Sibylle von Oppeln-Bronikowski

Sibylle von Oppeln-Bronikowski wurde in Heilbronn als fünftes von sieben Kindern geboren. Sie hat in Heidelberg Wirtschaftswissenschaften studiert und eine Tochter geboren. Als Diplom-Volkswirtin arbeitet sie seit über 30 Jahren beim Statistischen Bundesamt und ist dort Leiterin für Strategie, Internationale Beziehungen und Kommunikation. 1996 gründete sie eine Galerie, 2001 den Polnischen Kultursalon e.V. mit der Galerie POKUSA für zeitgenössische Malerei. Sie veröffentlicht unter dem Namen „Sia Bronikowski“, lebt in Wiesbaden, hat ein Enkelkind und ist beruflich wie privat viel unterwegs.


Nachhaltige Begegnungen

Ich fahre oft und gern mit der Bahn. Spannender als jedes Buch, das ich auf eine Zugreise mitnehme, sind die Geschichten, die meine Mitreisenden mit sich tragen. Wir haben uns daran gewöhnt, immer nur auf der obersten Tonspur zu kommunizieren, gern die immer gleiche Platte aufzulegen, die Politik zu beklagen, das Wetter, die wirtschaftlichen Verhältnisse. Aber das wirklich Interessante liegt darunter verborgen, und das wird nur offenbar, wenn wir unserem Gegenüber zuhören und neugierig sind auf die Erfahrungen des anderen. Und dann passiert das Wunder. Jeder ist bereit, einmal etwas Besonderes zu erzählen, sich zu öffnen. Nach solchen Zugfahrten habe ich oft das Gefühl viel gelernt zu haben und reich beschenkt worden zu sein. Um diese Erfahrungen zu bewahren habe ich Geschichten geschrieben, Geschichten, wie kleine Theaterstücke. Die Menschen darin sind einzigartig, sie tragen einen Namen.

Vollbremsung

Der Zug hält auf freier Strecke. Bitte nicht aussteigen, dies ist ein außerplanmäßiger Halt, sagt der Lautsprecher. Anlass in unserem Abteil, in dem neben mir nur drei Männer sitzen, ein paar Worte zu wechseln über außerplanmäßige Halte, unplanmäßige Verspätungen, über Anschlusszüge, die nicht warten, und die blöde Bahn, die wieder einmal nichts auf die Reihe bekommt.

Ein Mann mittleren Alters mit seinem Notebook auf den Knien, auf dem er die letzte Stunde wie verrückt herumgehackt hat, schaut nervös auf seine Armbanduhr, als könnte er damit die Lok beschwören, wieder ihre Arbeit zu tun. Unplanmäßiges Stehenbleiben ist in seiner Aufgabenbeschreibung sicher nicht vorgesehen. Ein älterer Herr seufzt nur und versinkt ergeben in Halbschlaf. Ein aufgeregter junger Soldat in Uniform – vermutlich auf Heimfahrt – zieht sofort sein Handy aus der Tasche und textet mit bewundernswerter Geschwindigkeit, wobei sich nur seine zwei Daumen über der kleinen Tastatur bewegen. Vielleicht an seine Freundin, die ihn abholen wird?

Nach einer Weile setzt sich die Bahn wieder in Bewegung und nimmt Fahrt auf. Deutliches Aufatmen in der Kabine.

Zwei Minuten später steht eine junge aparte Zugschaffnerin in der Tür. Sie hat ihre dunkelbraunen Haare hochgesteckt, nur eine lockige Strähne fällt ihr vorwitzig ins Gesicht. »Ist noch jemand zugestiegen, die Fahrkarten, bitte.«

Man hört ihr nicht an, dass sie diesen Satz heute bestimmt schon hundert Mal gesagt hat, und falls sie schon ein paar Jahre Dienst tut, insgesamt schon etwa hunderttausend Mal. Sie sagt es so frisch, als sei ihr der Satz eben erst eingefallen, und lächelt dabei. An ihrer Uniform ist ein Namensschild: Katie S.

Zugestiegen scheint außer mir keiner zu sein, aber alle wollen etwas über ihre Anschlusszüge wissen. Für jeden sucht sie den passenden Zug und sagt tröstend: »Wir rufen da an, der wartet bestimmt.«

»Was ist denn eigentlich passiert? Warum hat der Zug gehalten? «, frage ich.

»Ich weiß es diesmal wirklich nicht, vielleicht wars nur zur Vorsicht, spielende Kinder in der Nähe oder so …«

»Sie sind gut«, schaltet sich der Mann mit dem Notebook ein, »einfach so, ohne Grund? Und wir müssen das ausbaden! Haben Sie eine Ahnung, was das heißt, wenn ich den Anschlusszug verpasse? Ich komme eine halbe Stunde zu spät. Das ist pures Geld, das ist meine Existenz, wissen Sie! Aber das können Sie ja nicht wissen, Sie sind sicher Beamtin, existenzgesichert, nicht wahr?«

Das ist mir ziemlich unangenehm, so eine junge Frau, die auch nichts dafür kann, und dann dieser Herr Unsensibel.

Ich will etwas sagen, aber die Schaffnerin kommt mir zuvor: »Lassen Sie uns mal überlegen«, sagt sie, »was könnte es also gewesen sein? Wir haben alle keine Ahnung, können also nur raten …«, und da niemand etwas sagt, fährt sie fort: »Es könnten spielende Kinder gewesen sein oder Jugendliche, die schnell auf die andere Seite der Gleise rennen wollen, Jungs habens doch immer eilig, oder?« Sie lächelt den unverschämten Mann entwaffnend an, und er sagt nichts. »Also, wenn es nichts dergleichen ist, vielleicht ein Selbstmörder? Ja, das ist wahrscheinlicher, meinen Sie nicht? Es ist Herbst, da wird es früh dunkel, und dann kommt noch Weihnachten, da wollen sich viele Menschen umbringen. Und was erscheint ihnen da als sichere Methode? Ein ICE.

Jeder Zugführer hat in seinem Arbeitsleben bestimmt sechs bis acht Menschen, die er hilflos überfährt. Nur in ganz wenigen Fällen wird er vorgewarnt und kann noch halten, in den anderen Fällen sieht er das Unglück kommen und kann nichts tun. Er kann einfach nichts tun!«, sagt sie.

Es ist still im Abteil, keiner bewegt mehr irgendwelche Tasten auf einem Notebook oder Handy, auch der ältere Mann schaut sie aufmerksam an. Der junge Soldat sieht auf seine Springerstiefel, als könnte er dort eine Antwort auf seine nicht gestellten Fragen finden.

»Wie kommt man damit klar, wenn man so etwas selbst erlebt?«, frage ich.

»Gar nicht«, sagt sie, »es verfolgt einen. Ich habe das noch mit keinem Selbstmörder erlebt, aber letzte Woche …«, sie stockt, als wolle sie noch einmal prüfen, ob wir ihre Worte auch wirklich aufnehmen können. »Letzte Woche wollte ich dem Zugführer Kaffee bringen. Ich hab mir auch einen Becher mitgenommen. Es war eine lange Strecke im Sprinter, ohne Halt von Frankfurt nach Berlin. Ich war gerade angekommen, es war ein ICE 3, wo man bis zum Fahrer durchgeht, der sitzt hinter einer Glastür. Durch die Glastür kann man durchschauen, da durch und dann auch durchs Fenster des Zugführers.«

»Ja, das kenne ich, ich fahr öfter mit dem Sprinter, man sieht da wirklich durch«, sagt der Mann mit dem Notebook. Offenbar ist er froh, mit diesem normalen Satz etwas zu ihrer Geschichte beizutragen und damit einen Teil der Wirkung seiner Worte von eben abzumildern.

»Kurz bevor ich also an die Glastür klopfe, damit der Fahrer öffnet, sehe ich, dass etwas nicht stimmt. Er springt auf, und mir fallen die Kaffeebecher aus der Hand, ich versuche, mich festzuhalten. Wissen Sie, was eine Vollbremsung bei 200 km/h bedeutet?«

»Keine Ahnung, wie lang braucht so ein Zug, bis er steht?«, fragt der junge Soldat, löst seinen Blick von den Stiefeln und schaut die Schaffnerin an.

»Das geht verdammt schnell, das sind einzelne Radbremsen, die greifen jedes Rad und zwingen es zur Bremsung. Aber trotzdem wars nicht schnell genug … Die armen Hunde. Ich war so wütend. Wer macht so etwas?« Der jungen Schaffnerin stehen Tränen in den Augen.

»Was macht wer?«, fragt der ältere Mann.

»Hunde an ICE-Gleisen festbinden, wer macht so etwas Böses? Ich bin sicher, das kann man irgendwann auf You-Tube sehen!«

Wir alle sind erschüttert. Der junge Soldat hat sein Käppi abgesetzt und dreht es in seiner Hand. Der mittelalte Mann klappt sein Notebook zu, ohne noch einmal drauf zu schauen, und der ältere Mann nickt ihr zu: »Danke.«

»Ich muss jetzt weiter«, sagt sie leise, »noch eine gute Reise.«
Sie geht zum nächsten Abteil, und wir hören nicht, ob ihre Stimme sich verändert hat. Sicher fragt sie nach den Zugestiegenen. Sicher fragt sie nach den Fahrkarten. Das ist ihr Beruf.

Quelle: Sia Bronikowski, Einstieg in Fahrtrichtung. Begegnungen im Zug. © 2013 by Unionsverlag, Zürich

Foto: Reinhard Berg