Tanja Busse

Tanja Busse, Jahrgang 1970, studierte Journalistik und Philosophie on Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien ("Weltuntergang als Erlebnis. Apokalyptische Erzählungen in den Massenmedien vor der Jahrtausendwende"). 2001 erschien "Melken und gemolken werden. Die ostdeutsche Landwirtschaft nach der Wende". Sie moderiert die Sendung „Neugier genügt" auf WDR 5 und schrieb wichtige Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft in der DIE ZEIT, für das „Greenpeace Magazin" und für utopia.de. Ihr Buch „Die Einkaufsrevolution" (2006) wurde ein Longseller. Auch „Die Ernährungsdikatur" (2010) erlangte hohe Resonanz. „Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können" erschien im Blessing Verlag.

Weitere Informationen:
http://www.tanjabusse.de/

Die Wegwerfkuh

Die Effizienz ist das Ergebnis einer falschen Rechnung. Die Hochleistungslandwirtschaft, die seit Jahrzehnten von einflussreichen Lobbyisten propagiert und politisch gefördert wird, ist gleichzeitig eine Verschwendungswirtschaft, die mehr Ressourcen verbraucht, als sie an Werten schafft.

Sie erzeugt Milchkühe, um sie zu töten, bevor sie ihre beste Zeit erreicht haben, weil sie nicht schnell genug wieder tragend werden. Sie brütet jährlich rund vierzig Millionen Küken aus, um sie sofort nach dem Schlüpfen zu täten, weil sie als Brüder der Legehennen keinen ökonomischen Nutzen bringen. Sie züchtet Sauen, die mehr Ferkel gebären, als sie aufziehen können. Die Tiere, die sie produziert, gleichen gedopten Hochleistungssportlern.

Das alles ist nur der Anfang einer Produktionskette, deren Prinzip das Wegwerfen bleibt: Alles, was nicht in die Handelsklassen passt, sortieren Verarbeiter und Händler aus. Und am Ende der Kette stehen die Konsumenten, die jedes achte gekaufte Lebensmittel in den Müll werfen.

Die alte Landwirtschaft kannte Stoffkreisläufe. Es gab Mist, aber keinen Müll. Das ist ein Unterschied.

Etwa zehntausend Jahre lang haben die Menschen eine solare Landwirtschaft betrieben, die weder Energieinput von außen brauchte noch Abfälle produzierte.

Dann fanden die Chemiker Haber und Bosch heraus, wie man Stickstoff aus der Luft gewinnen und zu Kunstdünger verarbeiten kann. Damit begann die große Energieverschwendung der Landwirtschaft, die bis zum heutigen Tag anhält. Längst sind die Böden so überdüngt, dass überall dort, wo zu viele Tiere gehalten werden, Stickstoff ins Grundwasser sickert.

Wir kaufen Futter aus Südamerika für Schweine im Emsland, deren Schinken nach Asien exportiert werden, während Hühner aus Thailand in Europa zu Fertiggerichten verarbeitet werden. Und so weiter, hin und her. Dieses System senkt bizarrerweise die Preise für Lebensmittel im Supermarkt, während es gleichzeitig Energie und Ressourcen verschleudert.

Ich will auch nicht zurück in die Vergangenheit, zu Milchkühen in Anbindehaltung, und erst recht nicht noch weiter zurück zum Vieh, das im Winter im Stall beinahe verhungert wäre!

Und damit kommen die Bürger ins Spiel, die als nachhaltige, verantwortungsvolle Konsumenten ihren Teil zu dieser Wende beitragen und als Wähler Rahmenbedingungen für diesen Wandel von der Politik einfordern müssen. In diesem Spannungsfeld muss die Debatte über die Zukunft unserer Landwirtschaft angesiedelt werden, nicht vor den Hoftoren eines einzelnen Landwirts.

Auszüge aus:

Tanja Busse: Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Karl Blessing Verlag, München 2015.

Stand: Juli 2015

Copyright Foto Tanja Busse:  WDR / Bettina Fürst-Fastré