Prof. Franz-Michael Binninger

Prof. Dr. Franz-Michael Binninger leitet das Institut für Handelsmanagement an der Hochschule für angewandtes Management, an der er auch das Amt des Vizepräsidenten ausübt. Er hat an der Universität Passau Betriebswirtschaftslehre studiert und ist in Marketing promoviert. Nach Führungspositionen in mittelständischen Unternehmen war seit 1999 als Managementberater tätig. Franz-Michael Binninger ist ausgewiesener Experte in Marktforschung und lehrt dieses Gebiet seit 2007 an der Hochschule für angewandtes Management und anderer Hochschulen im deutschsprachigen Raum.

Weitere Informationen: http://www.myfham.de/
 

Nachhaltige Innovationen im Handel

Das Handelsforum Erding steht 2014 unter dem Motto „Nachhaltige Innovationen im Handel: Entwicklungen, Trends und Perspektiven“. Was macht für Sie ein innovatives Geschäftsmodell im Handel aus?

Innovative Geschäftsmodelle zeichnen sich stets dadurch aus, dass das Unternehmen eine echte Nische besetzt, die es in dieser Form bisher noch nicht gab, und die dem Unternehmen so einen gewissen zeitlichen Wettbewerbsvorsprung einräumt. Entscheidend dabei ist, dass dies auch in der Wahrnehmung der Konsumenten eine vorteilhafte Lösung darstellt. Eines der cleversten Geschäftsmodelle in der jüngeren Handelsgeschichte ist eBay, das die traditionelle Form der Auktion mit der klassischen Handelsfunktion verknüpft hat - und das in einer völlig neuen virtuellen Plattform.

Weshalb wird heute zunehmend nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Handelsunternehmen gefragt?

Keine Branche ist - neben den Dienstleistungen - so nahe am Kunden wie der Handel. Diese Unmittelbarkeit des Kundenkontaktes spielt auch gesellschaftliche Veränderungen sehr direkt an die Handelsunternehmen zurück. Umso wichtiger ist es für Händler, gesellschaftliche Strömungen aufzugreifen und so auf Veränderungen im Konsumentenverhalten schnell zu reagieren.

Was sind für Sie aktuell die drei wichtigsten Herausforderungen im Handel?

Die wichtigsten Herausforderungen im Handel sind nach meiner Auffassung die sich immer noch beschleunigende Digitalisierung der Geschäftsprozesse, der demographische Wandel und die Logistik: Handelsunternehmen müssen sich auf die veränderten Einkaufsgewohnheiten ihrer Kunden dahingehend einstellen. Kunden erwarten in einer digitalisierten Welt, dass Ware ubiquitär zur Verfügung steht: ob im Laden, im Internet oder mobile -  Multi-Channel-Strategien sind die Antwort auf diese Herausforderung. Gerade durch das Internet ist der Kunde aber auch einer unglaublichen Informationsflut und Angebotsvielfalt ausgesetzt, so dass die traditionelle Sortimentsfunktion des Handels wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt. Der Handel nimmt mit dieser Filterfunktion dem Kunden einen hohen Suchaufwand ab. Das bedeutet, dass auch im E-Commerce das Thema Sortiment zunehmend an Bedeutung gewinnen wird. Die zweite Herausforderung ist der demographische Wandel. Dieser zeigt sich nicht nur auf der Kundenseite durch älter werdende Kundenschichten, sondern auch auf einer der Mitarbeiterebene. Der soziale Kontakt, der gerade im Handel von großer Bedeutung ist, erfordert qualifizierte Mitarbeiter. Der „human factor“ ist im Übrigen ein Aspekt, der bei dem Hype um das Thema E-Commerce leider viel zu sehr unterschätzt wird. Und die dritte Herausforderung ist die Logistik. Ubiquitäre Einkaufsmöglichkeiten gehen einher mit dem Bedürfnis der schnellen Verfügbarkeit einer der Ware. Das zu bewältigen, bedeutet hohe Anforderungen an die gesamte logistische Kette.

Weshalb kommt dem Einzelhandel eine Schlüsselposition zwischen Produzent und Konsument zu?

Der Handel ist nicht nur purer Absatzmittler zwischen Hersteller und Konsumenten, sondern er ist gleichzeitig das Ohr am Kunden. Durch diese unmittelbare Kundennähe ist der Handel wie keine andere Branche in der Lage gesellschaftliche Veränderungen, Trends und Strömungen aufzugreifen und zu reagieren

Wie definieren Sie „unternehmerische Verantwortung“ im Handel?

Der Handel gerade in Deutschland ist aus einer mittelständischen Historie entstanden und gewachsen. Klassische mittelständische Familienunternehmen denken traditionell generationsübergreifend. Kurzfristige Gewinnmitnahmeeffekte sind solchen Unternehmen fremd. Sie denken im besten Sinne des Wortes nachhaltig. Diese verantwortungsvolle Denkhaltung bezieht sich auf alle Stakeholder eines Unternehmens.

Wie können Innovationen im Handel systematisch vorangetrieben werden? Welche unterstützende Rolle kann dabei die Hochschule für angewandtes Management und das Institut für Handelsmanagement einnehmen?

Innovationen, egal ob im Handel oder Industrie, entstehen in der Regel aus Forschungsleistungen und Ideen die diesen vorangehen. Die Hochschule für angewandtes Management und insbesondere das Institut für Handelsmanagement sieht sich hier in der Verantwortung, der Hochschule anwendungsorientierte und praxisnahe Forschung zu betreiben und die Ergebnisse den Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus dienen Veranstaltungen wie das jährliche Handelsforum dem Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis.

Wie wird der systematische Erfahrungsaustausch zwischen der Hochschule und den einzelnen Unternehmen sichergestellt?

Das Institut für Handelsmanagement pflegt einen sehr intensiven Kontakt mit seinen Partnerunternehmen und Institutionen. Neben dem Handelsforum gibt es auch einen sehr engen bilateralen Austausch in Form von Jahresgesprächen mit strategischen Partnern, die sich mit den Themen aus und Weiterbildung, Forschungsprojekten und Innovationen beschäftigen. Darüber hinaus arbeiten wir natürlich auch eng mit Institutionen wie dem GfK-Verein, der Akademie Handel, dem BDE oder dem LGAD zusammen.

Welche Bedingungen und Strukturen verhindern oder unterstützen die Umsetzung von innovativen Konzepten im Handel?

Ich beantworte die Frage einmal andersherum. Die größten Hemmnisse für die Umsetzung innovativer Konzepte finden in den Köpfen der Menschen statt. Das Schaffen von freien Strukturen und kreativen Entfaltungsmöglichkeiten für Mitarbeiter sind zwei wichtige Elemente dabei. Der entscheidende Punkt ist allerdings aus meiner Sicht der Mut zur unternehmerischen Entscheidung, innovative Konzepte auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: April 2014