Tina Teucher

Tina Teucher ist Autorin und Moderatorin, hält Vorträge und schreibt zu den Themen Unternehmenserfolg durch Nachhaltigkeit, CSR und Sustainable Entrepreneurship. Sie ist Lehrbeauftragte u.a. im Studiengang „Sustainability Marketing & Leadership“ der Fresenius Hochschule und publiziert Bücher und Artikel zu grünen Innovationen, internationaler Umweltpolitik und CSR-Kommunikation.

Die Kulturwissenschaftlerin absolvierte den MBA Sustainability Management der Leuphana Universität Lüneburg. Sie engagiert sich u.a. im Beirat von social-startups.de. 2009 bis 2014 war Tina Teucher leitende Redakteurin des Entscheider-Magazins „forum Nachhaltig Wirtschaften“. Als Sustainable Matchmaker bringt sie Organisationen, Menschen und Firmen zusammen, um gemeinsam die richtigen Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften zu schaffen.

Weiterführende Informationen:
• Tina Teucher: Nachhaltigkeit. Zur Diskursgeschichte eines Konzepts. Saarbrücken 2012 (AV Akademikerverlag).
http://www.amazon.de/Nachhaltigkeit-Zur-Diskursgeschichte-eines-Konzepts/dp/3639388070
• Webinar zu SINNvollem Arbeiten mit Tina Teucher am 24. April 2015. Anmeldung hier.
http://de.amiando.com/webinartinateucher.html
• Was ist Fortschritt? Warum Lebens- und Arbeitswelten zusammen gehören. Beitrag zum EnjoyWorkCamp.
http://www.arbeitswelten-lebenswelten.de/wir/impulsgeber/ewc14s/tina-teucher
• Ist Nachhaltigkeit auch was für Mittelständler? Fairpreneur Congress am 23./24. September 2015 in Karlsruhe, moderiert von Tina Teucher.
http://fairpreneur.org/

 

Warum Nachhaltigkeit zum kulturellen Erbe der Deutschen gehört

Interview mit Tina Teucher
 

Frau Teucher, weshalb gehört der Begriff der Nachhaltigkeit zum kulturellen Erbe der Deutschen?

Der Förster war’s. Vor über 300 Jahren litt Europa unter einer Holznot. Die energiehungrigen Minen, Hütten und Salinen fraßen sich durch den Wald, sogar Feuerholz wurde teuer, und die Förster schlugen Alarm. Der Mangel dieser wichtigsten Ressource wurde zum Politikum erklärt: Ludwig der XIV. befahl eine Forstreform, England setzte auf Globalisierung holte sich die fehlenden Rohstoffe aus seinen Kolonien. In Deutschland formulierte der Freiberger Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz 1713 erstmals die „nachhaltende Nutzung“ des Holzes als Bedingung für den Fortbestand des Landes. Ihm ging es zum einen darum, nicht mehr Wald zu roden, als im selben Zeitraum nachwachsen kann. Carlowitz dachte aber auch schon an das, was wir heute Effizienz nennen: Durch bessere Hauswärmedämmung und energiesparende Schmelzöfen könnte die Wirtschaft ihre „Holzsparkünste“ verfeinern.

Neben dieser ökologischen Wirtschaftsweise vermittelte Carlowitz in seinem Buch „Sylvicultura oeconomica“ auch sozialethische Grundsätze: Nahrung und Unterhalt stünden jedem zu, auch den „armen Unterthanen“ und der „lieben Posterität“, also den Nachfahren. In diesen Forderungen deutet sich bereits der Anspruch heutiger Nachhaltigkeitsethik auf intra- und intergenerationelle Gerechtigkeit an. Das Konzept spiegelt sich bis heute in der deutschen Waldwirtschaft, die über Jahrhunderte landschafts- und identitätsprägend war.

Lange fristete dieses Konzept der Nachhaltigkeit ein Schattendasein in Forstkreisen – bis die Bewegung der Naturfreunde um 1900 die Prinzipien der Ressourcenschonung begeistert rezipierte. Mit deren Verbot in der NS-Zeit „floh“ auch der Begriff in alle Welt und kehrte erst mit der Ökologiebewegung ab den 1970er Jahren, den „Grenzen des Wachstums“, der Debatte um das Waldsterben und schließlich mit dem Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen 1987 („Unsere gemeinsame Zukunft“) stärker ins Bewusstsein der Deutschen zurück.

Wie konnte es passieren, dass ein kulturell und historisch gewachsener Begriff wie Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren in den Fokus der Marketingsprache geriet und immer mehr verwässerte?

Nachhaltigkeit ist die liebste eierlegende Wollmilchsau von Politikern und Wirtschaftssprechern. Alles, was gesellschaftlich irgendwie wünschbar sein könnte, packen wir in eine Formel. Sie schafft Konsens, wo Dissens – aber vor allem Unsicherheit – herrscht und malt eine gemeinsame Utopie. Die zahlreichen Umwelt- und Sozialbewegungen, die sich mit Teilen des Konzepts identifizieren konnten, beeinflussen und überlagern seine Bedeutung auf ihre Weise. Auch die Medien lieben das universell einsetzbare Wort und formulieren sogar: nachhaltig zerstören, nachhaltig belasten, nachhaltig schädigen.

Warum hängt sich alle Welt an so ein Leitbild? Es sind die Unsicherheiten der Moderne, in der die Menschen ihre Identität neu suchen müssen. Was wird aus uns in einer Welt der Technik? Können wir mit unserem eigenen Fortschritt Schritt halten? Was kommt nach dem Ende der Ressourcen? Nachfrage und Durchsetzungskraft von Leitbildern konstituieren sich aus gestiegenen Unsicherheiten. Die Bedrohung durch Verlust von Vertrautem, Traditionen, Werten und Besitzstand blockiert zunächst die Bereitschaft, neue Pfade zu betreten. Das Leitbild der Nachhaltigkeit geht einerseits auf diese Angst ein: Als zunächst konservatives Konzept legt es den Akzent auf Stabilität und Erhaltendem. Andererseits erfreut sich «nachhaltige Entwicklung» eines progressiven Images, in dem verschiedenste Gruppen partizipativ Problemlösungen anpacken. Es verspricht also Konstanz im Wandel. Diese Paradoxie des bewahrenden Fortschritts fasziniert uns – und die Werbetreibenden.

Weshalb markierte der Brundtland-Bericht, der dem Konzept der Nachhaltigkeit zum globalen Durchbruch verhalf, zugleich den Beginn des Bedeutungsverfalls?

Der Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ fordert Gerechtigkeit für Menschen, die anderswo leben und die nach uns leben werden. Das erweitert zwar zum Einen die Perspektive für globale und langfristige Herausforderungen. Es verlagert aber auch die Verantwortung, lässt den Einzelnen das Kehren vor der eigenen Haustür übersehen und überfordert viele.

Haben wir die Tragweite des Begriffs Nachhaltigkeit noch gar nicht richtig verstanden? Weshalb muss die theoretische Diskussion um Nachhaltigkeit aufgebrochen und mit Leben gefüllt werden?

Doch. Wer ist denn „wir“? Einen Begriff, der so dehnbar wie Strumpfband (oder für jüngere Leser: ein Bungee-Seil) ist, muss sich sowieso jeder Einzelne von uns in leicht verdauliche Häppchen aufteilen und individuell mit Leben füllen. Wir subsumieren ja schon alle möglichen Alltagstätigkeiten und Geschäftsmodelle unter „Nachhaltigkeit“: Gemeinsam gärtnern, Autos und Wohnungen teilen, den Standby-Schalter am Fernseher ausknipsen, E-Mails nicht drucken, Schuhe oder Teppiche pflegen, Hosen reparieren, alte Kleidung aufpeppen.

Die größeren Zusammenhänge erschließen wir uns – auch und gerade als Erwachsene! – durch Bildung. Die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ 2004-2014 hat dafür tolle Projektbeispiele und Anstöße geliefert. Wenn wir von- und miteinander lernen, vergrößern wir unser Wissen. Wir überwinden damit unsere Unsicherheit, die wichtige Entscheidungen hemmt und befreien uns gleichzeitig vom Diktum einer hoch entwickelten Expertenkultur, die durch ihr scheinbares Mehr-Wissen einseitige Macht- und Legitimationsansprüche untermauert. Wissen ist Macht. Geteiltes Wissen ist Partizipation.

Weshalb geht es bei Nachhaltigkeit durchaus auch um Macht?

Da geht es zum einen um die Verteilung von Ressourcen, derer keine wirklich unendlich ist. Gleichzeitig herrscht der Mensch über weite Teile der sichtbaren Natur. Heute können wir fast alles Wachsen als technisch beeinflusst sehen – selbst nachwachsende Rohstoffe sind dann de facto Technikprodukte.

Nachhaltigkeit ist letztlich ein Leitbild, das die Komplexität der Welt in einzelnen Handlungsfeldern neu zu strukturieren versucht. Dazu muss man die Welt zunächst in ihren Grundzügen verstehen. Wenn wir aber das Finden werturteilsfreier Wahrheiten Experten überlassen, geben wir ihnen und ihren Auftraggebern eine hohe Deutungsmacht. Alle davon Ausgeschlossenen laufen Gefahr, durch Wissenschaft „entmündigt“ zu werden. Wissen und Macht hängen deshalb eng zusammen.

Selbst die allgemeinen Menschenrechte sind nur ein Ergebnis von Deutungsmacht. Und sie werden auch nur mit Macht durchgesetzt – oder eben nicht. Wir können ein solches Machtgefälle auch am Beispiel „Nord-Süd“ beobachten: Vertreter der jeweiligen Länder werfen sich gegenseitig jeweils Bevölkerungs- bzw. Konsumexplosion vor. Die Industrieländer können sich den „Luxus“ leisten, über Dinge wie Nachhaltigkeit nachzudenken und (Macht-)Institutionen dafür aufzubauen, weil die Menschen hier nicht von der Hand in den Mund leben müssen. Dieser Wohlstand basiert jedoch historisch oft auf der Ausbeutung ärmerer Nationen. Die in der Kolonialzeit entstandene historische Definitionsmacht des Nordens scheint sich so in der Umweltpolitik und im Nachhaltigkeitsgedanken fortzusetzen.

Man darf mitreden, ja, man muss sogar: Die scheinbar offene Struktur der Diskussion um nachhaltige Entwicklung birgt eine Art „Zwang zur Partizipation“, eine Pflicht zur Beteiligung, zum Mitreden bei der Gestaltung eines Modells mit globalem Anspruch. Der Diskurs schafft ein Klima, das die Nichtbeteiligung am Problemlösungsprozess als unverantwortlich erscheinen lässt.


Warum muss die Kriterienfindung für Wege zur Nachhaltigkeit interdisziplinär durch eine Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaften geschehen? Welche positiven Beispiele gibt es dafür?

Überspitzt formuliert: Naturwissenschaften erschließen und beobachten unsere Umwelt, Geisteswissenschaften reflektieren ihre Bedeutung für die menschliche Existenz. Die dreifache Verankerung des Konzepts in der ökologischen, ökonomischen und sozialen Diskussion erweist sich als methodologisches Dilemma. Warum? Weil sich die Dimensionen schwer verbinden lassen. Soziale Systeme sind als symbolisch strukturierte Kommunikationssysteme konzipiert. Ökosysteme modellieren wir dagegen als materielle Größen wie Stoff- oder Energieflüsse.

Für eine zielgerichtete Kommunikation über nachhaltige Entwicklung ist es daher notwendig, verschiedene Modelle abzugleichen und zu harmonisieren. In der interdisziplinären Dynamik von Natur- und Geisteswissenschaften führen gerade gegensätzliche Auffassungen zu neuen Einsichten.

Gut funktioniert das zum Beispiel im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Forscher aus so verschiedenen Disziplinen wie Physik, Recht, Entwicklungspolitik, Energiewirtschaft oder Umweltpsychologie erarbeiten hier Handlungs- und Forschungsempfehlungen für Wissenschaft und Politik. Transdisziplinär, also unter Einbeziehung der unternehmerischen Praxis, arbeitet beispielsweise die Global Reporting Initiative (GRI). Sie entwickelt mit verschiedenen gesellschaftlichen Anspruchsgruppen Indikatoren für Nachhaltigkeit in Organisationen, unter anderem zu Themen wie Produktverantwortung oder Menschenrechten. Auch Unternehmen können ihre Wirtschaftsweise durch solche Kooperationen nachhaltig transformieren. So revolutioniert zum Beispiel gerade der mittelständische Biozid-Hersteller Reckhaus sein Geschäftsmodell – von insekten-tötenden Produkten zu insekten-schützenden Dienstleistungen. Inspiriert von Künstlern und mit einem in Zusammenarbeit mit Biologen wissenschaftlich fundierten Modell.

Wie kann es gelingen, sich wieder auf seinen Kern zu besinnen?

In der Formulierung „Sich auf seinen Kern besinnen“ zementieren wir schon den Unterschied zwischen „Kern“ und „Selbst“. Der denkende Mensch steht im Zwiespalt seines selbst konstruierten Antagonismus «Natur – Kultur». Er blickt von außen auf seine Umwelt und ist doch Teil von ihr. Friedrich Schiller griff dieses doppelte Verhältnis schon in seinem Werk „Über naive und sentimentalische Dichtung“ auf. Darin klagt er: Es gibt für den Menschen kein Zurück zum reinen Gefühlswesen.

Wir können uns diesem Kern annähern über die Frage, wofür wir dankbar sind und was für uns Wert hat. Das wollen wir wahren, schützen, erhalten, aber auch weiter entwickeln und wachsen sehen. Und das kann es sein, was uns „nachhaltig“, also langfristig antreibt und Sinn gibt. Die Initiative Lebens- und Arbeitswelten mit Zukunft beschäftigt sich praxisnah mit solchen Fragen. Am 6. und 7. November 2015 treffen sich Interessierte in Stuttgart zur Unkonferenz EnjoyWorkCamp.

Inwiefern haben Menschen und Organisationen das Potenzial, die Zukunft zu gestalten anstatt nur auf die Gegenwart zu reagieren?

Jetzt ist der einzige Moment, den wir gestalten können. „Die Gegenwart ist die einzige Göttin, die ich anbete“, meinte Goethe. Wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit bewusst darauf richten, treffen wir die „richtigen“ Entscheidungen für zukünftige Augenblicke. Wir schaffen dann die Zukunft und agieren in und mit ihr, statt zu reagieren.

In Ihrem Buch verweisen Sie auf Ernst Ulrich von Weizsäcker, der das Verhältnis von Ökonomie, Ökologie und Sozialem weniger in Dreiecksform oder als Nebeneinander unabhängiger Säulen versteht, sondern vielmehr als Kreismodell mit Teilmengen. Sind Sie ebenfalls dieser Meinung?

Von Weizsäcker sagt ja, dass die menschliche Gesellschaft – das Soziale – nur eine Teilmenge der Natur darstellt. Und die Wirtschaft wiederum nur eine Teilmenge der Gesellschaft. Deshalb müsse die ökologische Nachhaltigkeit oberste Priorität haben. Das erschließt sich mir als logisch. Aus meiner Sicht haben alle drei Dimensionen je nach historischer Akteurs- und Diskurskonstellation eine hervorgehobene Rolle gespielt. Ob wir die Natur nun um ihrer selbst Willen „retten“ oder damit das Wirtschaftssystem nicht kollabiert, wird aus Sicht der Nachgeborenen kaum eine Rolle spielen. Die soziale Nachhaltigkeit für die ökologische zu „opfern“, wäre jedoch kontraproduktiv: Denn es sind ja immer noch Menschen, die sich für die Umwelt engagieren „wollen sollen“. Für eine solche Kultur müssen zunächst Grundbedürfnisse befriedigt und Bildung ermöglicht werden.

Inwiefern steckt im Begriff der Kultur die Idee der Nachhaltigkeit?

Kultur wird im deutschsprachigen Raum oft als Gegenteil von Natur wahrgenommen. Die Herkunft des Wortes von lateinisch „colere“ weist bereits auf seine doppelte Bedeutung hin: In der Übersetzung „pflegen“, „bebauen“ deutet sich die Bearbeitung, der aktive Einfluss auf die materielle Beschaffenheit z.B. des Bodens an. Mit der Deutung „ausbilden“, „verehren“ kommt die damit verbundene Wertveränderung und -zuweisung zum Ausdruck. Alles Kulturelle wäre dann die durch den Menschen verbesserte Natur – so wie ein Bildhauer aus einem Stein ein Kunstwerk formt.

Viele Organisationen sind deshalb der Überzeugung, dass es auch eine kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit gibt. Der übergeordnete kollektive Menschheitskontext, in den das Nachhaltigkeitsdenken das Individuum stellt, löst den Einzelnen von Raum und Zeit und überträgt ihm gleichzeitig für beide übergeordneten Dimensionen die Verantwortung. Doch neben der damit verbundenen Chance, dass sich eine globale kulturelle Identität über das Leitbild Nachhaltigkeit formieren könnte, besteht auch das Risiko des Verlusts lokaler kultureller Identitäten und Diversität. Das vermindert die Resilienz der Gesellschaft, also die Widerstandskraft bei Veränderungen. Ein Zusammenbruch dieser Kultur könnte deshalb die gesamte Menschheit betreffen.

Das Nachhaltigkeitskonzept muss daher trotz aller Kritik dynamisch bleiben. Ein globales Bewusstsein heißt die Vielfalt von Lebensstilen, Konsumverhalten und Alltagspraktiken willkommen.

Wie kann ein Umdenken auf institutioneller und geistiger Ebene in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft stattfinden? Und was bedeutet Nachhaltigkeit im alltäglichen Handeln?

Der Schlüssel ist aus meiner Sicht die Neugier eines Kindes oder eines Philosophen. Für beide sind alle Dinge „wertvoll“, weil sie noch zu entdecken sind, weil nichts schon vorbewertet oder instrumentalisiert ist. Wer bereit ist, Dinge und Verhaltensweisen wieder grundlegend zu hinterfragen, öffnet sich für Nachhaltigkeit im Alltag. Brauche ich zum Beispiel das Auto oder will ich von A nach B kommen? Brauche ich also das Produkt oder nur seine Funktion? Will ich eine Großpackung Wurst im Sonderangebot, von der ich am Ende die Hälfte wegwerfen muss, oder kaufe ich für das gleiche Geld etwas von Qualität? Wenn wir mit dieser Neugier Alternativen ausprobieren, lassen sich nach und nach neue Gewohnheiten „programmieren“. Genauso lassen sich Gesetze, Geschäftsmodelle und wissenschaftliche Methoden hinterfragen. Für den Mittelstand erarbeiten wir solche Innovationen beim Fairpreneur Congress am 23. und 24. September 2015 in Karlsruhe.

Weshalb hat Nachhaltigkeit immer auch mit der Suche nach dem guten Leben zu tun?

Für mich sind das Synonyme geworden. Nachhaltigkeit ist eine Suchbewegung, die wir selbst mit Bedeutung und Leben füllen. Und vieles von dem, was auf dieser Suche gerade gefunden wird, verspricht mir Verbesserung zur jetzigen Situation: Ob Mehrgenerationen-Wohngemeinschaften, Energiewende, Stadtgärtnern, Mitfahrgelegenheiten, Bio-Möhren, faires Kleid oder Wiederaufforstung. Das gute Leben kann uns überall begegnen, wenn wir Augen und Ohren offen halten und uns inspirieren, also mit Geist und Sinn erfüllen, lassen.
Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/nachhaltigkeit
Stand: April 2015

 

Die Reise einer Idee

300 Jahre Nachhaltigkeit in Deutschland


1713 baute der Förster Hans Carl von Carlowitz sein Holz „nachhaltig" an. Heute hat der Begriff Hochkonjunktur, was viele nervt. Denn was genau steckt hinter dem Konzept, das Politik und Wirtschaft so gern verwenden? „Baum fällt!" - warnte Förster Hans seine Kollegen Anfang des 18. Jahrhunderts in Freiberg nahe Dresden. Dieser Ausruf dürfte auch heutigen Förstern geläufig sein. Und doch: Hans war anders. Denn er warnte auch vor den langfristigen Folgen des Bäumefällens. Er war derjenige, der uns die „Nachhaltigkeit" bescherte - und damit eine Menge Deutungsarbeit. 



Denn was bedeutet Nachhaltigkeit? Darin steckt Dauerhaftigkeit, Zukunftsbeständigkeit, Tragfähigkeit, Sustainability: Statt einer klaren Definition nährt die Idee der Nachhaltigkeit das Konsensfähige und damit das Vage. Der Begriff „Nachhaltigkeit" gilt seinen Kritikern als Leerformel, die alles, was irgendwie gut, fair und umweltverträglich ist, beinhaltet. Für andere beheimatet das Konzept der Nachhaltigkeit die Hoffnung, eine Verbindung von Ökologie, Ökonomie und sozialer Verantwortung zu schaffen. Doch wie ist Nachhaltigkeit in unseren Wortschatz – und damit unsere Kultur – geraten?



Schon im 18. Jahrhundert ist klar: Endliche Ressourcen lieber zurückbehalten



Im Jahr 1713 taucht der Begriff „nachhaltend" (von Nachhalt: „Rückhalt, was man zurückbehält") zum ersten Mal im deutschen Sprachgebrauch auf. Der Freiberger Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz gebrauchte ihn, um zu beschreiben, wie man Holz richtig anbaut. Es müsse eine „continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung" geben „ohne den Fortbestand des Landes" zu gefährden.  Schon damals musste man mit knappen Ressourcen wirtschaften. Zu Lebzeiten leitete Carlowitz den erzgebirgischen Silberbergbau und brauchte Lösungen, um Holzengpässe zu vermeiden. Er forderte, die Hauswärmedämmung zu verbessern und energiesparende Schmelzöfen zu verwenden, um Holz zu sparen. Eine wahre Effizienzrevolution. Für die Forstwirtschaft sah er die planmäßige Aufforstung durch das „Säen und Pflantzen von Bäumen" vor, sowie die Suche nach „Surrogata" (Ersatz) von Holz durch fossile Brennstoffe. Seine Forderungen erinnern an heutige Diskussionen um die Energiewende: Sparen, die Effizienz vorantreiben und nach Alternativen - wie Erneuerbare Energien - suchen. 



Neben einer ökologischen Wirtschaftsweise vermittelte Carlowitz auch sozialethische Grundsätze: Nahrung und Unterhalt stünden jedem zu, auch den „armen Unterthanen" und der „lieben Posterität" (damit sind die Nachkommen gemeint) - das sind bereits Anklänge einer intra- und intergenerationellen Gerechtigkeit aus Sicht der heutigen Nachhaltigkeitsethik. 



Die Menschen wollen nicht mehr schneller! besser! billiger! 



Der Begriff der Nachhaltigkeit mag mit 300 Jahren im Greisenalter sein, seine Bedeutung ist topaktuell. Etwa 13 Millionen Hektar Naturwald gehen jedes Jahr verloren - was etwa zwölf bis 15 Prozent der jährlichen CO2-Emissionen verursacht. Das exponentielle Wirtschaftswachstum braucht immer mehr Rohstoffe und feuert den Kampf darum an: „Die Kriege von morgen werden zweifellos um Ressourcen geführt", betont Prof. Dr. Klaus Töpfer, früherer Umweltminister und Generalsekretär des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Vor diesem Hintergrund wird seit Mitte der 1970er Jahre die Diskussion um die Linien einer dauerhaften Daseinssicherung geführt.



Durch die Ölkrise und die aufkommende Umweltbewegung der jungen BRD traten die „Grenzen des Wachstums" - bekannt durch das gleichnamige Buch des Club of Rome 1972 - ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Mit dem 1987 vorgelegten Brundtland-Bericht „Our common future" der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung erlangte das Konzept „sustainable development" internationale Aufmerksamkeit. Auf der UN-Vollversammlung 1992 in Rio de Janeiro verpflichteten sich 127 Staaten, nachhaltige Entwicklung als Leitbild anzunehmen und auf nationaler Ebene zu implementieren. Über den „richtigen" Umgang mit Ressourcen strebt Nachhaltigkeit gleichzeitig ökonomische Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit an.

Zwar kann man die Entwicklung zu einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft nicht mehr zurückdrehen. Doch immer mehr Menschen hinterfragen, ob sie mit schneller! besser! billiger! weitermachen wollen. Man kann einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft der Industrieländer und ihren Institutionen beobachten: eine Neuorientierung von quantitativem zu qualitativem Wachstum. Das heißt: eine verbesserte Lebensqualität durch Regionalisierung (weniger Transportemissionen und Standortstärkung), Entschleunigung (z.B. Slow Food statt Fast Food) und bewussten Konsum (z.B. weniger, dafür gutes Fleisch essen).



Unternehmen bekennen sich zur Corporate Social Responsibility 



Auch Unternehmen sind als gesellschaftliche Akteure, als „Bürger" (Corporate Citizen) in die Weltgemeinschaft eingebettet. Viele haben erkannt, dass sie den Planeten in ihrem eigenen Interesse vor Ausbeutung schützen sollten und bekennen sich zur ihrer Verantwortung, etwa durch die Teilnahme am Global Compact der Vereinten Nationen. Darin verpflichten sich vor allem international tätige Firmen freiwillig, z.B. die Menschenrechte zu respektieren oder umweltfreundliche Technologien zu entwickeln und zu verbreiten. Die Unternehmen interpretieren ihre Rolle für eine nachhaltige Entwicklung unterschiedlich: Bei der Corporate Social Responsibility (CSR) übernehmen sie freiwillig Verantwortung für Produkte, Herstellung und Lieferkette im Sinne ihrer Anspruchsgruppen, den sogenannten Stakeholdern. Das Sustainability Management analysiert und bearbeitet die Umwelt- und Sozialthemen des wirtschaftlichen Handelns systematisch und strebt einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess an - z.B. über ein Umweltmanagementsystem wie die ISO 14.001 oder das European Eco-Management and Audit Scheme (EMAS). Unter CSR fallen auch das Corporate Giving - das Spenden an die Gemeinschaft - und das Corporate Volunteering, die freiwillige Mithilfe der Mitarbeiter in gemeinnützigen Projekten und Organisationen. So sorgen Firmen nicht nur für wirtschaftliche Wertschöpfung, sondern auch für „Social Value". 



Neue Wirtschaftsmodelle wie Social Entrepreneurship sprießen 



Junge Vorreiter aber auch etablierte und mutige Unternehmer setzen auf ein gänzlich neues Wirtschaftsdenken: Was, wenn mein Unternehmen nicht in erster Linie Profit erzielt, sondern ein soziales Problem löst? Tausende Unternehmer weltweit haben u.a. angeregt von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in den vergangenen Jahren ein Social Business gegründet. Und sie sind damit erfolgreich, wie die Beispiele der öko-sozialen Bekleidungshersteller manomama oder des Ökostromanbieters Polarstern zeigen. Was, wenn wir in unsere Bilanzen nicht nur Finanzkennzahlen einbinden, sondern auch unseren Einfluss auf Gesellschaft und Umwelt? Die wachsende internationale Unterstützerzahl der Gemeinwohlökonomie des Österreichers Christian Felber macht aus dieser Idee Wirklichkeit: Die Gemeinwohlbilanz bezieht in ihre Punktwertung auch Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Produkts, den Arbeitsbedingungen oder auch der Verteilung der Erträge ein. 



Die neue Konsumentengeneration teilt lieber statt zu besitzen



Dass ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat, erkennt man auch an den neuen Konsumformen. Zahlreiche Sharing Modelle fördern den gemeinschaftlichen Konsum von Produkten und Dienstleistungen mit großem Erfolg. Nutzen ist der neuen Generation von Konsumenten wichtiger als Besitzen; sie teilen ihr Auto, ihre Bohrmaschine, ja sogar ihre Wohnung, neuerdings auch das Taxi und sparen so Geld und Ressourcen. Die Genossenschaft erlebt ein Comeback und gibt auch anderen neuen Gesellschaftsformen Auftrieb. Jeder Anteilseigner kann dort unabhängig von der Höhe seiner Einlage aktiv an den gemeinschaftlichen Zielen mitarbeiten. Über 600 Kooperativen haben sich in den letzten drei Jahren in Deutschland neu gegründet; insgesamt sind es 7.500, die hierzulande 800.000 Menschen Arbeit bieten. 



Wer die Zukunft nicht mitgestaltet, der wird selbst gestaltet. Das gilt für Bürger und Konsumenten wie für Unternehmen. 300 Jahre nachdem sich Hans Carl von Carlowitz Gedanken über langfristigen Holzanbau gemacht hat, stehen wir an einem Scheidepunkt. Jetzt gilt es, die zur politischen Phrase degradierte Nachhaltigkeit mit Leben zu füllen: Mit grünen Innovationen, ausgefallenen Geschäftsideen und Produkten, die nicht nach einem Jahr kaputt gehen.

Zum Weiterlesen

Tina Teucher 


Nachhaltigkeit. Zur Diskursgeschichte eines Konzepts. 

Das Buch von forum-Chefredakteurin Tina Teucher beleuchtet die Geschichte des Leitbilds Nachhaltigkeit: Einerseits ist das Konzept einem zyklischen Prinzip verhaftet - etwa dem ausgewogenen Kreislauf von Säen, Wachsen, Ernten und Neupflanzen. Andererseits ist es durch den quasitheologischen Glauben an Wachstum und Technologie eng mit dem Gedanken der Fortschrittsidee verknüpft. 

Das Buch zeigt, wie eng der Diskurs mit den vielfältigen Transformationsprozessen der Moderne verwoben ist. 

2012, 100 Seiten, EUR 49,00, ISBN: 978-3-639-38807-7



Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin "forum Nachhaltig Wirtschaften" 1/2013 mit dem Schwerpunkt Energiewende und dem Special "300 Jahre Nachhaltigkeit in Deutschland" . 

online-Version des Beitrags:
http://www.nachhaltigwirtschaften.net/scripts/basics/eco-world/wirtschaft/basics.prg?a_no=6614