Willi Lemke

Willi Lemke, geboren 1946 in Pönitz / Ostholstein, war über 17 Jahre lang Manager des Bundesligisten SV Werder Bremen, bis er 1999 in die Politik wechselte und Senator in Bremen wurde – zunächst zuständig für Bildung und Wissenschaft, später für Inneres und Sport. Bei Werder Bremen ist Willi Lemke bis heute Vorsitzender des Aufsichtsrats.

2008 ernannte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Lemke zu seinem Sonderberater für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung. Mit großer Leidenschaft kämpft Lemke für die Verbesserung der Lebensrealität in den ärmsten und von Krieg erschütterten Ländern – im Gepäck immer die Überzeugung, dass der Sport selbst dort Brücken bauen kann, wo keine gemeinsame Sprache gesprochen wird.
 

Sport und Gesellschaft

Dem Sport wird ein positives, verbindendes und kraftvolles Potenzial zugesprochen, das es im Dienst von Entwicklung und Frieden zu nutzen gilt. Sport, der hier stellvertretend für jegliche strukturierte körperliche Betätigung, für Bewegung und Spiel genannt wird, kann einen Beitrag für eine bessere Welt leisten, wenn sportliche Maßnahmen verantwortungsbewusst angeleitet und mit Entwicklungszielen verknüpft werden. Sport vermag es, Völker, Gemeinschaften und Individuen zu  verbinden, soziale Brücken zu schlagen, wo andere Mittel versagen, und einen fruchtbaren Boden für Entwicklung und Frieden weltweit zu bereiten.

Als Bestandteil und Motor des gesellschaftlichen Zusammenlebens kann Sport sowohl positiv zur Entwicklung des Einzelnen als auch von ganzen Gesellschaften beitragen. Sport hat die Kraft, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und grundlegende menschliche Werte wie Respekt, Toleranz, Fairness und Gleichheit zu vermitteln. Neben diesen allgemeinen Werten, die das Zusammenleben einer breiten Masse fördern können, werden auch die persönlichen Kompetenzen jedes Einzelnen gestärkt. Die sportliche Interaktion ist für die Mitwirkenden zugleich auch ein Training für den Umgang mit  Konflikten und Emotionen und übt darin, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. So können durch sportliche Aktivitäten soziale Fertigkeiten und Werte vermittelt und erlernt werden, die über den Sport hinaus in jeder Gesellschaft Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben sind.

Diese Erkenntnisse und diese Rolle, die Sport einnehmen kann, sind so neu nicht und sie gelten nicht nur für die Arbeit in Entwicklungsländern. In Deutschland beispielsweise haben ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Arbeitersportvereine eine vergleichbare Funktion gehabt. Sie führten junge Menschen über den Sport zusammen, die unter elenden Bedingungen leben mussten und deren Eltern oft aus anderen Regionen Deutschlands oder aus anderen Ländern in die Industriestädte gekommen waren, um Arbeit zu finden. Auch nach dem zweiten Weltkrieg war der Wiederaufbau Deutschlands verbunden mit der Wiederbelebung und, insbesondere in Neubaugebieten, mit der Neugründung von Sportvereinen. Die Ziele waren überall die gleichen: jungen Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten, ihren Bewegungsdrang zu kanalisieren und ihnen eine Alternative zum Aufenthalt auf der Straße mit all ihren Gefahren zu bieten.

In Belgien lässt sich ganz aktuell beobachten, welche verbindende Kraft der Sport ausüben kann. Das Land ist 2014 in Brasilien erstmals seit 12 Jahren wieder bei einer Fußball-Weltmeisterschaft vertreten. Die Begeisterung im Land ist groß; so groß, dass bei Spielen der Nationalmannschaft im Vorfeld der Weltmeisterschaft im König-Baudouin-Stadion von Brüssel die Zuschauer die Nationalhymne sangen, Flamen und Wallonen gemeinsam auf Französisch – ein in diesem sprachlich zerrissenen Land eine außerordentliche Seltenheit.1

Hinzu kommt, dass viele der Spieler, die in dem Land diesen so lange vermissten Erfolg möglich machten, oder deren Eltern und Großeltern aus früheren Kolonien Belgiens oder anderen Ländern der Dritten Welt stammen. Aufgewachsen sind viele von ihnen in den armen Vororten der Großstädte Brüssel, Lüttich, Anderlecht, Antwerpen oder der Industriestadt Genk; Orten, wo in einigen Schulen der Migrantenanteil bei 90 Prozent und mehr liegt.2

Das zeigt: Der Sport hat auch in den entwickelten Gesellschaften nach wie vor eine wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für Länder mit erheblicher Zuwanderung. Hier wird Sport zunehmend als wirksames Mittel für Integration erkannt und genutzt.

Insbesondere für junge benachteiligte Menschen kann der Sport nicht nur ihrem natürlichen Drang nach Bewegung eine Plattform bieten, sondern zugleich auch Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken, Zukunftshoffnung stiften und die Eingliederung des Einzelnen in die Gesellschaft erleichtern bzw. sichern helfen. Je besser dies gelingt, umso mehr erweist sich der Sport für die Jugend als eine erstrebenswerte Alternative beispielsweise zu kriminellem Verhalten und Drogenkonsum.