Ralf Weinhold

Ralf Weinhold, Jahrgang 1987, ist in einem kleinen Ort namens Wenigumstadt an der hessisch-bayerischen Grenze in der Nähe von Aschaffenburg aufgewachsen. Der Handballsport gehört bereits seit frühester Kindheit untrennbar zu seinem Leben. Mit 16 Jahren wurde er Schiedsrichter, mit 18 Jahren Trainer einer Jugendmannschaft und mit 20 Jahren Vorstand der HSG Bachgau, einer Handballspielgemeinschaft zwischen seinem Heimatverein TV Wenigumstadt und den beiden Nachbarvereinen TSV Pflaumheim und BSC Großostheim. Daneben spielt er selbst noch leidenschaftlich gerne Handball in der Herrenmannschaft des Vereins. Mit der Gründung dieser HSG trug er maßgeblich zum Aufleben des Handballsports in der Region bei. Seine Passion ist dabei ganz klar die Jugendarbeit, die als Fundament für den Fortbestand der Sportart dienen soll. Über Jahre investierte er sehr viel Freizeit für seine zahlreichen Ehrenämter, um der HSG einen positiven Start zu ermöglichen.

Beruflich absolvierte er nach seinem freiwilligen sozialen Jahr im Sportverein zunächst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und anschließend eine Weiterbildung zum Handelsfachwirt. Zuletzt erweiterte er sein Fachwissen mit einem Handelsmanagement-Studium an der Hochschule für angewandtes Management in Erding.

 „Mein Lieblingswort: Nachhaltigkeit“

Handball: HSG Bachgau nimmt erste Schritte auf dem Weg ins Übermorgen nachdrücklich in Angriff

 

Die Bedeutung von Ralf Weinhold für die HSG Bachgau zu erklären fällt an jenem dritten Advent alles andere als schwer. Gerade hat er als Trainer das Derby gegen Groß-Umstadt/Habitzheim mit seinen C-Juniorinnen klar gewonnen, direkt nach dem Interview wird er ein Jugendspiel als Schiedsrichter leiten ehe er am Nachmittag mit der Männermannschaft als Rechtsaußen in Haibach auflaufen wird. Worte statt Taten waren dennoch ausnahmsweise gefordert im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Andreas Müller.

Die HSG Bachgau – die Handballspielgemeinschaft aus Großostheim, Pflaumheim und Wenigumstadt – wird 2013 fünf Jahre alt. Wie lautete ein Fazit über die, man darf wohl sagen, Anfangsphase der HSG?

Ich kann ein positives Fazit ziehen. Wir haben uns gerade im Jugendbereich zu einem Verein entwickelt, der sowohl für Mädels als auch Jungs etwas anbietet und das im Breitensport und mittlerweile auch im leistungsorientierten Bereich. Das Angebot wird insgesamt sehr gut angenommen. Das ist in der Großgemeinde Großostheim der Fall, aber teilweise kommen auch schon extern Spieler zu uns. In meiner C-Jugend beispielsweise sind zwei Spielerinnen aus Babenhausen und eine weitere aus Aschaffenburg.
Was den Aktivenbereich betrifft, haben wir den ganz großen Erfolg noch nicht geschafft, aber zum Glück kommt ja durchaus guter Nachwuchs nach. Alles in allem sind wir auch hier also durchaus guten Mutes.

Das Kuriose im Aktivenbereich ist, dass sich die Vorzeichen im Vergleich zur letzten Saison komplett geändert haben. Kämpften 2011/12 die Männer in der Bezirksliga A gegen den Abstieg, schicken sie sich nun wohlmöglich an, zumindest sachte an das Tor zur Bezirksoberliga anzuklopfen. Die Frauen hingegen, bei denen man zuletzt auf einen Sprung in die Landesliga hoffen durfte, stehen nun im unteren Mittelfeld der Tabelle und drohen in den Abstiegskampf verstrickt zu werden. Wo liegen hierfür Gründe?

In den ersten Jahren der HSG war im männlichen Bereich der Nachwuchs im oberen Jugendbereich noch nicht so dicht gewesen. Jetzt merkt man vor allem das Nachrücken des Jahrgangs 1992, der mit vier oder fünf Spielern den Stamm der ersten Mannschaft bildet und in Jugendtagen immer Bezirksoberliga gespielt hat. Hinzu kommen mit Marcel Ott und Jonas Wuth zwei talentierte Spieler, die sogar noch in der A-Jugend zum Einsatz kommen können. Wir wollen und werden in den nächsten Jahren sicherlich noch von dieser Jugendarbeit profitieren. Denn warum macht man Jugendarbeit? Damit oben etwas ankommt.

Bleiben wir bei den Männern. Die Mannschaft ist derzeit Tabellenvierter und hat durchaus Kontakt zu den beiden Aufstiegsplätzen. Reifen durchaus auch schon zaghafte Träume von einem Aufstieg heran?

Nein, da sind wir ganz realistisch. Bislang spielen wir zwar eine sehr gute Hinrunde, haben aber doch gerade bei den Niederlagen gegen Aschaffenburg oder Habitzheim gemerkt, dass uns noch die Konstanz fehlt. Wenn man Meister werden will, darf man sich solche Ausrutscher nicht erlauben. Das Durchschnittsalter ist aber noch sehr niedrig und in den nächsten Jahren kann es ein Ziel werden.

Das heißt das Perspektivziel ist die Bezirksoberliga oder kann man sich sogar noch mehr vorstellen?

Es ist zumindest ein erster wichtiger Schritt, der auch vollzogen werden sollte. Über diese Liga hinaus wird es allerdings schwierig. Man hat ja schon in den letzten Jahren mit Glattbach oder Böllstein/Wersau gesehen, dass sich Mannschaften nur sehr selten in der Landesliga halten und auch in diesem Jahr droht dem TV Bürgstadt ja ein ähnliches Schicksal. Erst einmal steht also auf der Prioritätenliste oben aufzusteigen und dann im vorderen Feld der Bezirksoberliga eine Rolle zu spielen. Von Bedeutung wird dabei sicherlich auch sein, inwieweit es gelingen kann, die jungen Spieler hier zusammenzuhalten.

So positiv derzeit alles bei den Männern klingt, so kritisch muss man es wohl bei den Frauen betrachten.

Mit Denise Engel ist, gerade was die Tore betrifft, ein zentraler Eckpfeiler weggebrochen. Sie spielt jetzt bei der HSG Aschaffenburg und ist dort in der Oberliga die Haupttorschützin. In den letzten Jahren ist eben doch sehr viel über sie gelaufen und ihre Mitspielerinnen müssen erst allmählich vergegenwärtigen und umsetzen, dass nun auf jeder einzelnen Spielerin mehr Verantwortung ruht als in den letzten Jahren. Das hat bislang nur bedingt geklappt. Dass es grundsätzlich durchaus möglich ist, hat man etwa gesehen, als wir bei der Spitzenmannschaft in Urberach einen Punkt geholt haben. Da haben uns viele eine sehr gute Leistung bescheinigt. Die Anlage ist also gegeben und mit zwei Siegen zum Ende der Hinrunde wurde ja auch bereits ein erster Schritt in eine gute Richtung getan. Außerdem haben wir in der Rückrunde viele direkte Kontrahenten des Mittelfeldes in eigener Halle und es gibt insofern wohl mit Blick auf die kommenden Monate keinen Anlass allzu schwarz zu sehen. Wie es insgesamt in Zukunft weitergeht, muss man abwarten. Wir wollen auch im Damenbereich unserer Jugend eine Perspektive bieten und haben mit Silvia Löhr eine Trainerin gewonnen, die zuvor in Klein-Auheim Landesliga trainiert hat und sehr gut ankommt. Langfristig wollen wir wieder an alte Erfolge anknüpfen können.

Man merkt, dass Begriffe wie „langfristig“ oder „Perspektive“ bei der HSG Bachgau offensichtlich eine große Rolle spielen. Dazu zählt sicherlich auch Ihre C-Jugend-Mannschaft, die momentan als einziges Nachwuchsteam der HSG an der Oberliga – der höchsten Spielklasse - teilnimmt. Ein Platz unter den besten vier Mannschaften war die Zielsetzung und diese scheint momentan in greifbarer Nähe zu sein.

Wir hatten uns für das vorletzte Wochenende und das Spitzenspiel bei der HSG Weiterstadt/Braunshardt/ Worfelden durchaus etwas ausgerechnet, haben dann aber dort verloren. Man muss allerdings sagen, sie stehen völlig zu Recht ganz oben und sind einfach die dominierende Mannschaft der Klasse. Mit meinen Mädels bin ich insgesamt sehr zufrieden. Für ganz oben hat es nicht gereicht, aber in der Mannschaft steckt jede Menge Potential und man darf nicht vergessen, dass ein Großteil dem Jahrgang 1999 angehört und insofern diese Spielerinnen auch in der kommenden Spielzeit noch einmal in der C-Jugend antreten.

Man hat überhaupt den Eindruck, dass sich im Jugendbereich die Kräfteverhältnisse derzeit etwas verschieben in der Region und die HSG Bachgau dabei eine der Gewinnerinnen ist. Im Gegensatz zur C-Jugend haben andere Mannschaften den Sprung in die Oberliga knapp verpasst. Wie sehen die Zukunftsaussichten des Nachwuchshandballs bei der HSG aus und wie gelingt es – was ja viele andere Vereine als ausgesprochen schwierig beschrieben – so viele Kinder und Jugendliche zu gewinnen?

Ich sehe die Stärke der Jugend etwas zurückhaltender, aber einen Entwicklungsprozess gibt es in der Tat. Noch vor zwei Jahren hat die B-Jugend in der Bezirksoberliga um die letzten Plätze mitgespielt, jetzt können sie dort Zweiter werden. Wir haben durchaus in jedem Jahrgang vereinzelte Talente, die uns voranbringen können, aber die Bezirksspitze ist für uns realistisches Ziel. Um wirklich in der Oberliga zu bestehen braucht man einen breiten Kader und kann sich nicht nur auf einzelne verlassen. Wir wollen allerdings nicht von anderen Spieler abwerben, sondern sind auf unseren eigenen Nachwuchs fixiert.
Wir haben uns insgesamt durch zahlreiche Aktionen bekannt gemacht und sind vom bloßen Denken in Stammvereinen zu einer gemeinsamen HSG Bachgau gewachsen. Dieses Jahr haben wir den Schritt in die Schulen unternommen, sind damit ein Stück vorangekommen und weisen so auf unsere Sportart hin. Wir wollen hier den Handball nachhaltig sichern – nachhaltig ist in der Tat eines meiner Lieblingsworte.

Wie wichtig ist eine Nachhaltigkeit des Spitzensports in der Region für die Arbeit? Noch vor zwei Jahren gab es hier in der Region drei Zweitligisten, mittlerweile ist keine heimische Mannschaft mehr dort vertreten und selbst Großwallstadt scheint auf der Kippe zu stehen. Spielt das für Bachgau eine Rolle?

Solche Zugpferde wie ein Bundesligist sind definitiv wichtig. Die Region Untermain ist handballverrückt und hat leider in den letzten Jahren was die Spitze angeht verloren. Ich glaube allerdings nicht, dass es mittelfristig noch einmal gelingen kann, zu einer solchen Breite vorzudringen. Vielmehr wird es wichtig sein, dass sich die Mannschaften nun in ihren Ligen werden halten können. Drittligist Groß-Umstadt ist in der Jugend mit Habitzheim ohnehin mehr in der Breite aufgestellt und Groß-Bieberau, also die JSG Gersprenztal, hat meiner Meinung nach mittlerweile ihre Blütezeit etwas hinter sich. Selbst Kirchzell ist mittlerweile ziemlicher Nutznießer des TVG und profitiert von zahlreichen Zweitspielrechten. Sicherlich ist insgesamt auch ein Nachteil, dass der zwischenzeitliche Boom nach dem WM-Gewinn 2007 längst wieder völlig abgeebbt ist und insofern die regionalen Spitzenteams wieder umso wichtiger werden.
Man muss dabei sicherlich konstatieren, dass seit 2007 die Basis nicht wirklich erreicht wurde und zudem Fehler gemacht wurden. Jetzt zum Beispiel geht man im weiblichen A-Jugendbereich dazu über, eine Jugend-Bundesliga einzuführen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese erfolgreich sein wird können.

Quelle: 2012, Ralf Weinhold HSG Bachgau

Stand: Oktober 2014