Stefan Weiller

Stefan Weiller lebt als Autor und freischaffender Künstler in Frankfurt am Main. Seit 2003 arbeitete er immer wieder auch als Journalist für verschiedene Tageszeitungen und Magazine. Er hat ein Sozialpädagogik-Studium abgeschlossen und zusätzlich einige Semester Innenarchitektur studiert. Für seine Diplomarbeit erhielt er  den Gertrud-Luckner-Wissenschaftspreis des Deutschen Caritasverbandes. Weiller war als Pressereferent für Caritas und Diakonie tätig und ist seit 2014 freischaffender Künstler, Regisseur und Autor. In seinen Projekten zwischen soziokulturellen Theaterstücken und mulitmedialen Konzerten wirken renommierte Künstler wie Eva Mattes, Leslie Malton, Christoph Maria Herbst, Ina Müller und viele andere Prominente mit.

Weiller versteht sich als Geschichtensammler und recherchiert mit großer Sorgfalt und großem persönlichem Einsatz Geschichten und Lebensbetrachtungen von Menschen in Ausnahmesituationen des Lebens. Hieraus entstehen die Ideen und Konzepte der Kunstprojekte. Am 28.2.2017 werden die Letzten Liebeslieder, bei denen Paargeschichten im Zentrum stehen, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg als Benefizkonzert für Hamburg Leuchtfeuer gezeigt. Ich trage das Projekt immer gerne auch in die Fläche, weil Menschen nicht nur in Städten sterben. Deshalb werden am 2. Juli „Letzte Lieder in Mühlacker“ bei Pforzheim klingen. Die Folgetermine finden sich auf meiner Website.

In seinem aktuellen Buch „Letzte Lieder – Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens“ (Edel Books, Hamburg 2017) widmet sich der Autor Stefan Weiller dem Thema Sterben auf ungewöhnliche Weise: Er befragt Menschen in der letzten Lebensphase zur Musik ihres Lebens – und erhält dabei Antworten zu großen Lebensfragen. Der Frankfurter konzipiert seit 2009 Kunstprojekte, die soziale, gesellschaftspolitische Themen in neue Ausdrucksformen bringen. In choreografierten Theater- und Konzertprojekten greift er existenzielle Grenzerfahrungen auf, die Menschen in extremen Lebenssituationen erlebt haben: Wohnungslosigkeit, häusliche Gewalt, Armut, Diskriminierung sind einige Themen, die Weiller für jedes Projekt neu recherchiert und künstlerisch verarbeitet. Er wird damit zum Porträtisten und Biografen von Menschen am Rand der Gesellschaft. 

Mit großem Erfolg trägt er seit 2009 das Kunstprojekt „Deutsche Winterreise" in viele Städte im In- und Ausland. Dazu verbinde ich an jedem Aufführungsort Erfahrungen obdachloser und flüchtender Menschen mit dem Liederzyklus Winterreise von Franz Schubert zu einem jeweils neuen Musiktheaterstück. Für seine Winterreise hat er knapp 400 obdachlose Menschen in 31 Städten interviewt, ein Buchprojekt ist in Planung. 2012 folgte das Projekt „Wiegenlieder", das häusliche Gewalt in einem ebenfalls viel beachteten Kunstprojekt thematisierte.

2014 präsentierte er in Berlin eine Bearbeitung des zweiten Schubert-Liederzyklus "Die schöne Müllerin", für die er Liebesgeschichten von Menschen am sozialen Rand recherchiert und nacherzählt. „Wer fragt obdachlose Menschen schon nach Liebe? – wo es doch vermeintlich wichtigeres im Leben dieser Menschen gibt: Essen, Wohnung, Arbeit.“ Er stellt die Fragen nach Sehnsucht und Beziehung.

Schauspielerin Leslie Malton beschrieb sein Buch „Letzte Lieder“ als „Tanz der Gefühle“ – das trifft auch auf die Konzertreihe zu. Viele Geschichten aus dem Buch, aber auch einige neue Begegnungen werden in Verbindung mit Musik und Video zu einem großen Erlebnis, manchmal sogar mit Tanz.
Das Buch bietet die Chance, „tief in die Geschichten vom Lebensende einzutauchen, nachzusinnen, sich selbst zu hinterfragen“; die Konzertreihe stellt die Musik stärker ins Zentrum. Mit seinem Engagement möchte Stefan Weiller aufmerksam machen, Redetabus durchbrechen, zum Nachdenken anregen und verändern.

Weitere Informationen:  www.stefan-weiller.de

Letzte Lieder – große Lebensfragen

Interview mit Stefan Weiller


Herr Weiler, wie und wann entstand Ihre Buchidee?

Vor einigen Jahren war ich als Journalist in einem Hospiz angekündigt. Ich sollte dort für eine Zeitung eine Frau zum Interview treffen; sie litt an Krebs im Endstadium und war gerade erst ins Haus eingezogen. Im Vorfeld plagten mich Bedenken und Klischeebilder vom Hospiz: Wie wird es sein im Hospiz? Wie soll man mit einem Menschen reden, der weiß, dass er bald sterben wird? Ist es im Hospiz nicht schrecklich beklemmend und belastend? Liegt über allem der Schatten des Todes?

Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt zu dieser Frau geführt wurde, geschah das Unerwartete: Die Tür ging auf, und aus dem Zimmer trällerten mir aus dem Radio sehr laut Cindy und Bert ihr „Immer wieder sonntags“ entgegen. Gute Laune pur – und das ausgerechnet im Hospiz! Die Frau war ein großer Schlager-Fan und frönte dieser Leidenschaft auch im Hospiz. Alle trüben Gedanken waren wie weggeblasen und es folgten zwei Stunden des Gesprächs: mal tiefgründig, mal leichtsinnig, mal traurig und dann wieder voller Lachen. Das pralle Leben eben, bis zuletzt.

Anschließend war klar: Das Erlebte muss in ein größeres Projekt münden als in einen einzigen Zeitungsbericht. Die Idee zum Buch „Letzte Lieder – Sterbende erzählen“  und zur Konzertreihe war geboren.

Was veranlasste Sie, Christoph Maria Herbst um ein Vorwort zu bitten? Welche inneren Bezüge gab es, was beeindruckte Sie an ihm?

Ich reagiere total auf Stimmklang. Vor einiger Zeit hörte ich Christoph Maria Herbsts Stimme bei 3sat in einem Beitrag mit dem Titel „Philosophisches Kopfkino“. Mit herrlich süffisantem, hintergründigem Humor präsentierte der Sprecher ernsthafte Fragen des Lebens. Mir war klar: Der Mann kann ebenso witzig wie tiefgründig sein! Und als ich ihn anfragte, ob er bei meinem Projekt „Letzte Lieder“ Geschichten vom Sterben erzählen würde, rechnete ich mit einer Absage. Und es kam: eine Zusage. Ich schätze Christoph Maria Herbst als sensiblen, vielseitigen Sprecher, der es schafft, Menschen zum Lachen zu bringen, aber auch zum Nachdenken. Einem breiten Publikum ist er als Komödiant bekannt. Dass ausgerechnet er von den letzten Dingen erzählt, nimmt anderen Menschen die Berühungsangst mit dem Buch und den Themen des Projekts. Um das Sterben aus der Tabuzone herauszuholen, ist er ein wundervoller Vermittler. Außerdem schätze ich ihn auch menschlich sehr, all diese Gründe führten dazu, ihn um sein wundervolles Vorwort zu bitten.

Wie haben Ihre Gesprächspartner auf Ihre Anfrage reagiert? Wie haben Sie Vertrauen hergestellt?

Die Gespräche im Hospiz werden mir durch die Pflegeteams vermittelt. Außerdem gibt es in den Häusern Aushänge mit der ausführlichen Projektbeschreibung und Aufrufe: Haben Sie Lust über die Musik Ihres Lebens und noch viel mehr zu erzählen?
Mich freut, dass erstaunlich viele Menschen offen sind, mich einzuladen. Als grundlegend ist sicherlich mein Sozialpädagogikstudium zu benennen; es ist mein unverzichtbares fachliches Fundament. Außerdem habe ich in meiner Arbeit als Lokaljournalist viel Interviewerfahrung gesammelt: vom Kaninchenzüchter am Sonntagmorgen bis zum Promi auf der Durchreise.

Gab es Begegnungen, die Sie besonders beschäftigt und berührt haben?

Eine Begegnung hat mein Leben verändert: Eine Frau, zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens zwei Jahre älter als ich, lud mich zum Interview ins Hospiz ein. Doch statt befragt zu werden, drehte sie den Spieß um: Sie stellte mir Fragen, gab aber gleich selbst die Antworten. „Hassen Sie Ihren Job? Kündigen sie ihn. Gibt es Menschen, die Ihnen nicht bekommen? Trennen Sie sich. Gibt es Orte, die Sie immer einmal besuchen wollten? Reisen Sie. Warten Sie nicht zu lange, denn ich habe all das aufgeschoben. Und nun sehen Sie mich an.“

Sie widmete sich ihrer Familie und dem Haus, und obwohl das letztlich richtig und gut war, gab es diese unerfüllten Sehnsüchte und das Gefühl, manche faulen Kompromisse eingegangen zu sein.

Ich ging raus aus dem Gespräch und dachte: Jetzt gilt es! Ich habe meine Festanstellung aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben und der Kunst zu widmen. Ich habe mich von verbrauchten Bindungen und alten Verpflichtungen gelöst. Und ich bin nach Island gereist – und arm, aber glücklich zurückgekehrt.

Aber nach über 120 Interviews mit Menschen gibt es entsprechend viele berührende und wichtige Geschichten, die es wert sind, dass man darüber nachdenkt.

Warum ist es ein Missverständnis der „Letzten Lieder“ ist, dass es in dem Buch vor allem um Musik geht?

Musik ist hier nur ein Mittler, um zu den ganz großen Lebensthemen zu gelangen. Häufig führten die Gespräche zu ganz anderen Themen: Wie führe ich mein Leben? Wie will ich sterben? War mein Leben sinnlos? Woran glaube ich? Das macht die Geschichten so spannend. Und dazu klingt immer wieder die Musik des Lebens durch, die im Spiegel des nahen Todes völlig anders klingt.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichten nur zu hören und nicht aufzuzeichnen?

Menschen reden anders, sobald ein Mikrophon oder eine Kamera aufgestellt wird, oder der Gesprächspartner alles mitschreibt. Ich wollte offene, unbefangene Begegnungen. Da ich allen Gesprächspartnern Anonymität zusicherte, konnte jeder frei und unbelastet erzählen. Ich schrieb alle Begegnungen inhaltlich treu, aber zugleich frei aus dem Gedächtnis auf, daraus entstanden Textminiaturen, Destillate der Begegnungen. Ich spüre übrigens nicht dem Soundtrack des Lebens auf, sondern viel mehr dem Klang der letzten Lebensphase – das ist etwas grundlegend anderes.

Christian, Anfang 50, spricht als einziger über sein digitales Erbe. Welche Bedeutung hatte das Thema Digitalisierung für Ihre anderen Gesprächspartner?

Viele Menschen wünschen sich, dass sie nicht vergessen werden, dass ihr Leben einen Sinn ergibt, der erkennbar und nachvollziehbar ist. Wer Spuren im Internet ausgelegt hat, sein Leben aufgeschrieben oder in Bildern festgehalten hat, der bleibt über den Tod hinaus auffindbar. Für manche Menschen mag es ein Trost sein, wenn sie auf Facebook oder in einem Blogg – man denke an den Tschick-Autor Wolfgang Herrndorf – mit ihrem Leben, Wirken und Sterben erhalten bleiben. Viele Menschen veröffentlichen im Self-Publishing ein Buch, bauen eine aufwendige Homepage, inszenieren und beschreiben ihr Leben. Deshalb ist das digitale Vermächtnis für manche sterbenden Menschen ein Thema, allerdings nur selten bei der Altersgruppe 70 plus.

Auch im Buch nimmt das Thema einen Raum ein, wenngleich einen relativ kleinen. Ich denke aber, das Thema wird an Bedeutung gewinnen. Ein Mann sagte mir übrigens: „Verdaddeln Sie bloß nicht so viel Zeit auf Facebook, gehen Sie lieber spazieren und treffen Sie Ihre Freunde persönlich.“ Hat er nicht Recht?

Welche Dinge gaben Ihnen Ihre Gesprächspartner am Ende der Interviews mit?

Eine Frau schenkte mir auf einem winzigen Notizzettel eine völlig unleserliche Komposition des Liedes ihres Lebens. Eine andere überließ mir ein Rezept für einen hessischen „Handkäs‘ mit Musik“, weil sie meinte, es gehe ja bei den Letzten Liedern um Musik. Außerdem durfte ich mich über ein Mini-Dromedar aus Plastik freuen oder die Frucht einer Platane. Es waren alles Dinge von hohem Wert, aber sehr geringem Preis. Längst nicht jeder überließ mir einen Gegenstand; das ist kein Kriterium für die Begegnung.

Welche Rolle spielte in den Gesprächen das Thema Glaube?

Glaube spielt eine große Rolle – und sei es als Abgrenzung im Sinne von „Da kommt nix mehr“. Eine alte Frau sagte mir, sie hofft auf einen lieben Gott, der für sie gerne auch einen Bart haben dürfe. Es ist der Liebe Gott, den sie aus Kindertagen kennt und der ihr im Sterben Vertrauen gibt. 

Erstaunlich ist, dass das Geistliche Lied, Kirchenlieder vielen Menschen am Lebensende wieder etwas sagen. Sogar junge Menschen finden Trost in alten Liedern aus dem evangelischen oder katholischen Gesangbuch – in einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft ist das ein erstaunliches Phänomen.

Es ist ja in der Sterbebegleitung erwiesen, dass gläubige Menschen den Abschied leichter nehmen, weil sie vielleicht mit einer Hoffnung gehen. Auch mich entlastet der Gedanke, dass ich nicht alles in den paar Jahren Lebenszeit schaffen muss. Ich bin – Gott sei Dank – gläubig genug um zu zweifeln.

Warum gilt Ihr spezieller Dank Hamburg Leuchtfeuer?

Mit niemandem habe ich intensiver und länger zusammengearbeitet als mit dem Hospiz Leuchtfeuer. Daraus sind Freundschaften entstanden, etwa zur Leiterin des Hospizes, die auch eine Beraterin war, wenn ich nicht weiter wusste. Es ist ein sehr persönlich motivierter Dank, denn auch alle anderen mir bekannten Hospize leisten ausgezeichnete Begleitung auf letzten Wegen.

Haben Sie ein Lebenslied?

Es gibt mehrere – und alle haben eine eigene Geschichte: „Der Lindenbaum“ von Franz Schubert, die „Passacaglia Della Vita“ oder „Down Here Below“ von Abbey Lincoln und viele mehr.  Eines der ältesten Lebenslieder stammt von der belgischen Sängerin Axelle Red: „Je t’attends“.  Seit fast 30 Jahren begleitet mich der Song durch manche Stationen, so auch die Hochzeit mit meinem Mann, der eigentlich ein total Klassikliebhaber ist, aber sich auf dieses kleine, schlichte Lied mit mir einigen konnte. Wird das auch eines meiner Lieder im Sterben sein? Will ich dann noch ein Lied?

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt
Copyright Foto: Lena Obst

Stand: Februar 2017