Stephan Frucht

Seit 2006 ist Stephan Frucht, Jahrgang 1972, Geschäftsführer des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI. Sein Werdegang ist bis heute äußerst vielfältig. Nach dem Violin-Diplom an der Berliner Universität der Künste studierte der gebürtige Hannoveraner Dirigieren an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler«. Parallel zu seiner künstlerischen Ausbildung studierte er Humanmedizin (Promotion 2002 / HU Berlin). 2003 wurde Frucht Referent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Enquête-Kommission »Kultur in Deutschland«. Frucht ist Musiker, Autor- und Herausgeber zahlreicher CD-Produktionen. Als Dirigent sind von ihm bei Sony-Music viele Einspielungen erschienen, darunter Produktionen mit der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker oder dem DSO Berlin. Zudem berät er Unternehmen, Stiftungen sowie kulturelle und politische Institutionen in künstlerischen bzw. kulturpolitischen Fragen. In der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) ist er gewählter Vertreter der ­Dirigenten und künstlerischen Produzenten. 

 

Kultur ist die Photosynthese des Geistes

Kultur ist Gesellschaft ist Wirtschaft

Die Idee gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen resultiert aus der Erkenntnis, dass jedes Mitglied einer Gemeinschaft für den Erhalt und die Gestaltung der Gesellschaft mitverantwortlich ist. Unternehmen sind als juristische Personen ebenso mit Rechten und Pflichten ausgestattet wie natürliche Personen. Als Teil der Gesellschaft ist ihr wirtschaftliches Handeln also zugleich gesellschaftliches Handeln. Die zu Grunde liegende Annahme lässt sich auf eine Formel reduzieren: Das unternehmerische Tun beeinflusst die gesellschaftliche Entwicklung, welche ihrerseits wiederum wesentlich die Unternehmensentwicklung bestimmt. Im Zentrum der folgenden Überlegungen stehen dabei die Wirkungs- und Einflussmöglichkeiten der Wirtschaftsunternehmen auf die Gesellschaft.
Folgende Fragen sollten Unternehmen sich mit Blick auf ihren Erfolg zwingend stellen:
Was ist »die Gesellschaft«, was macht sie aus, und wie können Unternehmen zu ihrer positiven Entwicklung beitragen? Zunächst wird Gesellschaft allgemein verstanden als große Gruppe von Personen, welche auf einem abgegrenzten Raum, in einem System von wechselseitigen Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und als eine soziale Einheit definiert werden.
Ein wichtiges konstituierendes Merkmal jenes sozialen Systems ist ihre Kultur. Kultur im weiten Sinne umfasst soziokulturelle, wirtschaftliche und ökologische Dimensionen. Die kulturellen Ressourcen stellen den Nährboden für eine handlungsfähige, innovative und zukunftsfähige Gesellschaft, die aktiv auf veränderte Umweltbedingungen reagieren und mit neuen sozialen Realitäten umgehen kann. Kultur ist also ein wesentlicher Grundpfeiler einer nachhaltigen Gesellschaft und als solcher von kritischer Bedeutung auch für die Entwicklung der Unternehmen.

Selbstverständnis und Notwendigkeit – Corporate Cultural Responsibility

Jedes Unternehmen ist entsprechend an einer positiven nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft interessiert. Im Ergebnis kann Nachhaltigkeit nicht ohne den kulturellen Faktor gedacht werden. Dieser Logik folgend, erscheint es nur konsequent, das kulturelle Umfeld zu achten und in dieses zu investieren. Eine Möglichkeit, einen positiven sozialen Mehrwert zu schaffen und die Qualität des Sozialen innerhalb der Gesellschaft zu stärken, ist die Förderung von Kunst und Kultur im engeren Sinne. Der Corporate Cultural Responsibility, kurz »CCR«-Ansatz, bietet in diesem Zusammenhang das Potenzial, proaktiv gesellschaftliche Entwicklungen zu fördern und zu fordern.
Bislang wurde Kulturförderung als Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu einem Großteil vom Staat getragen. Nicht zuletzt weil Kulturausgaben der öffentlichen Hand dem Gebot der Freiwilligkeit unterliegen, sind sie jedoch ein beliebter Kürzungsposten. Die Ausgaben für Kultur, die den Löwenanteil der Kulturausgaben schultern, sind in den Ländern und Kommunen in den letzten Jahren stark gekürzt worden. Diese bedauerliche Entwicklung hat die Notwendigkeit, aber auch Akzeptanz von CCR befeuert.
Unternehmen, die die enge Verzahnung von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft erkannt haben, sind bereit, Mitverantwortung für ihre Gemeinschaft und deren Kultur zu übernehmen. Sie investieren in eine nachhaltige Kulturlandschaft für eine überlebensfähige, kreative und antizipationsfähige Gesellschaft. Sie haben verstanden, dass ohne Kreativität keine wissenschaftlichen und technischen Innovationen, keine gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozesse möglich sind und investieren, als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, auch in Kultur. Viele Unternehmen leisten bereits als Mäzene, Stifter und Sponsoren einen wesentlichen Beitrag zum Kulturleben in Deutschland, wie zahlreiche Beispiele belegen.
Sie haben erkannt, dass Kunst und Kultur von selbst zur inneren Erneuerung beitragen. Kultur ist die Photosynthese des Geistes. Folglich investieren viele Unternehmen in kulturelle Projekte, von denen die wenigsten allerdings ausreichend bekannt sind. Unter anderen zeigen die mit dem Deutschen Kulturförderpreis ausgezeichneten Unternehmen die Vielfalt möglicher Inhalte und Kooperationsformen. Der Deutsche Kulturförderpreis wird jährlich vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, dem Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung für herausragende unternehmerische Kulturförderung verliehen. Zu den Preisträgern zählt beispielsweise das Unternehmen ACO Severin Ahlmann GmbH & Co. KG, das mit dem Projekt »Kunstwerk Carlshütte« beweist, dass durch kluge Kooperationen mit öffentlichen und privaten Partnern aus einem alten Firmengelände ein florierendes Kunst- und Kulturzentrum entstehen kann. Ferner ermöglicht das theaterpädagogische Modellprojekt »Junges Theater im Delta« der BASF SE in Kooperation mit den großen Theatern der Region Kindern, frühzeitig Erfahrungen im Bereich Schauspiel und Inszenierung zu sammeln. Und schließlich sind es Unternehmen wie die Hoppen Innenausbau GmbH, die durch ihr persönliches Engagement und handwerkliches Können maßgeblich zum Erfolg einer Veranstaltung wie dem Niederrhein Musikfestival beitragen.

CCR – ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor

Solch gelungene Kulturarbeit zeugt nicht nur von hoher sozialer Intelligenz, sondern auch von kluger Standortpolitik. Die Attraktivität eines Standorts ist aufs engste verflochten mit seiner kulturellen Identität. Investitionen in Kunst und Kultur sind daher längst ein harter Standortfaktor und stellen – im Hinblick auf den »War for ­Talents« – de facto also auch einen wirtschaftlichen Wettbewerbsvorteil dar. Die durch den kulturellen Zugewinn gesteigerte Lebensqualität wirkt positiv auf die Attraktivität des dort ansässigen Unternehmens. Durch einen direkten Austausch zwischen Mitarbeitern und Künstlern können darüber hinaus die Kreativität und die soziale Kompetenz gesteigert und neue Kommunikations- und Kooperationswege beschritten werden. So wird ein wichtiger Beitrag zur positiven Entwicklung der Unternehmenskultur geleistet.
Kulturbewusstes Management kann mithin einen messbaren betriebswirtschaftlichen Nutzen erzeugen. Verantwortungsbewusste Unternehmen sind häufig langfristig erfolgreicher. Wie einige Studien belegen, bewirkt das gesellschaftliche Engagement eine Steigerung der Unternehmensreputation, welche Vertrauen und Wohlwollen in der Gesellschaft schafft und die die sogenannte »Licence to operate« stärkt. Insgesamt verbessert sich die Wettbewerbsposition des Unternehmens, sodass qualifizierte Mitarbeiter leichter zu gewinnen, zu binden und zu motivieren sind. Das Wirkungspotenzial von Kunst- und Kulturförderung ist variantenreich und kann durch bewusste Einbindung in die Unternehmensstrategie ein bedeutender betriebswirtschaftlicher Erfolgsfaktor sein. Ähnlich, wie die öffentliche Kulturförderung positive Auswirkungen auf einen Lebensstandort hat.
CCR erscheint als logische und wichtige Ausprägung von CSR, die es langfristig zu berücksichtigen gilt. Denn nur durch den Erhalt kultureller Vielfalt und der Pflege der kulturellen Landschaft kann eine fruchtbare Entwicklung erreicht und der Nährboden auch für nachhaltiges Wirtschaften geboten werden. »Verkümmerung der Kunst ist Verstümmelung des ganzen Menschentums, die auch im Bereiche des Lebensnotwendigen ihre verhängnisvollen Wirkungen zeigen würde.« Dieser Auszug aus der Präambel der Satzung des Kulturkreises von 1952 fasst die Relevanz des CCR Konzepts, lange vor dem Entstehen der Begrifflichkeit, pointiert zusammen.