Tina Teucher

Tina Teucher, Jahrgang 1986, ist seit 2009 leitende Redakteurin des Entscheider-Magazins forum Nachhaltig Wirtschaften. Sie studierte Romanistik und Germanistik (Literatur- und Kulturwissenschaft) in Dresden und Lille sowie den MBA Sustainability Management an der Leuphana Universität Lüneburg. Als freie Journalistin für verschiedene Medien, u.a. FUNDRAISER-Magazin, publizierte sie zu Themen wie Fundraising und nachhaltige Lebensstile. Für ihre Filmregie zur Kommunikation von Klimawandel und Erneuerbaren Energien wurde sie mit dem Climate Clips Award 2010 und dem oekom-Preis ausgezeichnet. Tina Teucher tritt öffentlich auf mit Vorträgen, Moderationen und Podiumsdiskussionen zu den Themen Corporate Social Responsibility (CSR), Stakeholderdialog, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Sustainability Management, Social Business & Entrepreneurship. Ihre Bücher und Artikel beleuchten die Themen Nachhaltigkeit, internationale Umweltpolitik und CSR-Kommunikation. Sie engagiert sich u.a. in der Jury von CSR-Jobs, im Alumni e.V. des MBA Sustainability Management sowie als Jurymitglied für den „Tu es!“-Song der Gesichter der Nachhaltigkeit.
Mehr Informationen unter: http://www.forum-csr.net

 

Sustainable Entrepreneurship in Deutschland

Gründe zum Gründen gibt es genug. Doch wer kann helfen, damit es
richtig losgeht? Ein Überblick.

Sie nennen sich Nachhaltigkeitsgründer, Ecopreneurs oder Social Business: Junge Unternehmer mit einer ökologischen und sozialen Geschäftsidee liegen im Trend. Zahlen gibt es freilich noch keine für diesen schwer abgrenzbaren Markt; allein der Green Economy Monitor des Borderstep Instituts fand heraus, dass immerhin 13,6 Prozent der über 1.000 untersuchten Start-ups „grüne“ Gründungen seien. Aber was macht einen sinngetriebenen Gründer aus?
Ähnlich wie „normale“ Gründer sind nachhaltigkeitsorientierte Gründer grundverschieden: Da sind die Technikfreaks wie AO Terra aus Dresden, die mit der Abwärme von Servern ganze Häuser heizen. Da sind die sozial Veranlagten wie das junge Fairtrade-Label „fairliebt in Jyothi“, das arbeitslosen Inderinnen in Kooperation mit einer NGO vor Ort das Nähen beibringt. Da sind die Wiederverwertungs- Fans wie das millionenschwere Eco-Business TerraCycle, das mit Hilfe von Hard- und Software aus Müll Verkaufsschlager macht: stylische Blumentöpfe aus alten Computern, Lautsprecher aus Tetrapaks, Taschen aus Altpapier. Da sind außerdem die Materialtüftler wie der Neu-Ulmer Franchise-Geber BioZell, der mit seiner ökologischen Alternative zum herkömmlichen Strukturputz für Häuser sowohl preis- als auch designbewusste Kunden ansprechen will. Und da sind die unzähligen Besitzverachter wie Peerby oder Fragnebenan, die Share-Economy- Plattformen im Internet oder mit Apps aufbauen. Sie wollen ihre Nachbarn und ihr Umfeld näher kennenlernen. Oder zumindest, was die so haben: Wohnungen, Autos, Klamotten, Gartenschläuche, Biertischgarnituren. Denn für sie ist leihen seliger als kaufen.
Gemeinsam haben all diese Gründer, dass sie nicht nur einen Gewinn erwirtschaften wollen, indem sie ein Bedürfnis erfüllen (das sie vielleicht sogar erst über geschicktes Marketing schaffen müssen). Sie wollen darüber hinaus einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten. Sinn stiften. Indem sie Ressourcen sparen (wie Original Unverpackt, der erste Supermarkt ohne Einwegverpackungen), Medizin (Rucksackspende) und Strom (Bonergie) in abgelegene Gebiete bringen oder funktionierende Ökosysteme stärken (wie die Aktion „Balkonbienen“ oder der Honig von nebenan, „Quartierbiene“). Das Start-up Glosus will die ökologischen und sozialen Leistungen anderer Unternehmen stärken – mit einer Plattform für Nachhaltigkeitsmanagement.

Mission: Geld durch Gutes

Nachhaltige Start-ups legen einen Spagat hin: Einerseits wollen sie ihre Gewinne direkt wieder in die ökologische oder soziale Mission ihres Unternehmens stecken. Ein in der Wirtschaft übliches großes Budget für Marketing und Unternehmensführung ist da nicht vorgesehen. Doch andererseits müssen sie sich in der gleichen Wirtschaft behaupten und die Aufmerksamkeit von Kunden und Öffentlichkeit auf sich ziehen. Deshalb ist die Grundlage allen Erfolgs ein gutes Geschäftsmodell, mit dem die Gründer regelmäßig Gewinne (oder – bei Social Business-Projekten – zumindest Spenden) erwirtschaften können, um damit ihre Mission zu finanzieren. Und dafür braucht es Startkapital.
Alle Gründer brauchen Geld. Das kann aus verschiedenen Quellen kommen: Zuerst muss meist das Ersparte von den Gründern selbst, ihren Freunden und Familien herhalten. Danach gibt es verschiedene Möglichkeiten: Banken sind nicht besonders risikofreudig und verlangen hohe Sicherheiten, die Gründer meist nicht bieten können. Das lassen sich die Geldhäuser gut bezahlen: Die Investitionsbank Hessen nimmt zum Beispiel einen Zinssatz von bis zu 15 Prozent, je nach Business Plan, Sicherheiten und Risikoeinschätzung. Marketing-affine Gründer aktivieren ihre Fans und Kunden, um via Crowdfunding eine Finanzierung mit kleinen Beträgen von vielen Einzelnen zu bekommen. Business Angels (vermögende Privatpersonen mit unternehmerischer Erfahrung) oder Venture Capital-Gesellschaften (Vermittler zwischen sogenannten „High Net Worth Individuals“ und Start-ups) legen sehr strenge Kriterien an ihre Investitionsprojekte an.
Der Prozess des Matchings, also des Zusammenbringens von Geldgebern und Geldsuchenden, ist schwierig, weiß Egbert Hünewaldt. Der Green Economy-Experte berät seit vielen Jahren nachhaltigkeitsorientierte Jungunternehmen. „Viele Gründer schrauben drei Jahre an ihrer Idee und glauben dann, sie ist eine Million Euro wert. Dann kommt der Investor und sagt: ‚Aha, ein Konzept‘“, fasst Hünewaldt die unterschiedlichen Ansichten der Finanzierungspartner zusammen. Für die faire Bewertung eines Konzepts brauche man eigentlich einen professionellen Auditor, der von beiden Seiten bezahlt wird – und eine unabhängige Anwaltskanzlei, die die Verträge aushandelt. In der Realität herrscht aber ein Ungleichgewicht, weil die Gründer meist schon ihr ganzes Geld in die Entwicklung der Innovation gesteckt haben. Wer dennoch in Deutschland mit seiner nachhaltigen Idee Risikokapital bekommen will, stößt irgendwann auf BonVenture (www.bonventure.de), den Social Venture Fund (www. socialventurefund.com) oder den Business Angel-Verband (www.business-angels.de), von dessen 14 Netzwerken drei ausschließlich auf Cleantech ausgerichtet sind. Nach der Anfangsphase eines Start-ups (sog. Seed-Phase), in der nur besonders risikofreudige Investoren einsteigen, helfen auch schon mal Venture Capitalists. So investieren zum Beispiel Wellington Partners in kapitalintensive Vorhaben im Bereich Ressourceneffizienz (www.wellington-partners.com).

Langer Atem: Soziale Nachhaltigkeit kommt oft zu kurz

Klar, dass die zahlreichen IT-Start-ups weniger Kapital brauchen, als technologieintensivere Lösungen wie Energiespeicher. In Berlin, der deutschen Hauptstadt der Start-ups, sprießen die Internetlösungen für nachhaltigen Konsum nur so aus dem Boden: Die Marktplätze fairnopoly.de, wegreen. de oder (in Hamburg) avocadostore.de sind in der Szene bekannt, bei Carsharing- und Mitfahrgelegenheitsanbietern wird der Markt aber fast unüberschaubar. Nicht alle von ihnen werden überleben. Und viele der Gründer werden lange brauchen, bis sie sich ein angemessenes Geschäftsführergehalt zahlen und sich selbst das Prädikat „sozial nachhaltig“ geben können. „Viele verwechseln den ersten Presse-Run mit wirtschaftlichem Erfolg und fallen dann in ein Motivationsloch“, sagt Egbert Hünewaldt. Wer gründet, müsse sich im Klaren darüber sein, dass eine Durststrecke von drei bis fünf Jahren vor ihm liegt.

Ein wichtiger, unter Weltverbesserern oft vernachlässigter Erfolgsfaktor ist Professionalität. Die Angst ist aus dem Fundraising-Sektor bekannt: Zu viel Anschein von Professionalität könnte „Fans“ und „Freunde“ verschrecken, das Projekt könnte nicht mehr authentisch wirken. Andererseits brauchen auch und gerade nachhaltige Unternehmen Profis in Strategie, Marketing und Vertrieb, um sich am Markt zu behaupten und die Mehrkosten, die nachhaltiges Wirtschaften oft mit sich bringt, durch andere Wettbewerbsvorteile aufzuwiegen. Aus Mangel an Professionalität sind viele soziale und ökologische Start-ups für talentierte Arbeitnehmer kaum attraktiv: Sie versprechen zwar eine Tätigkeit mit gesellschaftlicher Wirkung, bieten aber oft weniger Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten – und vor allem weniger Geld. „Sinnstiftung als Karrieresackgasse“, nennt Dennis Hoenig-Ohnsorg von der Social Entrepreneurship Förderorganisation „Ashoka“ dieses Phänomen in seinem Beitrag auf www.forum-csr.net.

Zusammenraufen: Im Alleingang schafft es keiner. Häufig wollen nachhaltigkeitsorientierte Gründer am liebsten gar kein Geld für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit in die Hand nehmen. Sie hoffen, das Gute würde sich schon durch Mund-zu-Mund-Empfehlungen und über das Internet viral verbreiten. Eine Lösung können hier Kooperationen mit bestehenden Unternehmen und Organisationen sein – schließlich muss nicht jeder das Rad neu erfinden. So haben sich etwa die gemeinnützige Social Impact GmbH, die Deutsche Bank Stiftung und die Crowdfunding-Plattform Startnext zusammengetan, um das Social Impact Finance- Förderprogramm ins Leben zu rufen. Seit November 2013 soll es sozial innovative Gründer bei der Erschließung neuer Finanzierungsformen unterstützen. Die bekannte Aktion „Deutschland rundet auf“ hat sich die Unterstützung von 18 Handelspartnern gesichert – darunter Douglas, WMF, Penny, SinnLeffers und Kaufland. Auch hat sie die für viele Sozialunternehmen schwierigen Fragen der Gemeinnützigkeit und Gewinnnutzung organisatorisch geregelt: „Deutschland rundet auf“ besteht zum einen aus einer Gemeinnützigen Stiftungs-GmbH, die die aufgerundeten Spenden von den Handelspartnern verwaltet und zu 100 Prozent an Spendenprojekte für sozial benachteiligte Kinder weiterleitet. Zum anderen finanziert eine Partner-GmbH (100-prozentige Tochter der Stiftungs-GmbH) die Verwaltungskosten – wie Personal und Marketing – aus umsatzabhängigen Gebühren der teilnehmenden Handelspartner.

In jedem Fall sollten Gründungswillige sich Unterstützung suchen, Synergien und Netzwerke nutzen. Denn: „Man muss ja kein Geschäftsmodell neu erfinden, z.B. beim Thema Vertriebswege“, sagt Egbert Hünewaldt. Es gibt zwar Menschen, die es auch ohne externe Hilfe, spezielle Ausbildung oder Beratung schaffen. „Das Risiko, zu scheitern, ist aber immer größer, wenn man weniger Informationen hat“, weiß Prof. Stefan Schaltegger vom Centre for Sustainability Management an der Leuphana Universität Lüneburg. „Je mehr Leute einem helfen können, je einfacher das Angebot wahrgenommen werden und man darüber lesen kann, desto geringer die Schwierigkeiten für eine Gründung“. Berater, Inkubatoren und Gründungszentren unterstützen auch Menschen, die sonst nicht gewagt hätten, zu gründen. So entstand zum Beispiel die erfolgreiche Ein-Dollar-Brille (forum 2/2013 berichtete) durch die Unterstützung des sozialen Inkubators Enactus. Der international arbeitende Verein bringt Studierende mit sozialunternehmerischen Ideen und Förderunternehmen zusammen, zu denen derzeit unter anderem Beiersdorf, die Telekom, Lufthansa, Porsche und SAP gehören. Auch Gründerpreise bringen Start-ups auf die nächste Stufe. Der KarmaKonsum Gründer- Award gilt als besondere Adelung: Jedes der bisherigen Gewinnerunternehmen hat sich am Markt behauptet. Die Sieger erhalten Anzeigenvolumina für große Zeitungen, Beratung und Coachings (www.karmakonsum.de/konferenz/award). Beim Ideenwettbewerb Leuchtturm bekommen die Gewinner Beratungsgutscheine, ein Preisgeld von 3.000 Euro und Mikrofinanzkredite (www.ideenwettbewerb-leuchtturm.de).

Unbezahlbar: Der Rat der vielen
Die allgemeine Gründungsberatung von offiziellen Stellen gilt als zäh und wenig verständnisvoll: Es geht klassischerweise um Businessplan-Analysen, Kalkulation und Skalierung – eher eine Schulungsmaßnahme, die zudem praxisfern ist, weil die meisten der Berater noch nie selbst gegründet haben. Anders ist das bei der Sustainable Business Angels-Initiative (www. sba-initiative.de), bei der erfahrene und erfolgreiche Nachhaltigkeitspioniere wie Bionade-Gründer Peter Kowalsky und memo-Gründer Jürgen Schmidt junge Unternehmen beraten. Wichtig ist auch die Vernetzung von Unternehmungslustigen untereinander, wie im Beta Haus Berlin (www.betahaus.de), im Social Impact Lab (www.socialimpactlab.eu) oder im HUB München. Einige solcher Coworking Space-Anbieter veranstalten regelmäßig Start-up-Days, bei denen Gründer ihre Geschäftsidee vorstellen und vom Feedback und der Intelligenz der Crowd profitieren können. „Die Beratungsleistung von 20 engagierten Gründern aus unterschiedlichen Bereichen ist unbezahlbar. Da braucht man nicht auf den großen Finanzinvestor warten“, sagt Egbert Hünewaldt.

Wer nicht aus dem Kalten gründen und zunächst das Handwerkszeug erlernen will, findet beispielsweise bei der Social Entrepreneurship Akademie in München (SEA) Unterstützung (www.seakademie.de). Im Jahr 2008 steckten die Direktoren der vier Entrepreneurship-Zentren der Münchener Universitäten die Köpfe zusammen, um eine Ausbildung für Sozialunternehmer zu planen. Heute erhalten Gründungswillige bei der SEA eine klassische Qualifizierung durch den intensiven Zertifikatskurs „Gesellschaftliche Innovation“. Er besteht aus einem Jahr mit praxisnaher „Hands-on“-Wissensvermittlung, Ideengenerierung, Teamfindung und einem Praxisjahr mit Konzeptentwicklung, dauert zwei Jahre und kostet 2.250 Euro. Wer nicht 24 Monate voll eintauchen will, kann auch einzelne Workshop-Reihen zu Skalierung, Wirkungsmessung und Finanzierungsalternativen besuchen. Die Akademie unterstützt zudem mit einem großen Netzwerk von pro bono- Beratern, unter anderem zu rechtlichen Fragen: „Social Entrepreneure sind oft als Hybride aufgestellt, das heißt, sie sind teils Verein, teils GmbH“, weiß Oliver Beckmann, der bei der SEA die Qualifizierung leitet. Deshalb reiche es nicht, wie bei klassischen Gründungen einfach die IHK und das Gewerbeamt aufzusuchen. Nach einer solchen Frühphasenausbildung können Gründer mit ihrem bewährten Konzept eine Unterstützung bei Ashoka beantragen (www. germany.ashoka.org). Die Organisation unterstützt Gründer drei Jahre lang durch ein persönliches Stipendium, das die Lebenshaltungskosten finanziert, damit sie sich voll auf die Entwicklung und Skalierung ihrer Idee konzentrieren können. Weltweit hat Ashoka so schon über 3.000 „Fellows“ unterstützt. Einer dieser Fellows ist Norbert Kunz, Geschäftsführer von iq consult, einem Thinktank für soziale Innovationen. Er ist als Serial Social Entrepreneur bekannt, hat also schon einige nachhaltige Unternehmen erfolgreich gegründet. Sein Rezept: Es gibt keins. „Wenn Du als Entrepreneur erfolgreich sein willst, musst Du lernen, gegen den Strom zu schwimmen. Meide den Ratschlag jener, die genau wissen, wie es geht“. Die größte Inspirationsquelle für gute Lösungen sind immer noch gesellschaftliche Probleme, sagt dazu Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Und wenn eine solche Lösungsidee richtig gut durchdacht ist, zieht sie Fans und Unterstützer magisch an.

(https://www.polarstern-energie.de)