Susanne Lang

Susanne Lang, Jahrgang 1972, studierte Soziologie an der Universität Wien und BWL an der Wirtschaftsuniversität Wien, 1994 bis1996 Ausbildung zur Industriekauffrau (IHK) und Abschluss als Industriekauffrau IHK. Im Jahre 2000 trat sie in den elterlichen Betrieb ein. Seit 2002 ist sie Geschäftsführerin der MEKRA Lang; Ing. Hans Lang und Lang Technics für die Bereiche IT; Human Relations und Corporate Identity und seit 2005 Geschäftsführerin der Frieda Lang Haus gGmbH (Kindertagesstätte). Seit 2006 ist sie Geschäftsführerin der MEKRA Lang; Ing. Hans Lang und Lang Technics für die Bereiche IT; Human Relations sowie IT- Sicherheit; bei der MEKRA Lang zusätzlich für Produktion und Lean Management. 2008 Gründung der Industrie (be-)lebt Land OHG. Seit 2007 ist sie Mitglied des Initiativkreises und Gastgeberin der Gründungsveranstaltung für ein Lokales Bündnis für Familien  im Landkreis Neustadt a.d.A./Bad Windsheim. Zwischen 2005 bis 2012 hielt sie verschiedene Vorträge und Podiumsdiskussionen zum Thema familienfreundliche Personalpolitik und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Unternehmensführung im ländlichen Raum. Susanne Lang wurde mehrfach ausgezeichnet für soziales Engagement: mit der bayerischen Staatsmedaille für soziales Engagement, von der Metropolregion Nürnberg und der Bertelsmann Stiftung für Familienfreundlichkeit, vom Familien-Unternehmerverband für soziales Engagement etc. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn.

Weitere Informationen:
www.mekra.de

 

Wenn Unternehmen kommunale Pflichtaufgaben im Bereich Bildung übernehmen

Industrie und Gemeinde, zwei Systeme, die in der Systemtheorie als zwei geschlossene Systeme gelten, wie sie unterschiedlicher im Aufbau und Denken kaum sein könnten, und die in der Interaktion auf den ersten Blick nicht unbedingt zueinander passen. Vordergründig mag dies sicherlich zutreffen. Es gilt deshalb, genau in der Vernetzung dieser beiden Systeme mit Hilfe von erkennbarem Synergiepotential die Möglichkeit einer erfolgreichen Zusammenarbeit zu eruieren.

Die Idee für dieses Konzept gründet letztendlich immer auf einer ganzheitlichen Betrachtung der Situation über das System hinaus, in dem die Autorin selbst agiert. Entstanden aus der Gründung einer Kindertagesstätte, die sich an den Anforderungen der Eltern nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf und nicht zuletzt an den Qualitätsansprüchen einer modernen Kindererziehung und –förderung ausrichtet, hat sich sukzessive ein Gesamtkonzept herausgebildet. Dieses Konzept orientiert sich an den Bedürfnissen der Gemeinde ebenso wie an den Anforderungen des Industriebetriebes zur Steigerung der MitarbeiterInnenmotivation und verbesserten Rekrutierung von Fachkräften, um sowohl MitarbeiterInnen als auch BewohnerInnen die Vorteile des ländlichen Raums vor Augen zu führen.

Im Folgenden wird der Teil eines ganzheitlichen Konzepts zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensumwelt in einem mittelständischen Industriebetrieb und einer eher kleinen Gemeinde im westlichen Mittelfranken beschrieben, der sich mit der Kinderbetreuung und –förderung befasst. Da es sich um einen eigenen Erfahrungsbericht handelt, seien nachfolgend die „Ich-Form“ sowie ein Erzählstil erlaubt.

Das gesamte Konzept umfasst Elemente wie öffentliche Nahversorgung und Freizeiteinrichtungen etc., die hier nicht näher betrachtet werden, sie können jedoch in der Magisterarbeit von Susanne Lang „Industrie und Gemeinde – Synergien statt Abgrenzung“ (Wien 2008) nachgelesen werden. Einzeln betrachtet werden im Nachfolgenden die Entstehung der Kindertagesstätte und der Grundschule.

Wenn man den Entwicklungsprozess dieses Projektes von der Idee zum fertigen Modell betrachtet, sind es zwei Faktoren, die sich von Anfang bis Ende durchziehen. Zunächst ist dies der Ansatzpunkt, dass ich bei den Ideen immer von mir selbst aus gegangen bin: „Was brauche ich an Unterstützung, was fehlt mir an Lebensqualität beim Wohnen auf dem Land, was wünsche ich mir als Elternteil von einer Schule und einem Kindergarten?“, aber auch davon: „Was kann ich mir vorstellen, dass sich unsere MitarbeiterInnen wünschen, was würde deren Arbeitssituation verbessern oder was brauchen die BewohnerInnen der Gemeinde?“ Gerade in dem letzten Fall halfen mir die Gespräche mit MitarbeiterInnen und im Bekanntenkreis in der Gemeinde, das Zuhören und auch ein einfaches, gleichwohl nicht sehr wissenschaftliches „Hineinspüren“. Als zweiter Indikator ist zu nennen, dass die Idee immer weiter gewachsen ist und zwar auch vor einem wirtschaftlichen Hintergrund. Dies bedeutet konkret, dass bei allen Ideen, die nach und nach entstanden sind, auch immer gleich der Umsetzungsgedanke mit beleuchtet wurde. Man wollte eine Verbesserung erreichen und hat sich nicht mit dem Problem beschäftigt, sondern mit der Lösung. Bezeichnend in diesem Prozess ist auch, dass ich mir ab einem bestimmten Zeitpunkt gedacht habe: „Dann machen wir es eben selbst.“. Als sehr gutes Bespiel dafür ist vielleicht die Entstehung der Kindertagesstätte zu nennen, diese beschreibt darüber hinaus auch sehr anschaulich den organisatorischen Projektbeginn.

Aus der Not heraus wurde eine Ferienbetreuung eingerichtet, ohne große Bürokratie. Diese Idee hatte sich ebenfalls aus einem Problem heraus entwickelt, das man pragmatisch zu lösen versuchte. Der ortsansässige Kindergarten hatte am Fenstertag geschlossen. In Rücksprache mit den Eltern und der Abteilungsleiterin habe ich spontan entschieden, dass die Kinder mit auf die Arbeit gebracht werden konnten. In unserer Fertigung arbeiten einige ehemalige Kinderpflegerinnen, eine davon wurde kurzfristig für die Betreuung der Kinder ihrer KollegInnen freigestellt. Ein Problem war gelöst, aber die Sommerferien standen vor der Tür und bescherten den Eltern schulpflichtiger Kinder ein ähnliches Problem, weshalb ich mich kurzfristig entschlossen habe, eine Ferienbetreuung zur Lösung dieses Problems anzubieten. Wir haben einen Bereich der Kantine abgetrennt und als Ferienjob erstmals nach KinderpflegerInnen oder anderem pädagogischen Personal ausgeschrieben. Die Ferienbetreuung war ein voller Erfolg - Eltern und Kinder waren begeistert. Die Notwendigkeit einer Kinderbetreuung, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Eltern, wurde für mich immer mehr zum Mittelpunkt meiner Überlegungen im Personalbereich.

Aufgrund dieser Erfahrungen war die Entscheidung bei mir gefallen: Wir würden selbst eine Kindertagesstätte gründen – das BayKiBiG1 gab uns die gesetzlichen Rahmenbedingungen, und wir haben uns Beratung geholt, wo wir sie gebraucht haben. Maßgebliche Hürden waren hier, die Verwaltungen davon zu überzeugen, dass wir keine Arbeitsplätze vernichten, dass durch uns keine Kindergärten schließen müssten, sondern Arbeitsplätze geschaffen würden. Am 2. September 2006 feierten wir die Einweihung unseres Frieda Lang Hauses. Mit anfänglich 18 Kindern sind wir nun heute bei 80 Kindern und an den Grenzen unserer räumlichen Kapazitäten angelangt.

Ich denke, das Konzept war und ist der ausschlaggebende Erfolgsfaktor für den Erfolg des Projekts – und hier war es das bereits erwähnte „Wünsch Dir was“, das aus eigenen Gedanken und aus Zuhören entstanden ist. Meine Kindertagesstätte sollte eine Einrichtung sein, in der die Kinder mit ihren Bedürfnissen im Vordergrund stehen, in der sie nicht nur gut versorgt, sondern auch gefördert würden und sich heimisch fühlen sollten. Es sollte mit den Bedürfnissen der Eltern und deren Arbeitszeiten gut vereinbar sein und der Qualitätsanspruch musste stimmen! Deshalb ist das Konzept ein lebendiges und wird immer wieder angepasst und erweitert.

Die Tatsache, dass ich bei der Gründung des Frieda Lang Hauses (FLH) lange überlegt hatte, welche Organisationsform ich wählen sollte, und ich mich aufgrund der Möglichkeiten mit Spenden arbeiten zu können, für die gGmbH entschieden habe, (was bedeutete, dass auch MEKRA-fremde Kinder aufgenommen werden müssen) bereitete den Weg für neue Überlegungen. Denn eigentlich hatte ich bei der Gründung des FLH nicht damit gerechnet, dass sich Eltern, die nicht bei MEKRA Lang arbeiten, für unsere Einrichtung interessieren könnten, fand die Möglichkeit jedoch gut, da ich so gerade am Anfang die freien Plätze auffüllen konnte. Die Entwicklung überholte mich dann aber schnell: Wir haben derzeit ca. 1/3 Nicht-MEKRA Kinder und es könnten mehr sein, wenn wir Plätze frei hätten. So hatte sich schnell eine Synergie ergeben zwischen Unternehmen und Kommune.

Die von den Eltern und ErzieherInnen geäußerten Wünsche wurden mit dem zuständigen Architekten besprochen, die Innenausstattung gemeinsam mit einem Schreiner den örtlichen Gegebenheiten angepasst und Schritt für Schritt ausgeführt, das Essenskonzept wurde im Laufe des Betriebes mehrfach verändert, anfängliche Konzepte dazu verändert und an den Tagesablauf adaptiert. Der Garten wurde und wird kontinuierlich verändert (Kräuterschnecke, Buddelgrube) und weiter entwickelt, die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten der Eltern erweisen sich dabei immer wieder als sehr nützlich. Es wurde also bereits im Entstehungsprozess der Kindertagesstätte „Frieda Lang Haus“ der Schritthaftigkeit und der Veränderbarkeit je nach Fortschritt der Einrichtung Raum gegeben, um eine lebendige Umgebung zu erreichen, in der sich die Kinder ebenso wie die ErzieherInnen und Eltern wohl fühlen und an deren Fortentwicklung sie mit den jeweilig verfügbaren Ressourcen und Fähigkeiten teilnehmen.

So entstand unsere Kindertagesstätte Schritt für Schritt, die heute Plätze für Kinder von 6 Monaten bis 12 Jahren bietet. Die Öffnungszeiten der Tagesstätte sind bewusst großzügig gehalten, damit eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf Realität werden kann. So ist der Kindergarten von 5:30 Uhr bis 18 Uhr täglich von Montag bis Freitag geöffnet. Es gibt auch unterjährig keine Schließzeiten, d.h. das Frieda Lang Haus (FLH) ist in den Ferien und an Fenstertagen geöffnet, eine Ausnahme bildeten bislang die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Das Konzept sieht des Weiteren einen Waldtag vor, der im Einklang mit der Waldpädagogik steht. Unser Anliegen ist es, vor allem die Kinder mit der Natur vertraut zu machen und vieles über die heimischen Pflanzen und Tiere zu lernen, natürlich ist der Aspekt der frischen Luft ebenfalls nicht zu unterschätzen. Ein weiterer Stützpfeiler des FLH ist die frühe Begegnung mit der Fremdsprache. Hier kommen die Kinder derzeit einmal in der Woche intensiv mit der englischen Sprache in Berührung. Darüber hinaus wird versucht,  in den Tagesablauf zu integrieren. Wichtig ist vor allem die Qualität der Betreuung im Frieda Lang Haus, die unter anderem Ausdruck findet in dem ausgezeichneten Betreuungsschlüssel von derzeit 1:7 (gesetzlich vorgeschrieben sind 1:11), was eine gute individuelle Betreuung der Kinder ermöglicht. Dazu kommt, dass wir in einem freien Konzept täglich verschiedene Angebote für die Kinder machen, die sich frei entscheiden können, womit sie sich jeweils beschäftigen wollen, solange Plätze frei sind. In Projekten werden bestimmte Themen bearbeitet, die im Bereich der verschiedenen Disziplinen, wie Schauspiel, Natur, Handwerk, Musik und Bewegung, Hauswirtschaft etc. liegen. So können die Kinder herausfinden können, was ihnen Spaß macht und was ihnen liegt.

Die Erweiterung des Frieda Lang Hauses um eine Grundschule war eigentlich eine logische Konsequenz aus dem Erfolg des Konzeptes des Frieda Lang Hauses. Viele Mütter suchen für Ihre Kinder  Alternativen zur Regelschule und möchten ihre Kinder lieber in eine Montessori-Grundschule schicken als in eine staatliche Schule.

Der Anschluss einer Grundschule an das Frieda Lang Haus ermöglicht den Kindern auch den nahtlosen Übergang von der Vorschule in die Grundschule mit gleichbleibenden Regeln und Routinen. Der Bruch Kindergarten-Schule ist nicht hart, sondern sehr sanft. Es findet eine enge Zusammenarbeit der pädagogischen Kräfte statt, um die Entwicklung des einzelnen Kindes optimal fördern zu können.

Die Grundschule wird maximal 25 Kinder aufnehmen. Derzeit besuchen 14 Kinder die Schule. Diese werden von 2 Vollzeitlehrkräften und einer Vollzeit-Sozialpädagogin betreut. So ist es möglich, dass die Kinder je nach ihrer Begabung gefördert werden können. Ein weiterer Aspekt ist hierbei wichtig: „Kinder lernen von einander in einer Weise, die Eltern und Erzieher nicht ersetzen können. Da sie sich in ihrem Fühlen und Denken, in Sprache und Vorstellungsweise untereinander näher stehen als mit Erwachsenen, können sie Erkenntnisse oft entsprechend einfacher weitergeben.“ (vgl. Stein; 1998, S. 45) Die Schule ist auf ein Ganztagskonzept ausgerichtet, indem über den Tag verteilt die unterschiedlichen Disziplinen gelehrt werden. Die Unterrichtszeit ist 8:30 Uhr bis 16:00 Uhr angesetzt. Natürlich ist eine Betreuung darüber hinaus gegeben. Allerdings ist gewährleistet, dass um 16:00 die Kinder mit dem Schulprogramm fertig sind und keine Hausaufgaben mehr anfallen. Neben dem Pflichtlehrplan gibt es weitere Angebote Fächer, die spielerisch Interesse für Sprachen, Handwerk, Schauspiel oder Naturwissenschaften etc. wecken sollen. Ebenso wird Instrumentalunterricht in der Schule angeboten. Die Freude am Lernen und jedes Kind als Individuum stehen im Vordergrund.

Als Fazit ist zu sagen, dass es viele freie Schulen geben wird. Es ist jedoch zu sehen, dass die Voraussetzungen immer wieder andere sein werden. Es ist ein Unterschied, ob ein mittelständisches Unternehmen gemeinsam mit einer ländlichen Gemeinde sich mit dem Thema auseinandersetzt oder ob große Konzerne das Thema aufgreifen. Es ist auch ein Unterschied, ob Behörden und Kultusministerien Schulen entstehen lassen oder ein privater Träger. Eines haben jedoch alle gemeinsam – eine Vision, die sie umsetzen möchten. Auf der Grundlage einer gemeinsamen Vision ist es uns gelungen zu zeigen, das in der Zusammenarbeit von Kommunen und Unternehmen echtes Synergiepotential steckt: im vorliegenden Fall die Etablierung einer großzügigen KITA und einer Grundschule durch ein Unternehmen mitten im ländlichen Raum zum Wohle der MitarbeiterInnen des Unternehmens und der BürgerInnen der Gemeinde.

Der hier  zugrundeliegenden Diplomarbeit ist eine empirische Untersuchung mittels Befragung der MEKRA – MitarbeiterInnen sowie der Gemeinde Ergersheim voraus gegangen.

1Gemeint ist hier das Bayerische Kinderbildungs- und Betreuungsgesetz, das 2006 in Kraft trat.