Tanja Gönner

Tanja Gönner, geboren 1969 im baden-württembergischen Sigmaringen, hat nach einer Ausbildung zur Diplom-Rechtspflegerin im gehobenen Justizdienst Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen studiert. Nach Abschluss des ersten und zweiten juristischen Staatsexamens absolvierte sie ihr Rechtsreferendariat am Landgericht Ravensburg. Von 1996-1999 war sie Mitarbeiterin einer Anwaltskanzlei. Nach der Zulassung als Rechtsanwältin wurde sie dort 1999 Partnerin mit dem Schwerpunkt Insolvenzrecht (bis 2004).

Ihre politische Laufbahn startete Tanja Gönner 1986 in der Jungen Union in verschiedenen Funktionen auf Kreis-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene. Seit 1987 ist sie Mitglied der CDU und hat unter anderem von 2000 bis 2012 dem Bundesvorstand angehört. Von 2002 bis 2004 war Tanja Gönner Mitglied des Deutschen Bundestages. 2004 wurde sie Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg. 2005 übernahm sie das Umweltministerium, dem sie bis Anfang 2010 vorstand. Vom Februar 2010 bis Mai 2011 war Tanja Gönner Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Baden-Württemberg und von 2011 bis 2012 Mitglied des Landtags. Im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit nahm sie 2008 an der Weltklimakonferenz in Posen und 2009 an der Folgekonferenz in Kopenhagen teil. Seit Juli 2012 ist Frau Gönner Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH.

Tanja Gönner übt zahlreiche ehrenamtliche Tätigkeiten aus, sie ist unter anderem Mitglied im Vorstand der Stiftung des Württembergischen Landessportbundes, Vorsitzende des Vereins der Freunde der Erzabtei St. Martin e.V. in Beuron, Mitglied im Kuratorium der Sto-Stiftung sowie Mitglied des Präsidiums der hessischen Unternehmerverbände.
 

Made in Germany 2.0. Warum Nachhaltigkeit Deutschlands Premiummarke werden sollte.

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“
Albert Einstein

Made in Germany 1.0 – Deutschlands Markenimage trägt Patina

Das am weitesten verbreitete Bild, das sich die Welt von Deutschland macht, geht auf eine Ironie der Geschichte zurück. England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Von minderwertigen Nachahmerprodukten aus Deutschland zunehmend unter Konkurrenzdruck gesetzt, verlangen Industrielle und Kaufleute auf der Insel protektionistische Maßnahmen. Im August 1887 lenkt Westminster ein und verabschiedet den sogenannten „Merchandise Marks Act“. Er verlangt, dass alle Güter, die nicht britischen Ursprungs sind, fortan eine unmissverständliche Kennung des Herkunftslandes tragen müssen.

Doch was als Schandmal gedacht ist, wird für deutsche Waren binnen weniger Jahre zum Gütesiegel. Seit nunmehr 125 Jahren prägt die Marke „Made in Germany“ nicht nur das Image unserer Produkte, sondern zu einem Gutteil auch das kollektive Bild von uns Deutschen. „Zuverlässig“, „zielstrebig“, „nüchtern“ – das sind Attribute, die die Welt zuvorderst mit uns verbindet.
Gewiss, Schwarz-Weiß-Bilder und plakative Zuschreibungen wie diese sind zunächst nützliche Leitplanken in einer Welt, die immer komplexer, schneller und unübersichtlicher wird. Was aber, wenn das gewohnte Bild aus dem Rahmen fällt? Wenn sich Selbst- und Fremdwahrnehmung voneinander entfernen? Wenn der abgesteckte Handlungsrahmen nicht länger den Erwartungen anderer genügt?

Dass sich Deutschland in seinen internationalen Beziehungen veränderten Erwartungen ausgesetzt sieht, belegt nicht zuletzt eine Umfrage, die die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Rahmen des „Zukunftsdialogs“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2012 durchgeführt hat.

Das Ergebnis ist ermutigend und herausfordernd zugleich. Zunächst: Deutschlands Wahrnehmung in der Welt geht weit über alte Klischees hinaus. Eine äußerst differenzierte Sicht, verbunden mit einer hohen Wertschätzung, lässt eine intensive Befassung mit unserem Land und einen erheblichen Vertrauensvorsprung für unser Land erkennen. Aber auch skeptische Untertöne sind zu vernehmen – sei es zum Atomausstieg, zur Rolle Deutschlands in der Euro-Krise oder in der Sicherheitspolitik. Deutlich wird aber vor allem, dass Deutschland aus Sicht der Außenwelt seinen Handlungsspielraum nicht in vollem Umfang nutzt. Zugespitzt formuliert: Deutschland erfüllt nicht die Erwartungen, die die Welt an es stellt – das ist der Grundtenor, der sich durch zahlreiche Interviews zog. Ein indischer
Gesprächspartner brachte es beherzt auf den Punkt: „Deutschland erinnert mich an den 50-jährigen Sohn – gut aussehend, gut ausgebildet und gut verdienend –, der immer noch bei seinen Eltern wohnt, weil ihn irgendein traumatisches Kindheitserlebnis daran hindert, endlich auszuziehen und sein eigenes Leben zu führen.“

Als große Industrienation und gewichtiger Akteur in multilateralen Institutionen trägt Deutschland Verantwortung über seine Grenzen und legitimen Eigeninteressen hinaus. Was wir als Gesellschaft brauchen, ist eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung über das eigene Rollenmuster in der internationalen Politik. Was erwartet die Welt von uns? Was sind unsere vitalen Interessen und mit welchen Mitteln wollen wir diese verfolgen? Welchen Beitrag wollen wir zur Gestaltung der Welt leisten? Wofür wollen wir wahrgenommen und geachtet werden? Und was können wir tun, um uns der Welt besser zu vermitteln?

Untrennbarkeit von „Human Security“ und „Sustainable Development“

Die beiden zurückliegenden Jahrzehnte haben überaus deutlich gemacht, dass Sicherheit und nachhaltige Entwicklung nicht gegeneinander ausgehandelt werden können. Je länger wir die simultan auftretenden Herausforderungen „Sicherheit“ und „Entwicklung“ mit konsekutiven Handlungsmustern zu beantworten suchen, werden unsere Lösungsansätze unzureichende Ergebnisse hervorbringen.

Diese künstliche Trennung ist die Folge eines aus der Zeit gefallenen Sicherheitsbegriffs. Die traditionelle Vorstellung von Sicherheit greift zurück auf das Souveränitäts- und Integritätsprinzip der westfälischen Friedensordnung und basiert auf der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols im Innern. Zwar werden gewaltsame Konflikte auf absehbare Zeit anhalten. Was sich jedoch verändert hat, sind die Konfliktformen: Während im 20. Jahrhundert Kriege noch vornehmlich zwischen Staaten ausgetragen wurden, finden Gewaltkonflikte nun fast ausschließlich im Innern (von zerfallenden Staaten) statt. Häufig berühren solche gewaltsamen Zerfallsprozesse extraterritoriale Interessen – seien es unterbrochene Zuliefer- und Wertschöpfungsketten transnationaler Konzerne, seien es Migrationsströme oder Umweltkatastrophen als direkte Folgen von Kampfhandlungen. Derart betrachtet macht eine Trennung zwischen Friedens- und Nachhaltigkeitspolitik nicht länger Sinn.

Heute werden „Sicherheit“ und „Entwicklung“ breit und umfassend als „Human Security“ und „Sustainable Development“ definiert und sind damit aufs Engste miteinander verknüpft. Schon deshalb sollten beide Ansätze künftig verstärkt integriert vorangetrieben werden.
Internationale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung, die sicherheitspolitische Anforderungen von vornherein, integriert und systematisch berücksichtigt, kann so zum tragenden Grundpfeiler gesellschaftlicher Transformations- und Stabilisierungsprozesse werden. „Boots on the Ground“, Truppenentsendungen wie zuletzt in Afghanistan oder Mali, sind dann nur noch das letzte Mittel der Wahl und eben nicht länger die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Unsere Ambition für die kommenden Jahrzehnte sollte sich also nicht allein darauf beschränken, bewährte Konzepte politikfeldübergreifenden Nachhaltigkeitsmanagements fortzuentwickeln. Unser Anspruch sollte vielmehr sein, komplexe Veränderungsprozesse anzustoßen und langfristig zu begleiten – Veränderungsprozesse, die sich ihrer Wechselwirkungen und inhärenten Dilemmata bewusst sind. Dazu gehört auch, dass wir unsere Erfahrungen aus militärischen Engagements – etwa auf dem Balkan oder in Afghanistan – in tragfähige Ansätze von „Vernetzter Sicherheit“ und zivil-militärischer Zusammenarbeit übersetzen, ohne die Erfolge in nachhaltiger Entwicklung langfristig kaum zu gewährleisten sind.

Warum nachhaltiges Wirtschaften unsere grundlegenden Interessen berührt …

Welche Schlüsse sind hieraus zu ziehen? Die Antwort scheint zumindest für unsere Gesprächspartner der Umfrage „Deutschland in den Augen der Welt“ offensichtlich: Ein Land, das so sehr auf die dauerhafte Verfügbarkeit von Rohstoffen und den Zugang zu wachsenden Märkten angewiesen ist wie Deutschland, das wie wenige andere von der Globalisierung profitiert und einen bedeutenden Teil seines volkswirtschaftlichen Modells darauf ausgerichtet hat, kann Global Governance-Prozesse stärker nutzen, um eigene Interessen geltend zu machen und zugleich seiner globalen Verantwortung gerecht zu werden.

Denn freie Weltmärkte, der Kampf gegen den Klimawandel, die nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen und mineralischer Rohstoffe berühren den Kern unserer wirtschaftlichen Interessen. Möglichst rasch und in globalem Maßstab die „Green Economy Transformation“ zu realisieren, ist eine notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung unserer volkswirtschaftlichen Basis, unseres Wohlstands und damit unserer Lebensform.

Wenn wir also ein Rollenmuster einnehmen müssen, um die für uns so wichtige „Green Economy Transformation“ mitzugestalten, dann geht es letztlich um eine Führungsrolle in der bevorstehenden vierten industriellen Revolution. Diese vierte industrielle „Häutung“ wird unsere derzeitigen – auf den Verbrauch fossiler Ressourcen basierende – Volkswirtschaften zu kreislaufwirtschaftlichen, ressourceneffizienten und CO2-neutralen Wertschöpfungsketten von Grund auf verändern. Die größte Herausforderung wird dabei sein, die berechtigten Versorgungs- und Konsumerwartungen einer rapide wachsenden Weltbevölkerung vom Verbrauch natürlicher Rohstoffe zu entkoppeln, der schon heute die Tragfähigkeit und die Regenerationszyklen der Biosphäre überschreitet.

Wie die dritte industrielle Revolution, die in den 1970er Jahren durch Neuerungen in der Kommunikations- und Informationstechnologie ausgelöst wurde, so wird sich die nun anstehende vierte industrielle Revolution auf sämtliche Lebensbereiche erstrecken. Sie wird unser Wertesystem ebenso verändern wie unser soziales Gefüge. Sie wird neue volkswirtschaftliche Wertschöpfungsketten, Branchen und Berufe entstehen lassen. Sie wird Produkte und Technologien in unseren Alltag bringen, die unser Konsumverhalten wie unseren Lebensstil und unser Freizeitverhalten verändern werden. Sie wird letztlich auch unser zwischenmenschliches Interaktionsmuster verändern. Und sie wird völlig neue Anforderungen an Politik stellen und damit Inhalt und Form unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung verändern. Im Innern wie nach außen. Kurzum: Die vierte industrielle Revolution wird das Antlitz unserer Gesellschaft von Grund auf verändern und deshalb das Bild von Deutschland in der Welt.

Deutschland befindet sich bereits inmitten dieser vierten industriellen Revolution. Wir haben uns vom fossilen Zeitalter bereits mental verabschiedet und wichtige Wegmarken identifiziert, entlang der wir uns in den kommenden Jahren fortbewegen wollen. Die Energiewende steht pars pro toto für diesen radikalen Pfadwechsel.

Entscheidend bei alledem ist jedoch das Bewusstsein, dass wir in einer Welt der endlichen Ressourcen und des begrenzten Raums Gesellschaftsverträge auf Gegenseitigkeit schließen müssen, um unsere jeweiligen kurz- und langfristigen Interessen zur Geltung bringen zu können.

… und welchen Beitrag internationale Zusammenarbeit zu ihrer Sicherung leisten kann

Internationale Zusammenarbeit, so wie wir sie heute verstehen und verfolgen, ist in besonderem Maße dazu geeignet, diese Interdependenz verantwortungsbewusst zu moderieren. Wenn die Bundesregierung heute Projekte für nachhaltige Entwicklung in rund 90 Ländern der Erde durchführt – darunter in so mächtigen und einflussreichen Staaten wie China, Indien und Brasilien –, dann geht es stets auch um die Transformation von „braunen“ zu „grünen“ Volkswirtschaften. Denn die globale „Green Economy Transformation“ verlangt nach einem umfassenden Interessenausgleich zur Nutzung der begrenzten natürlichen Lebensgrundlagen.

Dazu gehört die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energieträger, um einen schonenden Umgang mit Wasser und nachwachsenden Rohstoffen, ihre transparente Vermarktung oder die wertsteigernde Weiterverarbeitung zur wirtschaftlichen Stabilisierung von Gesellschaften vor Ort. Fast überall geht es um den Erhalt von Bio-Systemen wie Regenwälder, weil davon unser globales Klima abhängt. Oder küstennaher Mangrovenwälder, weil sie ein wirksamer Schutz vor Sturmfluten und Bodenerosion sind. Und es geht fast immer um gute Regierungsführung, weil Rechtsstaatlichkeit und die transparente Mittelverwendung Grundlage aller gesellschaftlichen Austauschbeziehungen sind. Kaum ein Handlungsfeld der internationalen Zusammenarbeit, das nicht unmittelbar auf die Bewahrung und Durchsetzung unserer Interessen einzahlte.
Eine tief gestaffelte bilaterale Zusammenarbeit – von der Regierungsberatung in unseren Partnerländern bis zur Umsetzung gemeinsam erarbeiteter Lösungen vor Ort – ist Voraussetzung, um uns in die Probleme, kulturellen Muster, die Mechanik und Abläufe anderer Gesellschaften hineindenken zu können. Nur so können Interessengegensätze überwunden, verlässliche Koalitionen geschlossen und kulturell passgenaue wie flexible Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung erarbeitet werden.

Es geht um eine Frage der verantwortungsvollen Bewirtschaftung einer endlichen Welt für nachfolgende Generationen. Die gute Nachricht ist: Wir sind schon heute in der Lage, auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschwenken. Deutschland hat die wirtschaftliche Kraft, die notwendige gesellschaftliche Haltung und hinreichend internationales Gewicht, um bei der Bewältigung dieser Aufgabe eine Führungsrolle zu übernehmen. Und sei es aus wohlgemeintem Eigennutz.

Dies entspricht nicht zuletzt den Erwartungen des Auslands; das zeigt die Studie „Deutschland in den Augen der Welt“ sehr deutlich. Die Mehrzahl der Befragten ist der Ansicht, Deutschland könne mehr tun, damit andere von unseren Erfahrungen in nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung profitierten. Kaum jemand hat diese Forderung so pointiert formuliert, wie Polens Außenminister Radosław Sikorski auf dem Höhepunkt der Eurokrise: „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit.“

„Zieht die größeren Schuhe an – sie werden euch passen!“

Trotz der offensichtlichen Veränderungen im internationalen System, der zunehmenden Bedeutung Deutschlands in der Welt und den wachsenden Herausforderungen beim Erhalt unseres Lebensraumes sind wir noch immer abwartend, unentschlossen. Die Eurokrise mag dieses Bild mancherorts relativieren. Aber noch immer zögern wir, die selbstgeschaffenen Realitäten mit einer aktiven Gestaltungsrolle zu verknüpfen, an der sich andere zuverlässig orientieren können. Warum scheuen wir uns, die Erwartungen und Realitäten anzunehmen? Andere trauen uns bereits die erste Reihe zu.

Gemessen an den Chancen sind die Kosten und Risiken eines Rollenwechsels gering. Wir können mittlerweile recht gut abschätzen, auf welchen Resonanzboden ein solcher Gestaltungsanspruch fiele, denn die Konturen einer neuen Ordnung sind bereits deutlich erkennbar. Es ist eine Welt, die sich zunehmend in Subsysteme aufteilt. In der alte Mächte flankiert werden durch aufsteigende. In der die bipolare Hegemonie dem Polyzentrismus weicht und darum Macht, Interessen und Einfluss wieder unvermittelt und vielgestaltig zutage treten. In der immer mehr Staaten zerfallen und aus deren Zerfallsprodukte kaum überlebensfähige Zwergstaaten entstehen. Es ist eine Welt, in der Diplomatie herausgefordert wird durch rund 100.000 transnationale Konzerne, 50.000 global agierende Nichtregierungsorganisationen, weltweit agierende Stiftungen, gesellschaftsübergreifende Kommunikationsnetzwerke, Terrororganisationen und mächtige Privatinteressen.

Klar ist: In einer Welt diesen Zuschnitts und dieser Dynamik haben jene Akteure größere Gestaltungskraft, die über gewachsene und vertrauensvolle Beziehungen verfügen. Wer in Zukunft auf den unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungsebenen gestaltend einwirken können will, sollte nicht bloß über Beharrungs- und Durchsetzungsvermögen verfügen (Realpolitik), sondern auch innovative Handlungs-, Lösungs- und Implementierungs-kompetenz anbieten können.
Wenige Länder der Welt sind hierauf so gut vorbereitet wie Deutschland. Die deutsche Gesellschaft – öffentlicher wie Privatsektor, Zivilgesellschaft wie Verbände – ist durch gewachsene und belastbare Kontakte so engmaschig mit der Welt verknüpft wie wenige andere. Deutschland ist frei von hegemonialen Absichten und zugleich tief eingebettet in zwischenstaatliche und supranationale Institutionen. Als rohstoffarme Volkswirtschaft in geopolitischer Mittellage ist unser Land besonders abhängig vom Kooperationswillen anderer.

Zugleich hat unsere Gesellschaft eine Menge anzubieten, was andernorts als Erfolgsmodell und Qualitätsstandard nachgefragt ist: Grüne Technologien und als einzige große Industrienation langjährige Erfahrungen in der „Green Economy Transformation“; den Mittelstand und die fertigende Industrie als Beschäftigungs- und Innovationsmotor; das duale Ausbildungssystem als Qualitätsgarantie der Exportmarke „Made in Germany“; eine Wissensgesellschaft mit einer engmaschigen Institutslandschaft zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung. Und mit der sozial-ökologischen Marktwirtschaft verfügen wir über ein leistungsfähiges und auf sozialen Ausgleich angelegtes Gesellschaftsmodell, das uns wiederholt und zuverlässig durch zahlreiche gesellschaftliche Transformationen geleitet hat.

Unsere „Soft Power“-Eigenschaften sowie unsere Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit eröffnen also die Chance, gestaltend in die globale Nachhaltigkeitsagenda einzugreifen – ausgestattet mit vermeintlich „weichen“, aber sehr wirkungsvollen Instrumenten der Macht. Was uns hierzu jedoch noch fehlt, ist ein interessengeleitetes, eigenständiges außenpolitisches Profil, das sich nüchtern an den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Grenzen orientiert, klare Prioritäten setzt und nachvollziehbar kommuniziert wird.
Und so ist die Aufforderung eines US-amerikanischen Gesprächspartners, den die GIZ im Zuge der Studie „Deutschland in den Augen der Welt“ befragt hat, nach Ansicht vieler drängendes Anliegen und nachdrückliche Aufforderung zugleich. „Zieht die größeren Schuhe an – sie werden euch passen!“