Renate Scharrer

Renate Scharrer ist Trainerin für Kommunikation, Auftritt und Persönlichkeit sowie Stressprävention und Entspannungspädagogik. Ihre Beweggründe sind eine jahrzehntelange Praxis und ein hohes Maß an Begeisterung für die Kommunikation. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Sensibilisierungstraining. Angestrebt wird hier die Bewusstheit für das menschliche Körpergeschehen, eine wache Aufmerksamkeit für sich selbst, die Umwelt und die Mitmenschen. Die Trainingsform fördert die Sensibilität im persönlichen und beruflichen Umfeld. Ihre Erfahrungen stellte sie ab 1981 psychosozialen Institutionen zur Verfügung, wo sie viele Jahre aktive Gruppenarbeit leistete. Seit 1988 widmet sie weitere Erkenntnisse den Führungsebenen der Unternehmen. Hier geht es um den zielorientierten Einsatz der Körpersprache im Geschäftsgespräch, um souveräne Mitarbeiterführung, persönliches Auftreten in der Gesellschaft, sowie um das Entgegenwirken bei Stressreaktionen. Mit der Gründung des Salons im Jahre 2011 konnte sie ihre Faszination aus über 30 Jahren der Begegnungen mit Menschen „Genüge tun“. Auf diesem Wege wurde es ihr möglich, weiterhin ihre Hand für Begegnungen, Dialoge und nachhaltige Impulse zu reichen.

 

Das gute Gespräch: Zur Nachhaltigkeit der neuen Salonkultur

Interview mit den Kommunikationsexperten Renate Scharrer und Peer Bökelmann

Renate Scharrer und Peer Bökelmann widmen sich ganz der „Salonkultur“ und haben 2011 ein modernes Kommunikationsforum in Anlehnung an die Salons vergangener Jahrhunderte ins Leben gerufen. Ihre Veranstaltungen fanden zunächst sechs Jahre lang unter dem Namen „Der Kleine Schloss-Salon“ im früheren Pförtnerhaus des Renaissance-Schlosses Wiesenthau, bei Forchheim in Oberfranken, statt. Seitdem führen sie mit privaten Gästen aus allen gesellschaftlichen Kreisen der Region offene, ehrenamtliche Salongespräche zu zeitgemäßen, Themen der Gesellschaft sowie des persönlichen und beruflichen Lebens durch.

Frau Scharrer, Herr Bökelmann, was ist das Ziel Ihres Engagements?

Es ist „das gute Gespräch“ auf ethischem Grundsatz und die Förderung des sinnvollen Miteinanders. Wir sind kein elitärer, philosophischer und geschlossener Kreis, sondern immer für jeden Interessierten offen. Es macht Sinn, sich in Distanz zu Alltag, Hektik und Stress in der ungezwungenen, angenehmen und erwartungsfreien Atmosphäre eines Salons auszutauschen. Besonders hier ist es möglich, dass gerade in unserer technisierten Welt durch den persönlichen Kontakt wieder verstärkt gemeinsame, kreative Ideen, neue Perspektiven und innovative Ziele entwickelt werden können.

Was macht das Besondere an einem Salon aus?

Ein Salon bietet, wie keine andere gesellschaftliche Form, die Möglichkeit der Mitgestaltung. Hier wird nicht übereinander geredet, sondern miteinander. Sein Rahmen lädt zu interessanten Gesprächen ein, ermöglicht Wertschätzung, Kontaktknüpfung, Vernetzung und vermittelt einen ganz besonderen, persönlichen Erfahrungswert. Zudem ist, entgegengesetzt zu unserer rasenden Zeit, immer mehr zu erkennen, dass der geistreiche und emphatische Austausch auf Augenhöhe untereinander ein durch nichts zu ersetzendes, grundlegendes Urbedürfnis ist.

Unser kleiner Wiesent-Salon ist heute ein kleines, besonderes Refugium mit offenen Salons, sowie gezielten Impuls-Salons und Workshops für kleinere Unternehmen, Kleingruppen/Einzelpersonen – bewusst in ländlicher, naturnaher Umgebung und im kleinen, familiär anmutenden Rahmen. Auch kleineren Unternehmen bietet der ruhige, unkonventionelle Rahmen eines Salons abseits von Alltag, stupiden Vorträgen, üblichen Seminarabläufen und ohne Medien die Möglichkeit, eigene Themen nachhaltiger zu besprechen. Zudem ermöglicht er den Aufbau von Kontakten und kann der Erweiterung des Netzwerkes dienen, z.B. in Form regelmäßiger Unternehmer-Salons. Neben all den wichtigen Aspekten, die Menschen beschäftigen, konzentrieren wir uns seit 2017 auch auf die Kernpunkte der Kommunikation, um eine nachhaltige Gesprächs- und Unternehmenskultur mit „Kopf und Herz“ zu fördern. Dabei bringen wir die eigene Überzeugung aus langjährigen, beruflichen und persönlichen Lebenserfahrungen ganz gezielt ein.

Welche Chancen und Herausforderungen sind mit der neuen Salonkultur verbunden?

Was wir grundsätzlich spüren ist, dass die Gesprächskultur eine äußerst nachhaltige Wirkung hat, was die Resonanzen unserer Gäste uns immer wieder bestätigen. Die Salonkultur - genauer gesagt unser Schwerpunkt auf den echten Dialog auf Augenhöhe - bereichert, bietet wertvolle, neue Blickwinkel durch Andere. Wir wollen grundsätzlich dazu beitragen, den direkten Austausch zu fördern und als unerlässliche Gegenbewegung wieder gesellschaftsfähiger zu machen - im persönlichen wie im unternehmerischen Kontext. Die sachliche (strategische) und emotionale Qualität eines Gespräches zusammenzuführen – nur das macht Sinn und motiviert Menschen zu neuen Perspektiven, Sichtweisen und (gemeinsamen) Handlungen.

Dass die Salonkultur bereits boomt, ist überregional oder in gewissen Interessensbereichen oder Metropolregionen vielleicht festzustellen. Allerdings können wir dies zumindest in unserem regionalen und ländlicheren Umfeld oder im Blick auf die Gesellschaft insgesamt noch nicht feststellen. Manchmal ernten wir sogar ein leicht unverständliches Staunen über eigentlich etwas ganz Natürliches.

Dafür bemerken wir jedoch etwas anderes, nicht minder Wichtiges: Der damit einhergehende, menschliche Bedarf ist überall zu spüren, doch viele trauen sich vielleicht noch nicht, verspüren eine gewisse Sperre, sich zu öffnen oder sehen darin eine Leistungserwartung an ihre Person. Wir meinen, dass sich hier in der Gesellschaft in Zukunft noch viel mehr bewegen wird, da parallel zu Globalisierung, Digitalisierung, Wettbewerb und zunehmender Beschleunigung in vielen Bereichen bereits Folgendes abläuft:

Einerseits überdauern grundlegende, konservative Werte die Zeiten und Trends, verschwinden niemals und melden sich ganz von selbst wieder, wie z.B. das Bedürfnis nach Kultivierung des gesellschaftlichen und persönlichen Umgangs oder Miteinanders, sowie die grundlegenden, identitätsstiftenden Fragen des Menschseins.

Wie sieht es bei den jüngsten Generationen Y und Z aus?

Auch sie vermissen etwas und spüren heute von selbst einen Mangel, dass da etwas ist, was Ihnen vielleicht von der Eltern-Generation schon gar nicht mehr vermittelt wurde, sie kommen z.T. nicht mehr damit zurecht. Andererseits: Durch gesellschaftlichen Werteverlust, die heute immer weiter zunehmende Vermeidung grundlegender, kommunikativer Prozesse im persönlichen wie unternehmerischen Bereich, sowie die Verkümmerung entsprechender Fähigkeiten zeigt sich bei genauerem Hinsehen ebenso eine gesellschaftliche Entwicklungstendenz, die aus unserer Sicht nicht nur bedenklich ist, sondern ehrlich gesagt manchmal auch Unbehagen macht.

Was muss sich ändern?

Wir meinen, dass durch die oft einseitig kommunizierten, zukunftsträchtigen Themen wie z.B. Digitalisierung noch einiges mehr an Verantwortung bzgl. dieser Entwicklungstendenzen auf uns zukommen wird, als man vielleicht meint. Hier steht man noch am Anfang, und es macht den Eindruck, dass die technische, gesellschaftliche und globale Entwicklung sicher auch einen Segen darstellt, andererseits aber den Menschen selbst immer weniger Raum lässt, überhaupt noch mitzukommen. Das wird leider noch häufig vergessen bzw. ignoriert. Die Folgen sind vielfältig und bereits heute schon klar zu erkennen.

Das Ganze basiert auf dem Grundsatz, dass der Mensch entgegen der sich beschleunigenden, unaufhaltsamen Entwicklung rein physisch und psychisch Grenzen aufweist, mit der Geschwindigkeit des Fortschritts nicht mehr mithalten kann, und so konzipiert ist, dass er ohne ethisches Wertegerüst und echtes Miteinander eigentlich nicht zurechtkommt. Ein wichtiger Aspekt wäre hier, dass es in Zukunft Brückenbauer braucht, die alte Werte mit neuen verknüpfen. Das fehlt uns heute noch sehr.

Die Grundbasis des Menschen kommt nicht mehr mit, die Digitalisierung schreitet aber unaufhaltsam immer zügiger voran, damit verknüpft ist auch ein sehr großer Werteverlust, der heute noch gar nicht so gesehen wird. Digitale Medien sind etwas Wunderbares, doch auch wenn die Chancen und Möglichkeiten der „neuen“ Kommunikationswege scheinbar nur gut sind, verändern sie uns doch unbemerkt in einer viel tiefgreifenderen Form. Schauen Sie sich dazu nur mal im Alltag um.

Was verbinden Sie mit der grundlegenden Idee?

Man könnte sie auch verstehen als einfaches, überall adaptierbares Konzept, eine Art Keimherd oder Ventil für Veränderungen, in dem sich auf die Region/den Ort bezogen gesellschaftliche, wirtschaftliche, persönliche und kulturelle Themen im kleinen Rahmen wiederfinden und den sich langsam verflüchtigenden Werten einen Rahmen bieten. Salonkultur ist mehr als gedacht – sie kultiviert etwas Elementares, nämlich die echte Begegnung und das gute Gespräch, die unmittelbare und nachhaltigere Auseinandersetzung mit sich und anderen auf Augenhöhe.

Salonkultur betrachten wir also nicht nur als ein interessantes, nostalgisches Kulturangebot, sondern vielleicht auch ein wenig als Leitbild-Beispiel für eine dringend erforderliche, retrospektive Maßnahme als Gegengewicht zu ganz bestimmten Entwicklungstendenzen unserer Gesellschaft. Orientierung, Identität, Selbsterfahrung und -Reflexion sind sehr wichtige, persönlichkeitsbildende Aspekte, die in diesen Zeiten immer mehr in Vergessenheit geraten. Dazu könnte man ebenso Taktgefühl, Wertschätzung, Stilbewusstsein oder grundlegendes Verhalten zählen.

Wir möchten dies nicht pauschalisieren und positive Beispiele und Entwicklungen, die es natürlich auch gibt, nicht übergehen. Doch neben zunehmend spürbarer Oberflächlichkeit, Gleichgültigkeit und sinkender Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber der eigenen Umwelt scheinen auch Werte wie Erfahrung einfach mehr und mehr übergangen zu werden. Aggression, Gewaltbereitschaft, Rücksichtslosigkeit und Bequemlichkeit nehmen zu, kurzfristiger Erfolg und Selbstinszenierung gewinnen an Bedeutung, doch Respekt, Bürgerlichkeit, Für- und Miteinander, sowie Beständigkeit schwinden (kommen aber vereinzelt auch schon wieder zurück).

Was lernen wir von der guten, alten Salonkultur?

Sie hält uns wieder vor Augen, was echte, gelebte Nachhaltigkeit im Miteinander eigentlich voraussetzt, und dass sie auch mit menschlichen Urbedürfnissen einhergeht, die ggf. nicht so sehr zum digitalen Fortschritt passen. Sie ist eine Bemühung, uns für die Kultivierung grundlegender Werte und elementarer Aspekte der echten, zwischenmenschlichen Kommunikation zu engagieren – gerade in den Zeiten von Digitalisierung, Beschleunigung, Wettbewerb und Effizienzdenken.

Was verbindet diese Kultur der Gemeinschaft und des Miteinanders mit Nachhaltigkeit?

Wir möchten zum Nachdenken und Zuhören anregen, Denkanstöße geben,

damit Menschen ihre eigenen Antworten finden, ihre Sichtweisen und Einstellungen verändern, Freundschaften knüpfen, gewohnte Wege verlassen, Lösungen finden und Neues initiieren. Nachhaltigkeit heißt für uns, die natürlichen (genetischen) Anlagen und Ressourcen, Instinkte und Fähigkeiten zu entwickeln und mit unseren Möglichkeiten den zerstörerischen Entwicklungen und Tendenzen ein klein wenig entgegenzutreten.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: Januar 2018