Ulrich Terrahe

Ulrich Terrahe, geb. 1966 in Rheine, ist Geschäftsführer dc-ce RZ-Beratung GmbH. Der Dipl.-Wirtsch-Ing. (FH) studierte an den technischen Fachhochschulen in Gießen und Berlin. Erste berufliche Stationen waren Lennox Industries in England, die Kraftwerksunion, Rudolph Otto Meier und Raab Karcher Wärmetechnik. Seit 1997 ist er ausschließlich in der Rechenzentrumsplanung tätig. Zunächst bei Schnabel AG (von 2000 bis 2007 als Vorstand), danach als Inhaber des eigenen Unternehmens dc-ce RZ-Beratung GmbH & Co KG.
Heute gilt er als Spezialist in der RZ-Branche und bietet Beratungs- und Planungsleistungen rund um die Infrastruktur von Rechenzentren. 2007 gewann er in London den European Datacenter Award in der Kategorie „Future Thinking and Design Concepts“ und war danach mehrere Jahre Mitglied in der Jury. Heute ist er Veranstalter für das Event „future thinking“ und des „Deutschen Rechenzentrumspreises“, einer Plattform für innovative Entwicklungen in der Branche. Seit 2013 betreibt die dc-ce am Hermann Rietschel Institut an der Technischen Universität in Berlin ein Test- und Forschungsrechenzentrum, das an verschieden Lösungen zur Optimierung von Rechenzentren forscht. Zudem ist er Mitglied des Kuratoriums der green blue social you stiftung.

Weitere Informationen:
www.future-thinking.de
http://dc-ce.de
http://green-blue-social-you.org/ueber-uns/kuratorium-der-stiftung/

 

Warum Rechenzentren nachhaltig geplant und gebaut werden sollten  

Interview mit Ulrich Terrahe


Herr Tarrahe, inwiefern haben sich die Anforderungen an Rechenzentren heute geändert?

Rechenzentren sind heute spezieller geworden. Das Spektrum der Möglichkeiten ist um ein Vielfaches größer als noch vor einigen Jahren. Wir haben Leistungsanforderungen von 500 bis 5000 W/m², RZ -Größen von 20 bis 50.000 m² und mehr sowie unterschiedlichste Verfügbarkeits- und Sicherheitslevel. Aufgrund der Verdichtung der IT-Technik (wesentlich mehr Leistung auf immer kleineren Geräten) ist die Energiedichte W/m² angestiegen. Einerseits sind deshalb die Klimatisierungssysteme komplexer geworden, andererseits haben neue hocheffiziente Systeme die Möglichkeiten erweitert. Aber die wichtigste Veränderung ist, dass IT und Facility Management immer mehr zusammen wachsen. Man sollte sich schon frühzeitig mit der IT-Technik auseinandersetzen, um das optimale Rechenzentrum bauen zu können.

Weshalb können kleine IT- oder mittelständische Unternehmen und global agierende Konzerne im Prinzip die gleichen Fehler machen?

Gerade weil die Komplexität und Vielfalt zugenommen hat, ist ein Rechenzentrum mehr als Produktionsstätte und nicht nur als Gebäude zu betrachten. Diese Erkenntnis wird häufig unterschätzt. Darin liegt der größte Fehler - ob Konzern oder Mittelstand. Wenn ein Rechenzentrum still steht, dann steht in der Regel der Betrieb bzw. das ganze Unternehmen. Dabei ist es egal, ob es ein großes oder kleines Unternehmen ist. Der Schaden für das Unternehmen bedeutet fast immer einen Totalausfall.

Wie kann ein perfektes Zusammenspiel der einzelnen Gewerke eines Rechenzentrums erreicht werden?

Um das perfekte Zusammenspiel der einzelnen Gewerke zu ermöglichen, ist von Anfang an eine integrale Betrachtungsweise, basierend auf einem klaren Konzept, notwendig. Der Bauherr eines Rechenzentrums sollte schon vor Planungsbeginn sehr deutlich beschreiben und nahezu unumstößlich dokumentieren, was seine Anforderungen (z. B. Größe, Leistung, Verfügbarkeit) an seinem  Rechenzentrum sind. Dann sollte er ein gutes Berater- und Planerteam wählen, das diese Anforderung interpretieren und planerisch umsetzen kann. Teuer bis hin zu „tödlich“ ist es in diesem Prozess, von Vorgaben wieder abzuweichen, da alle Flächen, Anlagen und Komponenten sowie Trassen optimal auf das Gebäude angepasst sind

Weshalb darf ein System, das gut mit Komplexität klarkommt, nicht überreguliert und mit festen Hierarchie- und Organigramm-Verknüpfungen versehen sein?

Um mit komplexen Systemen wie einem Rechenzentrum  klar zu kommen bzw. es dieses optimal aufzubauen, braucht man Spezialisten, die ein hohes Maß an planerischer Freiheit bekommen müssen. Sie bringen Kreativität und Innovation in die Lösungen. Natürlich müssen am Ende alle Systeme perfekt ineinander greifen, aber um die kreativen Ideen jedes Einzelnen nicht im Keim zu ersticken und trotzdem ein perfekt Gesamtes zu erhalten, muss die übergeordnete Hierarchie (Projektleiter) eher eine „moderierende“ als eine „diktierende“ Funktion übernehmen. Ein Projektleiter wird nie in der Lage sein, bis in die Tiefe alles selbst zu können. Er hat die integrale Sichtweite, die Experten die Tiefe.

Wie sieht ein nachhaltiges Konzept aus? Und weshalb muss der Anspruch an Sicherheit und Verfügbarkeit bereits hier definiert sein?

Jeder Rechenzentrumsbetreiber hätte am liebsten die 100 Prozent Verfügbarkeit seines Rechenzentrums. Abgesehen davon, dass es diese nicht gibt, kostet dieses  Ziel  immer mehr Geld. Budgetvorgaben sind hier aber immer der begrenzende Faktor. Deshalb macht es Sinn, sich zunächst auf ein Sicherheits- und Verfügbarkeitsniveau festzuschreiben. Auf dieser Basis kann man dann Konzepte bzw. Lösungen aufbauen. Umgekehrt funktioniert es nicht und endet dann immer wieder in „halbseidenen“ Kompromissen.

Was macht ein nachhaltiges Konzept aus?

Es zeichnet sich dadurch aus, dass das Thema Effizienz und insbesondere „Energieeffizienz“ in der Planung berücksichtigt wird. Und das fängt mit der Überlegung an, welches  der effizienteste Rechner für meine Anwendung ist. Allein wenn das schon umgesetzt werden würde, würden wir 30 bis 50 Prozent der Energiekosten und Investitionskosten einsparen. Wenn diese Information nun auch an das Facility Management (RZ Betreiber und Planer) weitergegeben wird, könnten sie die optimale Versorgungstechnik dafür bereitstellen.

Wie kann die Qualität der Prozessgestaltung in Organisationen verbessert werden?

Eine gute Prozessgestaltung in einer Organisation verlangt immer eine gute Kommunikation. Meiner Meinung nach ist das eines der „Hauptgeheimnisse“. Wenn man sich gegenseitig versteht, respektiert und akzeptiert, läuft die Planung/der Bau eines Rechenzentrums „fast“ von alleine.

Was macht für Sie eine intelligente Organisation aus?

Eine wichtige Funktion hat wie erwähnt der Moderator (Chef oder Leiter etc.), der seinem Team geistige Freiheit und Flexibilität gibt. Er koordiniert die einzelnen Charaktere und deren Ergebnisse und sorgt dafür, dass möglichst jeder (freiwillig) seine Energien freisetzt.

Neu in Ihrem Schulungsprogramm  ist auch das Thema “Blauer Engel”. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Die Idee hinter dem „Blauen Engel“ ist genau richtig: Energieeffizienz als Teil des unternehmerischen Handelns fest zu verankern. Da wir an den Ausarbeitungen mitgewirkt haben, ist es auch naheliegend, dass wir dieses Wissen (zur Umsetzung) weiter geben.

Weshalb sollte die Personalplanung bei einem Konzept von Beginn an mitbedacht werden?

Wir Deutschen (ich denke es ist ein deutsches Phänomen) sind sehr techniküberzeugt. Am liebsten lösen wir unser Problem mit Technik. Wir planen baulich und technisch hochsichere Rechenzentren. Diese bedürfen aber eines entsprechenden Know-hows, um es auf diesem Niveau zu betreiben und zu halten. Oft sind aber das Personal und die Betriebsabläufe gar nicht definiert, und man wundert sich dann hinterher, dass alles gar nicht so umsetzbar ist, wie es sein sollte. Also ist die Organisations- und Personalplanung ein dringender Punkt eines Konzeptes. Lieber eine Stufe unkomplizierter als später nicht händelbar

Warum ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Mitarbeiter bewusst eigenverantwortlich und selbstständig handeln?

Nur wenn der Mitarbeiter eigenverantwortlich und selbstständig arbeitet, hat er meiner Meinung nach Spaß an der Arbeit, denn der eigene Erfolg, aus dem Energie und Drive für folgende Herausforderungen entstehen, wird nur dann als „eigener Erfolg“ wahrgenommen, wenn man auch in der Lage war, schwierige Phasen eines Projektes eigenständig zu meistern. Dabei spielt das Team eine entscheidende Rolle. Das trifft übrigens nicht nur auf das Rechenzentrum zu - Anerkennung vor sich selbst und von anderen  ist dann eine logische Folge.

Wie kann die Effizienz der IT-Geräte verbessert werden?

Zunächst finde ich es wichtig, schon  beim Einkaufen auf Effizienz zu achten und diese Einstellung auch den  Lieferanten zu verdeutlichen. Sie sind damit angehalten, ihre Geräte effizienter zu gestalten. Im Betrieb sollten IT-Geräte überwacht und der Energieverbrauch messbar bzw. ablesbar gemacht werden: Wenn diese Kriterien erfüllt sind, können Benchmarks abgefragt werden. So entwickelt sich schnell ein Gefühl, welche Rechner effizient laufen, und wo die Stellschrauben sind. Virtualisierung ist für mich hier sehr wesentlich.

Weshalb ist es aus Ihrer Sicht nicht ratsam, dem Reflex „Schneller, höher, weiter“ beim Einkauf von Hardware zu folgen?

Weil die Anwendung vorgibt, was für Leistung benötigt werden. Sehr häufig  liegt die mittlere Auslastung eines guten Servers in Deutschland unter 20 Prozent. Nur verändert sich der Energiebedarf von Rechnern nicht linear. Die besten Server haben im Idle-Modus (Standby) heute noch 40 Prozent der maximalen Lastanforderung. Das ist verschwendete Energie. Aber auch Überdimensionierung und damit unnötig gebundenes Investitionskapital müssen kritisch betrachtet werden.

Welche aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen sehen Sie derzeit im Bereich Energieeffizienz und Einsparpotenziale von Rechenzentren?

Eine aktuelle Entwicklung ist es, neue Lösungen für eine energieeffiziente Klimatisierung zu implementieren. Aktuell sind es Hybridlösungen – freie Kühlung so lange es geht und simple Kälteerzeugung für den Rest der Zeit. Der nächste Schritt wird sein, die mechanische Kälteerzeugung komplett zu eliminieren. Ein zweiter Trend ist, die Energieversorgung des Rechenzentrums dynamisch in das Gesamtnetz einzubinden. Batterien werden als Speicher genutzt und kappen Spitzenlasten, und NEAs geben bei Bedarf (alternative Energiequellen fallen z.B. wegen Windmangel aus) Energie in das Netz. Zu einem weiteren Trend gehört, dass  Server und Infrastruktur mehr zusammen wachsen. Die Wärme wird direkt am Rechner abgeholt und kann zu Heizzwecken genutzt werden. Die Lüftungsregelung der Server kommuniziert mit denen der Klimageräte.

Inwiefern lässt sich mit besser ausgelasteten Servern mehr sparen?

Der Energieverbrauch von Servern ist nicht linear. Wie bereits beschrieben, brauchen sie im Idle-Modus häufig noch 40 Prozent der Energie, die sonst  bei Vollauslastung benötigt wird. Mittlerweile verbessert sich dies aber, und ich bin überzeugt, dass es bald auch ein Standby gibt, wie wir es von Fernsehern gewohnt sind.

Was bedeuten Ihnen das „future thinking“/DRZP und die Vergabe des Deutschen Rechenzentrumspreises?

Ich sehe, wie im Rechenzentrum Energie verschwendet wird, wie wenig wir darüber nachdenken, warum wir überhaupt  so viel Energie verbrauchen. Es fehlt das Bewusstsein oder die Verantwortung dafür. Gründe sehe ich darin, dass wir Menschen eine Endlichkeit der Ressource Energie noch bei weitem nicht zu sehen, auch wenn Wissenschaftler uns davor warnen. Auch ist der Betrachtungszeitraum eines einzelnen Menschen nicht konform mit dem Zeitraum des Klimawandels.  Klimaveränderungen oder andere Phänomene wollen oder können  wir noch nicht direkt verknüpfen. Moral-Aposteltum nützt hier nichts - hier ist innere Überzeugung gefragt.

Deshalb sehe ich in der future thinking/ DRZP die Aufgabe des „Aufmerksammachens“ auf Möglichkeiten, das Zusammentragen von Informationen und das Darlegen der Vorteile eines effizienten Handelns. Das ist die Mission, die ich erreichen möchte. Mit dem Deutschen Rechenzentrumspreis wird nun auch noch der Ehrgeiz angeregt. Unsere Aufgabe ist es, die Lösungen wieder sichtbar zu machen und in den Markt zu kommunizieren.

Weshalb muss im Zeitalter der Digitalisierung die Vorstellung vom Sinn und Zweck von Unternehmen neu ausgerichtet werden?

Weil wir global vernetzt sind. Es gibt keine Grenzen mehr. Wir bekommen in kürzester Zeit weltweit Informationen. Wir können Handelsebenen umgehen und oft beim Hersteller direkt einkaufen. Kleine Unternehmen können sich über verschiedenste Medien eine Sichtbarkeit geben (und finanzieren), die einem großen Unternehmen kaum noch nachsteht. Wir sind im Google- und Youtube-Zeitalter – Informationsaufnahme und Kaufentscheidungen haben sich drastisch geändert.

Welchen Herausforderungen werden sich innovative Unternehmen stellen müssen? Weshalb wird die reine Betriebswirtschaftslehre dabei nicht mehr wie bisher eine vordergründige Bedeutung haben?

Die alte Betriebswirtschaftslehre wird nicht mehr die gleiche Bedeutung haben, weil sie das Kommunikationszeitalter nicht als Basis hat. Derjenige, der das Instrument der Kommunikation versteht, spricht den Kunden letztendlich an. Selbstverständlich muss das Produkt im zweiten Step auch überzeugen  

Wie ist wirtschaftliches Wachstum mit sozialer Verantwortung zu vereinbaren?

Beide schließen sich nicht aus. Ich bin davon überzeugt, dass gerade große Teile der deutschen mittelständischen Unternehmen hohe soziale Verantwortung übernehmen und sich sowohl für die Mitarbeiter, die Region als auch für die Umwelt verantwortlich fühlen. Doch  erst ein gewisser Reichtum sorgt dafür, dass so etwas umsetzbar ist. Bill Gates oder Warren Buffet können erst durch ihren Reichtum das bewirken, was sie heute auszeichnet. Future thinking und der Deutsche Rechenzentrumspreis wäre nicht möglich, wenn kein unternehmerisches Denken und Wachstumsstreben mitspielen würden. Also wenn nicht Gier, Habgier oder Größenwahn, sondern Verantwortung für das eigene  Tun sowie Respekt gegenüber den Mitmenschen berücksichtigt werden lässt, sich beides gut vereinbaren. Das sollte das Ziel sein.

Weshalb sehen Sie in der green blue social you Stiftung einen Partner der Nachhaltigkeit? Was ist das Besondere an deren Konzept?

Dass es keine „Fanatiker“ oder „Moral Apostel“ sind. Ich nehme die Menschen hinter green blue social you wahr als engagierte Mitstreiter, die sagen, dass es besser ist, etwas zu tun als gar nicht zu handeln. Jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Gemeinschaft einsetzen. Und es wird gewünscht, dass man eigene Ideen entwickelt. Der Initiator von green blue social you, Andreas Marth, hatte ähnliche Ansätze bei der Grünung der Stiftung wie ich bei der future thinking und dem DRZP. Wir sehen uns nicht als vordergründige „Weltverbesserer“, sondern  haben beide Ideen entwickelt, wie wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Nachhaltigkeit leben und uns gut dabei fühlen.

Welche direkten Einflussmöglichkeiten haben Sie als Mitglied des Kuratoriums?

Wir können Vorschläge für eigene Projekte einbringen und diskutieren darüber, wie Ziele erreicht werden können. Auch wird die Meinung jedes Einzelnen sehr geschätzt.

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Stand: Februar 2015