Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Im April 2017 wurde Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl in den Lenkungskreis http://www.iass-potsdam.de/sites/default/files/files/mitglieder_des_lenkungskreises_wissenschaftsplattform.pdf der Sustainable Development Goals (SDG)-Wissenschaftsplattform "Nachhaltigkeit 2030" https://www.bmbf.de/de/stimme-der-wissenschaft-fuer-eine-nachhaltige-zukunft-staerken-4146.html der Bundesregierung berufen. Diese Plattform ist Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Ihre Hauptaufgabe ist, die Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen wissenschaftlich zu begleiten und Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Die Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Sie hat ein Ingenieurstudium der Bekleidungstechnik in Sigmaringen absolviert und Betriebswirtschaftslehre in München studiert. Anschließend arbeitete als Ingenieurin und promovierte und habilitierte sich an der Technischen Universität München. Weissenberger-Eibl leitete unter anderem die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012. Aus dem Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin entstand auch die Idee zum Internationalen Deutschlandforum (IDF), einem Format für den interdisziplinären Austausch über weltweit relevante Zukunftsfragen. Beim IDF 2015 moderierte Weissenberger-Eibl die Themengruppe "Die Zukunft braucht ganzheitliche Lösungen".

Weitere Informationen: http://www.isi.fraunhofer.de/isi-de/
Foto Copyright: Franz Wamhof

 

Sportdeutschland: Ohne Naturbezüge und Umweltschutz gibt es keine nachhaltige Entwicklung
 

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, weshalb braucht es Naturbezüge, um Bildung für nachhaltige Entwicklung zu erleben?

Bildung für nachhaltige Entwicklung rückt die Tatsache in den Fokus, dass wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt nur dann gelingen kann, wenn wir mit natürlichen Ressourcen und der Natur insgesamt schonend umgehen und sie für künftige Generationen erhalten. Und die Vermittlung dieses Gedankenganges gelingt eben mit Naturbezügen besonders gut.

Welche Bedeutung hat für Sie das Wandern?

Das Wandern hat für mich eine sehr große Bedeutung. Es gibt mir Kraft und inspiriert mich. Unberührte Naturlandschaften - Gebirge, Wüsten, Seen und Strände faszinieren mich. Beim Wandern kann ich abschalten, mich entspannen und Energie für den Alltag sammeln. Wenn der Blick von Gipfeln über Täler, Seen, Wälder und Städte hinwegschweift, begeistert mich das immer wieder aufs Neue.
Die Wander-Pausen helfen mir aber auch, zu neuen Ideen und Visionen zu gelangen. Deshalb habe ich beim Wandern immer Zettel und Stift dabei, um mir plötzlich aufkommende Gedanken zu notieren. Und diese kommen beim Wanden oder auch bei Touren mit dem E-Bike von ganz alleine.

Welchen Einfluss hat die Natur auf uns?

Wenn wir uns in der Natur bewegen, wird uns ihre Komplexität, Einzigartigkeit und Verletzlichkeit sprichwörtlich vor Augen geführt - und dass es all dies zu schützen und zu bewahren gilt. Gelingt dies nicht, verlieren wir unsere wichtigste Lebensgrundlage. Dabei ist mir der Einklang von Ökonomie und Ökologie, bei dem der Mensch im Fokus steht sehr wichtig.

Wie kann die Jugend für die Zukunft interessiert, motiviert und engagiert werden, und welche Rolle spielt dabei die Natur?

Zunächst einmal konstatieren wir einen Wertewandel, in dessen Kontext postmaterialistische Werte aufgewertet und ein nachhaltigeres und gesünderes Leben als erstrebenswert erachtet werden. Ein größeres Bewusstsein für Natur und Umweltschutz gehört ebenfalls dazu, von daher müssen junge Menschen gar nicht erst auf diese Probleme hingewiesen werden, sondern kennen sie. Ihr Handeln und Tun wird davon schon heute entscheidend geprägt.

Wenn es nun darum geht, junge Menschen für die Zukunft zu interessieren und zu motivieren, sollten wir die ihnen wichtigen Werte und Lebensentwürfe nicht nur reflektieren, sondern diese auch respektieren. Schließlich werden die heute noch jungen Menschen die Art und Weise bestimmen, wie wir morgen leben.

Was braucht es dafür?

Junge Menschen sollten beispielsweise noch stärker politisch einbezogen werden, etwa durch politische Teilhabe über das Internet oder dergleichen. Junge Menschen legen oft einen beeindruckenden Organisationsgrad an den Tag, wenn sie ihre Ideen oder Interessen in Online-Gruppen teilen.

Davon können die heutigen Entscheider lernen, weil die genannten Prozesse oft sehr demokratisch funktionieren. Wenngleich wir uns im digitalen Zeitalter befinden, sollten uns aber trotzdem auch daran gelegen sein, dass alle Ebenen und Akteure noch stärker ins Gespräch kommen, damit wir die Zukunft gemeinsam gestalten können- und nicht unabhängig voneinander und jeder für sich.

Welche ersten Schritte können Sportverbände in diesem Themenfeld gehen? Welche Rolle spielt dabei die Politik?

Beim Thema nachhaltige Entwicklung kommt ihnen eine ganz wichtige Stellung zu, schließlich handelt es sich bei Ihnen um Akteure, die Menschen und Organisationen mit gemeinsamen Interessen zusammenführen beziehungsweise Interessenvertreter sind. Dabei stoßen sie oft wichtige Entwicklungen an und erreichen viele Menschen. Sie sind damit auch eine Art Vorreiter und haben eine Vorbildfunktion.

Wenn sich Verbände nun ganz konkret für mehr Nachhaltigkeit einsetzen wollen, können sie bereits mit relativ wenig Aufwand aktiv werden. Bei einem Verband wie dem Deutschen Olympischen Sportbund e.V. sehe ich große Potenziale bei den Themen Energieeinsparung und Energieeffizienz.

Schließlich finden viele Sportarten gerade auch im Winter in großen Sporthallen statt, die manchmal eine sehr negative Energiebilanz haben können. Bei Gebäuden lässt sich zum Beispiel durch Energieaudits ganz einfach und schnell herausfinden, wie hoch der Stromverbrauch ausfällt und wo eventuell Handlungsbedarf besteht.

Dazu müssen nicht immer gleich hohe Investitionen getätigt werden, sondern manchmal reicht bereits ein Vernetzen mit anderen Akteuren wie etwa im Rahmen der vom Fraunhofer ISI initiierten Energieeffizienz-Netzwerke: Dabei tauschen sich Unternehmen und Organisationen untereinander aus und helfen sich gegenseitig mit ihren Erfahrungen, um den Energieverbrauch zu senken. Damit handeln sie überaus nachhaltig.

Wie bindet das Fraunhofer ISI Schüler und Jugendliche in seine Arbeit ein? Welche Projekte und Studien können noch genannt werden?

Wir haben verschiedene Initiativen und Veranstaltungen, die sich explizit an Schüler und Jugendliche richten. So laden wir etwa in regelmäßigen Abständen Schülerinnen und Schüler der 9. bis 13. Klasse ein, damit sie in Workshops kreativ werden und Forschung kennenlernen. Ein Thema ist dabei auch die "Zukunftsforschung" oder Foresight, die sich wissenschaftlich mit zukünftigen gesellschaftlichen und technologischen Trends und Entwicklungen auseinandersetzt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutieren dabei gemeinsam mit Jugendlichen über aktuelle und mögliche zukünftige Entwicklungen. Die jungen Menschen erfahren zum Beispiel, welche Auswirkungen der Klimawandel auf Umwelt und Gesellschaft hat oder warum man in Zukunft mit dem Elektroauto zur Arbeit fahren könnte.

Für Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben wir zudem die Fraunhofer-Talent-School geschaffen. Dabei handelt es sich um ein Programm für begabte und vielseitig interessierte Jugendliche, die gerne mehr über wissenschaftliche Problemstellungen erfahren möchten und Spaß daran haben, sich mit diesen zu befassen.

Gemeinsam mit erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Fraunhofer ISI können sie dabei diverse Forschungsthemen entdecken und mehr über die digitale Industrie oder die Mobilität der Zukunft, effiziente Energienutzung oder auch das Thema Datenschutz erfahren. Zudem beteiligt sich das Fraunhofer ISI an der „Schüler-Ingenieur-Akademie" (SIA), bei der es sich um ein Kooperationsmodell von Schule, Hochschule und Wirtschaft handelt.

Gibt es konkrete Bezüge zum organisierten Sport?

In unseren Studien gibt es bislang nur wenig unmittelbare Sportbezüge. Aber natürlich sind die Erkenntnisse aus der Innovationsforschung auch für Organisationen, Unternehmen und alle anderen Akteure im Bereich des organisierten Sports relevant. Denn auch sie müssen sich mit dringenden gesellschaftlichen Fragestellungen wie Demographie, Energiewende oder der Digitalisierung auseinandersetzen.

Um ein ganz konkretes Beispiel zu nennen: In einer Studie haben wir kürzlich untersucht, welche Potenziale und Risiken digitale Geräte und Technologien zur Selbstvermessung wie Gesundheits-Apps oder Fitness-Armbänder mit sich bringen, die sowohl gelegentliche als auch professionelle Sportler immer stärker nutzen. Dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass sich durch solche Geräte durchaus positive Auswirkungen auf die Gesundheit ergeben können und das Wissen über den eigenen Körper und die eigene Gesundheit vergrößert.

Andererseits wird oft verkannt, dass digitale Technologien zur Selbstvermessung auch Risiken wie Überwachungs- oder Diskriminierungspotenziale haben, etwa, wenn Institutionen wie Versicherungen, Arbeitgeber oder Banken Zugriff auf sensible personenbezogene Körper- oder Gesundheitsdaten bekämen und dies ausnutzen würden.

http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/sportdeutschland-ohne-nat_b_17992850.html

Das Interview wurde von Dr. Alexandra Hildebrandt geführt und erschien am 16.9.2017 in der Huffington Post http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/sportdeutschland-ohne-nat_b_17992850.html

Stand: September 2017