Prof. Kai-Uwe Hellmann

Prof. Dr. Kai-Uwe Hellmann ist außerplanmäßiger Professor für Konsum- und Wirtschaftssoziologie am Institut für Soziologie der TU Berlin und zusammen mit Frank Feldmann geschäftsführender Gesellschafter der Feldmann & Hellmann Barcamp Organisation GbR. Seine Forschungsschwerpunkte über die Jahre hinweg sind Politische Soziologie, Konsum- und Wirtschaftssoziologie sowie Militär- und Organisationssoziologie. Als langjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe “Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur” der Deutschen Gesellschaft für Philosophie hat sich Kai-Uwe wiederholt mit dem Themenfeld “Corporate Social Responsibility” befasst. 2008 initiierte er das jährlich stattfindende CommunityCampBerlin, woraus die oben erwähnte Agentur entstanden ist.

Weitere Informationen: http://www.soz.tu-berlin.de/Crew/hellmann/,
http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/nachhaltigkeit-partizipation-barcamps_b_8574450.html

 

„Politik der Nachhaltigkeit“: Eine Reminiszenz
 

Nachdem der „Diskurs der Zivilgesellschaft“ (Ansgar Klein) Ende des 20. Jahrhunderts längst in die Jahre gekommen war, zeichnete sich im Laufe der letzten 20 Jahre eine neue Diskursformation ab, die für die Zukunft nicht minder einflußreich werden sollte: der Diskurs der Nachhaltigkeit. 1987 im Brundtland-Bericht als „sustainable development“ definiert und im Deutschen auf die Kurzformel „Nachhaltigkeit“ gebracht, besitzt dieser Diskurs eine erstaunliche Dynamik, und dies nicht nur für die sozial- wie naturwissenschaftliche Forschung.

Denn schon von der damaligen Kohl-Regierung und der späteren rot-grünen wurden gleich mehrere Programme zum Stichwort „Nachhaltigkeit“ aufgelegt, und immer deutlicher war zu erkennen, daß die Politik kaum mehr umhin kommen würde, sämtliche Planungen und Maßnahmen mit dem Verweis auf ihre Nachhaltigkeit zu rechtfertigen. Insofern lag es nahe, von einer „Politik der Nachhaltigkeit“ zu sprechen. Nur was zeichnete diese Form von Politik eigentlich aus?

Karl Werner Brand und Volker Fürst waren dieser Frage vor mehr als 13 Jahren in einer „Sondierungsstudie“ nachgegangen, die anschließend von Experten kommentiert und 2002 unter dem Titel „Politik der Nachhaltigkeit“ veröffentlicht wurde. Ausgangspunkt war die Definition nachhaltiger Entwicklung von 1987: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Mit dieser Definition waren drei Bedingungen verbunden: Zunächst sei nachhaltig nur, was auch die Bedürfnisse zukünftiger Generationen mit ins Kalkül ziehe; dies stelle die Besonderheit dieses Diskurses dar. Freilich sollten darüber die Bedürfnisse der gegenwärtigen Bevölkerung im globalen Maßstab nicht vernachlässigt werden. Und schließlich galt es, ökologische, soziale und ökonomische Belange nicht gegeneinander auszuspielen, sondern gleichermaßen in Rechnung zu stellen. Alles in allem handelte es sich beim damaligen Nachhaltigkeitsdiskurs also um einen integrativen Politikansatz, der möglichst keinen relevanten Aspekt außer Acht lassen, sondern jedem im Zusammenspiel mit allen gerecht werden wollte.

Nachhaltigkeit  – Leitbild oder Leerformel?

Was die Funktion dieses Diskurses betraf, so sprachen Brand/Fürst in ihrer Studie von einem „Leitbild“, das der Politik die Richtung weise; diese Bezeichnung spiegelte eine weithin akzeptierte Sprachregelung wider. Außerdem zielte dieser Diskurs auf neue dialogische Vernetzungen und Kooperationsnormen, neue strategische Allianzen und die Suche nach Win-Win-Kombinationen, wie sie schon in den Mediationsverfahren der Umweltpolitik angepeilt worden waren.

In der Umsetzung haperte es jedoch erheblich, und dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß der Nachhaltigkeitsdiskurs seiner Leitbildfunktion nur unzureichend nachkam, weil er viel zu unbestimmt und vage war. „Der Begriff nachhaltige Entwicklung ist zu allgemein und zu abstrakt, um symbolisierungs- und mobilisierungsfähig zu sein. Er bietet weder klare Problemdiagnosen noch klare Handlungsperspektiven (vielmehr widersprüchliche). Er bündelt weder Visionen und Bilder eines ‚guten Lebens‘, noch kann es hinreichend angstbesetzte Emotionen und Handlungsbereitschaften hervorrufen. Er ist darüber hinaus wenig für die massenmediale Vermittlung geeignet: er ist als Konzept weder personalisierbar noch pragmatisierbar.“ (Brand/Fürst 2002, S. 92) Brand/Fürst folgerten deshalb, daß der Nachhaltigkeitsdiskurs in vieler Hinsicht keine Leitbildqualität besitze, vielmehr einer „Leerformel“ gleichkomme, die bloß plakativ etwas anzeige, inhaltlich aber kaum Substanz aufweise. Sie erwogen deshalb, bei Nachhaltigkeit nicht mehr von einem „Leitbild“, sondern von einem „Metaleitbild“ zu sprechen, obgleich unklar blieb, worin der Vorteil dieser Umbenennung bestehen sollte.

Unzweifelhaft war, daß der damalige Nachhaltigkeitsdiskurs eine erstaunliche Resonanzfähigkeit besaß; ebenso unstrittig war aber auch, daß dieser Diskurs eigentümlich konturlos und unpräzise erschien und deshalb große Probleme bei der Anwendung bereitete; dies wurde auch von den Kommentatoren durchgängig beklagt. Eine alternative Interpretation dieses Phänomens bot sich an, wenn man einen Vergleich mit dem Begriff des Gemeinwohls bemühte.

Nachhaltigkeit als Nachfolgebegriff fürs Gemeinwohl?

Der Gemeinwohlbegriff hat eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, und seine Funktion lag bis in die Moderne darin, die Teleologie der Politik auf den Begriff zu bringen: Politik hat den Zweck, für das Wohle aller zu sorgen. In der modernen Gesellschaft ist es jedoch zunehmend schwieriger geworden, noch positiv anzugeben, worin das Gemeinwohl der Gesellschaft besteht, weil zunehmend unklarer wird, was das Beste für alle ist. Von daher lag es nahe, auf den Gemeinwohlbegriff ganz zu verzichten.

Wenn man jedoch sagt, der Verweis aufs Gemeinwohl komme erst ins Spiel, wenn es gelte, partikulare Interessen und Ansprüche in Schach zu halten, um das Gemeinwohl nicht zu gefährden, dann behält der Begriff seine Geltung, wenn seine Bedeutung sich auch ändert. Denn für diesen Fall geht es nicht mehr darum, eine positive Bestimmung des Gemeinwohls anzugeben, sondern ihn ausschließlich negativ einzusetzen, also immer dann, wenn es gilt, Unverträglichkeitsgrenzen zu ziehen und in die Schranken zu weisen, was auch immer dem Gemeinwohl widersprechen könnte.

In dieser Lesart läßt sich der Gemeinwohlbegriff als „Kontingenzformel“ bezeichnen, weil mit Bezug aufs Gemeinwohl die Kontingenz sämtlicher Interessen und Ansprüche in Frage gestellt wird, denen sich die Politik ständig gegenübersieht; denn zu jedem Anliegen, das vorgebracht wird, gibt es Alternativen. Dabei wirkt diese Vorgehensweise hochgradig integrativ: Jedem Anliegen wird mit dem Hinweis, dem Gemeinwohl zu widersprechen, das Anrecht auf uneingeschränkte Berücksichtigung bestritten, weil es nicht anders möglich ist, das Gemeinwohl zu erhalten.

Betrachtet man daraufhin den Diskurs der Nachhaltigkeit, zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele zum Gemeinwohlbegriff. Immerhin wird der Verweis auf Nachhaltigkeit ebenfalls dazu eingesetzt, auf nicht-nachhaltige Entwicklungen und Entscheidungen aufmerksam zu machen, um deren Relevanz zu hinterfragen. Im Vordergrund steht zwar die Positivversion „Alles soll nachhaltig sein“, in actu operiert der Nachhaltigkeitsdiskurs aber mit der Negativversion „Verhindert werden muß, was nicht nachhaltig ist“.

Übrigens wurde diese Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Gemeinwohl des öfteren schon in der Literatur gezogen. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß der damalige Diskurs der Nachhaltigkeit mit dem Stichwort „Zukunftsfähigkeit durch Nachhaltigkeit“, wie Gerhard Schröder es im Frühling 2002 in einer Regierungserklärung ausgedrückt hat, explizit die Zeitdimension mit ins Kalkül zog, was beim Gemeinwohlbegriff bisher nicht der Fall gewesen war.

Besonders prägnant hatte diese Besonderheit auch die ehemalige Bundesumweltministerin Angela Merkel einmal formuliert: „Nachhaltigkeit heißt: sich der Zukunft stellen.“ In jedem Fall gab es eine Reihe von Anzeichen dafür, daß Nachhaltigkeit als Nachfolgemodell fürs Gemeinwohl unter Einbeziehung des Zukunftsaspekts fungierte.

Stand: November 2015