Susanne Bergius

Susanne Bergius, Jahrgang, 1963, ist seit 2004 unabhängige Journalistin und Moderatorin für Nachhaltiges Wirtschaften und Investieren in Berlin.
Sie schreibt für das Handelsblatt, andere Zeitungen, Print- und Online-Medien sowie für Fach- und Buchpublikationen.

Seit 2008 ist sie für Konzeption, Organisation und Redaktion des monatlichen „Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments“ zuständig (www.handelsblatt-nachhaltigkeit.de). Seit 2011 konzipiert und schreibt sie zudem den Wirtschafts- und Finanzteil des Online-Nachhaltigkeitslexikons der Aachener Stiftung Kathy Beys (www.nachhaltigkeit.info).

Sie ist Mitherausgeberin des 2014 im Springer Gabler Verlag erschienenen Managementbuches: „ CSR und Finance. Beitrag und Rolle des CFO zu einer Nachhaltigen Unternehmensführung.“

Susanne Bergius moderiert Workshops, Podiumsdiskussionen, ganztägige Konferenzen sowie vertrauliche Stakeholder-Dialoge von Organisationen verschiedener Art und Branchen mit deren jeweiligen Anspruchsgruppen. Sie hält Vorträge im In- und Ausland. Von 1990 bis 2004 war sie Handelsblatts-Redakteurin und Benelux-Korrespondentin in Brüssel. 2002 wurde sie zur Expertin für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren ernannt.

Die Diplom-Geographin und ausgebildete Wirtschaftsjournalistin  befasst sich seit 30 Jahren mit den Wechselwirkungen von Ökonomie, Sozialem und Ökologie.

Seit März 2015 ist sie Mitgründerin und ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des „Netzwerk Weitblick – Verband Journalismus & Nachhaltigkeit“. Als aktives Beiratsmitglied unterstützt sie seit 2013 die Rechercheplattform „Grüner Journalismus“ der Hochschule Darmstadt.

Weitere Informationen:
www.susanne-bergius.de

 

Warum Nachhaltigkeit Journalisten mit Weitblick braucht

Interview mit Susanne Bergius, Vorstandsvorsitzende des „Netzwerk Weitblick - Verband Journalismus & Nachhaltigkeit e.V."

Frau Bergius, das „Netzwerk Weitblick" wurde im März 2015 gegründet. Was war der Anlass dafür?

Netzwerk Weitblick (www.netzwerk-weitblick.org) ist ein Angebot für Journalisten. Wir wollen Medienschaffende aller Ressorts zum Querschnittsthema Nachhaltigkeit informieren und bei ihrer Arbeit unterstützten. Unser Ziel ist es, Qualität und Quantität in der Berichterstattung zu nachhaltigen Themen zu fördern.

Medien treiben anlässlich aktueller Ereignisse vielfach nur Sauen durchs Dorf, statt die Ereignisse einzuordnen und/oder zu relativieren. Sie berichten umfangreich über Ebola, Erdbeben oder Elektrosmog - Börsenkurse, Inflation oder Wirtschaftskrise.

Das sind große Probleme - doch sobald ein anderes Ereignis hoch kocht, wendet sich der kollektive Blick dorthin. Die Schwerpunkte der Berichterstattung sind zu oft beliebig oder gar paradox.

Journalisten übersehen vielfach die wahren Bedrohungen für Menschen und Ökonomien, denn diese sind schwer greifbar und beschreibbar oder kaum eindeutig zuzuordnen: Klimawandel, Artenschwund, Wasser- und Ressourcenknappheit sowie Ausbeutung, Armut, Korruption, Menschenrechtsverstöße. Die klimatisch-ökologischen Entwicklungen ändern die Grundlagen des menschlichen Daseins fundamental.

Woran entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften und Ökonomien?

Daran, ob sie fähig sind, nachhaltig zu handeln. Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung ist unter Wissenschaftlern unbestritten, die Vereinten Nationen und Regierungen der Welt wollen im Herbst die Sustainable Development Goals verabschieden. Doch Papier ist geduldig.

Hochwertiger Journalismus zu damit verbundenen Fragen ist dringend, da genannte Entwicklungen irreversible Fakten schaffen. Anforderungen und Lösungswege sind deutlicher zu machen. Es ist Aufgabe von Journalisten, Zusammenhänge aufzuzeigen und Verdecktes sichtbar zu machen.

Hintergründe und Wechselwirkungen nicht-nachhaltigen Wirtschaftens aufzuzeigen, Alternativen zu analysieren, Varianten nachhaltigen Handelns zu erklären, auch Hürden und Zielkonflikte.

Augen, Ohren und Verstand ihrer Leser / Zuhörer / Zuschauer für die Herausforderungen unserer Zukunft können Journalisten aber nur gewinnen, wenn sie selbst gut informiert sind und gut informieren.

Was brauchen Journalisten dafür?

Vor allem spezielles Rüstzeug sowie interdiziplinäres Denken und Wissen. Das erhalten sie meist nicht in der Ausbildung. Folglich rücken bei Pressekonferenzen Nachhaltigkeitsaspekte trotz ihrer Bedeutung noch immer nach hinten.

Journalisten fordern Informationen nicht ein, obwohl sie nötig wären, um Neuigkeiten besser beurteilen zu können. Darum will das gemeinnützige „Netzwerk Weitblick" einen Journalismus mit Nachhaltigkeitsbezug fördern und professionalisieren.

An welche Journalisten wenden Sie sich?

Nachhaltigkeit ist ein Querschnittsthema: Es betrifft alle Menschen sowie sämtliche Lebens-, Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftsbereiche - und folglich auch alle journalistischen Ressorts. Darum möchte das Netzwerk alle Journalisten ansprechen, zumal bei vielen Themen ressortübergreifende Arbeit sinnvoll und nötig ist.

Da Nachhaltigkeit nicht allein national erfolgen kann, sondern nur international, ist das Netzwerk gleich für den deutschsprachigen Raum angelegt.

Wir wollen Kolleg/inn/en erreichen, die dieses Querschnittsthema noch nicht auf dem Schirm haben, und Journalisten aller Ressorts für zukunftsfähige Wirtschafts- und Lebensweisen sowie ihre diesbezügliche Informationsaufgabe sensibilisieren.

Ziel ist, dass sie ihrer Informationsaufgabe besser gerecht werden können und stärker zur Meinungsbildung in der Gesellschaft zu diesem Zukunftsthema beitragen.
Das heißt nicht, dass alle stets drüber schreiben sollen, beileibe nicht! Sondern es geht darum, dass Journalisten aller Medienarten ein Gespür dafür entwickeln, damit sie bei ihren jeweiligen Themen Nachhaltigkeitsfacetten „mitdenken" - und sich gehaltvoll, anregend und kritisch damit befassen.

Ein Beispiel: Wer nicht weiß oder zumindest ahnt, dass für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen nicht nur Umsatz, Gewinn und Cashflow entscheidend sind, wird nicht von selbst darauf kommen, bei der Bilanzpressekonferenz zu fragen nach Instandhaltungsinvestitionen, dem Umsatzanteil umwelt- und sozialverträglicher Produkte oder den ökosozialen Haftungs-, Markt- und Regulierungsrisiken in der Zuliefererkette.

Was wollen Sie tun?

Netzwerk Weitblick will nach der Aufbauphase einen vorausschauenden Journalismus fördern - zum einen durch Service und Information, Vernetzungsangebote, Fachveranstaltungen, Recherchestipendien, Mentoring und vieles mehr.

Auch die Entwicklung neuer Darstellungsformen und -formate ist vorstellbar. Wir haben viele Ideen, um Recherchen und Erfahrungsaustausch zu erleichtern, und sind hierzu mit mehreren potenziellen Kooperationspartnern im Gespräch.

Zum anderen wollen wir als Bildungs- und Qualifizierungsinitiative Aus- und Weiterbildungsangebote entwickeln, die Gespür und Urteilskraft stärken. Hierfür erarbeiten wir ein mehrjähriges Nachwuchsförderungsprojekt.

Es haben sich bereits acht Journalistenschulen, Volontariatsausbilder und Hochschulen aus Deutschland und Österreich bereit erklärt, von uns und/oder gemeinsam mit ihnen entwickelte Module, Lehr- und Lernmaterialien zu erproben. Einige wissenschaftliche und andere Institutionen sind für inhaltliche Kooperationen offen.

Wie finanzieren Sie Netzwerk Weitblick und dieses umfangreiche Programm?

Anfang März haben 14 Medienschaffende aus Deutschland und Österreich das Netzwerk gegründet - inzwischen haben wir mehr als 30 Mitglieder und Förderer. Sie geben ihre Jahresbeiträge sozusagen als „Investition" in die Zukunft.

Will heißen: Wir benötigen weitere Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum, um Grundlegendes zu finanzieren. Wir brauchen sowohl Menschen, die mit anpacken oder gute Kontakte herstellen können, als auch Mitglieder, die unsere Vorhaben „einfach nur" mit dem kleinen Jahresbeitrag unterstützen.

Erfreulich wäre, wenn sich ein Anschub- oder Grundfinanzierer fände. Hierzu führen wir Gespräche. Hinsichtlich unseres Nachwuchsförderungsprojekts stehen wir im Austausch mit einer großen Stiftung, die signalisiert hat, einen Teil der Kosten übernehmen zu wollen. Mit weiteren potenziellen Förderern sprechen wir.

Für welche Medien arbeiten Ihre Mitglieder? Und: Können nur Journalisten mitmachen?

Unsere Mitglieder arbeiten im In- und Ausland u.a. für die ARD (Fernsehen und Hörfunksender), den Deutschlandfunk, die FAZ, das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung, den Tagesspiegel sowie andere nationale und regionale Print-, Online- und Rundfunk-Medien. Manche sind Buchautoren.

Weitblick nimmt primär Journalistinnen und Journalisten auf. Gleichwohl haben die Gründungsmitglieder beschlossen, für Personen offen zu sein, die unsere Ziele ernsthaft teilen. Schließlich kommt es darauf an, diese zu erreichen.

Überdies können sich selbständige Journalisten wegen oft magerer Honorare vielfach nicht allein daraus finanzieren. Die Lebensläufe sind angesichts der Medienkrise, der Durchlässigkeit zwischen Medien und Wirtschaft als auch dem Aufkommen neuer Informationsformate sehr wechselhaft.

Und die Grauzone zwischen der Arbeit von Journalisten einerseits und der von Bloggern, PR-Leuten, Wissenschaftlern und weiterer Berufsgruppen andererseits wächst - sichtbar ist das auch in Aus- und Weiterbildungen. Ein Presseausweis ist kein zuverlässiger Nachweis mehr. Folglich ist eine klare Grenzziehung illusorisch, geschweige denn eine permanente Kontrolle.

Dieser Realität stellen wir uns. Um das Netzwerk vor Greenwashing und Manipulation zu schützen, haben wir Grundsätze beschlossen, zu deren Einhaltung sich die Mitglieder bei Antragstellung verpflichten.

Können Kommunikationsverantwortliche von Unternehmen einbezogen werden?

Sie können als Privatpersonen Mitglied werden - sofern sie unsere Grundsätze einhalten. Lobbying ist tabu. Wir erwarten von Interessenten, dass sie kenntlich machen, wo sie beruflich tätig sind - der Vorstand entscheidet über die Mitgliedschaft.

Menschen außerhalb des Journalismus werden nicht Mitglied in ihrer Funktion. Sie benutzen die Mitgliedschaft keinesfalls für werbliche Zwecke und versuchen nicht, sie zu missbrauchen, um die Aktivitäten des Netzwerks zugunsten ihrer Unternehmung / Organisation zu beeinflussen.

Und, ganz wesentlich: Eine Mitgliedschaft bietet keinen Schutz vor kritischer Berichterstattung. Das gilt auch für Spender.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Dr. Alexandra Hildebrandt

 

Quelle:
http://www.huffingtonpost.de/

Stand: Juli 2015