Prof. Sigmund Gottlieb

Prof. Sigmund Gottlieb, Jahrgang 1951, studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Germanistik 1977 machte er das Staatsexamen und ging 1978 zum Münchner Merkur (Redakteur für Innenpolitik) 1981 wechselte er zum ZDF (u.a. Korrespondent in München, Hauptstadtstudio Bonn). 1988 war er stellvertrendender Redaktionsleiter beim ZDF-„Heute-Journal“. Seit 1991 ist er beim Bayerischen Fernsehen und seit 1995 dort Chefredakteur. An der Fachhochschule Amberg-Weiden ist er seit 2005 Honorarprofessor für das Fachgebiet Journalismus.
 

Die Verantwortung der Medienmenschen

Die Story von der Verantwortung der Medienmenschen ist eine Geschichte, in der es um die Existenzfrage geht. Die Existenzfrage für uns Journalisten, die Existenzfrage für Sie, das Publikum, für uns alle, für die Gesellschaft.

Keine Frage: Noch immer sind wir gut. Im internationalen Vergleich ist Deutschland Spitzenjournalismus-Land. Was sind wir doch alle froh, wenn wir aus den USA zurückkehren, und endlich wieder richtig informiert werden.

Aber sind wir andererseits nicht längst auf dem Weg, das Gespür für das Notwendige zu verlieren, für das Gebotene, für das Angemessene, für das Relevante? Haben wir es nicht schon verloren?
· Wir sind zwar gut, aber wir schielen nach Auflage und Quote.
· Wir sind zwar gut, aber wir skandalisieren immer öfter.
· Wir sind zwar gut, aber wir banalisieren gerne.
· Wir sind zwar gut, aber wir verallgemeinern, wenn es geht.
· Wir sind zwar gut, aber bleiben oft an der Oberfläche.
· Wir sind zwar gut, aber wir schreiben am laufenden Band voneinander ab.
· Wir sind zwar gut, aber wir bauen Handlungsdruck auf und fordern von der Politik schnelle Lösungen.
All das geschieht nicht mit Absicht, sondern folgt offensichtlich den Zwängen von Kommerz und intellektueller Überforderung. Ich komme noch darauf zu sprechen.
Damit sind wir bei der zentralen Frage. Sie lautet: Wie steht es um die Qualität unserer journalistischen Produkte?
Jetzt und vor allem in Zukunft?
Können wir diese Qualität bewahren, oder schicken wir uns an, sie zu verscherbeln?

Der ehemalige ORF-Intendant Gerd Bacher hat die Schwierigkeiten des Qualitäts-Journalismus so beschrieben: „Im Wettbewerb zwischen Trivialität und Anspruch ist der Anspruch stets im Nachteil.“ Was steht hinter dieser Aussage? Dahinter steht die Erkenntnis, dass Massenmedien den Massengeschmack mit trivialen Angeboten besser erreichen als mit anspruchsvoller Information. Wie soll Horst Seehofer gegen Dieter Bohlen bestehen, frage ich Sie. Oder Sigmar Gabriel gegen Rainer Langhans im Dschungel-Camp? Beide Welten haben ihren Markt, finden ihren jeweiligen Interessenten, wohl wahr. Gerade als öffentlich-rechtliche Medienmenschen müssen wir jedoch eine möglicherweise systemerhaltende und zukunftssichernde, in jedem Fall im Interesse von uns allen liegende Entscheidung treffen: Im Zweifelsfall für die Qualität, im Zweifelsfall für ein paar Prozentpunkte weniger Quote. Es braucht Mut, eine solche Entscheidung zu treffen und auch durchzuhalten. Ich weiß, wovon ich rede.

Wir brauchen Mut

Mut, ein paar Wahrheiten anzusprechen:

Wahrheit Nr. 1:
Wir können nicht besser sein als die Experten, die sich mit ihren Prognosen zur Finanz- und Eurokrise nicht treffsicherer erwiesen haben als die Stammtischrunde im Wirtshaus von Rosenheim.
Also bitte keine falschen Erwartungen an uns! Wir sind Generalisten und keine Experten!

Wahrheit Nr. 2:
Die Welt beschleunigt sich dramatisch. Der wachsende Druck der Aktualität erlaubt oft nur den journalistischen Blick auf die Oberfläche und nicht mehr in die Tiefe.


Wahrheit Nr. 3:
Die digitale Revolution hat Management und Mitarbeiter vieler Medienhäuser aus der Bahn geworfen. Viele fahren auf Sicht – auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen und nach neuen Arbeitsplätzen.

Wo bleibt der Mut zur Qualität?

Wir sind uns also einig, dass wir eine Wende zu mehr Qualität in den Medien brauchen. Aber was heißt Qualität und wie ist sie zu messen?
Qualitätskriterien für einen 3er-BMW aufzustellen ist wesentlich einfacher als die Qualität einer politischen Reportage zu messen. Aber auch bei uns gibt es Kriterien für „sehr gut“ oder „mangelhaft“! Wie wär’s mit informativ, verständlich, glaubwürdig, aktuell, kompetent, seriös, zeitgemäß, modern, spannend, gründlich, lebenswirklich, menschennah?
Produkte dieser Art herzustellen ist nicht leicht. Keine Durchschnittshaltung!
Passt schon, reicht nicht! Erstklassiges Handwerk. Dies hat mit journalistischer Haltung zu tun. Von der Führung vermittelt, in Redaktionen gelebt!

Mit Mut zum Positiven

„Wo bleibt das Positive?“ Dies ist die wohl meist gestellte Frage an uns Medienmenschen. In kaum einer anderen Fragestellung gibt es einen so breiten Konsens in unserer Gesellschaft. Ich kann das gut verstehen! Die wachsende Komplexität unseres globalen Dorfes überfordert viele Mitglieder unserer Zunft, die neuen Zusammenhänge sachgemäß, verständlich und differenziert zu erklären. Wo die fundierte, intellektuelle Auseinandersetzung mit der Sachmaterie immer schwerer fällt, erliegen wir Journalisten neuerdings der Verführung – und sind wesentlich verführbarer als in früheren Zeiten. Wir lassen uns verführen zur „Skandalisierung“ (Bonus-Zahlungen sind unmoralisch), „Generalisierung“ (Die Banker, die Politiker) und Trivialisierung (Abhandlungen über Merkels Deutschlandkette).
Derlei journalistische Ersatzhandlungen haben es in sich, in mehrfacher Hinsicht:

1. Man umgeht die intellektuelle Auseinandersetzung mit schwierigen Themen.
2. Auf diese Weise bietet man dem Leser oder Zuschauer oder User die leichter verwertbare Kost an der Oberfläche, die diese sehr zu schätzen wissen.
3. Mit den drei „Ersatzinstrumenten“ Skandalisierung, Generalisierung und Trivialisierung glaubt man die scharfen Waffen gefunden zu haben, mit denen man im immer brutaler werdenden Konkurrenzkampf überleben kann.

Ich bin davon überzeugt, dass eine so geartete Reduzierung – oder sollte man besser sagen Degenerierung -journalistischer Arbeit eine nicht zu unterschätzende Gefahr für unsere Gesellschaft darstellt. Wie muss es auf die Mehrheit von Fernsehzuschauern, Zeitungslesern oder Online-Nutzern wirken, wenn dort eine Pseudo-Wirklichkeit abgebildet wird, in der die Banker gierig sind, Politiker lügen, Probleme unlösbar erscheinen und die deutsche wie die große weite Welt aus einer Aneinanderreihung von Krisen und Konflikten erscheinen? Wem eine solche Sicht der Dinge täglich und über einen längeren Zeitraum begegnet, der verliert den Glauben an das Positive, an „das Gute“, an unsere Eliten, an die Lösbarkeit von schwierigen Situationen, an die Möglichkeit der Konfliktbewältigung. Wer eine in dieser Weise aufs Negative verkürzte Teilwirklichkeit als Gesamt-Realität ernst nimmt, der beginnt zu zweifeln, wird mutlos, verliert den Mut, verzweifelt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass unser Publikum immer öfter die Frage nach der guten Nachricht stellt. Dahinter steckt der Wunsch vieler Menschen in Zeiten dramatischer Umbrüche und unsicherer Lebensperspektiven in der medial vermittelten Welt inmitten düsterer Prognosen auch Lösungsmöglichkeiten und Lichtblicke angeboten zu bekommen. Also Er-mutigung statt Ent-mutigung, Mutmacher statt Miesmacher!

Ein mutiges Bekenntnis zur Qualität

Das oft benutzte Bild von den Medien als Vierte Gewalt halte ich für übertrieben. Ich möchte ein anderes Bild gebrauchen: Wir stellen den Kitt bereit, der die Risse und Brüche in einer angespannten und überorderten Gesellschaft wieder zusammenfügt. Insofern wird die Belastbarkeit unserer Demokratie wesentlich vom Verantwortungsgefühl und vom Qualitätsbewusstsein seiner Medienmenschen abhängen.

Was sollten wir unter „Qualität der Medien“ verstehen? Ich möchte Ihnen ein weiteres Angebot machen:

Qualität das ist unsere Professionalität, unser Handwerk, unsere Sorgfalt, unsere Phantasie, unser Widerspruchsgeist, unsere Hartnäckigkeit, unsere Genauigkeit, unsere Trennschärfe, unser Profil, unsere Schnelligkeit, unser Tiefgang, unsere Kurzweiligkeit, unsere Unberechenbarkeit, unsere Neugier, unsere Standfestigkeit, unsere Unabhängigkeit, unsere Meinungsfreude.

All das auf einmal können wir Ihnen wohl nur selten bieten, aber wir arbeiten daran!

Qualität in der Medien-Revolution

Wir befinden uns mitten in einer medialen Revolution. Das Internet hat uns mehr Transparenz, mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten zur Information und Kommunikation gebracht. Was bisher getrennt war wächst zusammen: Fernsehen, Hörfunk, Foto, Text.

Der öffentliche Raum verändert sich. Die Medien sind nicht mehr die Gatekeeper, die entscheiden, was öffentlich wird und was nicht. Dieses Monopol haben sie verloren. Die Maßstäbe haben sich verschoben. Die vierte Macht wird entautorisiert; Durch „the wisdom of crowds“, das Wissen der vielen!
Die Medienwelt, wie sie es noch vor wenigen Jahren gab, existiert nicht mehr. Vor 15 Jahren war das Netz eine exotische Spielerei. Vor zehn Jahren war es eine zusätzliche Informationsquelle. Heute ist es ein unverzichtbarer Ort der Kommunikation, eine zusätzliche Plattform für klassischen Journalismus und seine Marken.

Wir können heute durch das Netz schneller Fakten recherchieren, auf Informationen zugreifen. Die Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten verbreiten, ist ebenso steil angestiegen wie der Druck, möglichst schnell darauf zu reagieren. Aber Journalismus besteht ja nicht nur aus Informationen. Journalismus ist auch Nachdenken, Einordnen, Analysieren, Zusammenhänge herstellen. Das wird heute ebenso gut gemacht wie vor 15 Jahren.

Der Journalist Ernst Elitz, lange Jahre Intendant des Deutschlandradios, hält die Prüfung des immer wilder wuchernden Informationsdschungels durch „journalistischen Fachverstand“ für dringender geboten denn je – „damit aus der Vielfalt von Infobits, Eindrücken und Gerüchten, von Selbsterlebtem und Ausgedachtem verlässliche Nachrichten werden“. Diese Beschreibung des Problems heißt nichts anderes, als dass Journalisten künftig ihre Hauptaufgabe darin sehen sollten, aus einer Kommunikation des Zufalls eine Kommunikation der Verlässlichkeit zu machen. Unsere sich dramatisch verändernde Welt der digitalen Medien braucht, wie es Ernst Elitz sagt, „Anker der Verlässlichkeit“. Dieser hohe Anspruch setzt den unbestechlichen Blick für Qualität voraus, der in keinem Widerspruch steht zur Leidenschaft für das Unerwartete und das Überraschende.

Den Qualitätsbeweis angesichts dieser Medienrevolution zu liefern, muss heißen:

· Schneisen der Verlässlichkeit schlagen in den digitalen Dschungel!
· Die Wissens-Substanz heraussortieren aus den Müllbergen unkontrolliert deponierter Information.
· Orientierung und Erklärung liefern angesichts beunruhigender Komplexität in der modernen Gesellschaft.

Schluss

Reden wir doch noch einmal von Ethik! Wer in den Medien Verantwortung übernommen hat, der muss auch bereit sein, für die negativen Folgen einer Berichterstattung Verantwortung zu übernehmen. Das fällt uns nicht leicht. Hat so manches Mitglied unserer Zunft doch die Eigenschaft, gerne alles und alle zu kritisieren, aber es gar nicht zu schätzen, wenn man selber kritisiert wird. In diesem Zusammenhang sollten wir auch den Mut aufbringen, zuzugeben, dass Medien – sicher nicht absichtsvoll – von Fall zu Fall dazu beigetragen haben, menschliche Existenzen zu zerstören. Wir haben die Pflicht, Irrtümer zuzugeben und uns für Fehler, die wir gemacht haben, öffentlich und in angemessenem Umfang zu entschuldigen - auch wenn es uns noch immer schwer fallen mag.
Qualitätsjournalismus? Es gibt ihn. Wir müssen ihn erhalten. Mit aller Kraft!