränderung zu rücken. Der Traum einer neuen Digitalen Gesellschaft stand im Raum.

Auf der re:publica 2011 redete Sascha Lobo über seine „Trollforschung“. Ich hörte damals interessiert zu. Aber ich erinnere mich, das Thema der Störer im Netz damals nicht so wirklich relevant gefunden zu haben. Na gut, da leisten sich ab und zu ein paar Leute dumme Streiche - aus Spaß, getrieben von Aufmerksamkeitssucht oder vielleicht sogar aus schikanierendem Alltagssadismus heraus. Sie posten zum Beispiel in Frauengruppen „Männer haben größere Hirne“ oder sie schreiben in Veganer-Chats Genussvolles über Fleisch – ja, und dann freuen sie sich wohl diebisch über die allgemeine Empörung, die die ganze dort begonnene Debatte zu allgemeinem Ärger zerstört.

Neben den Trollen gab es dann auch andere destruktive Typen. So genannte Griefer spielen bei Online-Spielen nicht deshalb mit, um zu gewinnen, sondern sie suchen sich zum Beispiel einen anderen Spieler als Opfer aus und behindern diesen. Stellen Sie sich vor, einer schlägt beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht immer nur Sie – mit dem einzigen Ziel, dass einzig und allein Sie nicht gewinnen! Stellen Sie sich vor, jemand spielt mit Ihnen zusammen in einer Fußballmannschaft und spielt bei jedem Ballkontakt den Ball zum Gegner – und freut sich! Sie wissen, wie das im realen Leben ausgeht, aber im Internet sind diese Trolle und Griefer eben anonym. Man kann sie nicht gleich an Ort und Stelle an den Ohren ziehen und auch nicht so leicht rauswerfen.

Solche Trolle und Griefer waren vor einigen Jahren noch die lästige Ausnahme; ich las damals von einer Studie, die beim Beobachten von Netzdiskussionen etwa fünf Prozent von allen Teilnehmern als Störer identifizierte – das ist ja die normale Klassenclown-Quote, okay. Aber wenn Artikel von Tausenden gelesen werden, dann bilden die fünf Prozent Destruktiven und Banalen von der reinen Anzahl her eine genügende kritische Masse, einen vernünftigen Diskurs zu zerstören.

Frei nach Schiller: „Es kann der Ernsthafteste nicht in Frieden diskutieren, wenn es dem bösen Besserwisser nicht gefällt“. Seit allein wegen der breiten Masse im Internet die schiere Zahl der Destruktiven stieg, ist der relative Frieden vorbei. Seither kennen wir die Begriffe der Shitstorms und des Netzmobbings, wir regen uns über Dummes und Böswilliges auf. Trigger-Trolle kommen auf, die sich bei einem bestimmten Reizwort oder Reizthema („Trigger“) sofort mit heftiger Wortwahl ins Gefecht werfen. Wer Wörter wie Flüchtling, Frauenquote, vegan oder Dschungelcamp in weithin gelesenen Texten benutzt, bekommt sofort „Zuspruch“.

Leider ist es zu einer harten Frontenbildung gekommen. Die Störer und die Dummbanalen wurden mehr und mehr von Idealisten angegriffen, die das Destruktive nicht ertragen konnten. Die oft hochgebildeten Idealisten griffen manchmal leider in arrogantem Ton daneben. „Schreib erstmal korrektes Deutsch, bevor du hier...“ oder „Informiere dich, bevor du hier...“ Gefühlte Arroganz von Gebildeten reizte dann nicht nur die Trolle und Störer – jetzt kamen immer mehr, die an den erhitzten Pseudodebatten teilnahmen. Eine Todesspirale der Eskalation setzte ein, der Ton wurde immer härter. Ich erinnere mich an mein Erschauern, als sich der Vizekanzler Gabriel zu dem Wort „Pack“ hinreißen ließ. Dieses Wort gab der Teufelsspirale ein paar beschleunigende Mehrwindungen. Das Wort Hass setzte zum Siegeszug an. Die Idealisten beschuldigten alle diejenigen, die sich bei der Flüchtlingswelle ungemütlich fühlten, ganz pauschal des Fremdenhasses – alle diese „besorgten Bürger“ wurden zu Hassern gestempelt. Die Gegenseite musste sich „Gutmensch“ nennen lassen und mutierte im Zorn darüber zu einem doch ziemlich kritischen Prozentsatz zum Hasshasser.

Die Hemmschwellen der Wortwahl tanzen Limbo.

Nun werden wir ärgerlich. Offen ausgelebte Dispathie und Schnelldünnschiss stören, die Medien hauen noch einmal toppend drauf, um durch Sensationismus an Werbeklicks im Internet zu profitieren. Priester aller möglichen Lehren, Grundsatz-Krawallisten und Empörungs-Choreographen drängeln sich dazwischen, Beratungsfirmen streuen in Diskussionen ein, sie könnten jedes Problem auf der Stelle mit ihrer Wundermethode lösen. Fakenews machen die Runde und Teile der Politik rund um Brexit & Trump machen schwindelnd ratlos – in nun so empfundenen Sudelgebieten des Flachsinns und der entgleisenden Militanz.

Wem können wir noch vertrauen? Wie kommen wir zu einem vernünftigen Diskurs über unsere Zukunft? Wie unterbinden wir das trumpende Dauerseehofern um die Macht? Wie kommen wir aus dem Hass und dem Hasshass wieder heraus? Unter welchen Umständen werden wir wieder ein Land der Einheit? Wie entziehen wir die Demokratie dem Griff der Extreme?

Noch eine Problemstufe draufgelegt: Nach einer Einigkeit um irgendeine Entschließung zu unserer Zukunft kommt das geduldige Handeln und Umsetzen. Das Diskutieren um die Richtung ist doch nur das erste eine Prozent des Weges. Wir scheinen das vergessen zu haben. Wir diskutieren endlos. Und wenn jemand handelt, stören wir ihn mit unentwegten Einwänden so sehr, bis er endlich aufgibt und wieder mitdiskutiert. Das Handeln stockt in Deutschland, und über die „drohende“ Digitalisierung reden wir seit 20 Jahren. Wir reden und reden in billigstem Für und Wider über Innovation und Zukunft... Man muss immer hin und her: Es ist ein Segen, es ist ein Fluch – dieses Spiel endet so tatenlos wie das mit der Orakelmargerite.

Wie kann sich das Wichtige und Ernsthafte, der gesunde Menschenverstand, die Zukunftsentschlossenheit und die zuverlässige Tatenlust aus diesen Grabenkämpfen wieder erheben? Wie die Todesspirale beenden? Schwer zu sagen! Der sonst Verständige scheitert ja insbesondere auch, wenn er dem aus seiner Sicht Dumpfbackigen mit mangelndem Respekt begegnet – dann steht er wieder und immer wieder auf der Grabenseite des Hasshasses. Wer also den Teufelskreis durchbrechen will, muss wieder reden können. Mit jedem, so wie Jesus mit den Zöllnern. Die größten Lebensseelennarben tragen bekanntlich die davon, die von Eltern, Erziehern oder Chefs mit Nichtachtung oder Disrespekt aufgespießt wurden („Versager!“ – „Es kann nicht nur Gescheite geben.“ – „Finde dich mit deinem Aussehen ab.“ Und heute: „Pack!“) Daran können Menschen zugrunde gehen – und wir alle wissen das, weil uns solche Fälle heute in Unzahl im TV vorgeführt werden. Aber im Internet schimpfen selbst die selbsternannten Menschheitserretter mit Sätzen, die Seelen morden können und sicher auch werden. Ist es denn nicht klar, dass auf allen Seiten Untaten begangen werden?

Lassen Sie uns wieder Besonnenheit üben und nicht immer so elend scheinheilig „allseitige Wert-schätzung“ einfordern, ohne die Extremtiraden und das Seelenbrechen zu lassen. Im letzten Jahr ist ein einziger Facebook-Post von mir nicht kommentiert worden, er wurde am wenigsten von allen gelikt. Es war ein Adventsspruch, den ich bei einer Webseite zur Ankunft und Nächstenliebe beitragen sollte. Ich entgegnete:

„Liebe den Fremden wie Dich selbst, und sage nicht Pack zu Deinem Nächsten.“

Ich hatte mir schon gedacht, dass sehr viele meiner Follower den ersten Teil gut finden, weil sie sich (das sehe ich an ihren Posts) in der Flüchtlingshilfe engagieren. Aber ihre Seele – so schließe ich – will vielfach vom Hasshass nicht lassen. Das aber wünsche ich mir: Hört alle damit auf, ihr und ihr auch. Alle.

Stand: März 2017