Thomas Röttgermann

Thomas Röttgermann, Jahrgang 1960, leitet als Geschäftsführer der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH seit März 2010 die umfangreichen Geschicke des Vereins im Bereich Vertrieb, Marke, Stadion, Organisation, Personal und Frauenfußball. Nach dem Studium der Publizistik, Soziologie und Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster agierte Herr Röttgermann als Marketing Manager im Fußballgeschäft. Zunächst bei Preußen Münster und später bei Borussia Mönchengladbach. 1998 erfolgte der Wechsel in die Geschäftsführung der SPORTFIVE GmbH sowie in den Vorstand der internationalen SPORTFIVE Gruppe.

Weitere Informationen:
www.vfl-wolfsburg.de/info.html

 

Gemeinsam bewegen

Interview mit Thomas Röttgermann,  Geschäftsführer der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH

Herr Röttgermann, zunächst einmal verspätete Glückwünsche zum Triple! Zwickt es Sie eigentlich im Sinne der Gleichberechtigung, dass die Meisterschaft, der Pokal und Champions-League-Gewinn der VfL-Damen in Deutschland relativ wenig beachtet wurde, obwohl der Mannschaft etwas ähnlich Spektakuläres wie den Herren des FC Bayern München gelungen ist?

Danke sehr! – Nein, wir fühlen uns bestätigt in unserem Ansatz, allen gleichgute Chancen zu bieten. Wir schaffen unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit oder anderen persönlichen Unterschieden für alle Leistungsbereiche optimale Voraussetzungen. Zuletzt haben das übrigens unsere A-Junioren mit dem Gewinn der Meisterschaft gezeigt. Dass unsere Frauen gleichzeitig Champions League, Europapokal und Meisterschaft holten, freut uns natürlich sehr. Wir haben das als großen Erfolg gefeiert. Ich glaube, dass wir damit auch dazu beitragen, Frauenfußball in der Fußballwelt attraktiver zu machen. Vielleicht sollten lieber Sie, d.h. die Medien, sich mal gezwickt fühlen und mehr Frauenfußball bringen.

Im Nachhaltigkeitsbericht des VfL Wolfsburg wird das übergeordnete Ziel des Vereins so formuliert: „Wir unternehmen Fußball so ganzheitlich, dass wir uns langfristig an der internationalen Spitze etablieren“. Erklären Sie uns diesen Satz bitte einmal im Sinne der Nachhaltigkeit.

Wir haben ein ganzheitliches Verständnis von Fußball als Teil der nachhaltigen Entwicklung unserer Region und unseres Sports. Und wir sehen dabei klar: Unser sportliches Ziel, nämlich zur internationalen Fußballelite zu gehören, hängt davon ab, dass wir für unsere Anspruchsgruppen, d.h. für alle, die einen berechtigten Anspruch an uns haben, voll und ganz da sind. Und damit wir genau wissen, welche Erwartungen Zuschauer, Fans, Mitarbeiter, Geschäftspartner und die Gesellschaft in der Region, allen voran Kinder und Jugendliche an uns stellen, machen wir es wie die Nachhaltigkeits-Leader in der Wirtschaft: Wir führen einen offenen, transparenten Dialog und übernehmen Verantwortung für Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Umwelt- und Klimaschutz sowie wirtschaftlichen Erfolg.

Profifußball ist eine Massenveranstaltung. Wie „grün“ kann ein Bundesligaverein – abgesehen von der Trikotfarbe – da eigentlich sein?

Die Masse verschwindet ja nicht, wenn sie woanders hingeht. Bei uns im Stadion ist sie sogar deutlich besser aufgehoben als an vielen anderen Event Locations. Das beginnt schon bei der von uns mit dem Kombiticket geförderten An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, geht weiter über grünen Strom im Stadion, behindertengerechte Zuschauerplätze und wassersparende Armaturen bis zum ressourcenschonenden Bratwürstchen im Brötchen statt mit Pappunterlage.

Was gehört für den VfL alles zum Bereich der Nachhaltigkeit?

Unser Grundverständnis von Nachhaltigkeit orientiert sich klassisch an der „Triple Bottom Line“. Wegen unserer starken gesellschaftlichen Rolle ist das soziale Engagement das Kernelement unseres Nachhaltigkeitsansatzes. Zugleich wollen wir den Anforderungen unserer Anspruchsgruppen und unserem eigenen Anspruch an ein ganzheitliches CSR-Engagement gerecht werden. Deshalb beschäftigen wir uns genauso intensiv mit der strategischen Herangehensweise an Corporate Social Responsibility (CSR). Im Mittelpunkt steht dabei eine verantwortungsvolle, über das Tagesgeschäft hinaus engagierte Führung. Zentrale Punkte sind auch ein nachhaltiges Lieferantenmanagement und Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Schließlich sind sie es, die den VfL Wolfsburg und sein gesellschaftliches Engagement tragen. Eine weitere Säule sind die vielfältigen Aktivitäten für Umwelt und Klima unter dem Motto „Grün aus Überzeugung“. Im Übrigen sehen wir Nachhaltigkeit als ökonomischen Wertbeitrag zu unserem Unternehmen und ökonomische Exzellenz zugleich als Basis für nachhaltige Aktivitäten.

Welche Verantwortung trägt ein Bundesligaverein wie der VfL Wolfsburg für seine Stadt und Region?

Was wir tun, wird von den Menschen in und um Wolfsburg mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Wir haben deshalb eine Vorbildrolle und nehmen diese Verantwortung an, indem wir zum einen Nachhaltigkeit als Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses im Club verankern und zum anderen die hohe Aufmerksamkeit nutzen, um zum Nachdenken und zum Mitmachen anzuregen. Fußball ist dabei ein großer Motivator. Diesen Einfluss wollen wir nutzen und mit unseren Projekten Menschen auch für andere gesellschaftliche Belange begeistern und sensibilisieren. Kurz: Wir wollen „Gemeinsam bewegen“.

Wann entwickelte der Verein eine konkrete CSR-Strategie? Wie hoch schätzen Sie dabei den Einfluss des „Green Goal“-Konzepts zu den Weltmeisterschaften 2006 und 2011 ein?

Unsere CSR-Strategie besteht seit 2010. Aber wir entwickeln diese kontinuierlich weiter. Geholfen hat uns in diesem Prozess die Erstellung unseres ersten GRIgeprüften Nachhaltigkeitsberichts mit unserem Partner Stakeholder Reporting. In dem Bericht präsentieren wir erstmals ein umfassendes Nachhaltigkeitsprogramm mit operativen Zielen, Maßnahmen und Fristen. Für die Umsetzung der Strategie haben wir im Übrigen eine Nachhaltigkeitsorganisation mit immerhin 3½ Vollzeitstellen eingerichtet, die direkt der Unternehmensführung zugeordnet ist. Green Goal hat mit der Messung von Umweltperformanz wichtige Anregungen gegeben, die wir in unserer CSR-Strategie integriert haben. Grüne Ziele über Großveranstaltungen wie die WM zu propagieren ist natürlich ebenfalls wichtig. Aber es geht auch darum, diese in der konkreten Vereinsarbeit Stück für Stück voranzubringen. Deshalb sind die quantitativen Ziele auch für uns als Unternehmen so wichtig.

Welchen Einfluss hat der von der Volkswagen AG festgelegte Verhaltenskodex für das Unternehmen auch auf die Arbeit des Vereins?

Der Verhaltenscodex der Volkswagen AG ist für uns genauso maßgeblich wie für die übrigen Mitarbeiter des Volkswagenkonzerns. Im Übrigen gibt es ligaweit meines Wissens kaum einen Verein, der Compliance, also die Übereinstimmung mit Recht und Gesetz und den selbst gesetzten Normen so konsequent und explizit regelt wie der VfL Wolfsburg. Die Art und Weise, wie gesellschaftliche Verantwortung vom VW-Konzern übernommen wird, ist für uns vorbildlich. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Regeln, die wir uns auferlegen, sondern beispielsweise auch für Sozialleistungen oder Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Zusammengefasst: Der Codex ist für uns nicht Bremse, sondern Motor für verantwortungsvolles Handeln.

Die Verzahnung eines Sportvereins mit einem Unternehmen kann auch Nachteile haben: 2012 etwa trat der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin als Nachhaltigkeitsbotschafter bei Werder Bremen zurück, weil er gegen den Hauptsponsor Wiesenhof protestieren wollte. Wie ist da Ihr Gefühl für einen Automobilhersteller? Immerhin ist die Branche nicht gerade für geringe CO2-Emissionen bekannt …

"Wir finden, dass unser Hauptsponsor sehr gut zu uns passt. Wenn Sie auf seine Modellstrategie anspielen, so könnte man punktuell einen Zielkonflikt erwarten zwischen dem Kundenwunsch, große, schnelle Autos zu fahren und der Herausforderung, möglichst klimaschonende Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Es muss ihn aber nicht zwangsläufig geben. Und Volkswagen löst diese Herausforderung aus unserer Sicht sehr souverän, professionell und nachhaltig. Aber auch wir verstecken uns nicht vor Konflikten: Unsere Leistung im Stadion steht für eine Strategie, die Zielkonflikte überwindet, Erfolg und Verantwortung miteinander verbindet. Für uns heißt dies unter anderem: umfassende Gesundheitsvorsorge für unsere Spieler, Bewegung und Bildung für Kinder und Jugendliche sowie Kombitickets für Dauerkartenbesitzer. Für VW heißt das z.B. Spitzenwerte für Energieeffizienz in der gesamten Modellpalette oder neue Mobilitätslösungen für den Stadtverkehr. Für uns beide gilt: Unsere Leistung ist das Ergebnis einer ganzheitlichen Anstrengung. Dafür steht auch „Gemeinsam bewegen“, das Motto für das gesellschaftliche Engagement des VfL Wolfsburg. Natürlich kann keiner von uns alle Wünsche erfüllen. Der internationale Wettbewerb setzt für unser Handeln wichtige Maßstäbe, an die wir uns gebunden fühlen. Aber diese sind nicht unveränderlich. So wie der Konzern an alternativen, klimaschonenden Antriebskonzepten arbeitet und damit in seinem Kerngeschäft Maßstäbe setzt, fördern wir den Nachwuchs aus den eigenen Reihen und übernehmen damit eine Vorbildrolle für fußballerische Verantwortung in der Region.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Partner ausgewählt, mit denen Sie bei Ihrem sozialen und ökologischen Engagement zusammenarbeiten?

Wir stecken uns ambitionierte Ziele und haben einen hohen qualitativen Anspruch an die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit unserer Projekte und Maßnahmen. Um diesem gerecht zu werden, sind wir auf die Expertise und Glaubwürdigkeit unserer Partner angewiesen. Sie unterstützen uns bei der Entwicklung innovativer und wirksamer Projekte, die zu uns passen und beraten uns im Rahmen des sozialen und ökologischen Engagements. So sind wir Mitglied im Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V. (B.A.U.M.), bei der Plattform für Ernährung und Bewegung (peb) und unterhalten Partnerschaften mit dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) sowie vielen weitere Institutionen.

Gibt es Projekte im Rahmen des Nachhaltigkeitsengagements des VfL, auf die Sie besonders stolz sind?

Unser Ziel ist es, nur Projekte zu initiieren, bei denen wir glauben, wirklich etwas bewegen zu können. Das sollen keine Luftschlösser sein, die nur nach außen positiv wirken. Exemplarisch hierfür steht das VfL-Wiki. Gemeinsam mit Pädagogen und ELearning-Experten von lernmodule.net haben wir ein Wiki für den Schulunterricht entwickelt, das Fußballthemen mit relevanten Lerninhalten verknüpft. Schülerinnen und Schüler tragen im Wiki Unterrichtsergebnisse zusammen, nutzen vorgegebene Module, um interaktive Übungen für die Mitschüler zu erstellen, tauschen ihre Gedanken im virtuellen Brainstorming aus und erarbeiten sich so selbstständig neue Themengebiete. Wichtig ist uns, dass wir bei allen Projekten die Kinder und Jugendlichen aktiv einbinden. Nach unseren Erfahrungen wirken Initiativen nur langfristig, wenn alle sich unmittelbar einbringen. Deshalb wollen wir nicht nur aufklären, sondern zugleich auch dazu anspornen, die Möglichkeiten selbst auszuprobieren und den Spaß daran zu entdecken. Allen VfL-Projekten gemeinsam ist deshalb der Mitmach-Faktor.

Gibt es schon Pläne für den Ausbau des Nachhaltigkeitsengagements beim VfL Wolfsburg?

Wir wollen uns in allen Bereichen kontinuierlich weiterentwickeln. Deswegen haben wir uns mess- und überprüfbare Ziele für die Zukunft gesetzt. So sollen bis 2018 die derzeitigen CO2-Emissionen der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH um 25 Prozent niedriger liegen als im Vergleichsjahr 2011. Langfristig sollen außerdem mindestens 10 Prozent unserer Merchandising-Produkte ein Transfair-Zertifikat haben. Auch intern wird das Thema Nachhaltigkeit noch mehr Gewicht bekommen: In die Zielvereinbarungen für Geschäftsführer und Mitarbeiter werden zukünftig auch Nachhaltigkeitsziele aufgenommen, das Weiterbildungsangebot für Mitarbeiter zum Thema Nachhaltigkeit wird ausgebaut. Wichtig ist uns dabei, selbstkritisch über den Grad der Zielerreichung zu berichten, um uns an den eigenen Maßstäben zu messen und auch nach außen größtmögliche Transparenz über unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen herzustellen.

Quelle: SPORTSFREUND (Juli 2013)