Prof. Dr. Roland Pfennig

Prof. Dr. Roland Pfennig ist Experte für Nachhaltige Logistik und Entwicklung mit dem Fokus auf zukunftsfähige Informations- und Managementsysteme und hält eine Professur für Wirtschaftsinformatik im Fachbereich Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik (VB) an der Hochschule Heilbronn. Er ist hier Beauftragter für Nachhaltige Entwicklung, Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung, Koordinator für Nachhaltige Entwicklung im Zentrum für Studium und Lehre, Mitglied des Senats sowie Gründungsmitglied und Direktor des Instituts für Nachhaltigkeit in Verkehr und Logistik (INVL). Pfennig studierte Forst und Umweltwissenschaften und promovierte mit dem Thema „Die Material Information Factory – Entwicklung eines Referenzmodells für nachhaltiges Wirtschaften in der klein- bis mittelständischen Industrie“ im Bereich Umweltinformationsmanagement. Er hat jahrelange Beratungserfahrung als IT-Consultant und Beratungsleiter mit dem Schwerpunkt SAP. Er ist ebenfalls Gründungsmitglied des Deutschen Instituts für Nachhaltige Entwicklung (DINE e.V.) sowie Gründer und Leiter von STEINBEIS COMET. Mit seinen Büchern „Professionelle Softwareauswahl und -einführung in der Logistik: Leitfaden von der Prozessanalyse bis zur Einsatzoptimierung“ und „Nachhaltigkeitsmanagement für Logistikdienstleister: Ein Praxisleitfaden“ leistet er einen fachübergreifenden Überblick und Beitrag für die Weiterentwicklung der Disziplinen und Branchen. Als Kirchengemeinderat setzt er sich ehrenamtlich für eine klare Haltung der Kirche zum Schutz und der gerechten Verteilung natürlicher Ressourcen ein.
 

Nachhaltiges Logistikmanagement 4.0: Die Zukunft der Logistik hat bereits begonnen

Warum ist Nachhaltigkeit immer noch wichtig in Ihren Augen?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich gesunder Menschenverstand, obwohl natürlich klar ist, dass dies keine wissenschaftlich belastbare Definition ist, die einer entsprechenden Disputation standhalten würde. Wir sollten allgemein zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit unterscheiden. Die schwache Nachhaltigkeit ist die, die Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichwertig und gleichberechtigt betrachtet. Das ist die weit verbreitete Meinung und entspricht auch der Definition von Nachhaltigkeit des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Klar ist jedoch bei näherer Betrachtung jedem Menschen, dass sich tragfähige soziale und darauf aufbauende tragfähige wirtschaftliche Systeme nur dann entwickeln können, wenn die Basis dafür stimmt, nämlich das Ökosystem, das das Leben überhaupt erst durch Sauerstoff, Sonnenlicht, Assimilation, Nahrung und letztlich die natürlichen Rohstoffe als Input für unser Wirtschaften ermöglicht. Leider ist der Begriff Nachhaltigkeit durch seine Mehrdeutigkeit und inflationäre Verwendung in Richtung Beliebigkeit gerückt worden. Aktuell wird er in der öffentlichen Wahrnehmung überlagert durch zunehmenden Nationalismus, internationale Krisen und Terrorismus, was viele Menschen dazu veranlassen kann zu glauben, dass er seine Bedeutung verloren habe. Das ist definitiv nicht der Fall und wir sehen das an Wetter- und Temperaturextremen, Unwetterkatastrophen, Feinstaubalarm, schwindender Biodiversität und vielem anderen mehr. Organisationen sind soziale Gefüge mit einem konkreten Ziel oder zu einem konkreten Zweck, die unter Einsatz von natürlichen Ressourcen arbeiten bzw. wirtschaften.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Organisationen?

Wenn man Organisation als Gruppe von Menschen versteht, die gemeinsame Ziele oder Aufgaben verfolgen wird klar, dass hier eine klare Ausrichtung eben auf diese Ziele erfolgen muss. In vielen Organisationen wird dies durch gemeinsame Leitbilder, Leitlinien oder eine Vision getan. Verantwortungsbewusste Organisationen, schwerpunktmäßig Unternehmen, Kommunen und Behörden, formulieren in ihren Leitbildern zunehmend auch Nachhaltigkeitsaspekte, aber erst in der konkreten Umsetzung zeigt sich, wie ernsthaft diese Leitbilder auch gelebt werden. Dies abzusichern ist die Aufgabe der Unternehmensführung. Geht sie nicht mit gutem Beispiel voran und fordert umgekehrt auch die Einhaltung der Vorgaben im Leitbild, leidet darunter zwangsläufig auch die Glaubwürdigkeit und damit die Unternehmenskultur -  die selbst gesteckten Ziele werden Makulatur und gerade die Nachhaltigkeit verkommt in solchen Organisationen sehr schnell zu einem ungeliebten Kind, das vermeintlich zu viel Aufmerksamkeit und Aufwand fordert und sich nicht rentiert.

Heißt das, dass die Unternehmensführungen mehr für Nachhaltigkeit einstehen müssen?

Eindeutiges Ja! Gerade im Postfaktischen Zeitalter brauchen wir an den Schaltstellen der Macht Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit, die Zukunft im Sinne Aller zu gestalten. Früher hätte man vielleicht vom Ehrbaren Kaufmann gesprochen, der über ein stark ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für das eigene Unternehmen für die Gesellschaft und für die Umwelt verfügt. Er verhält sich so, dass er zwar langfristig wirtschaftlich erfolgreich ist, ohne dabei aber mit den Interessen der Gesellschaft zu kollidieren. Ein ehrbarer Kaufmann wirtschaftet nachhaltig! Hier liegt m.E. das Problem: die Schulen und Hochschule haben lange Zeit Ökonomen ausgebildet, die an ein zwingendes quantitatives Wirtschaftswachstum glauben, obwohl jedem klar sein sollte, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Mit diesem Mindset kann der notwendige Wandel nicht erreicht werden.

Wir müssen eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen, sie in die Ausbildung und Lehre  übernehmen und somit jungen Menschen das notwendige Rüstzeug vermitteln, um den anstehenden Herausforderungen  angemessen zu begegnen. Den bestehenden Managern müssen Weiterbildungen angeboten werden, die sie in komprimierter Form über das Thema Nachhaltigkeitsmanagement informieren. Meine Erfahrung zeigt, dass dies in aller Regel sehr gut funktionieren kann. Ganz schwierig wird es allerdings, wenn extrem narzisstische Führungspersönlichkeiten mit Nachhaltigkeit konfrontiert werden. Dort besteht die Gefahr, dass kleinste Maßnahmen, so sie denn überhaupt umgesetzt werden, aufgebauscht und das Thema an sich in die Kommunikationsabteilung delegiert werden. So entsteht häufig „green washing“.

Warum gehören Nachhaltigkeit und Digitalisierung für Sie zusammen?

Natürlich gehören Nachhaltigkeit und Digitalisierung nicht zwangsläufig zusammen. Sie gehören jedoch bei einer hoch entwickelten Volkswirtschaft wie der unsrigen unweigerlich zusammen. Unsere Ansprüche wachsen bezüglich der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen in Auswahl und Geschwindigkeit der Verfügbarkeit. Gleichzeitig nehmen wir grenzüberschreitende Transaktionen weiter zu und es kommt zunehmend zu Flaschenhälsen insbesondere bei der Infrastruktur. Gleichzeitig gibt es eine starke Entwicklung im Bereich neuer Informationstechnologien, die Unternehmensstrategien befruchten und zu völlig neuen Geschäftsmodellen führen. Wir stehen also unter dem Druck, dem zunehmenden Ressourcenverbrauch durch innovative Technologien zu begegnen und sind in der Lage, dies in einem gewissen Umfang auch zu erreichen. In diesem Zusammenhang wird auch gerne von Green Technology gesprochen, worin sich die Hoffnung wiederspiegelt, das mit umweltfreundlichen Technologien ein gesundes, ein grünes Wachstum erreicht werden kann. Ob dieser Entkopplungseffekt von Ressourcenverbrauch bzw. CO2-Emissionen vom Wachstum bzw. vom Wohlstand wirklich funktionieren kann, ist sehr fraglich.

Auch wenn für die Digitalisierung selbst über die Erstellung der notwendigen Komponenten wertvolle Rohstoffe bzw. über den globalen Betrieb immense Mengen an Strom verbraucht werden, kann die Digitalisierung doch zu einer insgesamt ressourceneffizienteren Wirtschaftsweise beitragen. Das beginnt bei optimierten Planungssystemen in Echtzeit, die über optimierte Produktionsprozesse mit effizienterem, bedarfsgerechterem Materialeinsatz, ohne Ausschüsse und unnötige Lagerhaltung bis hin zu einer intelligenten Tools Distribution & Logistik führt. Die zunehmende Kundenorientierung und Einbindung des Kunden führt zwangsläufig zu einer niedrigeren Tourenquote und steigenden Zufriedenheit.

Was heißt e-Logistik und warum liegt hier die Zukunft, auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit?

E-Logistik hat sich als Begriff bereits seit einigen Jahren etabliert und wird gerne als Überbegriff für die Planung, Steuerung und Kontrolle des Waren-, Informations- und Geldflusses entlang der gesamten Supply-Chain über das Internet verstanden. Stark vereinfacht kann man sagen, dass alle die Logistik unterstützenden Anwendungssysteme und die sie verbindende Netze e-Logistik sind und eine Teilmenge des e-Business darstellen.

Die Logistik und dabei insbesondere die Transportlogistik hat kein besonders gutes Renommee in der Bevölkerung. Sie gilt als laut, schmutzig und störend durch viele Unfälle und dadurch verursachte Staus, verstopfte Straßen und zugeparkte Autobahnrastplätze. LKW-Fahrer arbeiten zum Teil unter widrigsten Bedingungen. Auch der Umschlag und die Lagerung von Waren haben negative Auswirkungen: riesige Flächen werden unwiederbringlich versiegelt, Biodiversität schwindet, es kommt zu lokalen Klimaverschlechterungen durch starkes Aufheizen und vieles andere mehr.

Entlang der Wertschöpfungskette haben wir immer auch eine Schadschöpfungskette. Durch den intelligenten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien gilt es, diese Schadschöpfung zu minimieren. Schon jetzt werden durch Big Data-Anwendungen Geschehnisse in der Zukunft relativ sicher vorhergesagt, so dass z.B. Kundenbedarfe und Maschinenwartungen mehr im Vorfeld ressourcenoptimiert bearbeitet werden können. Die Vernetzung aller Betriebsmittel und Anlagen sorgt dafür, dass alle Mitglieder eines Netzwerkes quasi in Echtzeit die beste Lösung finden. Es kommt dabei nicht, wie bisher, zu Zeitverzögerungen in der Informationsweitergabe, die durch fehlende oder suboptimale Schnittstellen verursacht wird. Mit der sich entwickelnden Industrie 4.0 und damit auch der Logistik 4.0 wird der eingeschlagene Weg konsequent weiter gegangen, der bereits bei Ergänzungen der alten MRP II- Logik durch Advanced Planning-Systeme gegangen wurde. Das Berücksichtigen von Restriktionen und die Synchronisierung unterschiedlichster operativer IT-Systeme. Während bei MRP II zunächst davon ausgegangen wird, dass die benötigten Ressourcen unbegrenzt zur Verfügung stehen, sind AP-Systeme über vorhandene Lager-, Transport- und Produktionskapazitäten informiert und können im Sinne einer Supply-Chain den optimalen Einsatz unter den Mitgliedern ermitteln. Durch leistungsfähige Netze, Protokolle, Schnittstellen, cyber-physische Produktionssysteme und Sensorik kann der Produktionsprozess Teile der Kommunikation und Abstimmung selbst steuern. Ein reibungsloser, unfallfreier, ressourcenoptimierter Ablauf ist ganz im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung und kann Anforderungen im ökonomischen, ökologischen und sozialen Bereich erfüllen.

Wie sieht Ihre Vision für ein nachhaltiges Logistikmanagement 4.0 aus?

Wenn ich den Begriff Vision ernst nehmen darf, sieht ein nachhaltiges Logistikmanagement für mich so aus, dass es Services für nachhaltige Konsumenten bereitstellt. Davor muss erst mal in weiten Teilen ein Wandel in den Köpfen stattfinden. Wenn immer mehr konsumiert und somit produziert und transportiert werden soll, wird der ökologische Teil der Nachhaltigkeit in die Knie gehen müssen und die Idee verkommt zu einer hohlen Phrase, die bald niemand mehr ernst nimmt. Ein innovatives und reiches Land kann als gutes Beispiel voran gehen.
Einfache Routinetätigkeiten werden künftig von sensitiven Robotern übernommen, die mit Menschen Hand in Hand zusammenarbeiten. Auf den Menschen wird man in auf absehbarer Zeit nicht verzichten können, allerdings wird sich die Art der Tätigkeit ändern: Aus- und Weiterbildung werden noch wichtiger werden und dies wird online und zu jeder Tages- bzw. Pausenzeit geschehen können. Die physische Belastung wird abnehmen, neuer psychischer Belastung muss durch entsprechende Maßnahmen wie moderne Führungskonzepte und Coaching vorgebeugt und damit dem sozialen Aspekt genüge getan werden. Eine sinnhafte und der weiteren Rohstoffverschwendung vorbeugende Anwendung wird Big Data sein, da damit genauer Bedarfe und darauf basierende Aktivitäten ermittelt werden können. Die prophylaktische Sicherheitsbevorratung im Lager, an den Produktionseinheiten (versteckte Läger) und auf der Straße gehören der Vergangenheit an. Systematische Fehler in den Geschäftsprozessen werden in Echtzeit erkannt und es werden umgehend passende Lösungsvorschläge erarbeitet.

Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren für ein solches nachhaltiges Logistikmanagement 4.0?

Genaue Kenntnis der eigenen Prozesse und die Fähigkeit, schnell die Prozesse von Kunden zu verstehen. Unbedingte IT-Affinität und eine offen gestaltete IT-Systemlandschaft, die über möglichst standardisierte Schnittstellen mit Geschäftspartnern kollaborieren kann. Keine Angst vor der Cloud und stets aktuelle Sicherheitsvorkehrungen. Auch hier gilt: Lebenslanges Dazulernen; gegebenenfalls müssen Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen gepflegt werden. Eines wird stets gleichbleiben: eine angemessene Kundenorientierung mit entsprechendem Verständnis für seine Sorgen und Nöte, gepaart mit gutem betriebswirtschaftlichem Gespür. Nicht zuletzt natürlich eine glaubwürdige ethische Grundhaltung, die sich, verbalisiert in Unternehmensphilosophie und -leitbildern, positiv auf Unternehmenskultur und -image auswirken. Das Management muss Verantwortung für sein Tun übernehmen und lernen mit widersprüchlichen Anforderungen umzugehen.

Das Gespräch führte Marco Englert. Es erschien am 21.5.2017 in der Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/marco-englert/nachhaltiges-logistikmana_b_16656932.html

Foto und Copyright: Roland Pfennig

Stand: Mai 2017