Tina Stridde

Tina Stridde ist Geschäftsführerin der Aid by Trade Foundation - Dachorganisation der Cotton made in Africa Initiative. Sie ist Diplom-Betriebswirtin und studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketingkommunikation in Pforzheim, Paris und Charlotte (USA). Nach ihrem Studium arbeitete sie in der strategischen Planung eines internationalen Agenturnetzwerkes. Im Jahr 2000 trat Tina Stridde in die Otto Group ein und war im Marketing beratend für den Textileinkauf tätig. Es folgten weitere Stationen im Produktmanagement und Marketing verschiedener Multi-Channel Unternehmen unter dem Dach der Otto Group.

Vor ihrem Wechsel zur Aid by Trade Foundation im Jahr 2008 verantwortete sie im Bereich Umwelt- und Gesellschaftspolitik der Otto Group die Themen nachhaltige Produkte und Nachhaltigkeitskommunikation. Seit 2008 ist sie als Geschäftsführerin für die Aid by Trade Foundation und deren Initiative Cotton made in Africa tätig. Cotton made in Africa setzt sich dafür ein, die Lebensbedingungen von rund 800.000 Kleinbauern in Afrika durch effiziente und umweltfreundliche Anbaumethoden und unter Einbeziehung des Handels zu verbessern.

Weitere Informationen: www.cottonmadeinafrica.org
 

Viel hilft viel

Interview von Oliver Link (brand eins)

Frau Stridde, Ihre Initiative Cotton made in Africa will das Leben von Baumwollbauern in fünf afrikanischen Ländern verbessern. Sie setzen dabei auf den freien Handel. Das überrascht.

Inwiefern?

Der Welthandel mit Baumwolle ist durch horrende Subventionen verzerrt. Die USA, China, die Europäische Union und Indien haben ihren Baumwollbauern allein in den vergangenen zehn Jahren rund 47 Milliarden Dollar an Fördergeldern ausgezahlt, vor allem zulasten der afrikanischen Farmer. Wie soll Ihr Ansatz "Hilfe durch Handel" funktionieren, wenn dieser Handel per se ungerecht ist?

Es stimmt, der Welthandel ist ungerecht, und wir sind klar gegen diese Subventionen der globalen Baumwollindustrie. Doch das ist eine politische Aufgabe, da können wir wenig ausrichten. Unternehmen können aber etwas tun, allein durch die bloße Marktmacht als Nachfrager. Das war der Ausgangspunkt unserer Arbeit vor sechs Jahren. Wir haben uns gefragt: Können wir die Ungerechtigkeiten des Welthandels aushebeln?

Und?

Man kann. Zumindest teilweise. 237 000 afrikanische Kleinbauern haben inzwischen durch unsere Arbeit ein besseres Leben und verdienen mehr Geld. Unser Ansatz geht also auch in einem ungerechten Markt auf. Man muss nur groß genug sein. Sonst geht es nicht.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Wir setzen ganz klar auf Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützen die Kleinbauern darin, ihre Lebensverhältnisse aus eigener Kraft zu verbessern. Wir bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Im Prinzip vermakeln wir die Baumwolle der Bauern an deutsche und internationale Unternehmen, die wir zu einer Nachfrage-Allianz zusammenführen. Diese Unternehmen nehmen uns die Baumwolle zu Weltmarktpreisen ab und erhalten vertraglich das Recht, unser Logo als Gütesiegel in ihre Textilien einzunähen und mit ihm zu werben. Im Gegenzug zahlen sie eine bestimmte Lizenzgebühr an uns. Je nach Menge der abgenommenen Baumwolle sind das zwischen sechs und 15 Cent pro Kleidungsstück. Dieses Jahr wird es 15 Millionen Stück Textilien mit dem Cotton-made-in-Africa-Logo geben. Vor fünf Jahren waren es 400 000. Damals hatten wir nur einen Abnehmer, inzwischen sind es mehr als 20, die allermeisten sind große Unternehmen wie Tchibo, Puma, die Otto Group ...

... die Ihre Initiative gegründet hat und als Riese im Hintergrund Ihrer Arbeit steht.

Das ist richtig, aber wir sind trotzdem kein Otto-Label. Cotton made in Africa ist von Anfang an angelegt als Label für viele Unternehmen. Die Otto Group ist nicht einmal der größte Abnehmer unserer Baumwolle. Wir kommen von einer großen Firma und suchen auch die Großen, ohne die geht es nicht. Wir wollen und müssen ein Massenprodukt sein, sonst funktioniert unser Ansatz nicht.

Schon deshalb sollen noch mehr Große dazukommen. Wir wollen 100 Millionen Stück Textilien schaffen. Diese Menge brauchen wir, um unsere Arbeit zu finanzieren und in Afrika eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Kleinbauern zu erreichen. Noch sind wir abhängig von öffentlichem und privatem Geld.

Was hat ein afrikanischer Kleinbauer davon? Sie geben ihm den Weltmarktpreis ohne Aufschlag. Den würde er auch ohne Sie erhalten.

Das stimmt, aber wir glauben nicht, dass es reicht, einfach nur mehr Geld im Sinne einer Prämie für die Baumwolle zu zahlen. Die Bauern müssen natürlich trotzdem für sich einen Nutzen sehen. Und den sehen sie, aus mehreren Gründen. Wir sammeln die Lizenzgebühren der Unternehmen ein und lassen sie zu einem Großteil an die Bauern zurückfließen. Zum einen investieren wir in die Bildung der Bauern und ihrer Familien: Wir bauen gemeinsam mit afrikanischen und deutschen Partnern Schulen für die Kinder und Abendschulen für die Erwachsenen - sehr viele sind Analphabeten. Und wir finanzieren und organisieren mit den Lizenzgebühren Schulungen und Trainingsmaßnahmen für die Bauern. Ab 2013 werden wir zusätzlich Geld in Form einer Dividende an unsere Bauern ausschütten.

Das Herzstück unserer Arbeit in Afrika sind die Trainings: Vor Ort haben wir Partner wie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder lokale Baumwollgesellschaften, die den Bauern zeigen, wie sie auf ihrem kleinen Stück Land mehr produzieren können. Ein Farmer in Sambia etwa erzeugt im Schnitt 440 Kilogramm Baumwolle pro Hektar. Ein Cotton-made-in-Africa-Farmer bringt es in Sambia auf derselben Fläche auf rund 800 Kilogramm. Besonders gut geschulte Lead-Farmer, die ihrerseits wieder andere Kleinbauern betreuen, kommen sogar auf 1413 Kilogramm. Im Schnitt haben unsere Bauern ein Drittel mehr Ernteerträge als früher. Und mehr Ernte heißt mehr Geld.

Ihr Logo verrät letztlich nur, wo die Baumwolle herkommt. Das ist kein echtes Gütesiegel, so wie etwa das Fairtrade-Siegel.

Unser Siegel gewährleistet trotzdem Standards. Unsere Bauern müssen ja nach bestimmten Kriterien produzieren, die wir durch externe, unabhängige Prüfer kontrollieren lassen. Einige Dinge sind ihnen vollständig verboten, etwa der Einsatz bestimmter, extrem giftiger Pestizide, die nach internationalen Abkommen unter einem Bann stehen. Einige Dinge wiederum sind nicht so einfach abzugrenzen. Etwa das Thema Kinderarbeit. In Afrika arbeiten Kinder traditionell auf den Feldern ihrer Eltern, wie wir das in Deutschland früher auch kannten. Das ist in Afrika heute noch so, und die Menschen dort sehen darin nichts Falsches. Eine bestimmte Form von Kinderarbeit halten wir für akzeptabel, in dem Ausmaß, das auch nach den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) vertretbar ist - leichte Arbeiten im elterlichen Betrieb, das ist in Ordnung. Wir achten trotzdem darauf, dass die Kinder zur Schule gehen und Zeit für sich haben. Neben diesen Vorgaben zeigen wir den Bauern Techniken, mit denen sie Baumwolle nachhaltig anbauen und lernen können, besser mit den gegebenen Bedingungen zu arbeiten. Wir halten sie dazu an, möglichst auf Pestizide zu verzichten, wir zeigen ihnen, wie sie die Fruchtbarkeit ihrer Böden besser erhalten können, zum Beispiel indem sie mit Kompost düngen anstelle von künstlichem Dünger. Es sind oft Dinge, die uns simpel vorkommen und die doch funktionieren. Wir zeigen den Bauern auch, wie sie die Feuchtigkeit der Böden besser erhalten können. Sie graben ihre Äcker jetzt fast nicht mehr um, wie sie das früher getan haben. Die Böden werden nur leicht angeritzt. Die Feuchtigkeit bleibt so besser im Boden. Das alles sind durchaus Dinge, die ökologisch sinnvoll sind. Unser Siegel ist ein Siegel für nachhaltig produzierte Baumwolle.

Nachhaltig, das versteht kein Mensch, der im Laden steht und ein T-Shirt kaufen will.

Uns ist erst einmal wichtig, dass die afrikanischen Bauern mit den Erträgen ihrer Arbeit auf ihren ein bis drei Hektar kleinen Feldern ein besseres Leben führen können. Allein schon aus diesem Grund stellen wir uns nicht vor sie hin und sagen: Baut ökologisch an. Warum sollten sie das tun, wenn es aus ihrer Sicht keinen Sinn ergibt? In vielen Teilen Afrikas ist der sogenannte Schädlingsdruck sehr hoch. Ohne Pestizide würden die Ernten deutlich kleiner ausfallen. Wir machen es daher anders. Wir sagen den Bauern: Ihr könnt Geld sparen, wenn ihr Pestizide nur nach Bedarf einsetzt und insgesamt weniger davon verbraucht, und auch, wenn ihr weniger Kunstdünger verwendet und nicht künstlich bewässert. Wir leiten sie an, mit den gegebenen Mitteln auszukommen, diese optimal einzusetzen.

Unsere Bauern arbeiten alle im Regenfeldanbau, ohne künstliche Bewässerung, wie das etwa in Ägypten gemacht wird. Dort werden die Äcker unter Wasser gesetzt, und ein Großteil davon verdunstet. Baumwolle ist eine extrem durstige Pflanze, und es ist ein Zeichen von ökologischer Güte, wenn kostbares Wasser gespart wird, indem man auf künstliche Bewässerung verzichtet. Ein Beispiel: Um ein einziges T-Shirt herzustellen, braucht man 300 bis 400 Gramm Rohbaumwolle. Bauern, die künstlich bewässern, verbrauchen 6000 Liter Wasser mehr als unsere Bauern, um diese Menge an Baumwolle zu produzieren. Wir sehen den Bauer als Unternehmer und geben ihm Argumente, die ihm ökonomisch einleuchten und die in ihrer Wirkung aber letztlich auch ökologisch gut sind. Das ist für uns kein Widerspruch.

Beim Ökumenischen Kirchentag gab es vergangenes Jahr einen Eklat, weil dort ein Schal verkauft wurde, den eines Ihrer Partnerunternehmen hergestellt hatte. Mehrere Tausend Menschen rügten, die Baumwolle sei nicht fair gehandelt. Für diesen Kundenkreis scheint Ihr Ansatz doch ein Widerspruch zu sein.

Uns hat das gezeigt, dass wir leider noch keine Gattung sind. Wir sind in der Öffentlichkeit zu wenig sichtbar, man kennt uns und unsere Arbeit noch nicht. Es stimmt, wir arbeiten nicht nach den Prinzipien des Vereins Transfair - wir zahlen keinen Aufschlag auf den Weltmarktpreis. Und unsere Baumwolle ist auch nicht biologisch angebaut. Es fällt selbst uns zunächst oft schwer, den Unternehmen in wenigen Sätzen zu erklären, was wir sind. Die sagen: Ihr seid nicht bio, gut, dann seid ihr Fairtrade. Ach, seid ihr auch nicht? Was seid ihr dann?

Fair klingt einfach gut.

Und man denkt nicht weiter darüber nach. Dabei ist Fairtrade gar nicht so weit weg von uns. Ich würde sagen, wir sind befreundete Initiativen. Das ist bei Biobaumwolle genauso. Es geht gar nicht darum, wer das bessere Produkt hat. Alle haben einen etwas anderen Ansatz. Es ist ein Problem im Denken - alles, was nicht Fairtrade ist, sei unfair, alles, was nicht bio ist, sei schlecht. Wir sagen: Unser Ansatz ist gut, weil er wirkt. Aber wir sind nicht bio, und wir sind nicht fair gehandelt. Und dafür haben wir gute Gründe.

Welche?

Wir wollen es den Unternehmen möglichst leicht machen, ihre Textilien auf dem Massenmarkt zu verkaufen, um selbst viele Lizenzgebühren erwirtschaften zu können für die Bauern. Fairtrade und Bio ist für die Unternehmen aber schwerer umsetzbar. Biobaumwolle ist wirklich ein tolles Produkt. Ich selbst habe bei Otto eine Bio-Produktline betreut. Das sind hervorragende Premiumtextilien, doch sie sind für das Unternehmen teuer. Biobaumwolle kostet nun mal rund 30 Prozent mehr als konventionelle Baumwolle.

Wir zielen auf den Massenmarkt ab und müssen selbst ein Massenprodukt sein, um unsere Ziele zu verwirklichen. Das geht mit Bio nicht, mit Fairtrade auch nicht - der Rohstoff ist teurer, weil für den Rohstoff Prämien festgelegt, auf den normalen Weltmarktpreis aufgeschlagen und durch die ganze Produktionskette mittransportiert werden. Die Unternehmen des Massenmarktes wollen aber keine teureren Produkte.

Die Kunden übrigens auch nicht.

Die Erfahrungen mit Bio-Lebensmitteln lehren etwas anderes: Die Kunden sind durchaus bereit, mehr dafür zu zahlen.

Bei Textilien ist das anders. Ich habe in meiner Zeit bei Otto gelernt, dass der Kunde die Bio-Premiumprodukte zwar super findet, aber nicht bereit ist, mehr für sie auszugeben. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Kleidung psychologisch weiter weg ist von den Menschen als Lebensmittel. Die isst man. Kleider trägt man nur.

Biobaumwolle hat es bei Unternehmen aber nicht nur wegen des höheren Rohstoffpreises schwer: Auch der Produktionsweg muss umgestellt und zertifiziert werden. Bei der Verarbeitung der Biobaumwolle müssen etwa alle Maschinen gereinigt werden, damit da keine Fasern aus konventionellem Anbau drin sind, das ist sehr aufwendig.

Und wenn die Biotextilien schließlich im Laden hängen, kommt für die Unternehmen noch ein weiteres Problem dazu. Die Kunden sehen ein paar Biotextilien am Kleiderbügel hängen, und dann fragen sie sich: Und was ist mit dem Rest? Der ist dann wohl von schlechter Qualität? Bei Fairtrade ist es ähnlich: Diese T-Shirts da im Regal sind fair, schön. Und was ist mit den anderen? Die sind dann unfair? Beim Kunden findet eine psychologische Übertragung statt. Das ist für die großen Unternehmen des Massenmarktes häufig schwierig. Und das kann ich sehr gut verstehen. Ich sehe das ganz nüchtern und kaufmännisch, vielleicht, weil ich selbst aus einem großen Unternehmen komme.

Dann verstehen Sie wohl auch, dass es Unternehmen weniger um die Kleinbauern als um PR in eigener Sache geht?

Ich verstehe vor allem, dass das Unternehmen irgendetwas von dem Geschäft haben will. Es zahlt ja etwas für die Baumwolle und will dann profitieren, genauso wie der afrikanische Bauer auch, das ist doch vollkommen klar. Vielleicht will sich in dem einen Fall ein Einkäufer einfach gut fühlen. Das ist dann schön, aber in den seltensten Fällen ausreichend. Das Unternehmen möchte vielleicht im Nachhaltigkeitsbericht sein Engagement für Afrika darstellen. Vielleicht entdeckt es für sich das Thema Nachhaltigkeit neu. Ich denke eher: Die tun was, und das ist gut.

Viele Menschen sehen das weniger nüchtern als Sie. Die klassische Entwicklungshilfe, etwa von Kirchen, ist ihnen sympathischer. Große Unternehmen, die sich in der Entwicklungshilfe engagieren, sind ihnen eher suspekt.

Ich denke, dass die Nichtregierungsorganisationen sehr erfolgreich arbeiten, und das tun wir auch. Wir arbeiten ja selbst mit NGOs wie dem WWF, dem Nabu und der Welthungerhilfe zusammen, ebenso aber auch mit der G IZ, einer staatlichen Entwicklungsorganisation, oder der Entwicklungsbank DEG oder dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Es gibt bei bestimmten Leuten sicherlich Vorbehalte, keine Frage, denken Sie an die Geschichte mit dem Kirchentag-Schal. Ich schaue dann lieber auf das, was wir tatsächlich machen, wofür wir angetreten sind, und ich sehe, es funktioniert. Wir sehen uns als Social Business. Wir arbeiten mit den großen Unternehmen. Wir machen ein Geschäft. Wir wollen Gewinn machen und diesen Gewinn zurück nach Afrika bringen. Viele glauben anscheinend trotzdem nicht, dass das Geschäft von großen Unternehmen mit Entwicklungshilfe zusammenpasst.

Aus gutem Grund. Große Unternehmen sind mit verantwortlich für Ungerechtigkeiten in Entwicklungsländern.

Das stimmt, bei manchen ist das so, aber nicht bei allen. Internationale Riesen wie etwa Wal-Mart, Nike und H&M gehören zu den größten Abnehmern von Biobaumwolle. Vor allem die Großen können im Massenmarkt etwas bewegen. Bei Fairtrade ist das nicht anders: Marks & Spencer und Tesco sind in Großbritannien die Abnehmer. Auch unsere Großen treiben die Entwicklung von Cotton made in Africa an, ohne sie geht es nicht. Wir würden bestimmt tolle Baumwolle produzieren, aber die Wirkung würde ohne funktionierenden Absatzmarkt verpuffen.

Ich bin davon überzeugt, dass den Großen oft Unrecht getan wird. Sie wollen Geld verdienen, klar, Gutmenschentum begegnet mir in Unternehmen eher seltener. Aber sie bewegen auch etwas. Wenn ich mit großen Unternehmen spreche, kommen immer recht schnell zwei Fragen: Was kostet uns das? Wie schwierig ist das umzusetzen? Für Unternehmer sind das die wichtigen Fragen. Das würde ich auch fragen. Ich bin selbst auch eher kein klassischer Gutmensch. Ich will zuallererst unser Produkt erfolgreich vermarkten, um Geld zu verdienen für die afrikanischen Bauern. Ich trenne hier nicht zwischen Gutsein und Nichtgutsein. Man kann das nicht trennen. Diese Haltung hilft mir bei meiner Arbeit. Ich sage nicht: Ich arbeite mit einem guten Unternehmen, oder ich arbeite mit einem großen Unternehmen - ich arbeite mit einem Unternehmen, das mir hilft, die Ziele von Cotton made in Africa zu verwirklichen.

Das könnte man als Naivität auslegen, die es bestimmten Firmen leicht macht, sich ein politisch korrektes Mäntelchen umzuhängen.

Das ist ein berechtigter Punkt. Man kann sicherlich nie komplett ausschließen, dass Unternehmen diese Motive haben, aber ich weiß sehr genau, was wir sind, ich weiß, was wir wollen, und ich weiß, was wir nicht wollen.

Was wollen Sie nicht?

Wir wollen kein Marketing-Gag sein, nach dem Motto: Es ist jetzt gerade Fußball-WM in Afrika - wir machen eine Afrika-Kollektion, weil das gerade cool ist, und dann war's das. Ein Unternehmen schließt mit uns einen Vertrag für drei Jahre, der auch regelt, wie Textilien produziert werden müssen. Es reicht nicht zu sagen, wir wollen jetzt mal ein bisschen Baumwolle bei euch kaufen. Wie viel sie abnehmen, das entscheiden sie aber selbst.

Natürlich kann ein Unternehmen auch sagen, nach einer Saison lassen wir es, wir haben keine Vertragsstrafen. Dass ein Unternehmen es als kurzfristige Marketingmaßnahme sieht, mit uns zu arbeiten - das wünschen wir uns nicht, aber es kann passieren und ist nicht zu verhindern. Es ist uns aber noch nicht passiert.

Nehmen Sie jedes Unternehmen, das von selbst kommt?

Wenn ein Unternehmen in Eigeninitiative zu uns kommt, ist mein erster Impuls immer positiv. Ich frage mich aber sehr schnell: Warum kommt es? Selbst wenn das Unternehmen viel Baumwolle abnehmen würde, muss es zu uns und unseren Zielen passen. Wir haben einen Kreis von Firmen, die auf ihren Namen und ihre Marken empfindlich achten. Und das tun wir auch. Wir müssen nicht jeden nehmen.

Und die kleinen Unternehmen abseits des Massenmarktes wollen Sie nicht?

Ich finde die kleinen, feinen Marken durchaus attraktiv. Es ist aber eher so, dass diese kleinen Marken nicht mit anderen Unternehmen in Verbindung gebracht werden wollen, die sich im Massenmarkt bewegen. Wir sind Masse, und das wollen wir auch sein. Wir arbeiten nicht mit Gucci und Prada, und wenn man die als Nachbarn haben will, dann wird es bei uns schwierig. Diese Marken wollen mit der Masse nichts zu tun haben und unter ihresgleichen im Luxus-Segment bleiben. Dieses Dilemma ist nicht zu lösen. Es gibt Schlimmeres. –

Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2011/gro...

Stand: Februar 2018