Volker Geyer

Wer in Deutschland als Unternehmer scheitert, gilt häufig als Versager, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass die besten Unternehmer etliche Niederlagen einstecken mussten und immer wieder aufstanden. Zu ihnen gehört auch Volker Geyer, der vor zwölf Jahren, mit 47, wirtschaftlich am Boden lag. Mit einer Million Schulden und einer neuen Unternehmensidee startete er 2005 beruflich neu durch. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer, u.a. mit einem  Franchisesystem für gestaltungsorientierte Malerbetriebe mit Schwerpunkt Internet-Marketing, Unternehmensstrategie und Positionierung. Sein Unternehmen wächst seit Jahren nachhaltig. Über einen ungewöhnlichen Werdegang berichteten ZDF, VOX-TV, SAT1, Horizont, brand eins, FAZ, handwerk magazin, deutsche handwerks zeitung, impulse und zahlreiche Branchenmagazine im Handwerk. Ihm folgen über 100.000 Menschen in den sozialen Medien, sein Weblog verzeichnet täglich 10.000-12.000 Seitenaufrufe. Antonio Tajani, Präsident des Europäischen Parlamentes, bezeichnete ihn in einem Vortrag vor der EU-Ministerkonferenz sogar als einen der berühmtesten Handwerksunternehmer in Europa.

Weitere Informationen:
www.malerische-wohnideen.de
www.internet-marketing-im-handwerk.de
http://internet-marketing-tag-handwerk.de/
www.imt-handwerk.de
Volker Geyer (Foto: Daniel Baldus)
 

Scheitern in Deutschland – und trotzdem erfolgreich sein

Herr Geyer, seit 1982 arbeiteten Sie selbständiger Malerunternehmer in dritter Familiengeneration. Innerhalb von 15 Jahren wuchs das Unternehmen von drei auf hundert Mitarbeiter. Dann 1998 die Firmenpleite. Was war passiert?

Ich persönlich  habe damals auf tragische Weise und völlig unvorbereitet alles verloren: Firma, Ehe, Immobilien, Alterversorung etc. Insgesamt beliefen sich die Schulden auf etwa eine Million Euro. Einige Monate danach dann der Neuanfang in der gleichen Branche. Durch das Jahrhunderthochwasser 2003 habe ich allerdings wieder alles verloren - meine neue Firma ist quasi davongeschwommen bzw. im Wasser untergegangen. Die Folge: neue Firma, wieder Pleite.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich zog mich zurück, um mich selbst zu finden und fragte mich: Was will ich in meinem und aus meinem Leben noch machen? In dieser Zeit habe ich meinen künftigen Unternehmensweg gefunden, der im Nachgang sehr erfolgreich werden sollte.

Inwiefern unterscheidet sich Ihr Unternehmensneustart von 2005 von den vorangegangenen?

Ich blieb zwar der Branche verbunden, hatte aber jetzt eine Spezialisierungs-, Marken- und Netzwerkstrategie. 2010 stieg ich in strategisches Internet-Marketing und Social Media für mein Unternehmen ein. Damit habe ich den Turbo gezündet, ohne es vorher zu wissen.

Seitdem geht es also steil bergauf?

Ja, 2011 wurde mein Konzept von der Europäischen Kommission mit dem „Secret of Success“ bei der KMU-Woche in Brüssel ausgezeichnet, ich habe im Plenarsaal der EU in Brüssel vor 900 Menschen gesprochen. 2012 wurde ich als Speaker zur EU-Ministerkonferenz nach Zypern eingeladen, habe dort vor allen Wirtschaftsministern mein Konzept vorgestellt und mit den Ministern diskutiert. 2012 wurde meine Website Gesamtsieger beim Wettbewerb „Handwerkerseite des Jahres“, seit 2013 sitze ich als Jurymitglied in diesem Wettbewerb. 2014 publizierte ich mein Buch „Der Internet-Marketing-Plan für Handwerksunternehmen“, ein Jahr später wurde der digitale Kurs „Der Internet-Marketing Werkzeugkasten für Handwerk und KMU“ herausgegeben. 2015 war ich Veranstalter des „Internet-Marketing-Tags im Handwerk“ mit über 1.000 Teilnehmern, in diesem Jahr sind es drei Internet-Marketing-Tage fürs Handwerk in München, Köln und Berlin.

Sie gehören zu den Menschen des „Trotzdem“ – woher nahmen Sie die Kraft zum Weitermachen? Was empfehlen Sie Menschen, denen es ähnlich wie Ihnen ergangen ist?

Aufgrund einer gesamtschuldnerischen Bürgschaft meinen Banken gegenüber brach nach der GmbH-Insolvenz 1998 mein gesamtes Konstrukt zusammen. Alle Kredite wurden plötzlich gekündigt und dergleichen. Der Berg wurde immer größer, und ich merke ziemlich schnell, dass es für niemals möglich wäre, diesen Berg irgendwann abarbeiten zu können. Ich entschloss mich, nicht mehr nach hinten zu blicken, sondern nur noch nach vorne. Nach hinten lies ich alles laufen - nach vorne investierte ich meine Energie und Konzentration. Aufgeben ist nicht mein Ding, deswegen versuchte ich wieder voranzugehen.

Was brauchte es dafür?

Ich zog mich für einige Tage in eine einsame Hütte zurück, ging in mich und ich überlegte mir, was ich aus meinem Leben noch machen kann, wo habe ich die größten Talente und Ressourcen habe. Ich besann mich auf mein EKS-Strategiestudium, ließ mich zum Marketing-Trainer ausbilden und arbeitete mit meinen gewonnenen Kenntnissen und mit meiner Erfahrung ein neues Unternehmenskonzept aus.

Zeit für Veränderung, Change…

Ja, jetzt hatte ich die Chance, das für mich perfekte Unternehmen zu gründen und aufzubauen. Obwohl ich im Handwerk blieb, war fortan alles anders. Der Blick nach vorne, meine Vision, gab mir die Kraft und den Glauben. Ich sah mein erfolgreiches Unternehmen schon vor mir, bevor ich überhaupt so richtig damit gestartet bin. Und je mehr mich mein Umfeld in den ersten Jahren mit meiner Vision belächelte, desto größer wurde meine Motivation, die bis heute ungebrochen ist.                 

Weshalb können wir im Zeitalter der Digitalisierung auf das Handwerk nicht verzichten – wie fügt es sich nachhaltig in die aktuellen Entwicklungen?

Handwerk wird auch im Zeitalter der Digitalisierung Handwerk bleiben, nur etwas anders. Es hat zwar einige Zeit länger gedauert als in anderen Branchen, aber mittlerweile weiß die Branche, wie wichtig Digitalisierung heute ist und vor allem künftig sein wird. Die Chancen und die Möglichkeiten für Handwerksbetriebe steigen enorm: in der Fertigung, in der Organisation, in der Betriebswirtschaft und vor allem auch in der Kommunikation.

Überlegen Sie, wieviel Sichtbarkeit und Reichweite alleine die sozialen Medien - allen voran Facebook- dem Handwerk und den einzelnen Betrieben bringen kann. Wenn man es richtig anpackt, können sich Dinge entwickeln, die man vorher nicht für möglich gehalten hat. Die Entwicklung meines Unternehmens ist nur ein Beispiel von vielen.     

Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt. Es erschien am 8.7.2017 in der Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/scheitern-in-deutschland-wie-aus-dem-pleite-geyer-einer-der-beruhmtesten-handwerksunternehmer-europas-wurde_b_17390354.html

Stand: Juli 2017