Uwe Treiber

Uwe Treiber ist Geschäftsführer der Sonnendruck GmbH in Wiesloch. 2010 übernahm der Druckkaufmann die Druckerei, die kurz vor dem Konkurs stand und setzte seine Überzeugungen in Sachen Umwelt und Soziales in seiner Firma um. Schritt für Schritt wurde Sonnendruck zum nachhaltigen Unternehmen ausgebaut: Es wurde FSC zertifiziert, Biofarben wurden eingesetzt, Strom und Gas aus regenerativen Quellen bezogen und den Kunden klimaneutrales Drucken angeboten.

Der gesamte Fuhrpark wurde auf Klimaneutralität umgestellt. Mitarbeiter genießen einen gut bezahlten mitbestimmten Arbeitsplatz bei einem offenen und wertschätzenden Umgang miteinander.

Treiber erstellte 2013 erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz und zählt damit zu den Pionierunternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Die GWÖ versteht sich als alternatives Wirtschaftssystem. Ein System, das auf Menschenwürde, Solidarität, Kooperation, ökologische Verantwortung und Mitgefühl aufbaut.

Gemeinwohl ist Richtschnur für unternehmerischen Erfolg. An Stelle von Konkurrenz und Gewinnstreben treten kooperatives Wirtschaften, menschliche Werte und Ethik. Uwe Treiber ist Mitbegründer der GWÖ-Regionalgruppe Rhein-Neckar und Vorstand im GWÖ Verein.

Weitere Informationen: www.sonnendruck.com


„Ich rede nicht nur, ich handle auch“. 
Wie ein Unternehmer die Gemeinwohl-Idee umsetzt

Interview mit Uwe Treiber, Geschäftsführer der Sonnendruck GmbH in Wiesloch


Herr Treiber, Sie haben 2010 eine Druckerei übernommen, die kurz vor dem Konkurs stand - warum?

Ich hatte bereits 15 Jahre als Druckkaufmann und zuletzt als Betriebsleiter für die Firma gearbeitet. Die Aussicht, zusammen mit meinen Kollegen den Job zu verlieren, war nicht wirklich prickelnd. Außerdem wollte ich meine persönliche Lebens- und Firmenphilosophie umsetzen: Den achtsamen Umgang mit Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden. Wichtig ist für mich eine Druckproduktion, die so ressourcen- und umweltschonend wie möglich ist. Schritt für Schritt habe ich das umgesetzt. Allerdings kam ich mir mit meiner Einstellung recht einsam vor - mehr als Einzelkämpfer.

Hat sich das irgendwann geändert?

Ja, zwei Jahre später, 2012. Ich traf bei einem Vortrag in Frankfurt auf den österreichischen Autor Christian Felber. Der stellte seine Ideen von einer Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) vor - ich war völlig begeistert. Seine Vision eines Wirtschaftssystems, das dem Menschen dient und nicht umgekehrt, bei dem menschliches Miteinander, Kooperation und Achtung vor der Natur im Mittelpunkt stehen, deckte sich mit meiner Lebens- und Firmenphilosophie.

Wie ging es dann weiter?

Ich hab mich sogleich auf den Weg gemacht, Gleichgesinnte zu finden. Schon im November 2012 haben wir mit zwölf Mitstreitern die GWÖ Initiative Rhein-Neckar in Heidelberg gegründet. Gleichzeitig wollte ich sehen, wo ich mit meinem Unternehmen überhaupt stehe und habe begonnen, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen.

Was muss man sich unter der Gemeinwohl-Bilanz vorstellen?

Die Gemeinwohlbilanz ist keine Finanzbilanz. Soll es auch nicht sein. Sie ist sozusagen das Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie und fragt ab, wie in meinem Unternehmen mit Menschenwürde, Solidarität, ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Transparenz in Bezug auf Mitarbeiter, Lieferanten, Geldgeber, Kunden und Gesellschaft umgegangen wird.

Was kostet so ein Verfahren und was bringt es?

Das ist mit anderen Audits - wie z.B. denen für die Einhaltung von Qualitätsstandards - vergleichbar. Aber wesentlich günstiger. Das Verfahren ist ziemlich zeitaufwändig. Für mich ist es wichtig, unsere Firmenphilosophie und unser Handeln auf den Prüfstand zu schicken, zu hinterfragen und zu lernen. Die Kosten belaufen sich auf ca. 2.000 Euro.

Ziel der GWÖ ist es ja, Unternehmen, die eine Gemeinwohlbilanz erstellen, z.B. Steuererleichterungen zu gewähren oder sie bei öffentlichen Aufträgen zu bevorzugen. Doch es ist wohl noch ein langer Weg, bis Bund, Länder und Gemeinden endlich umdenken.

Ihr Unternehmen hat 2013 und 2014 eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Wie hat sich das auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Die Bilanzierung hat uns aufgezeigt, wo in unserem Unternehmen Potential liegt, um Nachhaltigkeit und soziales Engagement zu steigern. Die Konsequenzen daraus sind für uns überschaubar. Die Punktebewertung ist für uns Anreiz, immer besser zu werden, unsere Potenziale zu erkennen und auszuschöpfen.

Nach der Bilanzierung weiß ich, was mein Unternehmen im Innersten zusammenhält und kann unsere Positionierung im gesellschaftlichen Umfeld besser überblicken. Ich kann es nur jedem Unternehmen empfehlen, so eine Bilanz zu erstellen.

Was sagen Kunden und Partnerbanken zu Ihrer Firmenphilosophie?

Nun, unsere Kunden finden das offenbar gut - denn über 100 Neukunden im Jahr und das in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld, sprechen eine deutliche Sprache. Unsere Stammkunden sind nach einer internen Umfrage sehr zufrieden mit uns. Daran werden wir weiter arbeiten.

Auch meine Banker freuen sich, dass wir trotz allem schwarze Zahlen schreiben. Allerdings fragen sie auch gleich nach, warum die denn so klein sind. Dann erkläre ich Gemeinwohl-Ökonomie gerne noch einmal.

Konkret: Wie setzen Sie in Ihrem Unternehmen eine verantwortungsbewusste, umweltfreundliche und nachhaltige Druckproduktion um?

Wir sind FSC-zertifiziert, das heißt, unser Papier kommt aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Wir bieten unseren Kunden klimaneutrales drucken an, fahren mit dem gesamten Fuhrpark klimaneutral und drucken mit Ökofarben. Strom und Gas beziehen wir aus regenerativen Quellen von Öko-Anbietern. Wir haben unseren Betrieb energieeffizient ausgelegt.

Außerdem legen wir großen Wert auf einen bewussten Einkauf der verwendeten Rohstoffe und Materialien und achten bei den Lieferanten genau auf Herstellungsverfahren.

Wie haben Sie Ihre Mitarbeiter in das Projekt eingebunden?

Im Vorfeld habe ich natürlich mit meinen Mitarbeitern gesprochen und erklärt, was es mit der GWÖ auf sich hat. Manche waren erstaunt, was ich da mache. Mancher hat nicht gleich alles verstanden. Während und nach der Bilanzierung hat sich aber viel in den Köpfen getan. Z.B. wurde ein Coach engagiert, der uns in Sachen Team, Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen schulte. Das haben alle mit Begeisterung angenommen. Wir sind als Sonnendruck-Team zusammengerückt, haben uns dadurch neu und besser kennengelernt.

Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen mit Ihren Mitarbeitern um, wie sieht Ihr soziales Engagement aus, was machen Sie da anders?

Ich biete meinen Mitarbeitern einen gut bezahlten und mitbestimmten Arbeitsplatz. Wir stellen für alle kostenlos gesunde Getränke und einen Obstkorb bereit. Ein respektvoller und wertschätzender Umgang miteinander ist für mich selbstverständlich. Ich höre meinen Mitarbeitern zu und versuche, bei Problemen schnell und unkompliziert zu helfen. Unsere Personalfluktuation liegt nahezu bei Null.

Außerdem spenden wir für mehrere soziale Einrichtungen jedes Jahr 0,5 Prozent unseres Umsatzes.

Werden Ihre Mitarbeiter auch in Investitions-Entscheidungen einbezogen?

Ich beziehe Mitarbeiter in alle Kaufentscheidungen ein. Ihre fachmännische Meinung, Anregungen oder auch Bedenken sind entscheidend für die Kaufentscheidung, die letztlich ich treffe. Denn natürlich stehe ich als alleiniger Gesellschafter und Verantwortlicher der GmbH auch für die wirtschaftliche Situation meiner Firma ein.

Sie sind Pionier bei der Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie im eigenen Betrieb. Man fragt sich, geht das in einem neoliberalen System überhaupt und bringt das nicht mehr Nachteile?

Besser als gedacht. Gegen den Markttrend haben wir einen Kundenzuwachs zu verzeichnen. Viele sind durch Mundpropaganda auf uns aufmerksam geworden, durch die Presse oder durch meine Vorträge zur GWÖ. Die Leute wollen mehr über Sonnendruck wissen und lassen dann auch bei uns drucken.

Natürlich gehe ich mit einigen Mehrkosten und Investitionen in Vorleistung - ich bin aber überzeugt, dass sich das auch lohnen wird, nicht nur in materiellem Sinn. Ich versuche, durch gutes Beispiel voranzugehen und durch mein Tun und Handeln andere zu sensibilisieren.

Pioniere sind für mich Menschen, die einen Weg beschreiten, auf dem es anderen dann etwas leichter fällt, zu gehen. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, die Gemeinwohl-Ideen zu verbreiten und umzusetzen. Deswegen rede ich nicht nur, ich handle auch.

Stand: Juli 2015