Rainer Kalb

Rainer Kalb, Jahrgang 1954, studierte nach dem Abitur in Erkelenz (Niederrhein) Germanisitk, Romanische Sprache, Linguistik und Philosophie an derRWTH Aachen und der Sorbonne mit dem Schwerpunkt Spieltheorie. Nach einer Zwischenprüfung über Heinrich Heine und seine Ironie beschäftigte er sich in einer Maitrîise ès Lettresmit dem Werk des Schrifstellers Emile Zola. Seine Magister-Arbeit schrieb er über Hauptmann und den Naturalismus in Deutschland. 1979 begann Kalb seine Karriere als Sportjournalist bei der Rheinischen Post in Düsseldorf. 1980 wechselte er zum kicker-sportmagazin nach Nürnberg und machte sich 1987 selbständig. Er arbeitete und arbeitet für Europas größte Sport-Nachrichtenagentur SID, für Sport-BILD, für die TZ in München, für die L'Equipe und France Football, für die DFL, für die DFB-Stiftung Egidius Braun und die Sepp Herberger Stiftung. Seit neun Jahren lebt er in einem Dorf an der Loire zwischen Angers und Saumur. Kalb hat von jeder WM und EM seit 1982 bis 2008 berichtet.

 

Zugegeben: Als Journalist kann man manchmal recht zynisch sein.

Als die Vorwarnung kam, auf dem DFB-Bundestag 2010 in Essen werde der Begriff der „Nachhaltigkeit“ in die Statuten des DFB aufgenommen, hatten viele Kollegen – auch ich – nur noch fassungsloses Staunen und billige Witzchen für die Ankunft dieses inflationären Begriffes im Fußball übrig.

Abends, in geselliger Runde, fragten wir uns beispielsweise: Müssen jetzt die Platzwarte entlassen werden, weil sie den Rasen mähen und damit das Wachsen von Gras nachhaltig behindern?

Müssen Stadiondächer abgerissen werden, weil sie die Bestrahlung des Platzes durch die Sonne nachhaltig behindern – so aber Rasenfirmen alle paar Monate nachhaltig Geld verdienen, weil sie einen neuen Rasen verlegen dürfen?

Ist das Einsammeln der pfandpflichtigen Plastik-Bierbecher eine nachhaltige neue Form der Kinderarbeit?

Es wird viel gealbert in solcher Runde. Das ist aber auch ein Wehren gegen Vereinnahmung.
Ende des letzten Jahrtausends prägten Brauer die Hemden der Bundesliga. Jetzt sind es Solarunternehmen. Alle Stadien sind „nachhaltig“ geworden. Wenn ein „Begriff“ nichts mehr „bedeutet“ – und ich meine das jetzt philosophisch – verkommt er zur Worthülse.

Ich habe lange über den Begriff „Nachhaltigkeit“ im Fußball nach-gedacht. Ich halte ihn inzwischen-  pardon für die saloppe Ausdrucksweise – für doppelt-gemoppelt.  Ich weiß nicht, wann der Turn- und Sportverein von 1860 München seine Fußball-Abteilung gegründet hat. Ich weiß nur, dass sie immer noch existiert. Und dazu brauche ich kein Wort namens „Nachhaltigkeit“.

Einerseits heißt „Nachhaltigkeit“ nichts anderes als „Tradition“. Andererseits nichts anderes als „Geduld“. Wer all die Übungsleiter kennt, die, unausgebildet, dennoch den Kindern das Fußball spielen beibringen wollen, all die Eltern, die die Kiddies einsammeln, um sie zu Auswärtsspielen zu fahren , all die Platzwarte, die auch nach Dienstschluss Jugendliche noch auf eine Bezirkssportanlage lassen, all die Jugend-Leistungszentren des DFB und der DFL – dem ist der Begriff „Nachhaltigkeit“ im Fußball viel zu pauschal. Denn er spiegelt nicht wider, was die Realität ist. Er subsumiert zur Oberflächlichkeit.

Das nachhaltige Wirken des Fußballs ist viel subtiler, als es in dem Begriff erscheint.
Wer weiß denn noch, dass der Rekordmeister FC Bayern ursprünglich ein Verein überwiegend bürgerlicher Juden war? Dass sie dann die „Roten“ wurden, ist eine besondere Art von Zynismus.

Wer weiß, dass Oskar Rohr mit dem FC Bayern 1932 Deutscher Meister wurde und sein Neffe Gernot danach mit Rummenigge spielte? Wer weiß, dass Oskar Rohr einer der ersten war, der mach Straßburg zog, um als Profi Geld zu verdienen – 30 Jahre, bevor der DFB das Profitum erlaubte?

Wer weiß von all diesen Kohle-Malochern, die in Dortmund, Schalke, Wattenscheid und Bochum angeheuert haben? Wer weiß von Netzer, Vogts und Heynckes, Rupp, die Europa klargemacht haben, dass Mönchengladbach kein Vorort von München ist?

Bilder. Es sind nichts als Bilder. Davon, dass der WM-Held von 1954, Fritz Walter, unter dem Hitler-Regime für Straßburg hat spielen müssen – abkommandiert aus seinem geliebten Kaiserslautern – gibt es kaum Bilder.

Es sind die Bilder, die bleiben. Und der Fußball. Die Mexiko-Hilfe des DFB besteht seit über 25 Jahre, die Sepp-Herberger-Stiftung noch viel länger. Wer weiß, was in 25 Jahren sein wird? Nachhaltigkeit?? Nachhaltigkeit heißt auch Dauer, heißt, was bleibt. Im kollektiven Gedächtnis, da ist der Fußball unschlagbar. Im Alltag, an jedem Wochenende, auch nicht nur bei den Profis.

Es bedarf nicht des dummen und dümmlichen Satzes von FIFA-Präsident Sepp Blatter, der Fußball sei mächtiger als die katholische Kirche, weil er mehr Mitglieder habe. Es hätte der Verweis gereicht, dass Kinder lieber sonntags morgens Fußball spielen als in die Kirche zu gehen. Die Praxis muss es zeigen, nicht die Erbauung,

Wer weiß denn noch, wer Ludwig Erhard, Heinrich Lübke oder Georg Kiesinger waren? Aber dass Sepp Herberger 1954 auf den Schultern seiner Spieler getragen wurde, dass weiß noch jeder. Wie Beckenbauer 1990 sinnverloren über den Rasen des Olympiastadions in Rom schlenderte, auch. Ja, und als Toni Schumacher 1982 den Franzosen Patrick Battiston umrammte – und sich danach nicht gerade diplomatisch geäußert hat – all das sind Szenen, die Deutschland prägen.

Vielleicht ist „Nachhaltigkeit“ nur ein verschämter Ausdruck für dieses „Prägen“. Wenn ein Rindvieh „geprägt“ wird, tut das ja weh. So, wie das Wembley-Tor 1966. Oder das abgekartete Spiel mit Österreich 1982.

Nachhaltigkeit ist nichts, was wandernde oder wandelnde Politiker oder Wirtrschaftsbosse  schaffen können. Nachhaltigkeit ist Beharrlichkeit, ist  Treue, ist ewiges Bleiben. Zu seinen Kindern, zu seinem Verein. Ja, so ist es. Nachhaltigkeit heißt Treue. Bis das der Tod uns scheidet. Schalke 04 hat bereits ein früheres Stadion zu einem Friedhof umgewidmet. Ob all die, die von Nachhaltigkeit quaken, das wissen?

Wie die DFB-Stiftung Egidius Braun sagt: „Fußball – mehr als ein 1:0“. Nichts ist wahrer. Und nichts können wir für unseren Alltag nachhaltig mehr lernen, als ein Fußballspiel zu verstehen. Ein Ziel, begrenzter Raum, begrenzte Zeit, ein Gegner, Regelverletzungen, eine Entscheidung. Fußball- das ist Nachhaltigkeit fürs Leben.