Tanja Walther-Ahrens

Das Glück der Unerreichbarkeit

Interview mit Tanja-Walter Ahrens

Kommen Dir beim Laufen Bilder in den Sinn, auf die Du beim Sitzen nicht kommen würdest?

Das ist eine spannende Frage. Aber ich glaube nicht, dass es andere Bilder oder Gedanken sind als im Sitzen. Es sind überhaupt Gedanken, die, glaube ich, nur so möglich sind, weil keinerlei Ablenkung da ist. Natürlich achte ich auch auf den Weg beziehungsweise auf Dinge oder Menschen, die mir begegnen, was gegebenenfalls auch zu neuen Ideen oder Assoziationen führen kann, aber alles in allem funktioniert das Laufen ja wunderbar ohne darüber nachzudenken. Es gibt dann so Momente, wo ich ganz verwundert irgendwo um die Ecke biege und mich frage, wie es kommt, dass ich schon so weit gelaufen bin oder ich kann mich gar nicht erinnern, was mir bis dahin auf der Strecke begegnet ist. Einfach faszinierend.

Ist das Laufen für Dich auch ein Symbol für Deinen unabhängigen Geist, der Dich auf seinen Schwingen durchs Leben trägt?

Das finde ich eine schöne Vorstellung. Ich glaube auch, dass es so ist. Zumindest ist mein Geist, seit der Körper wieder in Bewegung ist, freier. Es sprudelt wieder mehr in meinem Kopf. Es fliegen mir Ideen zu. Und gleichzeitig wird der Akku wieder aufgeladen, um diese Ideen und Gedanken auch umsetzen zu können. Durch die Bewegung entsteht Energie - vorausgesetzt natürlich, dass ich nicht an meinem Leistungslimit laufe. Dann ist es zwar für den Geist immer noch sehr erfrischend, aber der Energielevel ist doch eher geringer.

Sagt die Art des Laufens auch etwas über das Wesen und den Charakter eines Menschen aus? Wie würdest Du Deine „Laufart“ beschreiben?

Ja, ich glaube schon, dass das Wesen eines Menschen auch in der Art zu laufen steckt. Ich laufe eher langsamer, mache nicht so große Schritte, laufe flach und rolle fast über den ganzen Fuß ab. Ich laufe lieber lang und langsam als kurz und schnell‎ und bin, was das Laufen angeht, auch eher kein Wettkampfmensch. Wenn, dann messe ich mich mit mir und meinen längsten oder schnellsten Läufen, aber ich kann auch gut einfach aus Freude an der Bewegung laufen. Am liebsten laufe ich alleine. Wahrscheinlich macht es mir deswegen aber auch immer wieder Spaß, mit anderen zu laufen‎. Dann wird geredet und gelacht oder einfach alle Probleme der Welt gelöst. Immer wieder begegne ich Menschen, die‎ aussehen, als würden sie sich sehr anstrengen, wenn sie laufen. Oder es gibt welche, die fast hüpfen beim Laufen. Manche setzen ihre Arme extrem ein, andere bewegen diese fast gar nicht. Da glaube ich dann schon, dass das auch Ausdruck ihres Wesens ist.

Wo läufst Du am liebsten?

Wälder mag ich gar nicht. Die vielen Bäume langweilen mich, und ich fühle mich fast eingesperrt. Aber da sind die Vorlieben sicherlich sehr unterschiedlich. Für mich gibt es nichts Schöneres, als in Städten oder am Wasser zu laufen. Am tollsten ist es natürlich, wenn sich beides verbindet. Meine Lieblingsstrecke in Berlin führt an der Spree entlang zwischen Reichstag und Schloss Bellevue‎. Ganz grandios ist es natürlich, in Städten wie Sydney, Vancouver oder Barcelona zu laufen! Überhaupt ist es fantastisch, beim Marathon durch eine Stadt zu laufen. Gerade in N.Y. war das ein einzigartiges Erlebnis. Diese Stadt einmal aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen und Strecken zu laufen, die sonst nie möglich wären - wie das überqueren von Brücken mit einem atemberaubenden Blick auf Manhattan oder alle Hauptstraßen der Stadtteile entlang zu laufen, ohne ein einziges Auto, dafür mit einem wundervoll enthusiastischen Publikum!

Wie wichtig ist Dir ein positives Gemeinschaftsgefühl beim Laufen?

Laufen ist für mich erst mal etwas, was ich alleine und für mich mache. Das Schöne am Laufen ist ja, ich kann es immer und überall‎ machen. Im Grunde benötige ich nur meine Sportkleidung, und schon kann es losgehen. Auch bei einer großen Laufveranstaltung wie bei einem Marathon ist Laufen für mich erst mal ein sehr individuelles Erlebnis, auch wenn das, wie in N.Y. Mit 50.000 Teilnehmer_innen schwierig ist. Ich bin diese Rennen mit einer Freundin zusammen angegangen, wir konnten die Aufregung vor dem Start teilen oder auch hinterher berichten, was wir gesehen und erlebt haben, auch wenn wir nicht zusammen gelaufen sind. Auch weil wir in unterschiedlichen Startgruppen waren, war das eine ganz tolle gemeinsame Erfahrung. Und ein Gemeinschaftsevent ist der N.Y. Marathon dann für mich, wenn ich daran denke, dass bei jeder Überquerung ‎einer Zeitmessungsmatte meine Freund_innen und meine Familie zu Hause sitzen und mit mir mitfiebern beziehungsweise, wenn sie mir vor dem Lauf Energie schicken und sich hinterher mit mir freuen, dass ich schnell im Ziel angekommen bin! Das ist ein ganz wunderbares Gefühl und gibt wahnsinnig viel Kraft und Energie. Vor allem hat es mich gerade in N.Y. dazu gebracht, auch an dem Punkt noch weiter zu laufen, wo mein Körper definitiv der Meinung war, dass es doch besser wäre, einfach stehen zu bleiben. So gesehen ist Laufen in diesem Fall ein wundervolles Gemeinschaftsgefühl, auch wenn ich 42 km ganz alleine durch die Straßen New Yorks gelaufen bin.

Wie kommt eine ehemalige Profi-Fußballerin zum Marathon?

Da bin ich auch selber wieder erstaunt. Ich habe als Bundesligaspielerin immer geda‎cht, ich kann nirgendwo anders laufen als auf einem grünen Feld mit weißen Linien. Und dann wurde ich eines Besseren belehrt. Aus Spaß haben meine beste Freundin und ich etwa Ende der 90er Jahre mal an einem lesbisch-schwulen 10 km-Fun-Run teilgenommen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich hinterher das Gefühl hatte, als hätte ich noch nie Sport gemacht, so geschmerzt hat mein ganzer Körper. Aber irgendwie sind wir bei diesen Läufen hängen geblieben. Nach dem Ende meiner Fußballkarriere bin ich regelmäßig joggen gegangen, und dann kam durch eine weitere, sehr laufverrückte Freundin die Idee: Warum denn nicht mal ein Marathon? Ja, warum denn nicht?! Inzwischen habe ich schon fünf Marathonläufe und einige Halbmarathonläufe gemacht und gehe immer noch wahnsinnig gerne joggen. Natürlich spiele ich nach wie vor auch noch leidenschaftlich gerne Fußball, wofür das Joggen ja ganz gut ist.

Was unterscheidet den New York Marathon von anderen? Weshalb hat die Teilnahme 2014 für Dich eine besondere Bedeutung?

Die Idee, einmal den New York Marathon zu laufen, ist schon einige Jahre alt. Ich glaube die gab es sogar schon vor dem ersten Marathon, den ich in Berlin gelaufen bin. Irgendwie hat es sich nie ergeben, dort zu laufen. Der New York Marathon ist für viele Menschen, die Marathon laufen, das Größte. Die Strecke und die Atmosphäre sind‎ etwas ganz Besonderes und das alles in einer Stadt, die wahnsinnig faszinierend ist. Als ich dann Anfang dieses Jahres tief in einer persönlichen Krise steckte, hab ich mich einfach für den  New York Marathon angemeldet. Schon die Anmeldung hat gut getan, hat mir ein Ziel gegeben, etwas worauf ich hinarbeiten konnte. Und das Ganze war einfach nur für mich.

Wie und seit wann hast du Dich vorbereitet?

Die laufverrückte Freundin, die mich‎ zum Marathonlaufen gebracht hat, bereitete mich auf den New York-Marathon vor und versorgte mich mit Trainingsplänen und Lauftipps. Mit dem Training habe ich im Mai begonnen‎. Ab da bin ich so zwischen 60 km und 80 km in der Woche gelaufen. Marathontraining ist sehr umfangreich - für mich war es genau richtig, weil ich jeden Schritt des Trainings genießen konnte, beziehungsweise ‎weil mir diese Bewegung einfach sowohl körperlich als auch mental so gut getan hat.

Ist das Gefühl nach einem Marathonlauf mit dem zu vergleichen, das Du nach einem Fußballspiel spürst oder gespürt hast? Oder worin unterscheidet es sich?

Nein, die Gefühle nach einem Fußballspiel sind völlig andere als nach einem Marathon. Das gilt genauso für das körperliche Empfinden‎. Ein Marathonlauf bringt den Körper einfach an seine physische Grenze der Leistungsfähigkeit. Das schafft ein Fußballspiel so nicht. Die Belastung ist auch eine völlig andere. Für mich fühlt es sich auch anders an, ob ich eine Leistung ‎alleine erbringe oder im Team. Im Team kann ich sogar einer Niederlage gute Momente abgewinnen, wenn wir zum Beispiel gut gekämpft oder schöne Tore erzielt haben. Sieg oder Niederlage teilen zu können ist etwas Tolles, es macht die Siege noch strahlender und die Niederlagen weniger schmerzhaft.

 „Früher bin ich gelaufen, um Druck zu verarbeiten und Fragen zu beantworten. Jetzt laufe ich aus reiner Freude“, sagte Katja Kraus, nachdem Sie 2011 den HSV als Vorstandsfrau verließ. Kannst du das für Dich auch sagen?

Ja, dem stimme ich voll und ganz zu. Wobei sich beide Aspekte verbinden. Ich laufe aus reiner Freude und kann dabei sozusagen nebenher nachdenken, entspannen, Ideen entwickeln oder einfach den Herbstwind genießen.

Nahrung und Kleidung sind die Güter, die den Menschen am nächsten kommen – Nahrung nehmen sie auf, Kleidung tragen sie auf der Haut. So überrascht es nicht, dass der Trend zu nachhaltigen Produkten inzwischen auch in der Sportartikelbranche angekommen ist. Hast Du hier auch schon „nachhaltige“ Entdeckungen gemacht? Was macht für Dich die perfekte Sportbekleidung beim Laufen aus?

Im Laufbereich gibt es immer wieder Innovationen, das reicht von immer weiter und anders entwickelten Schuhen bis hin zur atmungsaktiven‎, ultraleichten Kleidung. Für mich ist bei der Laufkleidung am wichtigsten, dass sie strapazierfähig ist. Ich lege keinen Wert darauf, immer die neueste Technik an den Füßen oder am Körper zu tragen. Ich brauche Kleidung und Schuhe zum Wohlfühlen. Ich finde Ideen wie die der Brüder Lunge, die Laufschuhe in Deutschland produzieren, sehr gelungen. Es wäre schön‎ darüber hinaus Laufbekleidung aus recycelten Materialien herzustellen. So hat Nike zum Beispiel 2010 bei der Männer-Weltmeisterschaft in Südafrika Frankreich mit Trikots ausgestattet, die aus PET-Flaschen hergestellt wurden. Da gibt es sicherlich noch andere Möglichkeiten, diesen sehr nachhaltigen Sport noch nachhaltiger zu gestalten.

Als 2009 das Meinungsforschungsinstitut Allensbach die Deutschen fragte, was sie an ihrem Charakter am liebsten verändern würden, wünschten sich die meisten, dass sie gern „viel ruhiger“ wären. Ist Laufen für Dich auch eine Möglichkeit, Stress abzubauen?

Auf alle Fälle. Laufen holt mich in sehr stressigen Situationen wieder "runter". Es "erdet" mich, nimmt Anspannung weg. Laufen ist eine gute Möglichkeit, die Seele aktiv "baumeln" zu lassen und im wahrsten Sinne des Wortes durchzuatmen. Gleichzeitig gibt das Laufen Energie, die wir ja in stressigen oder angespannten Phasen auch häufig verlieren.

 „Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, stöhnte der verstorbene Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher. Er bekannte, dass er sich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen fühlt und berichtete in seinem Buch „Payback“ von dem Eindruck, dass die Menschen, die er kenne, „immer schneller erzählen, gerade so, als könnten sie nicht damit rechnen, dass genug Zeit bleibt, ihnen zuzuhören, weil die Informationskonkurrenz so gewaltig ist.“ Ist das bei einigen Menschen, die das Laufen extrem betreiben, nicht ähnlich? Wann bist Du gern langsam und schaltest ein paar Gänge zurück?

Ich glaube, das kommt immer auf den jeweiligen Menschen an. Für die meisten dürfte das Laufen dazu dienen, auch mal aus der Welt zu "verschwinden". Ich laufe beispielsweise immer ohne Handy oder ohne Musik. Ich gönne mir diese Auszeit, gönne mir den Luxus der Nichterreichbarkeit‎ und die Möglichkeit des Abschaltens. Die meisten Menschen, die ich kenne und die Laufen, machen das auch aus genau den Gründen.

Wer sich Ziele setzt, braucht eine klare Vorstellung seiner Route. Weshalb empfiehlt es sich, den Weg zum Erreichen der Ziele in möglichst überschaubare Etappen einzuteilen? Wie bist Du beim New York Marathon vorgegangen?

Ich laufe gerne, und manchmal macht das Laufen noch mehr Spaß, wenn da irgendein Ziel ist, auf welches ich zulaufen kann. Es muss nicht immer ein Marathon sein. Es kann auch einfach darum gehen, endlich mal eine Stunde am Stück laufen zu können oder einfach mal auszuprobieren wie es ist, einen Wettkampf zu laufen. Wenig erfolgversprechend ist es dann, alles auf einmal machen zu wollen. Es geht aber immer nur ein Schritt nach dem anderen. Einen Marathon kann ich nicht laufen‎, wenn ich vorher nicht mal eine Stunde am Stück laufen kann. Mein Trainingsplan hat sich sowohl in Umfang und Intensität Monat für Monat gesteigert.

Um ein Wort von Joschka Fischer zu bemühen: Inwiefern war der New York Marathon der lange Lauf zu Dir selbst?

Der New York Marathon selbst war im Endeffekt der kleinste Teil auf dem Lauf oder Weg zu mir selbst. All die gelaufenen Kilometer davor waren das. Der Weg ist das Ziel! Das wird beim regelmäßigen Laufen ganz deutlich. Der New York Marathon ist dann am Ende das Sahnehäubchen. Und es war sicher nicht das letzte Sahnehäubchen! Es gibt ja mittlerweile in jeder größeren Stadt einen Marathon, da stehen also noch einige Wege zu mir selbst auf dem Programm.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview erschien erweitert unter dem Titel  „Der New York Marathon – der Lauf des Lebens“. In:    BerichtHuffPost

Stand: November 2014