Stefan Brunnhuber

Prof. Stefan Brunnhuber, Jahrgang 1962, ist Ökonom und Psychiater, Mitglied des Club of Rome und Senator der Europäischen Akademie der Wissenschaften sowie ärztlicher Direktor der Diakonie-Klinik für Integrative Psychiatrie in Sachsen.

In seinem Buch „Die Kunst der Transformation“  analysiert er erstmals, welche (sozial-)psychologischen Mechanismen diese Transformation verhindern und welche sie fördern – und zeigt neue Wege auf, wie wir unsere Gesellschaft wirklich verändern können.
Weitere Informationen: www.stefan-brunnhuber.de

 

Illusion der Gewissheit: Warum wir uns ungern mit der Realität auseinanderzusetzen

Immer dann, wenn eine Situation komplex, unsicher und nicht vorhersehbar ist, setzt das menschliche Gehirn bzw. menschliches Sozialverhalten gerade nicht auf Risiko (etwa auf „Mehr des Gleichen" einer unkontrollierbaren Großtechnologie), sondern vielmehr auf Priorisierungen, Diskriminierungsleitungen, verstärkte Kooperationsbereitschaft und - wie Biologen sagen - „auf die mittlere Dimension". So werden Gewinne und Verlust psychologisch völlig anders verarbeitet, genauso wie kurzfristiges Glück und langfristiges Wohlempfinden.

Unsere Bewertungsmaßstäbe, die eher dysfunktional, unvollständig, stellenweise gar psychopathologisch sind, werden durch zahlreiche empirisch gut reproduzierbare Effekte (Priming- Anker-, Dissoziationseffekte) verzerrt: Keiner merkt es, und wir fühlen uns alle wohl dabei. Die Liste lässt sich so weiterschreiben.

Das Gemeinsame ist, dass die Realität in unserem Kopf nicht mehr identisch ist mit der äußeren Wirklichkeit. Eigentlich nichts Neues, aber dennoch wichtig. Und diese Lücke wird durch die Lebenswissenschaften zuschlossen.

Noch ein Beispiel: So hat unser Verstand oder unser Geist prinzipiell zwei Möglichkeiten, die Welt zu erkennen und in ihr Entscheidungen zu treffen. Psychologen nennen diese beiden Modalitäten System 1 und System 2:

System 1: In diesem evolutionär älteren System gehen wir intuitiv vor, gleichsam automatisch und implizit, treffen schnelle Entscheidungen, meist non-verbal, häufig kontextspezifisch und assoziativ. Auch die Fähigkeit zu Kreativität und Humor gehören hierher. Das System arbeitet vor allem durch einen parallelen Prozess von möglichst viel Information.

System 2: Hier geht es um langsame Vorgänge, um abstraktes, logisches, analytisches, regel- und pfadgeleitetes Denken und sprachlich geleitete Ereignisse. Der Aufwand ist hier höher und die Kapazität durch das Arbeitsgedächtnis begrenzt. Das System arbeitet vor allem linear und sequentiell.

Dem Menschen stehen beide zur Verfügung. Obwohl die allermeisten Denk-, Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse parallel verschaltet und damit dem System 1 näher sind, verwenden wir vorrangig lineare, perspektivische, sequentielle Problemlösungsstrategien.

Sie haben zwar den Vorteil, dass man recht präzise und zuverlässige, aber eben langsame Aussagen bekommt.

Solche Aussagen sind dann nicht falsch, aber unvollständig, da sich komplexe Systeme häufig erst durch eine Parallelverschaltung hineichend abbilden lassen. Wenn wir aber nur linear vorgehen, etwa: „Erst wachsen, dann umverteilen", dann sehen wir auch nur Handlungsfelder entlang jenes Pfades.

Viele Vorgänge aber sind simultan, parallel und entziehen sich dann dem linearen Denken als Problemlösung, weil man nur Einzelereignisse sieht und die Aufmerksamkeit darauf fokussiert. Dabei geht der Überblick verloren. Wir sehen, bewerten und entscheiden dann nur innerhalb des Systems 2.

Je komplexer Probleme sind (ein Leben im Anthropozän gehört dazu), benötigt aber auch die Leistungen des Systems 1: schnell, holistisch, aber unscharf und nicht linear, langsam, analytisch und exakt.

Wenn es um einen Paradigmawechsel geht, sollte das Gehirn zunächst im System 1 aktiv sein, um alle möglichen Varianten, Strategien, Gefahren und Risiken rasch einschätzen zu können. Wenn man sich dann innerhalb eines vorgegebenen Paradigmas bewegt ist, das System 2 besser. Jetzt können zielgenau, lineare, konkrete Detailfragen sequentiell abgearbeitet werden.

Woran wir unser Handeln ausrichten

Sprechen und Denken kann nur in Frames passieren, an denen wir unser Handeln ausrichten. Ein Frame ist ein kognitiver Deutungsrahmen, innerhalb dessen wir denken, sprechen, interagieren und sprachgeleitet handeln. Das geschieht niemals kontextfrei, a-perspektivisch oder schier rational an den Fakten orientiert, sondern immer perspektivisch.

Zu den wesentlichen Charakteristika von Frames gehört, dass sie kognitiv-ideologisch selektiv sind: Es werden immer bestimmte Aspekte beleuchtet, und andere fallen gleichzeitig unter den Tisch. Zu den bedeutungsträchtigsten kognitiven Frames innerhalb unserer Kultur gehört etwa der „Vertikalitäts-Frame" von oben und unten:

Oben wird in unserer Kultur mit besonderer Qualität, Kontrollvermögen, Glück, Erfolg, hohe Moralstandards, ja mit dem Numinosen und Göttlichen assoziiert. Alles was oben ist, ist (scheinbar) gut, sinnvoll und richtig. Das Umgekehrte gilt dann für „unten".

Wir organisieren unsere Wahrnehmung und soziale Bewertungen auf weiten Strecken über diesen Meta-Frame. Zum anderen sind Frames immer an physiologische, sensomotorische, taktile, emotionale oder auch gustatorische Erfahrungen gekoppelt.

Psycholinguistisch sind Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen nicht hinreichend sprachlich besetzt oder differenziert, das heißt, sie sind kognitiv unterrepräsentiert. Der technische Begriff dafür ist „Hypokognition".

Auch wenn wir ständig gegen etwas sind, etwa gegen expansives Wachstum, gegen mehr Reichtum für die Oberschicht, gegen Fracking oder Großtechnologien, passiert neuropsychologisch folgendes:

Wir re-aktiveren ständig den gleichen Frame, ob wir dafür oder dagegen sind, und unterstützen damit das, was wir eigentlich nicht wollen - und verhindern gleichzeitig, das zu sagen und zu tun, was wir eigentlich sagen und tun wollen. Auch Begriffe wie Postwachstum, Nicht-Nachhaltigkeit, fehlende Umverteilung gehören in diese Kategorie.

Die subtile Verbindung von Sprache, Handeln und Körperwahrnehmung, die uns als Menschen auszeichnet, führt dazu, dass reine Fakten ohne Frames gesellschaftlich, sozial und psychologisch wert- und bedeutungslos werden bzw. keine wirkliche Verhaltensänderung auslösen.

Begriffe wie Klimaerwärmung führen dann eher dazu, dass wir uns zwei weitere T-Shirts kaufen und Klimawandel aktiviert einen Frame, der alles andere als verhaltensändernd wirkt. Ein Wandel ist semantisch in beide Richtungen offen, gleichsam nach oben und nach hinten. Noch dramatischer wird es bei Klimaschutz:

Das Klima soll logisch überhaupt nicht geschützt werden, denn für das Klima ist es eigentlich egal, ob es zu einer höheren oder niedrigeren Temperatur kommt. Geschützt werden sollen Natur und Mensch.

Eigentlich müssten wir mindestens von einer Klimaüberhitzung sprechen und an Stelle von Umweltverschmutzung besser von Verseuchung oder Vergiftung sprechen, da wir nicht nur die Natur, sondern tagtäglich uns selbst vergiften.

Wir verwenden die falschen Begriffe und wundern uns dann, wenn wir nicht adäquat handeln. Die verwendeten Begriffe sind stellenweise schlicht falsch oder doch zumindest eine maßlose Bagatellisierung eines Vorgangs, dem wir uns im Anthropozän ausgesetzt sehen.

Wenn wir von „begreifen", „handhaben" oder „zurück-weisen" sprechen, dann wird unser prämotorischer Cortex genau für jene körperlichen Vorgänge mit codiert, und wenn wir von „Knoblauchgeruch" sprechen oder von einer übel riechenden vergifteten Kloake, dann sind die entsprechenden Hirnareale des Riechhirn mit aktiv. Man spricht hier technisch von embodied cognitions oder verkörperlichtem Denken. Es gibt kein Denken ohne somatischen Bezug.

Das geht aber noch weiter: Es reicht bereits aus, Stühle in einem Sitzungssaal so zu manipulieren, dass sie entweder etwas nach links oder nach rechts geneigt sind, um daraus eine signifikante politische Positionierung zugunsten eher konservativer (rechts) oder eher progressiver (links) politischer Haltungen einzunehmen. Sprachverarbeitung, Entscheidungen und Handeln gehören von Anfang an eng zusammen.

Wird einen solcher Frame aktiviert, führt dies gleichsam automatisch und unbewusst zu einer Co-Aktivierung von einer Reihe von Qualitäten, auch wenn sie primär mit der Sachlage gar nichts zu tun haben. Das alles entsteht unbewusst, automatisch und ist durch die Kultur, Erziehungspraxis und Lerngeschichte, in der wir eingebettet sind, wesentlich determiniert. Hätten wir andere Frames, hätten wir eine andere Sprache und in Folge auf ein anderes Handeln.

Wenn wir anfangen würden, die Befunde der klinischen Psychologie, der Sozialpsychologie und Neurobiologie zu berücksichtigen, hätten wir eine vollständig andere Diskussionsgrundlage über unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Es gibt mittlerweile eine Fülle von Ergebnissen aus den Lebenswissenschaften, welche die These stützen, dass unser Geist, unser Gehirn und unser (Sozial-)Verhalten einer völlig anderen Logik folgen, als dies durch das Standardargument allein gedeckt ist.

Eine Psychologie im Anthropozän stellt gewissermaßen ein Fenster dar, durch welches wir in eine andere Zukunft blicken können - ein Blick der uns durch Technik, Wachstum, Bevölkerungspolitik und Governance verstellt bleibt.

Quelle. Huffington Post (11.7.2016), http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/illusion-der-gewissheit-warum-wir-uns-ungern-mit-der-realitat-auseinanderzusetzen_b_10903478.html

 

Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern

Wir alle wissen, dass die westlichen Industrienationen über ihre Verhältnisse leben. Wir verbrauchen die Erdölreserven, stoßen zu viel CO2 aus und tragen substanziell zur globalen Erwämung bei. Die Zeit drängt, wir müssen dringend umsteuern! Und trotzdem konnten wir unsere Gesellschaft bisher nicht in eine nachhaltige Post-Wachstums-Gesellschaft überführen.

Gelingt uns die Transformation? Hin zu mehr Gerechtigkeit, zur Überwindung von Armut, hin zu mehr Biodiversität und mehr integraler Gesundheit und Bildung, hin zu einem stabilen Klima und ausreichender Energie für alle. Die Standardlösungen versuchen sich entlang alternativer Technologien, einer aktiven Bevölkerungspolitik in Verbindung mit einem expansiven Wachstumspfad. Mein Buch Buch „Die Kunst der Transformation“ zeigt, dass es so nicht geht. Wir leben im ‚Anthropozän‘, dem Zeitalter des Menschen und haben dabei gleichzeitig den menschlichen Faktor vergessen: Bewusstssein -Verhalten - Interaktion. Das ist eigentlich paradox. Welche Bedeutung haben unsere Affekte und Motive, unsere Moralentwicklung , unser Verhalten in Gruppen auf den Nachhaltigkeitspfad? Wie gehen wir mit Unsicherheiten und komplexen Situation um und können wir hinreichend zwischen äußerem Wachstum und innerer Entwicklung unterscheiden? Was ist einheitlich ein Bewusstseinsschwerpunkt? Und was sind Illusionen der Wahrnehmung, kognitive Verzerrungen, Dissoziationen und Tabus? Erst wenn wir diese Fragen hinreichend beantworten und dann praktisch umgesetzt haben, erst dann wird das Ganze zu einer Kunst der Transformation, mit und ohne Technologie, Bevölkerungspolitik und Wachstum.

Wir werden nur dann nachhaltig zusammenleben können, wenn wir anfangen die psychologischen Realitäten anzuerkennen, die uns alle ständig antreiben und umgeben. Ein gemeinsames Leben, Politik und Nachhaltigkeit wird es ohne die psychologische Realität nicht geben.

Auszug aus: Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016:

In acht Kapiteln zeige ich, dass wir angesichts der globalen Herausforderungen eine aufgeklärte psychologische Anthropologie benötigen, also ein neues Bild vom Menschen. Oder anders formuliert: Eine gesellschaftliche Transformation entlang eines Nachhaltigkeitspfades wird es ohne Berücksichtigung der Ergebnisse und Einsichten der Psychologie und der Lebenswissenschaften nicht geben.

Wir müssen besser verstehen, wie wir lernen, warum wir meditieren sollten, wie wir mit Stress und Unsicherheit umgehen und wie Mitgefühl, Empathie und Toleranz entstehen. Und wir sollten verstehen lernen, wie und was uns wirklich antreibt, wie wir mit Verlusten und Gewinnen im Leben umgehen, wie unsere Wahrnehmung und unsere Entscheidungsvorgänge organisiert sind und, was noch wichtiger ist, wie wir das Richtige im Falschen tun  können und welche Bedingungen wir für Selbstachtung und Selbstwirksamkeit benötigen.
Wir müssen vielmehr wissen, wie wir unser Leben tagtäglich praktisch verändern können.

Stand: Mai 2016