Roswitha M. Reisinger

Roswitha M. Reisinger (MBA) ist Geschäftsführende Gesellschafterin Lebensart Verlag. Sie startete ihren Berufsweg 1988 mit dem Aufbau der Umweltberatungsstelle St. Pölten, einer Beratungsstelle für vorsorgenden Umweltschutz. Sie verantwortete u.a. den Aufbau der österreichweiten Strukturen und die Weiterbildung für mehr als 100 MitarbeiterInnen. Anfang 1997 wechselte sie als Kundenberaterin zur GfP - Gesellschaft für Personalentwicklung, Wien. Unter ihrer Verantwortung wurden die praxisorientierten Ausbildungsangebote „Führungswerkstatt“ und „LernGang Personalentwicklung“ konzipiert. 2003 übernahm sie die Geschäftsführung des Biobauernverbands BIO AUSTRIA und die Aufgabe, den Verband neu aufzustellen und 19 Bioverbände zu fusionieren. Gemeinsam mit ihrem Mann, Christian Brandstätter, gründete sie 2005 den Lebensart Verlag, der sich auf die Information von und über nachhaltige Entwicklungen spezialisiert hat. Die beiden Print-Flaggschiffe sind das Konsumentenmagazin LEBENSART und das Wirtschaftsmagazin BUSINESSART. Der Verlag und seine Produkte wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderen mit der UN-Auszeichnung für nachhaltige Bildung für LEBENSART (2010) und BUSINESSART (2013), als nachhaltigstes Kleinunternehmen Österreichs mit dem TRIGOS 2013 und für den besten Nachhaltigkeitsbericht für Neueinreicher mit dem ASRA 2013.
 

Wie blicken nachhaltige Medien auf die Welt?

„Nicht in der Wahrheit (der Berichterstattung) liegt das Problem, sondern in der unvermeidlichen, aber auch gewollten und geregelten Selektivität“, schreibt Niklas Luhmann in seinem Standardwerk „Die Realität der Massenmedien“ (2004)“.
Sie müssen entscheiden, welche Information und in welcher Form sie diese bringen. Dieser Entscheidungsprozess bleibt nicht unbeeinflusst von der eigenen Haltung – oder der des Mediums. Um die Auswahlkriterien einigermaßen transparent zu machen, müssen Printmedien in Österreich ihre Eigentümerstruktur und ihre Blattlinie in der ersten Ausgabe jedes Jahres abdrucken. Auch die Arbeit des Lebensart Verlags und die Ausrichtung seiner Magazine ist durch Eigentümer, Vision und Mission geprägt.

Die Blattlinie der LEBENSART und der Online-LEBENSART
LEBENSART ist das österreichische Magazin für eine nachhaltige Lebenskultur und versteht sich als Beitrag zu einer zukunftsfähigen Gesellschaftsentwicklung. LEBENSART beschäftigt sich mit allen Bereichen, die dafür relevant sind, insbesondere mit den Themen Umwelt & Klima, Energie & Mobilität, Bauen & Wohnen, Landwirtschaft & Garten, Gesundheit & Ernährung, Reisen & Kultur, Wirtschaft & Arbeit, Soziales & Gesellschaft.

Die Blattlinie der BUSINESSART und der Online-BUSINESSART
BUSINESSART ist das Magazin für nachhaltiges Wirtschaften. BUSINESSART bietet Unternehmen CSR Orientierungswissen, informiert über engagierte Unternehmer und CSR-Manager, erfolgreiche CSR Projekte und innovative Nachhaltigkeitskonzepte. BUSINESSART bietet unterstützende Methoden und Tools und vernetzt die nachhaltig wirtschaftenden Akteure Österreichs.

Rahmenbedingungen der Branche


Bis auf die Information über Eigentumsverhältnisse und Blattlinie gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Freiwillig sind die Richtlinien des österreichischen Pressekodex. Dass wir uns daran halten ist selbstverständlich. Die für uns wichtigsten Punkte sind Genauigkeit, Unterscheidbarkeit von Tatsachenberichten und Meinungen, keine Einflussnahmen Außenstehender, Wahrung des Persönlichkeitsschutzes, keine unlauteren Methoden der Materialbeschaffung und Recherche.

„Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht“ (Die Ärzte, 2008, „Lasse reden“)

Nicht nur der Blickwinkel der Medien selbst wirkt sich auf die Inhalte aus, sondern ebenso die (angenommenen) Erwartungen der LeserInnen: Neuigkeitswert (erstmalige Berichterstattung, Exklusivstorys), Konflikte (zwischen Menschen, Gruppen, Staaten,..), Quantitäten (Extremereignisse wie Jahrhunderthochwasser, viele Tote,..), lokaler Bezug (Auswirkungen des Klimawandels auf die Heimatregion) und Normverstöße (Gesetzesübertretungen, aber auch unübliches Verhalten) sind Quotenbringer. Besonders Normverstöße werden häufig genutzt, um der Information über handelnde Menschen moralische Bewertungen beizumischen. Luhmann: „Insofern haben die Massenmedien eine wichtige Funktion in der Erhaltung und Reproduktion von Moral“.

Die Notwendigkeit, neue Informationen zu bringen führt häufig zur Konzentration auf Einzelfälle, auf die in späteren Meldungen wieder Bezug genommen wird. Dadurch geben die Medien „dem was sie melden, und dem wie sie es melden eine besondere Färbung und entscheiden so darüber, was als nur situativ bedeutsam, vergessen werden und was in Erinnerung bleiben muss“ (Luhmann S. 69). Vielfach erhalten Informationen dadurch mehr Gewicht, als ihnen zusteht.

Haben Gewaltverbrechen in Österreich seit 1980 zugenommen, abgenommen oder sind sie gleichgeblieben? Fast alle Menschen tippen auf eine Zunahme. Tatsächlich wurden 1980 insgesamt 37.826 Personen aufgrund eines Gewaltverbrechens gegen Leib und Leben verurteilt, 2012 waren es 7.701, also eine Reduktion um 80% (Quelle: Statistik Austria). Weil jedoch viele Medien den Fokus auf Gewalt und Blut legen und auf ihren Titelblättern in großen Schlagzeilen von Gewalttaten berichten, entsteht in den Köpfen der Leser ein Gefühl von permanent vorhandener Bedrohung.

Wie blicken wir vom Lebensart Verlag auf die Welt?

Wir betrachten Informationen und offene Fragen aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit. Führt eine Aktivität zu einem geringeren Ressourcenverbrauch, eine Regelung zu mehr Fairness oder eine Strategie zu mehr Zukunftsfähigkeit? Dann berichten wir darüber. Vor allem, wenn es sich um innovative Konzepte handelt – denn dem Gesetz der Neuigkeit unterliegen wir wie alle Medien.

Angstmache, Populismus oder „Plastikunterhaltung“ sind keine Themen für uns. Was nicht heißt, dass wir uns nicht mit den Sorgen der Menschen auseinandersetzen oder wir keinen Spaß verstehen. Wir wollen Bilder zeichnen, wie ein gutes Leben aussehen könnte. Dazu suchen wir Lösungsideen und –ansätze von kreativen Menschen und berichten über Trends und Hintergründe. Wir erzählen Geschichten, die unsere LeserInnen inspirieren und zu eigenem Handeln anregen.

Trotzdem sind wir nicht betriebsblind. Wir treten für eine gute Sache ein, machen sie uns aber nicht zu eigen (vgl. Hanns-Joachim-Friedrich) sondern arbeiten mit kritischer Distanz zum Thema und unserer eigenen Rolle. Ein Beispiel: Grundsätzlich bevorzugen wir Materialien, die aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt werden. Ein aktueller Vergleich des Carbon-Footprints von PE-Folie, Biofolie und Papierhülle zeigt allerdings einen eindeutigen Vorteil der PE-Folie. Diese Information wird selbstverständlich kommuniziert.
Ein Öko-Footprint und verbesserte Produktion werden in Zukunft vielleicht andere Ergebnisse bringen. Dann werden wir wieder darüber berichten.

Gibt es so etwas wie nachhaltige Information?

Nachhaltige - ökologische, ökonomische und gesellschaftliche - Entwicklung stellt für eine Gesellschaft, für jeden einzelnen Menschen, ein komplexes Thema dar: Vielfach ist in irgendeiner Art und Weise das künftige Wohlstandsleben bedroht; es existieren keine einfachen und/oder sicheren Antworten; es bedarf der Handlungen jedes Einzelnen, aber auch der Veränderung der heutigen Systeme. Medien kommt als Überbringer dieser Botschaften eine hohe Verantwortung zu.

„Demokratie beruht auf der Willensbildung eines jeden Einzelnen (...). Soll dabei nicht Unvernunft resultieren, so sind die Fähigkeit und der Mut jedes Einzelnen, sich seines Verstandes zu bedienen, vorausgesetzt“ schrieb Theodor Wiesengrund Adorno bereits 1971 in seinem Standardwerk Erziehung zur Mündigkeit, (1971, Frankfurt, Suhrkamp).
Fühlen sich Menschen hilflos wenden sie sich vom Thema ab. Sie werden aktiv, wenn Möglichkeiten zum Handeln aufgezeigt werden, die sie im besten Fall inspirieren, eigene weitere Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Nachhaltige Information muss erstens zur Mündigkeit und zweitens zur Handlungsfähigkeit der Menschen führen. Dann trägt sie
zu einer nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft bei. Die Wirkung ist natürlich mittelbar und die Effekte nicht in einer einfachen Ursache-Wirkung-Relation zu erzielen. (vgl.Gualtiero Zambonini und Erk Simon in media perspektiven 3/2008).